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Ronald Henss: Doppelgänger

Ronald Henss
Doppelgänger
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Kurzkrimi um zwei Schriftsteller, Doppelgänger und eine geheimnisvolle Domina ...

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Bilder

© Marc Philippi

Kommissar Georg spürte die Angst des Versagens seinen Rücken hochkriechen, ein Gefühl, das ihm bis dahin fremd war. Die Aufklärung eines Falls war stets nur eine Frage der Zeit gewesen, nie jedoch, ob er es überhaupt schaffte. Nun beschlich ihn das ohnmächtige Gefühl, zu spät zu kommen, wie ein schlechtes Gewissen.

Acht Fotos lagen vor ihm, angeordnet in zwei Streifen zu je vier Bildern. Die miese Belichtung, der mit Kugelschreibergraffiti verschmierte Hintergrund und schließlich das Passbildformat versprühten den typisch trostlosen Bahnhofsautomatencharme der Portraitaufnahmen.

Rätsel hatten in Georgs Augen nichts Grauenerregendes, daher ließ er sich bei einem neuen Fall immer zuerst vom Grauen überwältigen und suchte dann das Rätsel. Diese Trennung garantierte die ungetrübte Einsatzfähigkeit seines Spürsinns.

Hier versagte diese Taktik, so eng waren Grauen und Rätselhaftigkeit miteinander verwoben.

Das erste Bild zeigte einen alten Mann. Er saß vor der Kamera und sah in sie hinein. Es war kein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen, das typische erste Foto eines Automatenbildstreifens.

Unsicher, was zu tun sei, unwissend, wie er wirkte und zu nervös, um ehrlich lächeln zu können.

Der Mann hatte kein besonders hübsches oder hässliches Gesicht. Es war kein Mann, der einem im Vorübergehen auf der Straße länger im Gedächtnis geblieben wäre, als der Augenblick, in dem man ihn sah. Und doch drängte das Bild mit einer Heftigkeit, der man sich nicht entziehen konnte, eine Geschichte zu erzählen.

Ein alter Mann mit verwittertem Gesicht, schlecht rasiert und mit einer unpassenden Frisur. Er war alleine, nicht nur auf diesem Foto. Er hatte niemanden. Niemanden, der sagte, dass er vergessen hatte sich zu rasieren und sich den Schlaf aus den Augen zu wischen, niemanden, der mit ihm zum Friseur ging oder ihm eine passende Krawatte zu dem Jackett kaufte und niemanden, der ihm in letzter Zeit ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert hatte.

Doch die ganze Tragik wirkte erst im Zusammenspiel von Augen, Gesichtsausdruck und den mickrigen zehn Quadratzentimetern billigen Fotopapier.

Georgs bekümmerte Augen wanderten zum zweiten Bild. Der Alte war nun nicht mehr alleine. Eine Gestalt war hinter ihm aufgetaucht und der Alte hatte aus kaum mehr als einem Reflex den Kopf leicht nach hinten gedreht. Es war ein Reflex, kein bewusstes Handeln. Ein Reflex gedämpft von der Trägheit eines langen und nun müden Lebens.

Das zweite Foto hielt den Moment zwischen Reflex und bewusstem Wahrnehmen fest, exakt den winzigen Moment, den eine Information braucht, um über die Nervenbahnen vom Auge ins Gehirn zu gelangen.

Auf dem dritten Bild waren neben dem immer noch verwackelten und damit unidentifizierbaren Gesicht der fremden Gestalt im Hintergrund nun auch deren Hände aufgetaucht. Mit der linken Hand zog er den Kopf seines Opfers nach hinten und gab so dessen Kehle der unterarmlangen, glänzenden Klinge frei, die er mit der rechten Hand umklammert rasch zur Seite zog.

Als hätte die Technik ein Erbarmen mit einem unvorbereiteten Betrachter, gab sie die grausige Szene nur verschwommen wieder, unterstrich mit dieser fixierten Geschwindigkeit allerdings nur die Machtlosigkeit des Alten.

So unscharf die Augen des Mörders getroffen waren, so sehr glaubte Georg darin die Beliebigkeit erkennen zu können. Er hatte nicht auf diesen Mann gewartet, sondern auf irgendeinen Mann, vielleicht auch eine Frau. Es hätte jeden treffen können.

