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Die blaue Milchzahndose

© Luba Oster


Meine geliebte Großmutter Anna starb im Dezember 1997. Ich war damals mit meinem Mann und den Kindern gerade nach Berlin umgezogen, weil wir das Angebot bekamen, zusammen in einer großen Klinik zu arbeiten - ich auf der Kinderstation, mein Mann in der Radiologie. Und so hatte ich meine Großmutter schon seit fast einem Jahr nicht gesehen. Jeder kennt das wohl: Umzug, neuer Job, Schule und Kindergarten? da denkt einer, es macht ja nichts, das Leben ist noch lang, das holen wir nach. Und dann, mitten in der Nacht, der Anruf von meiner Schwester:" Marielle, die Oma ist tot."
Es gab natürlich Verschiedenes zu regeln, also musste ich nach Obersdorf, ein kleines Ort in Niederbayern, wo unsere Großmutter ihr ganzes Leben verbracht hat.
Nach einer endlosen Autobahnfahrt und etlichen Stunden auf den Dorfstraßen kam ich total verspannt und gereizt an. Wie immer beim Anblick von Großmutters Haus fühlte ich mich wohler. Es stand etwas außerhalb auf einer Anhöhe und sah von weitem wie Hänsels und Gretels Hexenhäuschen aus: die fein durchbrochenen Holzverzierungen grün gestrichen, mit weißgetünchten Wänden, viele alte Obstbäume drumherum, die ohne Blattwerk wie ein verzauberter Wald aussahen.
Ich ging den Kiesweg zum Haus entlang und konnte es nicht glauben, dass die Großmutter nicht mehr da war, dass sie nicht aus der Haustür kam, um mich zu begrüßen, dass sie mich nie mehr aus den etwas verblassten blauen Augen ansehen und fragen würde: " Na, Kindchen, was hast du denn? "
Da sah ich ihn? unseren Apfelbaum. Er war alt, wie der restliche Garten, von unserem Großvater gepflanzt, die Äste wie Gichtfinger verknotet und kahl. Ich konnte nicht anders, ging hin und umarmte den Stamm. Ein schwacher Geruch nach Baumrinde umhüllte mich wie ein Morgenduft eines geliebten Menschen. Plötzlich erinnerte ich mich an die Zeit in diesem Haus...
Als Kinder waren wir oft hier, besonders in den Sommerferien. Es war für uns damals ein Paradies: Großmutters Knusperhäuschen mit roten und weißen Geranien auf den Fensterbänken, das Wäldchen um das Dorf herum, ein kristallklarer Bach direkt hinter dem Obstgarten. Es gab Bäume zum Klettern, Büsche zum Versteck spielen und so viele Frösche am Bach, dass ich die Chance zu haben glaubte, eines Tages den Prinzen unter ihnen zu finden. Diese Sommer rochen nach Äpfel, Honig und Heu, und sie waren unendlich lang.
Es passierte auch in einem solchen Sommer, dass ich meinen ersten Milchzahn verlor. Damals war ich sieben und unglücklich, weil alle meine Freundinnen schon eine oder mehrere Zahnlücken präsentierten, meine Zähne aber bombenfest saßen. Verzweifelt versuchte ich alles: "vergaß" das Zähneputzen, stiftete meine Schwester zum Süßigkeiten klauen an, um alle Bonbons und Schokolade dann allein zu vertilgen in der Hoffnung, dass die Zähne rausfallen wie es der Zahnarzt versprochen hat. Ich fiel sogar absichtlich vom Fahrrad, weil meine Freundin Jenny auf diese Weise einen Zahn verloren hatte. Aber immer noch glänzte ich mit einer kompletten Zahnreihe.
