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Vorübergehendes Leiden

© Susanne Hagedorn-Menge


"Agnes!" Der Schrei durchschnitt die Nacht, durchschnitt ihren Traum.
Mühsam tauchte sie aus den gnädigen Tiefen des Schlafes in die Wirklichkeit. Das Nachtlicht im Flur warf einen hellen Streifen unter dem Türschlitz und wurde von der Dunkelheit im Schlafzimmer verschluckt.
"Agnes!!" Lauter diesmal, fordernder, begleitet von einem rhythmischen Klopfen gegen die Wand. Sie tastete nach dem Lichtschalter, wie ein Blitz durchzuckte das Licht ihre Augen. Stöhnend richtete Agnes sich auf, ihr war schwindelig, ein wenig übel - aber das war jetzt unwichtig, völlig unwichtig.
"Agnes! Hilfe!" Der Schrei wurde durchdringender.
Agnes stemmte sich hoch, vom Rücken durchzuckte ein spitzer Schmerz ihren Körper, kurz hielt sie sich am Schrank fest, dann schlurfte sie ins Nebenzimmer.
Geruch von Kot und Urin, der sich mit den säuerlichen Ausdünstungen von Krankheit mischte, schlug ihr entgegen. Mühsam bekämpfte sie den aufkommenden Würgereiz.
"Warum kommst du nicht?" Eine weinerliche Fistelstimme drang durch die Dunkelheit.
"Ich habe geschlafen." Agnes drehte den Lichtschalter und das aufflackernde Deckenlicht beleuchtete das gelblich eingefallene Totengesicht der Greisin, die einmal ihre Mutter gewesen war. Der zahnlose Mund der Alten öffnete sich wie eine Höhle, Speichel floss aus den Mundwinkeln.
"Hmm...kch....hmmm" sie spuckte röchelnd. Agnes richtete ihre Mutter auf und hielt ihr ein Taschentuch unters Kinn. Hustend würgte sie Rotz und Schleim hervor.
"Du schläfst... und ich?" mühsam presste sie die Worte ihrem kurzen Atem ab.
"Ja Mutter... ich weiß, komm ich mach dich wieder sauber," behutsam umfasste Agnes mit dem rechten Arm den dürren Oberkörper, während sie mit dem linken, die Hüfte der Greisin stützend, die Beine aus dem Bett schob. Die Knie der Mutter zwischen die ihren geklemmt, den Oberkörper stützend an sich gepresst, gleichzeitig mit der andern Hand den Po umfassend, sah es aus als tanzten sie einen makabren Totentanz, während Agnes die Mutter vorsichtig vom Bett auf den bereitstehenden Toilettenstuhl bugsierte.
Den Toilettenstuhl, den sie im Scherz oft "Mutters Thron" nannte, hatte sie bitter erkämpfen müssen. Vor einem Jahr, ein halbes Jahr nachdem ihre Mutter pflegebedürftig geworden war, und nach vielen Anträgen, hatte ihn die Krankenkasse schließlich bewilligt. Alles war Kampf seit damals. Die Mutter kämpfte um jeden Atemzug, Agnes um jede Bewilligung von Hilfsmitteln und Pflegeleistungen, um jedes Quäntchen Kraft - den Kampf mit ihrem Rücken hatte sie bereits aufgegeben.
Nachdem sie die Bettwäschen gewechselt, die Mutter gewaschen und mit Windeln und frischem Nachthemd versorgt hatte, brachte sie sie wieder zu Bett. Die Greisin fiel in einen todesähnlichen Schlaf.
Agnes ließ sich auf "Mutters Thron" fallen. Selbst zu erschöpft um sich wieder hinzulegen starrte sie aus dem Fenster in den beginnenden Morgen.
Die Türglocke riss sie aus ihrem Dämmerschlaf. Sie musste wohl doch eingeschlafen sein, der Wecker stand auf halb neun. Gähnend wankte Agens zur Tür. Schwester Hedwig vom Pflegedienst stand draußen.
"Morgen Frau Melzin - oh je! Hab ich sie aus dem Bett geholt? War wohl wieder eine unruhige Nacht, was?" Ohne sich in ihrem Redeschwall stoppen zu lassen, bahnte Hedwig sich ihren Weg in das Krankenzimmer, die Tür ließ sie einen Spalt offen.
