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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Also eigentlich 2006

© André Linke


Als sie bei ihrer Haustür ankam, blieb sie erstmal stehen, schloss die Augen und atmete tief durch. Für heute hatte sie sich vorgenommen, es ihm zu sagen. Mit ihm darüber zu sprechen. Es zu klären. Einen Schlussstrich zu ziehen. Für ihn würde das sehr überraschend kommen, denn bisher hat sie sich absolut nichts anmerken lassen. Aber heute musste sie mit ihm reden. Es ging nicht mehr anders. Es ging nicht mehr so weiter, wie es war. Nun war es zu spät, nun war es passiert: Sie hatte dieses Leben nicht nur satt, sie hatte sich auch neu verliebt. Allerdings wollte sie ihrem Mann nichts von ihrem neuen Lover erzählen. Und ihrem Kind. Die Trennung würde auch so schon hart genug werden. Für die anderen. Nichtsdestrotrotz nützte es nichts, weiter 'Heile Welt' zu spielen. Da musste sie heute nun durch, um anschließend ihr neues Leben beginnen zu können. Zerknirscht machte sie einen Schritt nach vorne, um langsam die Tür aufzuschließen. Dann schlenderte sie in ihr gemeinsames Haus. Zaghaft. Zerknirscht.
"Mami, Mami" Ein kleiner Blondschopf kam ihr entgegengelaufen. Es war ihre 6-jährige Tochter.
Die Mutter kniete sich vor ihr hin. Sie nahm sie in die Arme und lächelte sie an. "Na, mein Engel?" Mehr wollte ihr nicht einfallen.
Das war gar nicht nötig - die Tochter grinste zurück und lief davon, um weiterzuspielen.
Während sie wieder hochkam, schaute sie auf und sah ihren Mann im weißen Türrahmen stehen.
Er hatte die Arme verschränkt. "Hallo Schatz.", sagte er sanft.
"H-Hallo..."
Mit leicht besorgtem Blick ging er langsam auf sie zu. "Ist alles okay?"
Sie nickte nur. Anschließend brachte sie ein aufgesetztes Lächeln hervor. Er lächelte zurück. Sie gaben sich einen kurzen Kuss auf die Lippen. In aller Ruhe hing sie ihre Jacke auf.
"Tut mir Leid, dass es heute so spät geworden ist.", hörte sie sich selber schließlich sagen.
Sofort winkte er ab. "Ach, schon okay. Kommt ja nicht oft vor. Die Kleine und ich haben uns Spaghetti gemacht." Wieder lächelte er.
"Oh, sag bloß?" Es kam nicht oft vor, dass ihr Mann kochte. Meistens war er es, der länger arbeitete. Vormittags kam das Kindermädchen, damit sie zur Arbeit gehen konnte. Aber meistens kam sie schon nachmittags zurück und kümmerte sich um ihre Tochter. Meistens. Heute nicht. Heute war sowieso ein komischer, ein anderer Tag.
Die beiden gingen in die Küche - ohne etwas zu sagen. Er ging in die Küche, und sie folgte ihm. Was sie nicht wusste, war, dass er deswegen schnurstracks in die Küche ging, um ihr etwas mitzuteilen. Derweil saß ihre Tochter in der Stube und guckte das 'Sandmännchen'. In der Küche angekommen drehte er sich plötzlich um und lehnte sich gegen den Holztisch in der Mitte des Raumes. Ein wenig verdutzt blieb sie vor ihm stehen. Er nahm ihre Hände in seine. Er sah sie an, öffnete den Mund, doch es kam nichts heraus. Anschließend schaute er zu Boden und atmete tief aus. Jetzt war ihr klar, dass er etwas mit ihr zu besprechen hatte. Etwas, das ihm offensichtlich nicht leicht zu fallen schien.
"Was ist los?", fragte sie unsicher.
Ihr Gatte musste sich sammeln. Er hob den Kopf wieder hoch und schaute ihr tief in die Augen. "Melanie, ich..."
"Ja? Was? Was ist denn?"
Er presste die Lippen zusammen.
"Ist es wirklich so schlimm?", wollte sie wissen.
Nach einem Augenblick sagte er plötzlich nüchtern: "Ich will mich scheiden lassen."
