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Die Geisterstadt

© Tommy Lachmann


Schon oft hatten Uschi und Jürgen in Kroatien einen wunderbaren Urlaub auf dem Campingplatz verbracht. Ein hübscher kleiner Hafen, den sie immer mit ihrem Boot ansteuerten, wurde ihr Traumziel, denn die kleine Touristenstadt, die hier in den letzten Jahren entstanden war, zog sie magisch an. Rund um das Hafenbecken, das mit Booten aller Art belegt war, ragten weiße mehrstöckige, mondän anmutende Bauten in den Himmel und boten genau den Anblick, der sich immer wieder auf hübschen Ansichtskarten dem Betrachter präsentierte.
"Hinter dem Hafen", sagte Jürgen, "befindet sich der kleine Ort der Ureinwohner mit Straßen und Wohnhäusern im alten italienischen Stil". -
"Ja", nickte Uschi, "und genau in dieser malerischen Siedlung muss auch die Wohnung von Maria sein".
Maria, eine langjährige jugoslawische Freundin aus Ljubljana, besaß hier eine kleine Ferienwohnung in einem der größeren alten Mietshäuser des Ortes. "Hier ist der Zweitschlüssel", hatte Maria gesagt, "wenn Ihr wieder dort seid, besichtigt doch meine Wohnung mal." -
"Wir sollten Marias Angebot wahrnehmen", sagte Uschi, "und vielleicht auch im Herbst mal herfahren, wenn diese Wohnung leer steht". - "Sie steht doch meistens leer", antwortete Jürgen, "denn Maria lebt ja selten in ihrer Ferienwohnung". - "Eben", sagte Uschi begeistert, "und wenn sie nicht hier ist, dürfen wir sie jederzeit benutzen. Das hat sie mir jedenfalls angeboten." - "Wirklich toll", freute sich auch Jürgen, "aber lass uns das Haus erst mal finden und dann die Räume besichtigen."
Uschi und Jürgen fanden das Haus rasch. Der Hof war mehr ein Prachtgarten, den viele Bäume und die hübschesten Pflanzen jener Vegetation zierten. Urwaldähnlich das dichte, wohlriechende Gestrüpp, das neben dem schmalen Weg zum Eingang in bizzaren Formen wuchs. Das Mietshaus war vierstöckig. Ein riesiger Flur erwartete die beiden im Hausinneren, in dessen Mitte eine breite Treppe von Stockwerk zu Stockwerk führte. In jeder Etage lagen zwei lange Korridore links und rechts der Treppe, in denen sich auf jeder Seite viele Wohnungstüren befanden. Die Beleuchtung war selbst tagsüber spärlich, so dass die Korridore ins Nichts zu führen schienen, da man ihr Ende nur ahnen konnte. Uschi schauderte etwas: "Das ist ja richtig unheimlich", tuschelte sie und klammerte sich etwas fester an. "Kein Mensch da", lachte Jürgen, "die Leute sind wohl alle am Strand. Uns scheint das ganze Haus allein zu gehören!"
Den vielen Türen nach schienen hier eine Menge Familien zu wohnen, obwohl keine Geräusche von deren Anwesenheit zeugten. Im dritten Stock befand sich Marias Wohnung und das Paar stellte fest, dass diese Wohnung, im Gegensatz zu allen anderen in diesem Haus, mit Stahltüren und dicken Eisengittern vor dem Gang gesichert war. Jürgen musste den Schlüssel mehrfach betätigen, bevor sie beide durch die Tür schlüpften. Die Wohnung war geräumig und stilvoll eingerichtet. Die Aussicht auf das Meer und den Hafen mit seinen vielen Booten war überwältigend. Bei Gott - das war ein Domizil!
"Traumhaft", sagte Uschi freudig, "und dann dieses kleine romantisches Städtchen!" - "Kaum zu glauben, dass diese herrliche Wohnung meistens unbewohnt ist", bedauerte Jürgen. - "Ich bin ja so begeistert", schwärmte Uschi, "du auch?"
"Das kann man wohl sagen", begeisterte sich auch Jürgen, "eine malerische Gegend und Marias tolles Angebot! Das nehmen wir doch glatt an!"
