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Mutprobe

© Hannelore Sagorski


Mit ziemlich gemischten Gefühlen macht Laura sich heute auf den Weg in die Schule. Es ist ihr erster Schultag hier in Hamburg. Vor zwei Wochen ist sie mit ihrem Vater von Brandenburg nach Hamburg gezogen. Für ihren Vater war es ein Glücksfall, hier hat er endlich nach drei Jahren Arbeitslosigkeit einen Job gefunden. Und Laura hat gekämpft mit sich, - mitgehen, oder bleiben, diese Frage hat sie sich oft gestellt. Noch ein Jahr bis zum Abitur, und dann? Wahrscheinlich müsste sie Brandenburg dann auch verlassen. Und so fiel es ihr nicht all zu schwer ihre Freunde zurückzulassen, um nach Hamburg zu gehen.
Die Schule typisch für eine Stadt. Großer grauer Kasten, viel Beton. Raucherecke überfüllt, und überall stehen kleine Grüppchen, die ihr abschätzend hinterher gaffen. Laura interessiert das nicht. Sie geht zielstrebig in das Büro des Direktors, gibt ihre Anmeldung ab, und unterhält sich noch ein wenig über den Stand des Lehrstoffes. Nach dem Klingeln bringt der Direktor Laura in ihre Klasse. "Hier bringe ich euch eine neue Mitschülerin. Sie kommt aus Brandenburg, und ich hoffe, ihr helft ihr ein wenig bei der Eingewöhnung." "Ach du Scheiße, auch noch so ne Pflanze aus Dunkeldeutschland", tönt es aus der Klasse. Alles lacht. Laura bleibt cool, "wo soll ich mich hinsetzen", fragt sie mit Blick auf die Lehrerin. "Such dir einen Platz aus, sind ja noch zwei Plätze frei". Laura lässt ihren Blick schweifen. Ihre Augen bleiben an einem Mädchen hängen, das sich so klein macht, als wollte sie sich verstecken. Das ist der richtige Platz denkt Laura, und setzt sich zu ihr. Wieder ertönt Gelächter. Laura schaut ihr Gegenüber fragend an. "Ich bin Maren, und die lachen, weil du dich zu mir gesetzt hast." "So dann wollen wir mal zum Unterricht übergehen", fährt die Lehrerin gereizt dazwischen. Laura lässt die Stunde über sich ergehen. Reagiert nicht darauf, dass man sie mit Papierkugeln bewirft, oder ihre Antworten ins lächerliche zieht. Zur Pause zieht sie Maren mit in eine etwas stillere Ecke, und fragt, "was geht hier eigentlich ab"? Weiter kommt Laura nicht. Maren wird zur Seite gerissen und auf den Asphalt gestoßen, und Laura wird umringt von etwa acht Halbwüchsigen. Marc, den sie schon in der Klasse als Großmaul ausgemacht hat schiebt sie gegen eine Wand, drückt ihr den Arm an die Kehle und das Knie in den Bauch. Laura ist praktisch bewegungsunfähig. "Durchsuchen"; hört sie Macs Stimme. Viele Hände durchwühlen Lauras Taschen. Alles wird herausgeholt, vom Handy bis zum Tampon. Geld Handy und Lauras Uhr nimmt Marc an sich, der Rest wird auf den Boden geschmissen. Marc droht ihr noch mit der Faust, und schreit; "So, jetzt weißt du, wo's lang geht. Ich bin hier der King, alle machen hier, was Ich sage. Wage es ja nicht, dich irgendwo zu beschweren, das würde deinem hübschen Gesicht nicht gut tun. Und ab sofort zahlst du jeden Monat 20 Euro Schutzgeld, - oder du machst eine Mutprobe, und wirst in unsere Clique aufgenommen".
Was denn für eine Mutprobe"; fragt Laura. "Bangeesprung, am Samstag, unten im Südhafen. Wenn du springst, gebe ich dir sogar dein Handy zurück, wenn nicht, zahlst du." Dabei grinst er Laura so frech ins Gesicht, dass sie ihm am liebsten eine rein hauen würde.
