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Ode an den Wochenmarkt oder Nur für Händler

© Claudia Dal-Pos


"Weiß einer, wo der Kartoffel-Udo ist?"
Die Blumen-Bärbel brüllt hektisch durch die Menge. "Auffem Klo" kommt es gröhlend zurück. Das war der Fisch-Franz. Die Kunden lachen. Nun weiß es jeder. Hoffentlich bleibt er nicht so lange, sonst dichten sie ihm noch ein größeres Geschäft mit Zeitung an. Da kommt er. "Hände gewaschen?", brüllt ein Komiker. Der Kartoffel-Udo grinst nur. Das ist er gewöhnt. Die Leute warten eh, bei der Qualität und dem Preis. Kann nicht mal der große Billiganbieter mithalten - und der ist sowieso voller Kopftücher, weil heute Mittwoch ist. Während ich meinen Marktstand aufbaue, was heute mal wieder gar nicht lustig ist, denn theoretisch bräuchte man vier Hände, weil der Wind so stürmt und rüttelt, fliegen mir immer wieder Gesprächsfetzen um die Ohren.
"Sind Sie immer hier?" fragt eine Kundin den Stoff-Herbert. "Nein, ich habe einen festen Wohnsitz" kommt es schlagfertig zurück. Das versteht die Kundin allerdings nicht. Mit verständnislosem Blick wühlt sie einen Moment lang in den Stoffen weiter, um dann grummelnd den Stand zu verlassen. Die Bäckersfrau lacht. Wenigstens sie hat den Witz kapiert. "Wer klaut, kriegt keine Tüte!" höre ich den Socken-Andi brüllen. Bei ihm wühlen ein paar Hausfrauen hektisch durch die Kindersöckchen. 5 Euro für 6 Paar, da muss man doch zugreifen. Trotzdem entscheidet sich nur eine Dame für den Kauf. Siggi zieht gleich los und setzt das Geld in Kaffee mit Schuss um. Schließlich muss man ja den Frust mit irgendetwas hinunterspülen.
Bei Fleisch-Franz ist großes Geschrei im Gange. Die letzten Mettwürstchen sind ausverkauft - und die Bauarbeiter haben noch nicht mal angefangen, Pause zu machen. Der Fleisch-Franz herrscht seine Frau an, sie habe zu wenig eingeplant, woraufhin sie ihm vorhält, er mache doch den Einkauf. Die Kunden sind amüsiert, die Verkäuferin hat einen hochroten Kopf. Der Chef fährt schließlich erbost weg und die Fleischerfrau bietet den Bauarbeitern hausgemachte Frikadellen an. "Brötchen kann ich auch beim Bäcker kriegen", mault einer.
Es ist Mittwochmorgen. Der Markt hat begonnen. Immer dasselbe. Nerven wie Drahtseile, sonst Magengeschwür. Die Kollegen muffeln. Das Wetter spielt nicht mit. Das Datum auch nicht. Und ich habe auch mal irgendwann was Richtiges gelernt.
"Möchten Sie eine Tüte?" frage ich den älteren Herrn, der gerade seinen Staubsaugerbeutel-Bedarf bei mir gedeckt hat. "Aber ich habe doch gerade welche gekauft", wundert er sich. "Nein, eine Tra-ge-ta-sche" artikuliere ich geduldig. "Ach so, kost die denn wat?" fragt er misstrauisch. "Nein, die gehört zum Service" teile ich ihm mit. "Na, dann geben Se mir mal zwei, ich muss eh noch wat mehr einkaufen."
Der Marktmeister kommt zum Kassieren. Hinter ihm vier wütende Orientalen. Alle mit dem gleichen Artikel, versteht sich. Aber jeder will einen Platz in der ersten Reihe. Der Marktmeister sieht aus, als ob er gleich seinen wohlverdienten Beamten-Ruhestand einreichen würde. Ich grinse ihn hämisch an. Warum soll es ihm besser gehen als uns? Plötzlich lauter Lärm, Geschrei, Hundegebell, Jaulen. Ich stürme mit zwei weiteren Kollegen zur Quelle des Getöses. Da haben wir die Bescherung. Der Obst-Olaf hat seine Kisten vor dem Stand mit billigen Äpfeln natürlich auf dem Boden stehen. Vor ihm steht eine wütende ältere Dame mit lila Haaren (den Prozess könnte sie auch noch gewinnen!) und einem jaulenden Pinscher. "Sie haben meinen Hund getreten" faucht sie erbost. Der Pinscher kläfft in schrillstem Diskant. "Na, weil Ihre Ratte an meenen Stand jepinkelt hat!" brüllt dieser zurück und eine Ader auf der Stirn schwillt bedrohlich an. Der Marktmeister geht dazwischen und verweist die Dame auf die allgemeine Marktordnung, nach der Hunde auf demselben nichts zu suchen haben und sprengt so die Versammlung noch einmal, bevor von dem Pinscherhintern gar nichts mehr übrig bleibt. Maulend kegelt der Obstmann seine bepinkelten Äpfel irgendwo ins Gebüsch und verschwindet hinter seinem Stand.