XXX
Aber dann kam der Krieg und das romantischen Städtchen war vorübergehend verlassen. Während des Krieges dienten die vielen Ferienunterkünfte nicht mehr dem Tourismus, sondern ausschließlich den massenhaften Flüchtlingen. Nach dem Krieg und dem Auszug der Flüchtlinge war dieser Ort zunächst völlig ausgestorben. Bis auf ein kleines Lädchen, das für die ersten zaghaften Touristen als Supermarkt herhalten musste, einem kleinen Friseurladen und einer niedlichen rasch hergerichteten Eisdiele an der Ecke, waren alle Geschäfte geschlossen. Die meisten Einwohner hatten diese Gegend verlassen und es dauerte lange, bis wieder etwas Bewegung in diese nun einsame Gegend zurückkam. Erst zwei Jahre später hatten viele Läden wieder geöffnet und im Touristenzentrum am Hafen tobte erneut das Leben.
Uschi und Jürgen konnten endlich wieder nach Istrien reisen und freuten sich mächtig über diese Entwicklung. Es war Herbst geworden und sie träumten nun von dem lang ersehnten Urlaub in ihrem geliebten Badeort in Marias Ferienwohnung..........
XXX
Gleich nach ihrer Ankunft aber stellten sie fest, dass sich das "tobende Leben" dieses Ortes lediglich auf die Sommermonate beschränkt hatte. Nur wenige Boote dümpelten jetzt im Hafen vor sich hin und wirkten wie Geisterschiffe. Fast alle Läden hatten geschlossen und der Ort wirkte wie ausgestorben.
"Ich sehe weder Menschen noch Autos auf den Straßen", sagte Jürgen enttäuscht, "das hatte ich mir ganz anders vorgestellt." - "Ich auch", sagte Uschi fröstelnd, "nur Hunde und Katzen scheinen in dieser Stadt zu leben." - "Das ginge ja noch, aber dieser ganze Ort wird offenbar von Ungeziefer beherrscht", knirschte Jürgen und zeigte auf eine fette Ratte, die ihnen über den Weg lief, "würde mich nicht wundern, wenn das da der Bürgermeister ist!" - "Daran hätten wir denken sollen", sagte Uschi, " dass dieser Ort nur etwas für Badegäste ist. Herbst und Winter ist hier tote Hose!"
Uschi und Jürgen betraten das Haus mit der hübschen Wohnung im dritten Stock über den Hinterhof. An den Wänden der Häuser rankten wie immer die typischen Pflanzen der südlichen Vegetation und warfen gemeinsam mit den Bäumen eigentümliche Schatten. Alles schien verwahrlost und Jürgen meinte, von irgendwo zwischen den Büschen ein seltsames Kichern zu vernehmen. Ihn fröstelte trotz des immer noch warmen Klimas.
"Die schwarzen Fensterhöhlen der umliegenden Gebäude sind mir richtig unheimlich", hauchte Uschi. - "Ja, die wirken ohne Beleuchtung wie mitleidlose Augen, die auf uns herabsehen", antwortete Jürgen, "wer wollte denn hier eigentlich Urlaub machen?" - "Am liebsten würde ich gleich wieder nach Hause fahren", seufzte Uschi kleinlaut und Jürgen nickte: "Das geht aber leider erst morgen früh. Heute haben wir keine Chance mehr, denn wir sind viel zu müde. Wenigstens eine Nacht sollten wir durchhalten." - "Wollen wir wirklich morgen gleich zurück?" - "So trostlos, wie das hier aussieht, hält mich hier nichts mehr länger", antwortete Jürgen.
Der Weg zum Haus durch den langen Garten war schon nicht angenehm, doch drinnen war es noch unheimlicher. In der Finsternis war kein Laut war zu vernehmen, nur das Klopfen ihrer Herzen täuschte ihnen Geräusche vor. "Wo hast du denn deine Taschenlampe", flüsterte Uschi ängstlich, "hast du sie überhaupt mit?" - "Ja, reiner Zufall", flüsterte auch Jürgen, "aber ich bin wirklich froh, dass ich sie jetzt dabei habe". Der Schein der eingeschalteten Taschenlampe projizierte unheimliche Schatten an die Wände. Uschi schauderte und Jürgens Füße schienen am Boden zu kleben. Langsam tasteten sie sich über die große Treppe, die an vielen Stellen zerbröckelt war, bis in den dritten Stock. Auch in den beiden langen Gängen links und rechts konnte man nichts erkennen, da der Schein der Taschenlampe viel zu schwach war. Nur die schemenhaften Umrisse der Türen in diesen Gängen, hinter denen niemand mehr zu wohnen schien, waren zu erkennen. Der Weg dauerte eine Ewigkeit, aber dann waren sie endlich im dritten Stock angekommen. "Hast Du eben dieses Geräusch gehört?", fragte Uschi ängstlich. - "Nein, wo?" Jürgen lauschte angestrengt. - "Da vorn, am Flur mit den dicken Eisenstäben vor Marias Wohnungstür aus Stahl." - "Quatsch", sagte Jürgen etwas unsicher, "Du weißt doch, wie diese Wohnung gesichert ist, uneinnehmbar wie eine Festung!"