Georg kannte ähnliche Bilder, es waren Bilder von Menschen, die ermordet wurden. Diese Bilder in seinen Händen waren ein wenig beklemmender, weil sie neben dem Tathergang auch noch die Atmosphäre festhielten. Aber ungewöhnlich waren sie nicht.

Bis zum vierten Bild. Dieses Bild hatte Georgs Taktik zerstört.

Es zeigte den Alten, der in die Kamera schaute.

Alleine.

Und unversehrt.

Es glich dem ersten Bild. Der Alte hatte den rechten Mundwinkel leicht zu einem Lächeln verkrampft, aber es war kein Blut und kein Mörder zu sehen.

Die Bilderserie spielte ihr perverses Spiel mit dem Betrachter. Sie zeigte einen Mann, der Gefühle weckte und verdammten den Betrachter zu einem machtlosen Voyeur.

Georg griff nach dem zweiten Fotostreifen. Er wollte mehr sehen, musste sich vergewissern, dass er sich nicht getäuscht hatte. Und tatsächlich, die beiden einzigen Bilder auf dem zweiten Streifen fügten sich nahtlos mit dem ersten und letzten Bild des ersten Streifens, als wären die beiden Bilder, die das Verbrechen zeigten, eingefügt worden.

Georg legte die Bilder beiseite.

Die Frage, die sich ihm nun stellte, war, ob es ein Verbrechen gab, oder nicht?

Rechtfertigten die Bilder einen zeitraubenden Bildvergleich mit dem Polizeiarchiv, um die Identitäten der beiden Männer zu klären?

Georg drehte die Streifen nachdenklich in seinen Händen und studierte die rückseitig aufgedruckten Uhrzeiten. Sie waren identisch, lediglich die Zahl der Sekunden erhöhte sich mit jedem Bild um zehn. Plötzlich erstarrte Georgs Blick. Die Zeiten stimmten, doch in den Tageszahlen war ein Fehler.

Aufgeregt hielt er die Bilder näher vor Augen. Es war, wie seine Intuition ihm gesagt hatte. Die Bilder zwei und drei trugen ein anderes Datum, als die restlichen Bilder. Ein Datum, das einen Tag nach dem der anderen lag.

Technisch möglich oder nicht, die dramaturgische Reihenfolge der Bilder ergab so einen Sinn. Irgendwie waren zwei Bilder an die falsche Stelle geraten.

Es dauerte eine Sekunde, ehe Georgs das abgedruckte Datum bewusst wurde: heute! Und die Zeit stand noch bevor.

Es war nur eine Vermutung, eine ziemlich naive sogar. Eine, der er nicht nachgehen sollte, da sie schwer zu erklären gewesen wäre, trotzdem stand Georg nun im kalt gekachelten Foyer des Bahnhofs.

Sein Blick ging zur Uhr, noch fünf Minuten, exakt in der Sekunde, als er sie ansah. Von dem Alten Mann war keine Spur zu sehen. Natürlich nicht, schließlich war es völlig absurd, was er hier tat. Er vergrub die Hände in seinem Mantel und sah zu Boden.

Seine Intuition hatte ihn hierher geführt und doch sagte ihm dieselbe Intuition, dass es sinnlos war. Das Schuldgefühl bereits zu spät gekommen zu sein, war die ganze Zeit nicht von ihm gewichen.

Als er den Kopf hob, sah er ihn.

Mit kleinen Schritten steuerte der unscheinbare alte Mann mit derselben Krawatte und demselben Jackett wie gestern auf den Fotoautomaten zu.

Georgs Gedanken überschlugen sich. Einen Moment noch stand er da und überlegte, was er tun sollte, dann ging er los.

"Entschuldigung!" sagte er halblaut in das Foyer, doch der Alte hörte ihn nicht.

"Entschuldigung!" rief er nun etwas lauter. Einige Leute drehten sich zu ihm. Der Alte betrat die Kabine und zog den Vorhang zu.

"Nein, warten sie!" schrie er nun deutlich für jedermann hörbar. Eine Gestalt glitt unauffällig hinter den Vorhang.

"Nein!" Georgs Schreien wurde panisch. Er stürmte los, mitten in eine Gruppe Schulkinder hinein, er stürzte, rutschte und blieb fünf Meter vor der Kabine liegen, nahe genug, um unter dem Vorhang zu sehen, wie der alte Mann leblos zu Boden fiel.

Eingereicht am
18. Oktober 2007

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