Wir anderen gehen auch an unsere Stände zurück. Immer dasselbe. Gedankenlose Kunden mit pinkelnden Hunden, die natürlich nichts dafür können, aber dennoch den Zorn abkriegen. Das Gleiche kennen wir auch mit gleichgültigen Müttern, deren Kinder mit Klebefingern an jedes Teil auf dem Tisch grabschen müssen. "Kevin, lass es doch bitte. Nun lass es doch mal, die Mama guckt ja auch nur. Kevin, nur mit den Augen gucken. Kevin, die Mama ist gleich sehr traurig." Ja, dazu hat die Mama auch allen Grund, wenn ich nämlich gleich mal die Erziehung vom Kevin übernehme - und die von der Mama gleich mit dazu.! Mensch!
"Na, willste auch nen Sekt?" Vor meinem Stand steht Klamotten-Karla. Die geht demnächst in Rente und schmeißt ihren Ausstand. Klar, warum nicht? Ich nehme mir auch einen Sekt und bedanke mich. Wünsche ihr alles Gute und gratuliere ihr, dass sie noch Rente durch- und mitgekriegt hat. Sie strahlt. Kein Stress mehr bei Wind und Wetter und fit ist sie auch noch. Ich kippe den Sekt. Kann nur nützen, die Kundschaft ist am besten leicht angesäuselt zu ertragen.
Nebenan in der Fußgängerzone spielt sich derweil wieder einmal eine typische Szene ab. Ein Lastwagenfahrer, der für eine bekannte Billigkette ausliefert, kommt mit seinem Siebentonner nicht an Woll-Willi vorbei, der heute mal die Gunst des Marktmeisters auf die Probe stellen will und ausladend, aber ohne Verstand, an der Ecke zu einem Ladenlokal aufgebaut hat, so dass aber auch wirklich nur noch ein Zwillingswagen mit schlanken Babys samt Mutter durchkäme, wenn er denn nicht seine Warenkisten auch noch in den Durchgang gestapelt hätte. Pech auch für den Skater, der hier gerade auf flotten Rollen das Wochenblättchen austrägt. Springen hätte er wohl vorher üben sollen.
Wochenmärkte sind ja bekannt dafür, dass eine etwas persönlichere Atmosphäre herrscht, als im Supermarkt. Leider sind auch die Preise gelegentlich etwas persönlicher, so dass es schon vorkommen kann, dass der Kunde verblüfft fragt, warum denn z.B. die Mikrofasertücher "hier nun nicht auch 0,50 € das Stück kosten?". Dann heißt es, dem Kunden klar zu machen, dass Einzelhändler, die einen 3 x 3 m Wochenmarktstand mit einem Kombi betreiben, Schwierigkeiten mit der Abnahme von Schiffspaletten haben. Manche Kunden haben Verständnis dafür, andere weniger, so ist halt das Geschäft. Ein älterer Herr kommt vorbei und guckt mich schelmisch an. "Na, junge Frau, fliegen Se heute nich wech? Lohnt dat denn überhaupt?" "Klar", sage ich, "ich muss ja auch mal auslüften". Er lacht und geht weiter. Ein junges Pärchen naht. Interessiert blickt die junge Frau meine Auslagen an und wühlt in den Putztüchern herum. Sie kennt die Marke offensichtlich und interessiert sich für ein spezielles Fenstertuch. Der junge Mann dagegen gähnt und zündet sich eine Zigarette an. Die junge Frau entscheidet sich für den Kauf des Tuches und hält es mir wortlos hin. Ich nehme eine Tragetasche vom Haken, verstaue das Tuch darin und nenne ihr den Preis. Als sie die Geldbörse zücken will, kommt Leben in ihren trägen Begleiter. "Was", ruft er erzürnt aus, "bist Du wahnsinnig? So viel Geld für einen Putzlumpen? Hast Du sie noch alle? Ich finanzier doch nicht den ganzen Stand hier!" Die junge Frau guckt mich abbittend an; ich lächele verständnisvoll. Sauber soll es zuhause immer sein, aber was gute Ware kostet, ist doch immer wieder ein Schock für gewisse Menschen. Sie seufzt und legt das Tuch wieder hin. "Nächste Woche muss er arbeiten", sagt sie leise. "Da komme ich dann noch mal alleine wieder."
