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Ein prächtiges Geschenk

© Tommy Lachmann


Freddy Leisner war entsetzt, denn er hatte Christel umgebracht, ohne es eigentlich zu wollen. Dabei hatte er Christel Volkmann über drei Jahre geliebt und verehrt. Sie war die Frau, der er sich vollkommen anvertraut hatte. Seit einem halben Jahr aber hatte sie sich völlig verändert.
"Was ist denn los mit Dir, Christel?", hatte Freddy ziemlich zerknirscht gefragt, denn Christel war ihm bisher in schlimmen Situationen immer eine tolle Stütze gewesen. "Was habe ich denn falsch gemacht?", wollte er wissen. "Das weißt Du wirklich nicht?" Christel hatte ihm seit Wochen nur noch ihre Ablehnung gezeigt.
Zugegeben, Freddy hatte Christel eigentlich nie etwas zu bieten gehabt, denn außer Liebe und Zuneigung war bei ihm nicht viel zu holen gewesen. Finanziell saß er ständig auf dem Trocknen und Christel hatte oft mit ansehen müssen, wie ihn seine Gläubiger jagten. Immer wieder hatte sie ihm geholfen, teils mit ihren eigenen Ersparnissen, teils mit dem Geld Ihrer Eltern. Irgendwann war ihr wohl klar geworden, dass Freddy niemals das große Rennen machen würde und mit seiner anfänglich charmanten Art war es auch längst vorbei. Nein, Freddy war ein Versager und von der einst netten Beziehung war der Lack ab. Es wurde Zeit, diese Beziehung zu beenden, auch wenn es für Freddy schmerzlich war. So also hatte sich Christel plötzlich übertrieben hartherzig gezeigt. "Nicht einen Pfennig bekommst du mehr von mir und überhaupt lass mich jetzt bitte in Frieden, du Nichtsnutz ", klangen ihre Worte böse.
"Wer steckt dahinter?", Freddy war verzweifelt und neugierig zugleich, "du kannst es mir doch sagen, bitte", hatte er gefleht und Eifersucht war in ihm hochgestiegen. "Du hast mir noch immer nicht gesagt, wo du vor acht Wochen im Urlaub warst", sagte er vorwurfsvoll. - "Das geht dich auch nichts mehr an", hatte Christel abweisend reagiert, "das ist allein meine Sache."
Freddy hatte Christel heute noch einmal besucht in der Hoffnung, sie doch noch ein letztes Mal umstimmen zu können. "Wer ist es denn, den Du neuerdings anhimmelst? Los, sag es mir!" Aber sein Bitten und Flehen machten offenbar keinen Eindruck auf die junge hübsche Frau. Fassungslos stand er vor Christel, die ihn nun einfach fallengelassen hatte.
"Freddy, ich möchte dich einfach nie wiedersehen," sagte Christel gedehnt, "begreifst Du das denn nicht? Es hat keinen Zweck, es ist aus und vorbei zwischen uns - für immer und ewig!" - "Wenn du es so willst, dann hast du recht", schrie Freddy plötzlich blind vor Wut und Verzweiflung, griff nach dem steinernen Briefbeschwerer, den er auf dem Schreibtisch neben sich sah und schmetterte ihn Christel mit voller Wucht an die Schläfe. Leblos fiel sie zu Boden und Freddy Leisner war entsetzt.
So also sah eine Tote aus! Nein, so richtig tot, das hatte er nicht gewollt. Panik ergriff ihn. Was sollte nun geschehen? Zur Polizei? Sich stellen? Niemals, da gab es sicher noch andere Möglichkeiten. Sein Hirn arbeitete fieberhaft. Christel lebte ja allein und außer ihren Eltern, die in einer anderen Stadt wohnten, würde sie vorerst kaum jemand vermissen. Ihn selbst kannte man sicher nicht in diesem großen Mietshaus. Christel lag fast verdeckt von der Couch und es würde dauern bis irgendwer die Leiche entdeckte.
XXX
Freddys Besuch bei Christel Volkmann hatte ihm außer Reue und einer Heidenangst vor der Verurteilung wegen Mordes nichts gebracht. Seine Lage hatte sich nur erheblich verschlimmert und er wusste wieder mal nicht, wie es weitergehen sollte.
Vorsichtig, sich nach allen Seiten umsehend, verließ er hastig Christels Wohnung. Im Treppenhaus aber verlor er fast den Verstand, als ihm ein gut gekleideter Herr auf der Treppe entgegen kam und freundlich fragte: "Entschuldigung, kennen Sie sich in diesem Haus aus? Ich suche eine Frau Volkmann, Frau Christel Volkmann".
"Tut mir leid", stotterte Freddy heiser und hoffte, dass sein Gegenüber nicht bemerkte, wie sehr ihn der Schreck lähmte, "ich bin nicht aus diesem Haus und habe...".
