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Herzklopfen an Muttertag

© Elisabeth


Die Sonne lugte durch die Ritzen der Fensterläden.
Martina wachte mit einem Gefühl der Freude auf. Heute ist Muttertag, heute würde sie wieder eine etwas Zeit mit Andrea verbringen können. Wenn auch nur am Telefon, aber egal, ein Gespräch stellt für kurze Zeit immer wieder die alte Vertrautheit zwischen Mutter und Tochter her, wusste sie.
Energisch die mit Veilchen bedruckte Bettdecke zurückschlagend, setzte sie sich mit einem Ruck auf. "Halt, erst eine Minute auf dem Bettrand sitzen bleiben, das ist für den Kreislauf gut", disziplinierte sie sich.
Um die Zeit zu nutzen, machte sie mit den Armen einige Dehnübungen, bevor sie endlich aufstand. Während sie die Fensterläden aufklappte, erfreute sie sich wie jeden Morgen an ihrem wunderschönen Garten und dem jubilierenden Gesang der Vögel.
"Guten Morgen meine Liebe", begrüßte sie dann die riesige Pflanze mit den unzähligen dunkelgrünen Blättern, aus deren Mitte eine wunderschöne orangefarbene Blüte ans Licht strebte.
Martinas Tochter hatte ihr die inzwischen groß gewordene Clivia vor vielen Jahren zum Muttertag geschenkt. Seitdem thronte diese in ihrem Schlafzimmer. Ihre Marotte, mit all ihren Pflanzen zu sprechen, wurde von vielen belächelt, das war ihr wohl bewusst, störte sie aber nicht im geringsten.
Gut gelaunt genoss Martina nach der Morgentoilette ihren Kaffee und die selbstgebackenen Rosinenbrötchen. Ein rascher Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass Zeit genug war, um noch im Garten ein wenig zu werkeln."Andrea schläft ja sonntags gerne lange und gestern war sie auch mit ihrem Freund aus" erinnerte sich Martina an das letzte Telefonat.
Oh ja, sie würde endlich die kleine Mahonie, die sich selbst ausgesamt hatte, ausgraben und ihr einen Platz im hinteren Teil des Gartens geben. Gesagt, getan. Martina band sich die halblangen, mittlerweile von grauen Strähnen durchzogenen dunklen Haare zusammen, zog sich ihre Gartenjeans an und holte den Spaten aus dem Schuppen.
Frau Müller, ihre geliebte Haustigerin erhob sich träge von ihrem Fensterplatz. Meist verbrachte sie die Nächte im Schuppen, seitdem ihr Martina vermittelt hatte, dass sie absolut keinen Wert auf ihre Beiträge zur Essensbeschaffung legte. Frau Müller war anfangs tief beleidigt, wenn die mitgebrachten Mäuse keine Begeisterungsstürme auslösten. Aber Martina machte mit größtmöglicher Beherrschung Frau Müller klar, dass sie lieber Brötchen statt Mäuse isst. Das ist und bleibt das einzige Missverständnis der Beiden. So gingen Martina und Frau Müller einträchtig durch den Teil des Gartens, der sich im Laufe der Jahre zu einem romantischen Idyll entwickelt hatte. Die riesige Wildrosenhecke glich dem Eingang zum Dornröschenschloss. Das Biotop, das Andrea vor Jahren angelegt hatte, bietet Fröschen und Kröten Lebensraum. Die Sumpfblüten locken Schmetterlinge an und die in der Mitte des Teiches liegenden Natursteine geben den Vögeln die Möglichkeit ihren Durst zu stillen.
Martina glaubte das Lachen ihrer Tochter zu hören, so sehr war sie in ihre Gedanken an die Vergangenheit vertieft. "Alles hat seine Zeit", sagte sie melancholisch zu Frau Müller. "Aber komm, lass uns unsere Arbeit tun und nicht in Trübsinn verfallen". Damit kam Ihre alte Energie wieder zu Tage und sie nahm die Mahonie, die sie vor dem Spaziergang in den hinteren Grundstücksteil ausgegraben hatte. Der neue und endgültige Platz für den Strauch war auch schon ausfindig gemacht worden. Ganz an der äußersten Grundstücksgrenze, dort wo der neue Nachbar wohnte. Nur einmal hatte sie ihn ganz kurz gesehen." Anscheinend führt er ein ebenso zurückgezogenes Leben wie ich", dachte sie flüchtig, während sie sich ihrer Arbeit zuwandte. Dabei bemerkte sie, wie Frau Müller ihren Schwanz heftig hin und her bewegte. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas ihr bis jetzt behagliches Gefühl störte. Martina schaute suchend nach dem Grund für Frau Müllers Verärgerung um sich und sah mitten in ein wettergegerbtes Gesicht. "Das muss der Nachbar sein" fuhr es ihr durch den Sinn. Sekundenlang sahen sich Beide wortlos an, bevor er: "Roland Berger, guten Tag" sagte. "Martina Langner, hallo" hörte sich Martina hölzern antworten. Beide sahen einander an und empfanden wohl das Gleiche. Um Fassung ringend, nicht verstehend, was der Sturm der Gefühle, der sie erfasste, bedeutete. Keiner kannte den Anderen und glaubte doch, vertraut zu sein. Spürten die Anziehungskraft, die sie aufeinander ausübten. Berger straffte sich und wollte etwas sagen, während sein Blick ihren nicht losließ. Im gleichen Augenblick hatte auch Martina das Gefühl, eine Bemerkung machen zu müssen, um die Situation aufzulockern. Das gleichzeitige Sprechen nahm die Spannung von ihnen und sie lachten beide herzlich. Bergers Augen waren mit einem Kranz von vielen Lachfältchen umgeben, sein Gesicht vermittelte trotz seiner Kantigkeit, Vertrauen. Dies ging alles blitzschnell durch Martinas Gedanken, während sie bemüht war, ihre Fassung wieder zu gewinnen. Kurz entschlossen fragte sie ihn, ob er einen Kaffee mit ihr trinken wollte. Der Muttertag würde ihr sowieso nicht das bringen, was er früher für sie bedeutet hat, versuchte sie ihm zu erklären. "Aber sehr gerne" kam seine Antwort schnell. So verabredeten
sie ein Treffen auf Martinas Terrasse. Dazu musste Berger den Weg zurück zu seinem Haus laufen, denn beide Anwesen waren eingezäunt und seitlich durch die Dornröschenhecke getrennt. Er war nur an die Grundstücksgrenze gegangen, um nachzusehen, warum der angrenzende kleine Bach kein Wasser mehr lieferte.
Der Grund dafür war ein kleines Stauwehr aus Ästen und Steinen, die sich da angesammelt hatten, erzählte er ihr später. Beschwingt lief Martina ihrem Haus zu und Berger ging schnellen Schrittes in die andere Richtung, um kurze Zeit später aufgeregt, wie vor vielen Jahren, ein Rendezvous zu haben. Vergessen waren seine Enttäuschungen. Nach jahrelanger Zurückgezogenheit, drängte es ihn, dieser ihm fremden Frau nahe zu sein. Für Martina hingegen war plötzlich kein Muttertag mehr, keine wehmütigen Erinnerungen machten noch melancholisch. Es war Valentinstag mitten im Mai ...



Eingereicht am 14. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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