Eine Viertelstunde später tobt nebenan ein Kleinkrieg. Die Bäckersfrau hat einer Kundin offenbar zuviel herausgegeben und versucht nun, den Irrtum aufzuklären und ihr Geld wiederzubekommen. "Ich habe Ihnen 50 Euro gegeben", behauptet die Kundin, die inzwischen einen hochroten Kopf hat, weil mehrere Leute stehen geblieben sind. Die knallrote Gesichtsfarbe hebt sich entzückend von ihrem weißen Pelzkragen ab, mit dem der Mantel, den sie trägt, verziert ist. Ich verkneife mir eine Bemerkung dazu, obwohl es mich juckt, schlendere aber mal betont unauffällig näher. "Sie haben mir 20 Euro gegeben", ruft die Bäckersfrau aufgebracht. "Einen 50er habe ich überhaupt nicht in meiner Kasse!" "Ach, dann haben Sie ihn eben verschwinden lassen", behauptet die Kundin laut. "Das ist ja eine Unverschämtheit" brüllt die Bäckersfrau los. "Ihnen zeige ich mal, wie ich etwas verschwinden lasse!" Damit schickt sie sich an, ihren Verkaufswagen zu verlassen; offensichtlich will sie handgreiflich werden. In diesem Moment naht Hilfe in Gestalt von Uhren-Ulli, der seinen Stand schräg gegenüber hat. Zwei Armbanduhren zum Preis von einer. Batterien inklusive, ein halbes Jahr Garantie. Länger halten die Uhren auch nicht, aber bis dahin hat Ulli neue Märkte gefunden. Er schiebt sich neben die Kundin und raunt leise, aber vernehmlich: "Das versteh ich jetzt aber nicht, junge Frau. Gerade eben haben Sie noch mit mir gefeilscht und ihre Geldbörse geöffnet, um mir zu zeigen, dass Sie nur noch 30 Euro dabei haben. Und jetzt wollen Sie mit einem 50er bezahlt haben?" Erschrocken fährt die Kundin zusammen. Sie greift in die Geldbörse, reißt das zuviel erhaltene Geld heraus und knallt es der Bäckersfrau auf den Tresen. "Dann muss das wohl ein Irrtum sein!" Mit diesen Worten fährt sie herum und verlässt eilends die Stätte ihrer Niederlage. Die Bäckerin schaut ihr mit offenem Mund nach. Ulli grinst süffisant und kniept mir ein Auge zu. "Netter Versuch", sagt er und geht zurück zu seinem Stand, wo inzwischen ein paar junge Frauen begonnen haben, einige Uhren anzuprobieren, um dort seinen Charme spielen zu lassen.
Ein paar Stunden, einige Vorfälle und diverse Kunden später, ist Marktschluss und ich räume meine Ware und meinen Stand in den Kombi. Reges Treiben herrscht um mich herum. Ein Gewitter scheint aufzuziehen und alle wollen nur noch nachhause. Die letzten Kunden streunen herum, um noch Schnäppchen zu machen; ein älterer Herr sammelt Äpfel auf, die beim Beladen heruntergefallen sind und steckt diese ein. Lose Plastiktüten wehen über den Markt und leere Kartons stapeln sich an den zuvor belebten Ständen. Man ruft sich noch ein paar Bemerkungen zu und wünscht sich einen schönen Feierabend. Manche stehen noch zusammen und trinken einen letzten Kaffee, andere fahren muffelnd vom Platz. Kein gutes Geschäft heute. Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Markt wird angefahren, andere Kollegen, andere Kunden. Es wird nicht langweilig. Ein hartes Brot, raue Töne, viel Konkurrenz, kein leichtes, aber ein freies Leben.
Um nichts in der Welt möchte ich mit jemandem tauschen.



Eingereicht am 28. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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