Der Schlüssel trat wieder mehrfach in Aktion und erst innerhalb dieser vier Wände fühlten sich Uschi und Jürgen dann geborgen. Doch das unheimliche Gefühl kam erneut, als sie einen Blick aus dem Fenster wagten. "Gähnende Leere soweit man sieht. Auch aus den Fenstern aller anderen Häuser ringsherum", stellte Uschi unbehaglich fest und Jürgen schimpfte: "Welcher Teufel hat uns nur geritten, hier herzukommen. Wir sind hier in dieser Stadt offenbar ganz allein!" - "Ich habe Hunger", erklärte Uschi, "und Du?" - "Auch", bestätigte Jürgen, "aber was machen wir jetzt? Etwa deshalb wieder diesen abenteuerlichen Weg zurück?" - "Wenn wir nicht verhungern wollen", sagte sie lakonisch, "also los!" - "Ich dachte, dir ist so unheimlich", versuchte Jürgen Uschi von einem nochmaligen Gruselmarsch abzuraten, "wenn wir gleich ins Bett gehen und schlafen, können wir morgen schon in aller Frühe los!" - "Nach dieser langen Reise heute muss ich eine Kleinigkeit essen", begehrte Uschi auf, "also los jetzt!"
Nach dem ähnlich ungemütlichen Rückweg stellten sie enttäuscht fest, dass im Ort weder ein Restaurant noch eine Imbissbude geöffnet hatte. Sie mussten mit ihrem Wagen in die nächste größere Ortschaft, um bei gutem Essen und einem Schoppen Wein ihren ersten traurigen Abend zu begießen.
Kaum zurück in ihre Traumstadt aber schauderte ihnen noch entsetzlicher, denn weder eine Straßenlaterne brannte, noch zeigten sich irgendwelche anderen Lichter hinter den schwarzen Fenstern der Häuser. Gähnende Leere und Finsternis soweit das Auge sah. "Wenn ich jetzt an den Weg zurück in diese einsame Wohnung da oben denke....". Uschi zitterte etwas.
"Du wolltest es ja so", knurrte Jürgen verbissen, "gar nicht daran denken komm, gib mir Deine Hand."
Der jetzt völlig dunkle Hof war noch beklemmender als am Tage. Geräusche, die aus Gebüsch und Haus drangen, jagten ihnen Schauer über die Rücken und lehrten sie das Gruseln nach allen Regeln der Kunst. Als sie sich langsam beim Schein ihrer kleinen Taschenlampe zwischen dem zweiten und dritten Stock hochtasteten, hörten sie plötzlich ein Geräusch, das sich nach einem schweren Tritt gegen eine Wohnungstür in einem der dunklen Seitengänge anhörte. Darauf ertönte ein schauderhaftes Lachen, das ihnen durch Mark und Bein ging. Als eine Art Antwort drang gleich darauf ein unbeschreibliches Grunzen aus dem gegenüberliegenden schwarzen Trakt an ihre Ohren. "Mein Gott", hauchte Uschi, "was war das?" Gänsehaut jagte über ihren Rücken. Jürgen hatte nicht geantwortet. "Bist du noch da", flüsterte sie zitternd. "Wo soll ich denn sein", brummte er unwirsch zurück. Plötzlich klirrte eine Scheibe und Schritte kamen näher. So schnell es beim Schein ihrer schwachen Taschenlampe möglich war, hasteten sie nach oben, öffneten zitternd die Stahltür und schlüpften in ihre Behausung. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Erst als alle Türen und Gitter endlich hinter ihnen fest verschlossen waren, atmeten sie etwas auf. Geschafft!