Während Hedwig die Greisin versorgte, setzte Agens Kaffe auf und bereitete sich ein Frühstück zu, für die Mutter pürierte sie Erdbeeren mit Joghurt.
"Sagen Sie mal, Frau Melzing, was ist denn aus Ihrem Antrag für Ihre Kur und die Kurzzeitpflege für die Mutter geworden?", rief Hedwig aus dem Nebenraum
"Abgelehnt!"
"Wie abgelehnt? Sie haben doch wohl Anspruch auf eine Kur, bei allem was Sie durchmachen!"
"In meinem Alter finanziert die Kasse keine Kur mehr, außerdem seien meine Rückenschmerzen laut ärztlicher Diagnose nur ein "vorübergehendes Leiden", das sich auch durch Physiotherapie am Ort beheben lasse."
"Na hoffentlich sind diese Menschen, die so was entscheiden, auch ein "vorübergehendes Leiden", das ist doch furchtbar. Sie dürfen sich das nicht gefallen lassen, Sie müssen kämpfen, Frau Melzin."
Wenn du wüsstest um was ich alles kämpfe, jeden Tag, dachte Agnes. Laut sagte sie
"Lassen Sie man gut sein, ich komm schon klar, es gibt immer eine Lösung."
"Sie sind eine tapfere Frau, Frau Melzin, bewundernswert, wie Sie das alles schaffen, wirklich, aber auch Ihre Kraft ist begrenzt."
"Wem sagst du das," murmelte Agnes in Richtung Kaffeemaschine.
"Woll`n sie ne Tasse Kaffee mittrinken, Schwester Hedwig."
"Ne danke, ich muss weiter, bin schon im Verzug." Lächelnd trat Hedwig aus dem Krankenzimmer. .
"Ich hab mal ne Duftlampe angemacht und durchgelüftet. Wenn ihre Mutter morgen noch Durchfall hat, muss sie wohl doch an den Tropf." Sie wusch sich schnell die Hände.
"Tschüß Frau Melzin, morgen hab ich frei, das kommt Schwester Sabine.
Machen Sie`s gut."
Einen schwachen Lavendelduft hinter sich zurücklassend, wehte sie durch die Tür. Agnes` "Tschüß" hatte sie nicht mehr gehört.
Agnes nahm den Laib Brot und schnitt ihn auf, sie betrachtete lange das Messer. Dann ging sie in das Zimmer ihrer Mutter. Die Alte lag wie tot, ihr Atem, unregelmäßig und flach, stockte. Behutsam streichelte Agnes das eingefallene Gesicht, strich eine weiße Haarsträhne zurück und küsste sie auf die Stirn.
"Ach Mutter, lass uns Frieden finden." Sie legte sich neben die tief Schlafende und massierte ihren Rücken. Langsam richtete sie sich auf und drückte der Greisin mit der einen Hand das Kissen ins Gesicht, mit der anderen streichelte sie ihre Hand. "Es ist vorbei Mutter..." Sie spürte eine leise Bewegung in ihrer Hand, sanft wie ein Schmetterlingsschlag, ein kurzes Stöhnen, dann war Ruhe. Sie nahm das Kissen vom Gesicht der Mutter und betrachtete sie. Ganz friedlich lag sie da, kaum zu unterscheiden von einer Schlafenden. Der Mund war geöffnet, die dünnen Lippen spannten sich über den zahnlosen Kiefer nach innen, die Augen lagen geschlossen in tiefen Höhlen. Agnes nahm eine Mullbinde und band ihr das Kinn hoch. Dann zündete sie eine Kerze an und betete "…und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben..." die Stimme versagte ihr. Sie setzte sich auf "Mutters Thron" und schnitt sich die Pulsadern auf. Draußen leuchtete die Frühjahrssonne in den Baumwipfeln. Sie sah zu wie das Blut aus ihrem Körper pulsierte. Es sah schön aus, das rote Blut auf den hellen Fliesen, ein Sonnenstrahl fiel durch das Fenster Sie fühlte sich leicht - endlich Frieden.



Eingereicht am 15. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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