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Unser Buchtipp

Schlüsselerlebnisse

Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-6-7

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Frühlingsgefühle

© Anna Pal Singh

Es ist ein sonniger Frühlingsmorgen, ideal um auf der Terrasse zu frühstücken. "Gib mir die Tischdecke, Erik!", bittet sie ihren Mann, der es sich mit einer Zeitung gemütlich gemacht hat. "Hm, hm, " brummt er, bewegt sich aber nicht. Sie knallt das Tablett auf den Tisch. "Es ist immer dasselbe! Zu faul, um nur den kleinen Finger zu rühren!" ,murrt sie. Mit verkniffenem Gesicht deckt sie den Tisch. Erik hat sich hinter seiner Zeitung versteckt, die Seiten rascheln leise beim Umblättern. Abwesend greift er nach der Kaffeetasse. "Er würde es nicht einmal merken, wenn Gift in der Tasse wäre", denkt sie boshaft. "Dieser Muffel merkt doch überhaupt nichts mehr!" Mürrisch räumt sie das Geschirr ab. Erik hat die Zeitung sinken lassen. "Gott sei Dank, endlich ist diese mit Lockenwickler verzierte Wurst auf Beinen verschwunden!" Er blättert abwesend in der Zeitung. "Vermutlich telefoniert sie wieder. An die Kosten denkt sie nicht. Ich frage mich, ob sie überhaupt denken kann", grübelt er. Gereizt erhebt er sich, streckt die dürren Beine aus und schlurft zum Haus. Auf der Anrichte liegt ein Prospekt: Frühlingspreise für Ihr Fahrzeug! Jäh fällt ihm ein, dass der Wagen dringend zum TÜV muss. Mit dem Prospekt in der Hand steuert er auf die Diele zu. "Ella, ich muss dringend telefonieren!" "Wen willst Du schon anrufen" sie sieht ihn spöttisch an. "Los jetzt, mach hin", fährt er sie aufgebracht an. "Ja, ja", erschreckt spricht sie in den Hörer: "Bis später!" Gereizt latscht sie ins Schlafzimmer. "Was ist denn in den gefahren! Warum lasse ich mir das bieten? Ohne ihn bin ich besser dran!" Kichernd fällt ihr die Idee mit dem Gift im Kaffee ein. "Dann wäre das Problem gelöst!", resümiert sie und greift nach dem Rock. "Mist, der Reißverschluss klemmt! Ob ich zugenommen habe? Kann doch nicht sein, ich esse doch wie ein Spatz. Das bisschen Kuchen. Man gönnt sich doch sonst nichts!" Heute Abend sind Erik und sie in einem noblen Restaurant eingeladen. "Dafür brauche ich etwas Schickes. Egal, was der Miesepeter sagt. Ich will mein Leben jetzt genießen!", begehrt sie auf. Auch wenn er immer behauptet, Geld würde nicht auf Bäumen wachsen. Diesen Spruch kennt sie seit mehr als 40 Jahren auswendig. Der kommt immer dann, wenn sie etwas braucht. "Aber das ist vorbei, mit mir nicht mehr!" Schon will sie die Autoschlüssel von der Anrichte nehmen, als er ihr zuvorkommt. "Du kannst den Wagen nicht haben", herrscht er sie an, nimmt die Schlüssel und verlässt wortlos das Haus. Ella ist wie erstarrt. Wenn sie sich auf etwas freut, kommt er und macht es kaputt. "Diesmal kommst Du nicht so davon." Sie presst die dünnen Lippen fest aufeinander, als sie in die Küche geht. "Dir werde ich es zeigen!" Eifrig kramt sie im Gewürzregal. Erik hat inzwischen die Werkstatt erreicht. Zwar hat er einen Termin bekommen, aber mit Wartezeit. Er lehnt sich auf dem Sitz zurück. Sein Schulfreund Heiner fällt ihm ein. Der lebt seit zwei Jahren allein. Seine Frau hat sich bei der Gartenarbeit verletzt und ist danach an einer Blutvergiftung verstorben. Seither macht Heiner eine Schiffsreise nach der anderen, genießt das Leben in vollen Zügen. Sehnsucht steigt in Erik auf. "Mal wieder ans Meer fahren, eine Wattwanderung machen! Aber mit der Ollen ist das nicht drin, die will nur Schickimicki." Seine Frau hat immer versucht seine Herkunft zu vertuschen. Nicht einmal die Kinder sollten wissen, dass er früher zur See gefahren ist. Nie durfte er Geschichten aus dieser Zeit erzählen. Wegen der Verwandten. Schließlich stamme sie aus einer angesehenen Beamtenfamilie. "Von wegen angesehen, " jetzt grinst Erik, "Madams Vater hat die Aktenwagen bei der Post geschoben!" Er wird wieder ernst. "Sie wird immer lästiger, kauft sich einen Fummel nach dem anderen. Wäre ich doch so frei wie Heiner." Seine trüben Gedanken werden durch den Mechaniker unterbrochen, der ihn in die Box winkt. Endlich! Ella