Weiter kam er nicht, denn er hörte den Herrn, der bereits langsam weitergegangen war, gleich darauf sagen: "Aha, da steht ja der Name schon an der Tür! Vielen Dank!"
Freddy sprang nun die restlichen Stufen hinunter, als sei der Teufel hinter ihm her. Unten aber stieß er in der Haustür fast mit einem Mann im Overall zusammen, der eine verpackte Rolle, offenbar einen Teppich, auf der Schulter trug und ihn bat, ihm die Tür aufzuhalten.
"Wissen Sie, in welchem Stock Frau Christel Volkmann wohnt?" wollte auch dieser Mann von ihm wissen. Eiskalt lief es Freddy den Rücken hinunter, schlimmer konnte dieser Alptraum kaum noch werden. "Nein, nein, nein," schrie er entsetzt, "ich kenne niemanden in diesem verdammten Haus. Ich suche selbst einen Freund und muss mich wohl in der Hausnummer geirrt haben!" Verwirrt und die Nerven bis zum Zerreißen gespannt, verließ er eilig das Haus.
XXX
"Nun berichten Sie doch bitte ganz von vorn, Herr Dr. Falkenstein, wie sich alles zugetragen hat", sagte freundlich Oberinspektor Melbert auf dem Kommissariat. Dr. Falkenstein saß dem Oberinspektor am Schreibtisch gegenüber. "Tja", sagte der gutgekleidete Herr, der Freddy Leisner am Vormittag im Treppenhaus begegnet war, "es war ja ein großes Glück, dass ich so rechtzeitig gekommen bin. Ich war mit Frau Volkmann fest verabredet und erstaunt, dass auf mein Läuten nicht geöffnet wurde. Dann aber bemerkte ich die angelehnte Wohnungstür, drückte sie auf und ging hinein. Wir hatten uns acht Wochen nicht gesehen und sehr auf dieses Wiedersehen gefreut." Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Zunächst glaubte ich, Christel sei nur kurz zum Einkaufen gegangen und hatte vergessen, die Tür zu schließen. Etwas enttäuscht sah ich mich um, denn ich kannte diese Wohnung nur aus Christels Schilderungen und einigen Fotos, die sie mir geschickt hatte." - "Moment", sagte der Oberinspektor, "ich dachte, Sie hätten sich erst vor acht Wochen gesehen?" - "Aber nicht in dieser Wohnung, die kannte ich nicht. Frau Volkmann war bei mir auf Besuch in Casablanca." Wieder machte Dr. Falkenstein eine Pause, als wolle er sich die Geschehnisse noch einmal plastisch vor Augen führen. Dann schilderte er das makabre Erlebnis äußerst detailliert:
"Plötzlich vernahm ich ein leises Wimmern hinter der Couch und als ich mich umdrehte, bemerkte ich Christel blutverschmiert auf dem Teppich. Natürlich war ich schockiert und untersuchte meine Bekannte ängstlich. Als Arzt stellte ich dann eine Gehirnerschütterung fest und da auch die große Platzwunde und der damit verbundene Blutverlust nicht unerheblich waren, rief ich den Rettungsdienst und brachte Christel Volkmann sofort ins Krankenhaus. Fast gleichzeitig mit dem Rettungswagen kam natürlich die Polizei und so wurde die Sache publik. Aber Christel Volkmann geht es inzwischen schon wieder erstaunlich gut."
"Das ist ja recht erfreulich", sagte Oberinspektor Melbert teilnahmsvoll, "aber erzählen Sie mir doch jetzt bitte einmal, wie es zu Ihrem dortigen Besuch überhaupt gekommen ist, Herr Doktor."
"Nun, das ist eine längere Geschichte. Christel Volkmann ist die Tochter eines älteren, väterlichen Freundes von mir und ich lernte sie erst später auf einer seiner Geschäftspartys kennen. Das war vor ungefähr zehn Jahren und wir hatten uns auf Anhieb gemocht. Damals war Christel allerdings erst 18 Jahre alt. Ich hatte gerade mein Studium als Arzt beendet und folgte einem Ruf nach Casablanca. Den Vertrag hatte ich schon unterschrieben und wollte nichts mehr daran ändern, weil dieses Angebot damals eine große berufliche Chance für mich war. Ganz haben Christel und ich uns dann trotzdem nie mehr aus den Augen verloren. Zunächst waren es nur kurze Kartengrüße, doch bald korrespondierten wir immer intensiver miteinander. Vor acht Wochen hat mich Christel dann in Casablanca besucht und während dieses Besuches ist uns beiden endgültig klar geworden, dass wir für einander bestimmt sind".
Doktor Falkenstein hatte bei seiner Erzählung rote Wangen bekommen und Oberinspektor Melbert sah ihm an, dass ihm Christel Volkmann über alle Maßen wichtig war. "Meine Arbeit in Casablanca ist nun beendet", nahm Dr. Falkenstein den Faden wieder auf, "und so kam ich nun so rasch wie möglich und mit großen Zukunftsplänen in meine Heimat zurück".