Seine Frau dachte, sie hätte sich verhört. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie begriff, was er da gerade von sich gegeben hatte. "Äh, was... wie?"
"Tut mir Leid - ich kann so einfach nicht mehr weitermachen. Du weißt ganz genau, was ich meine." Auf einmal sprudelte es nur so aus ihm heraus. "Wir leben nur noch für unsere Arbeit und für unser Kind. Unser Sexleben ist eine Katastrophe, von unserer Liebe ganz zu schweigen."
"Ich... ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!", meinte sie entsetzt.
Ihr Mann wurde laut. "Ach, jetzt tu doch nicht so! Es kommt von uns beiden aus. Das weißt du."
'Ja.', dachte sie sich. 'Er hat Recht...'
"Außerdem,", fuhr er fort, "habe ich jemanden kennen gelernt."
Das traf Melanie wie ein Schlag ins Gesicht. Das tat sehr weh. Sie sagte nichts darauf. Ihr fehlten die Worte. Dieser Satz musste erst noch verarbeitet, nein, verdaut werden. Sie konnte nicht antworten. Nicht klar denken. Er wollte nicht nur Schlussmachen, er hatte auch längst eine Andere. Jetzt wusste sie es. Ihm ging es also genau wie ihr. Er wollte dieses Leben nicht mehr. Er wollte sie nicht mehr. Er wollte sich von ihr trennen. Er hatte längst eine Andere. Er brauchte sie nicht mehr. Nicht nur das. Er hatte längst eine Andere. Er war derjenige, der mit ihr Schluss gemacht hatte. Er hatte den ersten Schritt gemacht. Er hatte damit angefangen. Er wollte sie nicht mehr.
Als er sah, dass von ihr keine erkennbare Reaktion erfolgte, fügte er noch hinzu: "Für mich ist es beschlossene Sache. Es tut mir leid. Aber ich glaube irgendwie, dass du es ähnlich siehst."
Damit hatte er im Grunde Recht. Sie wollte die Trennung auch. Ein neues, anderes Leben. Ohne ihn. Mit einem anderen Mann, der viel älter war. Sie wollte alles hinter sich lassen. Weg von hier. Sich von ihrem Mann trennen. Um die Kleine kämpfen. Aber jetzt, wo er mit ihr Schluss gemacht hatte, so distanziert, so emotionslos, so direkt, schmerzte es unglaublich stark. In dem Moment konnte sie sich nicht erklären, warum es sie so sehr störte, dass er sie auch nicht mehr wollte. Aber sie spürte, wie weh es tat. Sie fühlte sich dreckig und hilflos. Irgendwas war falsch. Irgendwas machte sie jetzt unglaublich unglücklich. Man konnte es ihr sogar ansehen. Ihr Gesicht war verzerrt, ihr Blick verstört. Noch immer war sie sprachlos. Allmählich kamen ihr die Tränen, bis es sie letztendlich überkam und sie heulend nach oben ins Schlafzimmer lief und sich einsperrte. Darauf reagierte ihr Mann nicht. Er blieb in der Küche stehen und seufzte. Er merkte, dass auch seine Augen feuchter wurden. Obwohl er sich sicher war, dass es so für alle am besten war. Es war richtig. Das, und nur das. Sie wollte es bestimmt auch. Sie musste es bloß erst verarbeiten. Genau wie er. Und die Kleine. Oh Gott, ja, die Kleine. Das würde hart werden. Aber sie würden eine Lösung finden. Ganz bestimmt. Für alle stand ein neuer Lebensabschnitt bevor. Er kam nicht plötzlich. Er war schon lange fällig gewesen. Alle mussten sich umgewöhnen. Die Verwandten, die Freunde, die Kollegen, die Nachbarn, der Postbote - alle. Nur für sie selber kam es nicht überraschend. Für ihn nicht, und für sie auch nicht. Die arme Kleine. Aber das würde schon wieder werden, nahm er an. Wenig später konnte er sich aufraffen, um zu seiner Tochter zu gehen und sie spielerisch und fröhlich ins Bett zu bringen. Er wusste, dass er heute Nacht besser auf der Couch schlafen sollte. Sie wusste, dass sie sich morgen früh im Badezimmer umbringen würde.



Eingereicht am 01. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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