hat gefunden, wonach sie suchte. Sorgfältig mahlt sie die Beeren zu feinem Puder und mischt ihn unter das Kaffeepulver im Filter. "So kommst Du mir nicht davon." Sie lächelt boshaft, als sie das heiße Wasser in den Filter gießt. "Ich bin nicht von dem Tölpel abhängig! Nie mehr!" Die Inspektion des Wagens ist abgeschlossen. Erik lenkt den Wagen zu Heiners Wohnung. "Vielleicht ist er zu Hause. "Es wird Zeit, dass ich andere Gesichter sehe. Die Lockenwicklerbändigerin macht melancholisch." Doch der Freund ist nicht zu Hause. Missmutig setzt er sich wieder in den Wagen. "Wahrscheinlich vergnügt er sich gerade mit flotten Bienen." Erik grübelt. "Ella sitzt doch auch immer im Garten, wenn sie nicht gerade Geld ausgibt!" Er lenkt den Wagen in die Garage. In der Küche steht unter dem bestickten Wärmer noch Kaffee. Der Kaffee schmeckt bitter. "Ob sie eine andere Marke gekauft hat?" Das kann er sich nicht vorstellen. Nach ein paar Schlucken kippt er das Gebräu in den Abguss. Wahrscheinlich hat der Kaffee zu lange gestanden. Er brüht sich frischen Kaffee auf. Mit der Tasse in der Hand geht er hinaus in den Garten. Ihm fällt die Geschichte von Heiners Frau ein. Nachdenklich stellt er die Tasse ab. Ein kleiner Vogel setzt sich auf den Rand und -plumps- fällt etwas hinein. Das Vöglein fliegt vergnügt davon. Erik hat nichts mitbekommen. Er betrachtet die Büsche. "Welcher kann wohl zu einer Vergiftung führen? Schade, dass ich mich nie damit befasst habe." An einem der Büsche hängen die Beeren noch vom Herbst an den Zweigen. "Das ist Liguster. Schon ein paar der Beeren führen zu einer Vergiftung", erinnert er sich. Vorsichtig zupft er die Beeren ab. Mehr als zwei Dutzend schwarze Kügelchen liegen in seiner Hand. Die Beeren nachdenklich betrachtend, nimmt er einen Schluck aus der Tasse. "Brrr, der Kaffee schmeckt ekelig. Ella hat wohl doch die Sorte gewechselt." In der Küche öffnet er den Kühlschrank. Nach kurzem Zögern nimmt er eine Schale mit Roter Grütze heraus und schüttet seine Ernte dazu. Wenig später kommt Ella zurück, schwer bepackt mit Tüten. Erik sitzt vor dem Fernseher. Ihm ist übel. Am liebsten würde er nicht zu dem Fest gehen. "Aber das kann ich Ella nicht antun", denkt er grimmig, "wann soll sie sonst den neuen Fummel anziehen!" Im Schlafzimmer fällt sein Blick missmutig auf die vielen Tüten. "Heiner, du hast es gut!" Ella steht vor dem geöffneten Kühlschrank und betrachtet den Inhalt. "Rote Grütze mit einem Klacks Sahne! Vanillesauce ist zwar leckerer, macht aber dick!" Schon schaufelt sie sich die Süßspeise in den Mund. Danach eilt sie ins Schlafzimmer. Wenn sie rechtzeitig auf dem Fest sein wollen, wird sie sich beeilen müssen. Das neue Kleid ist mitternachtsblau, mit kleinen Volants am Ausschnitt. "Die lenken von den Pölsterchen ab", hat ihr die Freundin versichert. Schwer atmend setzt sie sich auf die Bettkante. Im Magen rumort es. "Ob ich etwas Falsches gegessen habe?" Sie reißt sich zusammen. "Wer weiß, wann wir das nächste Mal eingeladen sind. Erik klebt ja an seinem Sessel vor dem Fernseher. Sogar nachts. Vermutlich sieht er sich die Sexshows an. Zu mehr reicht es ja bei ihm nicht mehr." Draußen läuft der Motor. Hastig nimmt sie die Stola und zieht die Tür hinter sich zu. Schweigend fahren sie die dunkle Landstraße entlang. Plötzlich kommt ihnen auf der Gegenfahrbahn mit hoher Geschwindigkeit ein Fahrzeug entgegen. Erik spürt einen heftigen Druck auf der Brust, ihm wird schwarz vor den Augen. Er will das Steuer herumreißen, aber seine Arme sind wie gelähmt. Krachend wird ihr Wagen zur Seite geschleudert und überschlägt sich. Zu Hause läutet das Telefon Sturm. Ein verzweifelter Mechaniker hämmert nervös mit den Fingern auf die Tischplatte: "Komm schon, geh ran!" Niemand hört das schrille Klingeln. Im Polizeibericht steht als Unfallursache: Die technische Überprüfung ergab, dass die Radmuttern nicht festgezogen waren. Das Fahrzeug geriet ins Schleudern. Durch den Aufprall erlitten die Insassen schwere Verletzungen, denen sie noch am Unfallort erlagen.

Eingereicht am
27. Juli 2007

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