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Herbst

© Claudia Dal-Pos


Als die alte Frau aus dem Fenster sieht, erblickt sie eine hohe Betonwand. Davor steht ein eiserner Zaun. Keine Bäume oder Blumen sind zu sehen. Es regnet, es ist kühl und grau. Als ob der Himmel in tiefer Trauer weinen würde. Es ist Herbst und sicher wird es lange regnen.
Sie schluckt. Das ist nun ihr neues Zuhause. Jetzt fühlt sie sich wirklich alt. Die Kinder sind schon groß und weit fort. Die Enkelkinder haben Hobbys und sie haben Freunde, die sie lieber besuchen. Ihre Wohnung hat sie aufgegeben. Sie ist 75 Jahre. Alt, wenn man so will. Der Sturz war doch gar nicht so schlimm gewesen. Aber die Kinder haben ihr gut zugeredet. Sie kann jetzt nicht mehr allein bleiben. Doch zuhause bei ihnen ist kein Platz. Darum hat sie einen `wundervollen Platz in einem gemütlichen Heim für ältere Menschen mit liebevoller Betreuung' gefunden, wie es in dem Prospekt so schön geheißen hat. Der Umzug ging schnell. Das Zimmer ist ganz plötzlich frei geworden, weil eine Bewohnerin verstorben ist. `Welch ein Glück für Dich, Mutter', haben die Kinder gesagt.
Sie blickt sich um. Das Zimmer ist klein. Ein Schrank, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Waschbecken, eine Ablage und ein Regal. An der Wand ein Kreuz und ein verblichenes Bild, das wohl eine Herbstlandschaft zeigen soll. Auf dem Bett eine Wolldecke. Alt und knotig. Sie wird sich eine neue, eine eigene kaufen, wenn sie erst ihr Taschengeld zugeteilt bekommen hat. Das Taschengeld, ach ja, auch so eine Sache. Nun heißt es mit wenig auszukommen.
Nebenan klagt eine Frau. Sie hört es durch die Wand. Die Wände sind hier sehr dünn. Auf den Fluren kann man hören, wie Menschen weinen und schreien, nach ihren Kindern rufen. Manche sind auch ganz stumm und wiegen sich nur hin und her. Die Kaffeestunde im Gemeinschaftsraum möchte sie am liebsten vergessen. Zu bedrückend, was sie da gesehen hat. Ein Segen für manche, dass sie nicht mehr bei Verstand sind. Ist das noch menschenwürdig? Manche sind festgeschnallt, damit sie nicht von den Stühlen fallen. Sie werden gefüttert und danach an ein Fenster geschoben. Ob sie den Ausblick wirklich sehen, wenn sie apathisch rausblicken, Stunde um Stunde? Sie weiß es nicht, will es gar nicht wissen. Zu viele Fragen gehen ihr durch den Kopf. Wird sie auch den Verstand verlieren? Verzweifeln an der Einsamkeit? Werden ihre Kinder sie besuchen? Wird das Essen schmecken? Was ist, wenn sie ihr Bett einnässt? Wird man dann mit ihr schimpfen? Was, wenn sie traurig ist? Wird jemand da sein, um sie zu trösten? Sie hat Angst, aber sie ist entschlossen, auch diese Prüfung zu meistern. Sie hat einen Krieg überstanden. Sie hat Kinder geboren, ihre Ängste und Sorgen geteilt. Sie hat die Enkelkinder gehütet und umsorgt.
Sie hat Krankheiten und Unfälle überlebt. Sie hat ihren Mann begraben und einige ihrer Freunde.
Sie war nie eine große Kirchgängerin, aber sie glaubt an Gott und sie hofft, dass sie eines Tages ihren Mann wieder sehen wird. In einer besseren Welt, einer anderen Welt.
Sie strafft die Schultern. Sicher gibt es hier viel zu tun. Sie wird sich um Andere kümmern müssen, Andere, die schwächer und hilfloser sind, einsamer und verzagter. Sie wird Trost spenden und vielleicht Lieder singen. Geschichten erzählen und Gebete mit Sterbenden sprechen. Sie ist stark. Sie hat es bis hierhin geschafft und sie wird einen Sinn in ihrem Leben finden. Auch an dieser letzten, dieser einsamsten aller Stationen, die sie nun vor sich hat.
Plötzlich geht die Tür auf. Ein kleines Mädchen kommt herein mit einem Blumenstrauß. Es sind Wiesenblumen, Herbstblumen. Sie muss sie frisch gepflückt haben. Sie bleibt abwartend an der Tür stehen. Die Frau blickt das Mädchen an. Das Mädchen blickt stumm zurück. Einen Moment lang ist es unendlich still im Raum. Dann sagt das Mädchen: "Meine Oma hat hier gewohnt. Ich habe sie lieb gehabt und ich vermisse sie. Sie ist über den Regenbogen gegangen."
"Was tust Du dann noch hier?" fragt die Frau. Es hat etwas schroff geklungen und sofort macht sie sich Sorgen, dass auch das kleine Mädchen es so empfunden haben wird.
"Ich möchte meine Oma zurück", sagt das Mädchen. "Aber ich weiß, dass sie nicht wiederkommen wird. Bleibst Du hier?"
"Ja", sagt die Frau. "Ich bleibe hier." "Darf ich dann zu Dir kommen?" fragt das Mädchen. "Oder gehst Du auch über den Regenbogen?"
Die Frau überlegt. Dann sagt sie entschlossen: "Ja, auch ich werde irgendwann dort hingehen. Aber das hat noch Zeit. Ich habe noch viel zu tun."
"Dann hole ich mal eine Vase für die Blumen", sagt das Kind und lächelt verschmitzt. Und danach erzähle ich Dir, was heute in der Schule passiert ist."
Als das Mädchen den Raum verlassen hat, dreht sich die Frau um und geht zum Fenster. Und als sie hinausblickt, ist es ihr, als ob der Himmel heller geworden ist und die Wolken aufreißen. Es ist Herbst, aber sicher wird bald die Sonne herauskommen.



Eingereicht am 26. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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