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Selbstmord

© Elisabeth Graf


Ein idealer Tag zum Sterben, dachte Ruth, während ihr Motorboot ruhig über die Gold glänzende See dahinglitt.
Ja, sie - Ruth Hahne, achtundzwanzig Jahre jung, im dritten Monat schwanger und verheiratet mit dem wohl größten Mistkerl südlich des Nordpols - würde aus dem Leben gehen.
Simone - diese blonde Hexe!
Sie hatte es darauf angelegt, sicher. Aber von einem Mann Mitte Dreißig konnte man wahrhaftig erwarten, dass er den Verlockungen eines billigen Luders widerstand - zumindest, wenn ihn zuhause eine schwangere Ehefrau erwartete ...
Er war ein charakterloser Idiot, der bereuen würde, was er ihr angetan hatte!
Ruth blickte zum Ufer zurück, das nur noch als dünner Streifen am Horizont auszumachen war. Genau hier sollte der Ort sein, entschied sie. An würde Stelle sollte das Leben von Ruth Hahne enden. Ein boshaftes Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. Sie schaltete den Motor ab und trat an den Bug.
Beinahe bewegungslos lag das Boot auf der glatten, spiegelnden Wasseroberfläche.
Das Wetter war endlich so, wie man es Ende Mai erwarten konnte: Die Frühlingssonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel und verbreitete wärmendes Licht.
In den letzten Wochen dagegen war der Himmel meist bedeckt gewesen und ein scharfer Wind von Skandinavien her hatte das Meer zum Schäumen gebracht.
Ruth atmete tief die frische, salzige Luft ein. Die Entschlossenheit in ihr wuchs.
Ihre rechte glitt Hand in die weite Tasche der dünnen Baumwolljacke und schloss sich fest um einen kühlen, harten Gegenstand: Eine Glasflasche, einst mit Ketchup gefüllt, nun aber leer und gründlich ausgespült.
Ihre linke Hand förderte unterdessen aus der anderen Jackentasche einen zusammengefalteten Zettel zutage.
Ruth schraubte den Deckel der Flasche herunter und ließ den Zettel durch die enge Öffnung fallen.
Was das Papier verbarg, wusste sie in und auswendig; sie hatte den Brief selbst verfasst:
Hallo, Bernie, du Mistkerl!
Ein zweites Mal wirst du mich nicht betrügen können, weil ich tot bin. Ruth Hahne gibt es ab heute nicht mehr. So weit die gute Nachricht.
Hier nun die Schlechte: Das Haus, in dem du wohnst, gehört einer Ruth Schulz, wie du weißt - einer Tochter aus wohlhabender Familie. Ebenso dein Auto, dein Boot und dein ungeborenes Kind. Ihr Anwalt, der zufälligerweise auch meiner ist, wird dafür sorgen, dass du dir dies alles abschminken kannst - sei gewiss.
Zieh Leine und grüße Simone von mir!
Ruth
Sie verschloss die Flasche fest, holte aus und schleuderte die Botschaft schwungvoll über Bord. Mit einem flüchtigen Platschen landete sie im Wasser, verschwand für einen Augenblick unter der Oberfläche, um im nächsten wieder aufzutauchen. Reglos trieb die winzige Flaschenpost auf der unendlichen See dahin, umrahmt von wachsenden Kreisen - sich ausbreitenden kleinen, Gold durchwirkten Wellen.
Gleich fühlte Ruth sich besser, obwohl sie ziemlich sicher war, dass ihr Mann diesen Brief nie finden und lesen würde. Eine zentnerschwere Last schien von ihrer Seele genommen.
Sie wendete das Boot und fuhr zurück in ein neues Leben.
Schulz, ihr Mädchenname, ragte einem Leuchtturm gleich aus dem Meer der unbekannten Zukunft und die Sonne am Himmel lächelte ihr zu.



Eingereicht am 10. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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