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Über die seltsame Art meines Großvaters, seine Suppe zu essen

© Manuela Korn


Üblicherweise saß mein Großvater am äußerst rechten Rand der mit Schnitzereien aus dem neunzehnten Jahrhundert verzierten, und für mein Empfinden etwas zu klobig geratenen Doppelsitzbank der Wohnküche seines alten Landhauses. Meine Großmutter, eine geborene Bauerntochter aus Gmunden, hatte wie es im Salzkammergut Sitte ist, mehrere, mit Wolle und Stoffresten gefüllte flache Kissen aufgelegt, und damit der harten Holzbank einen beträchtlichen Anteil ihrer abweisenden Nüchternheit genommen. Diese Polster waren mit kunstvoll gehäkelten Zierrändern besetzt, ansonsten von gebrochener weißer Farbe; zudem mit dunkelblauem Zwiebelmuster bedruckt. Großvater achtete penibel darauf, immer auf seinem, wie er sagte persönlichen Kissen zu sitzen, auf dessen Unterseite sein Monogramm mit blauem Faden eingestickt war.
Sein Ansitz war in jeder Hinsicht gut gewählt. Nächst dem großen, mit dunkelgrünen, zu ihrer Mitte hin konkaven Kacheln besetzten Holzofen gelegen, mangelte es ihm in den kalten Monaten nicht an Wärme und Behaglichkeit. Auch war es ein heller und durchaus geeigneter Platz zum Lesen der Zeitung, die Großvater täglich gemeinsam mit der Morgenpost erhielt. Seiner Gewohnheit entsprechend las er sie während Großmutter mit der Zubereitung des Essens beschäftigt war.
Auf die Minute pünktlich um zwölf, erwartete er den täglichen Mittagstisch.
Meine Großmutter, zeit ihres Lebens ehrfurchtsvoll zu ihm aufblickend, tat ihr möglichstes um ihren strengen Gatten fristgerecht zu versorgen. Je näher das gnadenlose Finale rückte, desto schneller flog sie von Topf zu Topf, dabei immer wieder nervöse Blicke zur bemalten Schwarzwälder Pendeluhr werfend, deren alte, kunstvoll aus Messing geschmiedete Zeiger unerbittlich ihren Weg gegen Mittag fortsetzten. Wenn sie es, und daran bestand nie Zweifel, wieder einmal geschafft hatte, die dampfende Suppe dem Großvater rechtzeitig in den Teller zu füllen, dann erstrahlte ihr von Ofenhitze gerötetes Gesicht vor Stolz, und ihre Augen leuchteten voll innerer Zufriedenheit. Wie jeden Tag um diese Zeit schlug das Schwarzwälder Uhrwerk zwölf, und der ihr innewohnende hölzerne Kuckuck verkündete mit kräftiger Stimme seinen Mittagsgruß.
Großvater war ein vollkommener Perfektionist. Selbst die endgültige Positionierung seines Tellers auf dem Esstisch musste täglich neu festgelegt werden.
Dafür sprachen nach seiner Auffassung gewichtige Gründe.
An klaren Frühlings und Sommertagen fand das Sonnenlicht gegen die Tagesmitte seinen Weg durch das enge Küchenfenster der großelterlichen Bauernstube, um dann, von seitlich rechts kommend, ziemlich genau im Suppenteller meines Großvaters einzutreffen. Hier ging sein langer Weg durch den Kosmos zu Ende. Nach Millionen von Kilometern, vorbei an Planeten und stellarem Staub, war es ihm vorbestimmt, sich in einfachem Gmundener Porzellan mit gekochten Fadennudeln und buntem Suppengemüse zu vermengen.
Doch das allein war meinem Großvater noch nicht genug.
Seine eigentliche Herausforderung bestand im Schattenwurf des Fensterkreuzes. Erst wenn sich durch geduldiges Verrücken des Tellers dieses heilige Symbol exakt im Mittelpunkt seiner Minestrone befand, war mein Großvater endgültig zufrieden.
Dann schob er die beiden mächtigen Enden seines struppigen Schnauzbartes ein wenig zur Seite, tauchte seinen großen Löffel in den Schnittpunkt des solaren Fadenkreuzes, und führte mit sicherer Hand die heiße Suppe zum Mund.
Niemals jedoch, ohne vorher durch kurzes Gebet dem allmächtigen Herrgott für seine Gnade gedankt zu haben.



Eingereicht am 01. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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