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Schicht

© Thomas Fischer


Es ist zu Ende. Wir gehen in die Umkleideräume. Es ist zum letzten Mal. Alles was wir heute getan haben, war zum letzten Mal. Das letzte Mal die Maschinen an und abgestellt, das letzte Mal durch die fleckig grauen Hallen gegangen, das letzte Mal in den Pausen zusammengehockt.
Ich öffne die Tür des Spindes, nehme die große Tasche heraus, die extra für heute mitgebracht habe und werfe die Dinge, die im Spind liegen, hinein. Einige von den Kollegen versuchen Witze zu machen und zu lachen, so wie eben immer. Aber es ist nicht wie immer, das wissen sie auch und deshalb sind ihre Witze auch eher grimmig. Ein Älterer sitzt in der Ecke, den Rücken an die Spindtür gelehnt und weint. Er hält die Hand vor das Gesicht, aber ich kann deutlich am Rucken seiner Schulter, an der Bewegung seines Kopfes erkennen, dass der heult. Ich kenne ihn seit fünfzehn Jahren, solange wie ich hier arbeite. Einer kommt splitternackt aus den Duschräumen. Er flucht, das warme Wasser sei schon abgestellt.
Ich muss mich jetzt regelmäßig auf dem Amt melden. Vielleicht finde ich ja doch wieder mal eine Arbeit. Aber als Stahlgießer? Nee, das wohl nicht. Stahl, Gussstahl, das braucht hier niemand mehr und das was gebraucht wird kommt von woanders her. Vielleicht kann ich im Straßenbau unterkommen. Es ist wenigstens Arbeit, wenn auch schlecht bezahlte. Aber Stahlgießer das ist ein Beruf, mein Beruf. Wenn ich gar nichts mehr kriegen sollte, ich bin ja nun nicht mehr ganz jung, das kommt noch dazu, muss ich eben sehen wie ich meine Tage rum kriege. Mit dem Arbeitslosengeld und später der Stütze könnte ich schon leben. Ich könnte keine großen Sprünge machen, das ist klar, aber das habe ich bis jetzt auch nicht gemacht. Ich bin nie großartig verreist, nach Spanien oder sonst wohin, will ich auch gar nicht. Was soll ich dort? Am Strand liegen? Das ist doch langweilig. Und wegen dem schönen Wetter dorthin, weil es schön warm ist dort? Ich bin Stahlgießer, ich arbeite... arbeitete jeden Tag mit flüssigem Stahl, da braucht es im Urlaub nicht auch noch heiß sein. Nee, das brauche ich alles nicht. Mal auf ein Bier in die Kneipe, das ja. Aber sonst, ich mach mir ja eh nicht so viel aus Geld, hab mich nie nach Akkordarbeit gedrängt. Nur mit den Alimenten wird es jetzt auch weniger. Schade für Eva und den Jungen. Aber das liegt ja nicht an mir, das muss sie einsehen.
Einer von den Jüngeren tritt mit den Metallkappen seiner Arbeitschuhe die Tür seines Spindes ein. Tritt immer wieder dagegen bis nur noch ein Haufen verbogenes Blech übrig ist vom ganzen Spind. Dabei sieht sein Gesicht nicht einmal zornig aus. Ein Riesenkerl, breite Schultern, kräftige Oberarme, kahl rasierter Schädel, aber macht ein Gesicht wie ein hilfloses Kind, während er den Spind zu Schrott verarbeitet. Die anderen sehen ihm dabei zu. Sie beobachten ihn, wie man ein gefangenes Insekt betrachtet das sich verzweifelt versucht zu befreien und dabei ein interessantes Verhalten offenbart. Als der Junge sich erschöpft und resignierend auf die Bank fallen lässt, schauen die anderen noch eine Weile zu ihm hin. Keiner sagt etwas zu ihm.