Dann aber hörten sie ein Klopfen direkt vor ihrer Tür und einen Schrei, wie in höchster Not. Das Klopfen wiederholte sich und wurde schließlich so stark, als würden dicke Holzpfähle gegen die Tür gestoßen. Uschi und Jürgen verspürten wieder Gänsehaut, beim einem erneuten gellenden Schrei. "Das ist ein Urlaub", rief Jürgen verzweifelt. Beide ließen sich angsterfüllt auf die Couch fallen und wagten kaum zu atmen. Die Schreie hörten nicht auf und waren jetzt lauter geworden.
Jürgen traute Augen und Ohren nicht, als Uschi nun unverhofft aufstand und sagte: "Ich muss doch nachsehen, ob ich helfen kann!" - "Bist Du wahnsinnig", schrie Jürgen starr vor Entsetzen und wollte Uschi zurückhalten. Doch es schnürte ihm die Kehle zu und die weiteren Worte blieben ihm im Hals stecken.
Uschi war rausgegangen. Offenbar war es jetzt doch jemandem gelungen, die schweren Schlösser zu öffnen und in den Flur einzudringen. Wahnsinnige Angst um Uschi und Verzweiflung trieben Jürgen nach draußen. Uschi aber war verschwunden, statt dessen lehnten zwei vermummte Gestalten an der Wand, die ihn aus kleinen Sehschlitzen mit Blicken schwarz wie die Nacht stumm fixierten.
"Wo ist meine Frau", wollte er fragen, doch es funktionierte nicht, seine Kehle blieb verschnürt. Hilflos sah Jürgen von einem zum anderen der beiden Kerle, doch die blieben stumm. Jetzt hörte er draußen auf dem Flur mehrere dumpfe Schläge. Die beiden Männer aber reagierten nicht und starrten ihn mit ihren höhnischen Blicken nur unbeweglich an. Wurde dieser eine Mann nicht gesucht? Hatte man ihn nicht zu Hause in der Zeitung abgebildet gesehen? Aber die Maske ließ kein wirkliches Erkennen zu. Jürgen stand wie gelähmt, seine Beine waren schwer wie Blei und er hätte nicht einmal fliehen können. Seine Stimme und seine Beine versagten ihren Dienst - - - es war die Hölle!
Jetzt erhielt er einen schweren Schlag auf die Schulter, spürte aber keinen Schmerz. Um ihn herum herrschte nun tiefe Finsternis und von den zwei Figuren, die ihm bisher den Weg versperrt hatten, war nichts mehr zu sehen. Wer aber hatte ihm diesen Schlag verpasst? Hatte noch eine dritte Gestalt hinter ihm gestanden? Und warum hatte man ihn geschlagen? Jürgen registrierte deutlich, dass er trotz des gewaltigen Schlages noch immer am Leben war. Aber wo war er? Vor allem aber wo war Uschi?
XXX
Es blieb noch immer stockfinster um ihn herum und er konnte nichts erkennen. Dann war ihm, als läge er in einem Bett? Aber wo stand dieses Bett? Von weither glaubte er eine Stimme zu vernehmen, die ihm so vertraut war. Uschi? War das Uschis Stimme?
"Liebling, immer wenn du so stöhnst weiß ich, dass du wieder einmal schlecht geträumt hast", hörte er Uschi nun sagen. "Wo sind die Zwei dunklen Gestalten", wollte er fragen, doch es entrang sich nur ein Gurgeln seiner Kehle. - "Du hattest wieder einen Deiner Alpträume und ich hielt es für besser, dich zu wecken. Entschuldige bitte!"
Ungläubig sah Jürgen in die Richtung, aus der diese Stimme kam. Dann entdeckte er die ihm vertraute Kommode mit der Uhr darauf, die von einer fortgeschrittenen Tageszeit kündete. Richtig, er lag in seinem Bett und hatte seinen ersten Urlaubstag verschlafen. "Du bist völlig überarbeitet", sagte Uschi zärtlich, "es wird höchste Zeit, dass wir endlich Urlaub machen." Jürgen wusste noch immer nicht recht wo er sich befand. - "Wir müssen noch packen", glaubte er wieder Uschis Stimme zu hören, "denn morgen früh wollen wir doch nach Istrien in Marias Wohnung!" - - - Jetzt war er hellwach! - "Nein, nein", schrie Jürgen entsetzt, "bitte nicht in Marias Wohnung! - Lass mich jetzt bitte lieber noch etwas ausschlafen. Und über diese Reise müssen wir später noch reden..........ausführlich!" Schwach und benommen drehte sich Jürgen noch einmal auf die andere Seite und fiel wieder in tiefen Schlaf.........



Eingereicht am 28. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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