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Kleine Unterschiede

© Christine Kühnel


Helga und Brunhild kennen sich schon lange. Fast ein ganzes Leben lang. Sie sind zusammen aufgewachsen und haben sich auch in den darauf folgenden Jahren trotz (mehrfacher) Ehen und einzelner Kinder niemals ganz aus den Augen verloren. Jetzt sind sie in dem Alter, in dem man als Frau seine Schuldigkeit getan hat. Die Kinder sind aus dem Haus und die Männer unter der Erde. Den von Helga hat es erst vor einem Jahr erwischt, Brunhild wäre schon früher startklar gewesen.
Die erste gemeinsame Pauschalreise auf eine sonnige Insel ist nun zur Wirklichkeit geworden, doch leider ist ihnen schon nach wenigen Tagen aufgefallen, dass der sporadische Kontakt während der Zeiten der Pflichterfüllung sie weiter voneinander entfernt hat, als sie dachten. Es ist kein Tag vergangen, an dem es keinen Streit gegeben hätte und jede von ihnen wollte mindestens schon zwei Mal vorzeitig nach Hause fliegen. Zurückgehalten hat sie nur der Gedanke, dass sie sich in einem Alter befinden, in dem die meisten Bekannten schon die Radieschen von unten betrachten. Lästereien über Verstorbene sind es dann auch, die sie meist wieder versöhnen, auf dem Balkon, auf dem sie meist vom frühen Abend an bis tief in die Nacht sitzen und über alte Zeiten plaudern. Bei den alten Damen hat im Wechsel so ziemlich jedes Körperteil oder Organ nach und nach seine Effizienz auf ein Minimum heruntergefahren, aber Helga ist ein anatomisches Wunder, denn sie hat ein Lungenvolumen, das es ihr erlaubt hat, ihren Gatten als Passivraucher mittels einer Lungenkrebserkrankung in die ewigen Jagdgründe zu entlassen, während sie bergauf selbst mit vollem Einkaufswagen nicht ins Keuchen gerät.
Brunhild ist es deswegen lieber, wenn ihre Freundin vom Balkon aus die Atmosphäre verpestet. Wenn sie dann schlafen gehen, sich in die getrennten Betten in die kühlen Laken legen und durch die geöffnete Balkontür das Rauschen des Meeres hören, dann drehen sie sich über kurz oder lang den Rücken zu und fragen sich, wo die Jahre geblieben sind. An einem Abend beschließen sie, am nächsten Morgen eine Wanderung durch den Wald zu machen, um sich auf einer verlassenen Lichtung weit bergauf ein wenig zu sonnen und vielleicht wieder jung zu fühlen. Schon auf dem Weg nach oben gibt es erste Unstimmigkeiten. Die gotteslästerlichen, von dickem Rauch untermalten Balkon-Gespräche haben bei Brunhild in der letzten Nacht zu einem ernst zu nehmenden Mahr geführt. So zumindest lautet ihre Sicht der Dinge. Helga schiebt es auf die nächtlichen Imbisse, die Brunhild in aller Heimlichkeit zwischen drei und vier Uhr morgens zu sich zu nehmen pflegt. Es kommt wieder einmal zu einer heftigen Auseinandersetzung. Das letzte Stück des Aufstieges sprechen sie kaum mehr ein Wort miteinander und auf der Lichtung angekommen, herrscht ein eisiges Schweigen zwischen ihnen. Einzig und allein die Tatsache, dass sie nur eine Liegedecke bei sich haben, zwingt sie zu ein wenig Nähe. Die Sonnencreme bleibt im Rucksack und so liegen sie da und werden bald rot in der unbarmherzig brennenden Sonne, aber jede ist zu stolz, um die Andere zu bitten, sie einzucremen.
Und dann geschieht es.
Während sie so daliegen, ist ein unheimliches Geräusch aus einem nahe liegenden Gebüsch zu hören. Was schrecken sie alle beide hoch und krallen sich im Reflex aneinander!
"Ein Bär", haucht Brunhild.
"Ein Spanner!" Zischt Helga.
Es bleibt still im Gebüsch. Sie sehen sich an und lachen. Umarmen sich und reden aufgeregt wie junge Mädchen aufeinander ein. An diesem Abend versteckt Brunhild den größten Teil von Helgas Zigaretten, während Helga am Kühlschrank mahnende Zettel für Brunhild anbringt.
Sobald sie wieder zu Hause sind, werden sie sich eine gemeinsame Wohnung suchen.



Eingereicht am 14. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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