Ich ziehe meine Arbeitsklamotten aus und schmeiße sie in die Tasche. Was soll ich bloß mit den kommenden Tagen anfangen? In der nächsten Zeit könnte ich meine Wohnung renovieren. Aber das ist auch Blödsinn. Vielleicht gehe ich zu den anderen, die sich immer vor dem Spätverkauf von dem Fidschi treffen. Ich kenne sie alle. Die haben früher alle im Werk gearbeitet, wie die meisten hier in der Gegend. Einige von denen haben schon zu den ersten gehört, die rausgeflogen sind, schon vor drei Jahren. Es waren nicht die besten Arbeiter, aber na ja, es sind trotzdem ein paar nette Kerle darunter. Die trinken jeden Tag dort Bier, das der Fidschi ihnen verkauft. Es sind seine besten Kunden, mit denen macht er ordentlich Umsatz. Wenn es regnet lehnen sie sich an die Mauer unter den Dachvorsprung. Sie stehen dann immer in einer Reihe. Wenn man vorbeigeht kommt es einem vor wie ein Spalier. Auch im Winter sind sie dort. Dann trinken sie immer Wodka, lassen eine Flasche kreisen. Aber jeden Tag will ich nicht hingehen. Wenn man erst angefangen hat mit dem Saufen, dann wird es noch schwerer Arbeit zu finden. Vor allem fällt es einem nicht so leicht wieder damit aufzuhören mit dem Suff. Wenn man nüchtern ist, ekelt man sich so sehr vor sich selbst, dass man nur den Wunsch hat, schnell wieder in den Rausch abzutauchen. Das habe ich alles durch, damals als Eva weg ist mit dem Jungen. Abend ein zwei Bier vor der Glotze, das ist in Ordnung. Aber wenn die Tagesbeschäftigung das Trinken wird, das ist nicht gut.
Jetzt stehe ich da im Unterhemd. Ich will mir wenigstens die Hände waschen, das geht auch mit kaltem Wasser. Duschen kann ich zu Hause. Im Waschraum steht noch einer am Waschbecken neben mir, im Unterhemd, wie ich. Der ist auch schon über zehn Jahre hier im Betrieb. Wir schauen uns an. Er ist einer von denen, die früher mit kegeln waren. Das ist schon so lange her. Das waren noch Zeiten. Da haben alle noch zusammengehalten. Ich meine, es hat auch damals manchmal Zoff gegeben. Aber bei wichtigen Dingen konntest du dich auf alle verlassen. Wir haben einander immer geholfen, auch außerhalb der Arbeit.
Damals immer damals, warum kann es jetzt nicht auch noch so sein? Das ist dann immer mehr zerbröckelt, der Zusammenhalt, als sich die Auftragslage verschlechterte, als die ersten gehen mussten. Zu den Gemeinschaftsabenden sind immer weniger gekommen. Selbst die Brigadeweihnachtsfeiern wurden Flops. Da waren alle auf einmal Konkurrenten. Keiner wusste wer der nächste sein wird, der zu gehen hat. Nicht das besser gearbeitet wurde, das nicht, im Gegenteil, wir haben ja nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander gearbeitet. Wir haben angefangen uns zu belauern. Niemand hat offen etwas gesagt, wir haben immer den Schein gewahrt, aber alle haben den Druck gespürt. Vielleicht wird es jetzt wieder besser. Jetzt sind wir wieder gleich, alle arbeitslos. Und wohnen tun ja doch die meisten noch hier.
Tja wie wird das nun weitergehen? Unser Wohngebiet ist schon ein sozialer Brennpunkt. Das habe ich so in der Zeitung gelesen. Früher war das ganz anders. Da waren die Leute stolz darauf hier eine Wohnung bekommen zu haben. Da war das das Beste was man kriegen konnte. In meinem Aufgang hat sogar ein Professor gewohnt. Der ist mit seiner Frau immer am Wochenende ins Theater gefahren, piekfein. Aber der ist schon lange ausgezogen. Jetzt wohnt dort so eine Asozialenfamilie, die sich jeden Abend anschreien, wenn sie genug getrunken haben. Ist auch sonst ziemlich verlottert die Gegend. Ich bin, glaube ich, der einzige im Haus der noch den Putzplan einhält. Habe mich auch schon beschwert bei der Hausverwaltung. Aber die haben auch nur mit den Schultern gezuckt. Ich glaube die interessiert das gar nicht. Nichts kann man mehr auch nur fünf Minuten unbeaufsichtigt vor dem Haus stehen lassen, ein Fahrrad oder so. Das ist sofort weg. Auch mein Fahrrad haben sie geklaut. War ein gutes Rad.
