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Das Mädchen

© Katharina Schellenberg


Noch einmal atmete sie durch und schloss die Augen. Dann öffnete sie sie wieder und starrte wie gebannt in den Spiegel, wo sie einem Mädchen entgegen blickte, das es nicht mehr aushalten wollte. Tränen flossen ihre Wangen hinunter, ihre schwarz gefärbten Haare waren vor ihrem Gesicht. Wütend sah sie ihr Spiegelbild an und tat ihre Haarsträhnchen mit der rechten Hand hinter das Ohr. Mit der anderen wischte sie sich die Tränen weg. Plötzlich packte sie in die Schublade, die sie rechts von sich geöffnet hatte, und holte einen Kamm raus. Dabei fiel ihr Blick auf ihren Arm. Er war total zerkratzt, so wie auch ihr anderer Arm. Eine Menge blauer Flecke waren auch zu sehen, sogar eine Brandwunde befand sich auf ihrem Oberarm. Als sie den Kamm berührte, hielt sie erst inne, dann ergriff sie ihn und kämmte ihr Haar.
Sie schloss wieder ihre Augen. Dann - als sie das tat - kamen die Bilder der Anderen. Sie schubsten sie wieder rum, traten und schlugen auf sie ein. Sie versuchte sich zu wehren, schaffte es jedoch, trotz der Mühe, nicht. Plötzlich hielten sie zwei der Mädchen an die Wand, sodass sie sich nicht mehr bewegen konnte und rissen ihre rechte Armstulpe runter und den Ärmel des Pullovers von ihr hoch. Die Mädchen grinsten und die anderen drei auch, die nur dabei standen und zuschauten. Sie schauten sie an und taten nichts dagegen. Dann wurde plötzlich eine von ihnen ernst, trat aus der Menge und nahm ihre Zigarette aus dem Mund. Sie kam langsam auf die Schwarzhaarige zu. Als sie dann bei ihr war, blickte sie ihr nur in die Augen und lächelte noch mal, bevor sie ihr die glühende Seite der Zigarette an ihren Arm drückte und diese auch noch genussvoll drehte.
Plötzlich packte sich das Mädchen an ihre Brandnarbe auf ihrem Arm und strich leicht darüber, während sich ihre Augen wieder mit Tränen füllten. Wieder schaute sie zum Spiegel auf und packte an die kalte Fläche. Dann begann sie zu schniefen. Wieso bist du so anders? Wieso verstehen sie nicht, dass du nicht anders sein kannst? Wieso tun sie dir immer wieder deshalb Leid an? So viele Fragen schwirrten in ihrem Kopf, und keine einzige Antwort lies sich darauf finden. Wie hypnotisiert schaute sie dir himmelblauen Augen an und versuchte sich wenigstens eine Antwort zu finden. Doch nichts. Nichts war in ihnen. Keine Liebe, Freude oder andere Gefühle - außer Verzweiflung, die sie in den Wahnsinn trieb. Sie konzentrierte sich stark und wandte ihren Blick nicht ab. Dann - als auf einmal ein plötzlicher Hass in ihr aufkam - nahm sie ihre ganze Kraft und schlug mit ihrer rechten Faust auf die kalte Fläche. Spliter des Spiegels flogen durch den Raum. Und eine plötzliche Ruhe überkam sie, als sie auf den Boden schaute, wo sie die ganzen Scherben sah. Nach wenigen Sekunden bemerkte sie ein Brennen in ihrer rechten Faust. Sie schaute sie sich an. Blut strömte an der Hand entlang. Und als sie den Arm hob, rann es das Handgelenk hinunter und dann weiter entlang, bis sie wieder ihren Arm runter tat. Sie starrte dann weiter auf den Boden, wo bald auch eine kleine Blutpfütze war. Still stand sie da im Raum und schaute wieder dahin auf, wo vorhin der Spiegel war. Langsam bückte sie sich, den Blick immer noch nach vorne richtend, und hob eine große Scherbe auf. Dann schaute sie sie an. Betrachtete ihr Gesicht und fasste sich mit der blutenden Hand an die Stirn und die Wangen. Sie strich langsam und leicht über die Maske, die sie all die Jahre immer auf hatte. Die blasse und doch starke Maske aber schien zu zerbrechen und sie nicht mehr schützen zu können. Sie schien plötzlich sie niemals beschützt zu haben. Noch eine Träne rollte über ihr blutverschmiertes Gesicht. Sie schniefte wieder, bekam mehr Tränen in den Augen und biss sich verbittert auf die Unterlippe, um sich vom Weinen abzuhalten. Sie lehnte sich an die Tür und lies sich langsam auf den Boden nieder, neben dem Spiegel, neben dem Mädchen, wesen Maske gerade zersplittert ist. Dem Mädchen, das nichts anderes weiß als zu weinen. Das Mädchen, was jetzt nichts anderes weiß, als aufzugeben stark zu sein - stark zu wirken. Plötzlich brach ein furchtbares Weinen aus und sie vergrub ihr Gesicht in ihre Hände. Das Weinen hielt vielleicht nur kurz an, beanspruchte jedoch viel Energie. Kraftlos und verzweifelt schaute sie zur Seite und bekam plötzlich einen Ausdruck von Hoffnung - Hoffnung, die aus Verzweiflung und Panik entspringt. Sie starrte zu den Scherben, die neben ihr lagen. Dann nahm sie wieder eine Scherbe in die Hand und setzte sie an ihre Pulsschlagader. Sie atmete tief ein und aus. Versuchte Ruhe in sich zu fangen, als sie plötzlich ein Kratzen an der Tür hörte. Sie schreckte erst auf und lies fast die Scherbe fallen. Sie blieb still. Das Kratzen ging weiter. Und plötzlich hörte sie ein Miauen. Sofort stand sie auf und schloss die Tür auf. Eine schwarze Katze trat ins Zimmer. Schnurrend schmiegte sich das Tier an das Bein des Mädchen und lies sich leicht fallen und rollte sich dann auf den Rücken. Aus den großen, runden blauen Augen schaute das Tier sie an. Worauf auf einmal ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht des Mädchens sichtbar wurde. Sie setzte sich zu der Katze runter und strich ihr über den Bauch, die sich darauf zufrieden von der einen Seite auf die andere rollte. Ein Hauch des Glücks ließ sich wieder auf dem Gesicht des Kindes blicken. Das Tier stand auf und drückte sich an sie, leckte ihre Wunden an der Hand und hüpfte ihr auf den Schoß. Dann schaute das Mädchen zur Glasscherbe, die sie noch in der linken Hand hielt. Dann wechselte sie den Blick zu ihrer kleinen Freundin. Wieder lächelte das Mädchen und verlor eine Träne.



Eingereicht am 15. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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