Endlich, zum Sommerende, geschah ein Wunder - ich bekam einen Wackelzahn! Als die Großmutter Anna dies hörte, befahl sie mir mich ordentlich zu waschen. Sie selbst zog ihr bestes Kleid an, das Dunkelblaue mit kleinen aufgestickten Veilchen drauf, und ihre schönen Lackschuhe. Sie holte mein bestes Kleid heraus, das ich nicht mochte, weil der Kragen ziemlich eng saß, und ließ mich in den alten Spiegelschrank schauen. Ich sah ein mageres Mädchen mit dunkelblonden Haaren, die von der Sonne so ausgebleicht waren, dass sie wie von silbernen Strähnen durchwirkt aussahen. Meine Knie waren dunkel und die Nase pellte, aber ich kam mir erwachsen vor mit dem Wackelzahn.
Und dann gingen wir zusammen zum Krämerladen, wo Großmutter ein schönes kleines Porzellandöschen kaufte. Es war ein süßes blaues Ding, mit Blumen auf dem Deckel, wie es sich ein jedes Mädchen für seine Schätze wünscht. Die Großmutter ließ mit winzigen Goldbuchstaben meinen Namen schreiben, genau unter dem Rosenblatt. Dann schenkte sie es mir mit den Worten: "Da hast du jetzt was für deine Milchzähne." Ich war das glücklichste Mädchen der Welt, ging neben der Großmutter die Strasse entlang, das Döschen fest umklammert, und träumte davon, meinen ersten Zahn da rein zu tun.
Aber der blöde Zahn wackelte zwar, aber er wollte nicht raus! Egal, wie oft ich an ihm zog und drehte, die Schmerzenstränen im Gesicht? immer noch saß er, wenn auch etwas schief, in meinem Mund.
Um mich irgendwie abzulenken, schlug Großmutter vor, ihr beim Äpfelernten zu helfen. Da es bei solchen Gelegenheiten immer lustig zuging, stimmten ich und meine Schwester sofort zu.
Wir sollten die Äpfel aufsammeln, die unterm Baum lagen. Süßer Apfelduft stieg mir in die Nase, und ich konnte nicht widerstehen.
Doch schon nach dem ersten Bissen fühlte ich etwas Seltsames im Mund, einen sanften Luftzug auf dem Zahnfleisch. Sofort mit der Zunge nachgeprüft - der Zahn war weg! Aber wohin? Vorsichtig untersuchte ich das Apfelstück im Mund, aber da war nichts. Ich hab den doch nicht etwa verschluckt?! Dann fiel mein Blick auf den Apfel in meinen Händen. Und dort war er, mein erster Milchzahn, steckte mitten im festen Fruchtfleisch, das etwas rosa gefärbt war von meinem Blut. Fasziniert starrte ich den Apfel mit meinem Zahn drin an.
Der letzte wurde danach feierlich in das Porzellandöschen getan. Ein Jahr und viele Milchzähne später, sobald es für mich zum Alltäglichen geworden war, hatte ich das Döschen irgendwo verlegt und mich erst daran erinnert, als ich welche für meine Kinder kaufte. Aber meins war nicht mehr da...
Ich weilte noch in dem Sommer, als ein Knarren der Tür mich aufschreckte. Großmutter? Nein, meine Schwester Annie stand da, Mitte dreißig, schlank, blond und als einzige aus der Familie mit Großmutters wunderschönen blauen Augen gesegnet.
Schweigend umarmten wir uns und gingen ins Haus. Der ganze Trubel um die Beerdigung, kondolierende Nachbarn, Bekannte, Verwandtschaft ließen uns kaum ein Wort miteinander wechseln. Ich wusste, dass Annie es mir übel nahm, Großmutter in letzter Zeit nicht besucht zu haben. Sie selbst war Gymnasiallehrerin in einer nahgelegenen Stadt und kam oft vorbei.
Schließlich, am Abend, waren wir allein im Großmutters Haus. Und anstatt mir irgendwelche Vorwürfe zu machen, sagte Annie plötzlich: "Du, ich habe heute was gefunden. Es lag im Spiegelschrank zwischen der Leinenwäsche versteckt." Sie holte etwas, was in ihre Faust passte, streckte sie mir entgegen und bog die Finger langsam auseinander. Auf ihrer Handfläche lag ein kleines blaues Döschen mit kaum lesbaren Buchstaben unter dem Rosenblatt:" Marielle".



Eingereicht am 26. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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