So schnell, wie der Spuk begonnen hat, ist er auch wieder vorbei. Laura begreift schnell. Abgezogen hat man sie, eiskalt abgezogen. Auch Maren hat sich wieder aufgerappelt, geht langsam auf Laura zu, lacht spitzbübisch vor sich hin. "Warum lachst du"? "Marc hat Angst vor dir, du könntest ihm gefährlich werden". "Wieso"? " Ich bin jetzt das zweite Jahr hier, habe Marc beobachtet. Die Schwachen und Ängstlichen werden in Angst und Schrecken versetzt, da macht keiner den Mund auf. Die zweite Gruppe zahlt stillschweigend, so wie ich. Und Schüler wie du, die selbstbewusst sind, und sich nicht so leicht einschüchtern lassen, versucht er in seine Clique aufzunehmen".
"Meinst du wirklich"? "Ja, klar, der will dich eindeutig auf seine Seite ziehen, und, wirst du springen"? "Das weiß ich noch nicht, habe ja noch ein paar Tage zum Überlegen". So vergehen die nächsten Tage. Laura weiß nicht so recht, wie sie sich entscheiden soll. Erpressen lassen? Jeden Tag erhält sie ein bis zwei Drohbriefe von Marc. Eigentlich dumm von ihm, sie könnte ja mit den Briefen zur Polizei gehen. Oder springen? Angst empfindet Laura bei diesem Gedanken nicht. Sie hat nie etwas übrig gehabt, für diese Idioten, die sich ohne Grund in die Tiefe stürzen. Und jetzt soll sie springen, obwohl sie so einen Sprung für schwachsinnig hält. Laura kann einfach keine eindeutige Entscheidung treffen, und so macht sie sich am Samstag, mit Maren, auf den Weg in den Südhafen.
Schon von weitem sieht man die Sprunganlage. Laura spürt ein leichtes Kribbeln in der Magengegend. Es sind nicht sehr viele Leute auf dem Platz. Wohl alles eingefleischte Bangeespringer. Marc hat für den Sprung schon alles klar gemacht, und fährt mit Laura nach oben auf die Plattform. Ganz schön hoch, denkt Laura mit Blick nach unten. Das Kribbeln in der Magengegend vervielfältigt sich. Sie hat das Gefühl, als würden tausende von Ameisen durch ihren Körper krabbeln. Das Seil wird an ihren Füßen befestigt, und dann steht Laura am Absprungplatz. Viele Gedanken schießen ihr durch den Kopf. Sie horcht in sich hinein. Eine Stimme sagt, "spring nicht, du willst doch gar nicht springen, lass dich nicht zwingen" "Spring jetzt endlich", hört sie Marcs Stimme. Aber Laura kann nicht. Sie fühlt sich schwer wie ein Stein, der sich nicht bewegen lässt. Außerdem erinnert sie sich an den Spruch ihres Vaters, "tue nie etwas, was du nicht wirklich willst". Laura spürt ganz deutlich, sie will nicht. Langsam setzt sie sich hin, lässt sich das Seil von ihren Füßen lösen. Marc ist außer sich vor Wut. Bezeichnet sie als feige Sau, Schlampe und droht ihr Schläge an. Laura aber fühlt sich gut. Sie findet es viel mutiger, auch mal nein zu sagen. Wütend blickt sie Marc in´s Gesicht. "Du bist doch der größte Arsch, legst dich nur mit schwächeren an, hast ein großes Maul nur in der Gruppe. In eure bescheuerte Clique will ich gar nicht, Schutzgeld bezahle ich auch nicht, und wenn du mich nicht in Ruhe lässt, zeige ich dich an. Und jetzt kannst du meinetwegen selber springen". Marc hat es die Sprache verschlagen. Ihm kommt nur ein wütendes "ja, mach ich auch", über die Lippen. Das Seil wird an seinen Füßen befestigt, und dann stürzt er sich unter dem Gegröle der Zuschauer in die Tiefe. Plötzlich ist es totenstill. Laura schaut nach unten. Da liegt Marc leblos auf dem Platz, das Bangeeseil ist gerissen.



Eingereicht am 10. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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