Ich drehe das Wasser zu, schlurfe zurück, ziehe meinen Pullover über, kämme mir die Haare. Ich kann immer noch nicht richtig begreifen, dass ich morgen nicht mehr hier her kommen kann. Vor allem, es ist so ruhig vor sich gegangen. Die haben es verkündet in der Belegschaftsversammlung und nichts ist passiert. Nur ganz still ist es gewesen, für einen Moment. Dann sind wir alle in die Kantine gegangen, wie immer. Keiner hat darüber gesprochen. Blass haben alle ausgesehen. Auch mir war eine Weile wie schwindlig, so als ob der Boden unter den Füssen plötzlich anfängt zu schwanken. Erst ein paar Tage später haben wir angefangen zu fluchen und zu schimpfen. Wir haben dann unsere Wut an unseren direkten Vorgesetzten ausgelassen. Aber die konnten ja auch nichts dafür, die waren genauso bedropst wie wir.
Ich hänge mir die Tasche über die Schulter. Ich warte auf die anderen. Wir gehen immer gemeinsam. Das ist eine der wenigen Traditionen, die sich gehalten haben. Wir laufen über den Gang durch die Tür hinaus in die Nachmittagssonne. Ich muss die Augen zusammen kneifen, bis sie sich an das grelle Sonnenlicht gewöhnt haben. Keiner spricht, nur der Hall unserer Schritte auf den Betonplatten ist zu hören. Mir schnürt es den Hals zu. Ich kämpfe gegen die Tränen. Ich schaue zu den anderen. Ein paar von ihnen heulen wirklich. Ohne Laut läuft ihnen das Wasser über das Gesicht. Ich drehe mich zu den Hallen um. Vom Dach hängen lange schwarze Fahnen herab, die fast bis zum Boden reichen. Trauerfahnen sollen das sein. Die kann man bis in das Wohngebiet hinein sehen. Soll wahrscheinlich zeigen, dass hier ein Betrieb stirbt. Aber im Wohngebiet wissen das ja doch alle. Und Fremde, Fremde kommen hier selten vorbei. Und wenn, was interessiert es die, ob hier ein weiteres Werk dicht gemacht wird? Hat mich auch nicht interessiert, als andere Betriebe geschlossen wurden. Das mit den Fahnen waren die von der Gewerkschaft. Das ist auch das einzige, was die zu tun in der Lage waren. Dafür verwenden die also die Mitgliedsbeiträge. Ich bin schon lange aus diesem Haufen ausgetreten. Die ändern ja doch nichts. Konnten auch nicht verhindern, dass hier die letzte Stahlgießerei der Region geschlossen wird.
Ein paar von den Kollegen kommen morgen wieder. Die können hier noch ein paar Monate lang arbeiten. Sie demontieren die Maschinen, räumen auf und machen die Hallen dicht. Ich habe mich nicht darum gerissen. In den leeren Hallen alles auseinander nehmen? Mit dem Schweißbrenner alles zerlegen womit wir gearbeitet haben? Nee das will ich nicht. Da wird doch jeder Tag wie der heutige.
Wir gehen durch das Tor. Die Schranke ist oben. Einen richtigen Pförtner haben wir schon lange nicht mehr. Nur irgendsolche Wachschutzleute lümmeln sich da rum in ihren blauen Uniformen. Die gehören nicht zu uns. Mit denen redet niemand. Sie schauen auch immer ernst und misstrauisch. Entlassenen Arbeitern traut niemand. Da haben sie auch Recht. Wir haben über Wochen Dinge mitgehen lassen, Werkzeug zum Beispiel, jeden Tag fehlten Teile. Warum auch nicht, das kommt ja doch alles auf den Müll. Hier wird doch nie wieder jemand arbeiten. Aber die Wachschutzleute scheinen das zu ahnen oder zu wissen. Taschenkontrollen durchzuführen, trauen sie sich jedoch nicht. Früher wurde nicht geklaut. Waren ja schließlich unsere Arbeitsgeräte, unser Werk, haben wir jedenfalls geglaubt. War wohl so eine Art Berufsehre, glaube ich. Stahlgießer ist schließlich nicht irgend so ein Beruf ... na ja, wahrscheinlich doch.
Ich laufe quer über den Parkplatz, bis ich den Gehweg erreicht habe. Viele haben Autos. Uralte Schrottkisten mit denen sie stolz die paar hundert Meter bis zu ihren Wohnungen fahren. Ich habe kein Auto. Wozu brauche ich ein Auto? Für die paar Schritte? Ich wohne doch hier gleich um die Ecke.



Eingereicht am 19. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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