"Naja, nun steht ja diesem Liebesglück nichts mehr im Wege", lächelte Oberinspektor Melbert wohlwollend. "Nein, sicher nicht", nickte Dr. Falkenstein, "Gott sei es gedankt." - Der Oberinspektor runzelte die Stirn. "Der Empfang aber war ja nun schon einmal völlig anders, als Sie sich Ihre Zukunft eigentlich vorgestellt hatten, Doktor, nicht wahr?" Er lächelte etwas und hob seine Augenbrauen: "Sagen Sie mal, wie war eigentlich die Sache mit dem Teppich, der noch vor dem Krankenwagen gebracht wurde? Das war ja auch eine ziemlich makabere Sache." - "Das kann man wohl sagen", nickte Dr. Falkenstein wieder, "da ich in Casablanca erlebt hatte, dass Christel sehr für Orientteppiche schwärmt, brachte ich ihr ein wunderschönes Exemplar sozusagen als Antrittsgeschenk mit", erklärte der Doktor, "was natürlich über eine Transportfirma lief. Um Christel zu überraschen und ihr eine besondere Freude zu bereiten, bestellte ich auch den Teppichtransport zur gleichen Zeit unserer Verabredung in ihre Wohnung, aber...". - "Eine tolle Überraschung ist es ja nun auch ohne Teppich geworden", lächelte Oberinspektor Melbert etwas säuerlich.
XXX
Freddy Leisner hatte einen ausgedehnten Stadtbummel gemacht, doch noch immer konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Er war ein Mörder! Ausgerechnet er, der eigentlich keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Nur ein einziges Mal war sein Temperament mit ihm durchgegangen und dafür sollte er nun lebenslang büßen. Wieder spürte er diese furchtbare Panik in sich hochkriechen und der kalte Angstschweiß floss ihm aus allen Poren. Nach Hause traute er sich nicht - noch nicht, aber er wusste, dass es irgendwann sein musste, schließlich konnte man sich nicht ewig verstecken. Und wenn man ihn auf der Straße oder im Park erkannte? Das wäre dann noch schlimmer für ihn. Das wäre Flucht! Außerdem wusste er gar nicht, was inzwischen geschehen war. Vielleicht hatte er ja sogar Glück und man würde gar nicht auf ihn kommen. Das allerdings konnte er nur aus den Medien erfahren und da die Presse gar nicht so schnell drucken konnte, blieben nur Radio oder das Fernsehen als Lieferant der neuesten Nachrichten.
Langsam, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzend, als weigere er sich, sein Ziel jemals zu erreichen, schlich er zu seiner Wohnung. Niemand wartete dort auf ihn und als er im Wohnzimmer angekommen war, schaltete er sofort die Glotze an und zappte sich von Sender zu Sender. Nichts...Freddy atmete zum ersten mal wieder etwas auf und machte einen ganz tiefen Lungenzug.
Da aber klingelte es an seiner Tür und Freddy schoss der Schreck durch alle Glieder. Langsam und gebeugt schlich er zur Wohnungstür, öffnete sie einen Spalt, sah die Uniformen der Beamten und erblasste. "Sie sind Herr Leisner?", fragte einer der beiden Polizeibeamten, "bitte öffnen Sie die Tür!" Der andere hielt ein gut gelungenes Foto von Freddy in der Hand, das er Christel einmal geschenkt hatte. "Ja, natürlich", sagte der Beamte, "das sind Sie unverkennbar! Sogar die Adresse steht hinten drauf. Erzählen Sie uns jetzt also bitte nicht, dass Sie eine Christel Volkmann gar nicht kennen!" - "Doch, doch", zitterte Freddy vor sich hin, "das bestreite ich ja gar nicht. Ich kannte sie sogar sehr gut. Bitte kommen Sie rein", sagte er traurig, "und nun habe ich sie umgebracht." - "Aha", sagte der eine Beamte, "Sie haben Frau Volkmann also umgebracht." - "Ja - selbstverständlich - ich gestehe den Mord! Es tut mir ja so unendlich leid!" Tränen standen in seinen Augen. - "Dann schildern Sie uns doch bitte einmal den genauen Vorgang ihrer Tat", sagte der Polizeibeamte wieder. Freddy Leisner berichtete wahrheitsgetreu, ausführlich und sehr reumütig. Als er sich alles von der Seele geredet hatte, sagte dieser Beamte gar nicht mal so unfreundlich: "Nun ziehen Sie sich erst mal an und kommen Sie bitte mit auf ´s Präsidium, es gibt da nämlich einiges mit Ihnen zu besprechen und zu klären, Herr Leisner. Also wenn wir dann bitten dürften...".



Eingereicht am 07. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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