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Unendliche Geschichten

© Anoù Rosenholz


Ich habe so viele ungeschriebene Bücher in mir, die es wert wären geboren zu werden. Ich habe so viele Bücher in Händen gehalten, die es wert wären verschlungen zu werden. Auf unserer Zeitachse gibt es für mich keine Möglichkeit all das zu verwirklichen.
Die Essenz, das Destillat, das Bleibende eines Buches findet sich oft auf ein paar Seiten zusammengefasst, manchmal ist es gar nur ein einziger Satz. Meine Unendlichen Geschichten sind wie Leseproben aus Büchern, die wahrscheinlich nie geschrieben werden..,.
So begann ich mir und anderen meine Bücher-Essenzen zu erzählen ... Ich gab ihnen nur einen Titel und manchmal ein Beziehungsgeflecht als Inhaltsangabe. Sie hatten keinen Anfang und kein Ende. Sie bestanden aus rein körperloser Fülle, ein wirbelndes Mosaik aus Eindrücken und Emotionen. Sie wollen nicht darstellen, sie wollen nur einfangen. Wie eine japanische Tuschezeichnung, wollen sie nur andeuten, dem Betrachter aber die Verantwortung für das fertige Bild ganz und gar selber überlassen.
Diese Art des Erzählens erschuf eine Unzahl neuer Bücher in den Köpfen der Menschen, die mir zuhörten. Und selbst jene, die nicht einmal ahnten, dass sie Bücher schreiben könnten, wurden noch am selben Abend zu Co-Autoren. Alles veränderte sich ständig und es gab in dieser Unendlichkeit plötzlich keine Grenzen mehr...
Amrum - Bucheinband
Es ist unausweichlich, sein Schicksal.
Es gibt nur einen einzigen Menschen auf der ganzen Welt, der noch ungebrochen an seine Heilung glaubt.
Das bin ich.
Er hat mich dazu bestimmt niemals zu vergessen, niemals unsere Träume zu verlassen. Er hat mich zum Hüter seiner Schätze bestimmt. Um das zu erreichen, hat er mich aus seinem Leben verbannt.
Ich harre somit seit über zehn Jahren der Unausweichlichkeit einer Nachricht, die mir Kunde von seinem viel zu frühen Scheiden bringt. Eine Notiz die mir sagt: "Er ist jetzt tot, gestorben letzte Nacht…"
Der Zauberkreis, den er um uns geschlossen hat, ist unzerstörbar.
Was wissen wir über die Macht einfacher Worte? Sie sind es, die unser Schicksal erschaffen….
Mit diesen Gedanken stand ich an dem gleichen Ort wie vor über 10 Jahren. Ich hatte diesen alten Pfad tatsächlich wiedergefunden, wenn auch nicht auf den gleichen Wegen, wie damals. Was einem in der Gegenwart so banal vorkommt, was man sich auch gar nicht merken kann und will - wie zum Beispiel den Namen einer Pension und den Ortsteil einer Insel - das wird einem zum Verhängnis, wenn man den Weg nach gewisser Zeit zurückgehen möchte… Diesmal hatte ich Glück, denn der Weg aus sonnengebleichten Holzplanken war noch da und ich fand ihn unter all den anderen Wegen aus sonnengebleichten Holzplanken auf der Insel, weil meine Erinnerung ihn unverwechselbar gemacht hatte. In meiner Gartenhütte hängt nämlich ein großes Photo von mir an diesem Ort. Mit der unverwechselbaren weißen Haarschleife, im Wind, auf jenem Weg aus alten Holzplanken über eine Düne auf der Insel Amrum… Über mir nichts als der saphirblaue, schier unendliche Himmel. Ich blicke strahlend in die Kamera - auf ihn. Immer wenn ich das Photo ansehe, wechsle ich unwillkürlich den Blickwinkel, werde wieder zu mir selber, zu der die ich einmal war und blicke erneut auf ihn, wie er mich photographiert. Er hat mich immer und überall photographiert und ich fand das gar nicht verdächtig, damals. Auch nicht, als er begann mich heimlich im Schlaf zu photographieren. Eine erfüllende Gegenwart hat nicht viele Fragen zu bieten, denke ich. Es war alles schlüssig. Und ein paar der grundsätzlichen Dinge sind mir wegen dieser in sich geschlossenen Perfektion der Gesamtsituation ganz offensichtlich damals glatt entgangen…
Er trug damals sein dunkelblaues Ringelhemd und eine helle über blassen Füßen. Die allgegenwärtige Windjacke um die Taille geschlungen, die Sonnenbrille auf der Brust, seine Schuhe baumelten - an den Schnürsenkeln zusammengeknotet - von seiner Schulter herab. Stets bepackt wie ein Esel - Stativ, Tasche, Kamera... "Wie ein Scherpa in den Anden…" habe ich ihn immer gefoppt, ihm aber waren die Kommentare anderer über ihn stets beneidenswert egal.
Ich erinnere mich genau; nach der Brücke auf der ich stehe, kommen die "Hühnengräber"... Er raste damals plötzlich in der Mittagssonne, behängt mit seinen Schuhen und seiner Photoausrüstung überraschend an mir vorbei (einer seiner spontanen Anfälle!) mitten in das völlig unspektakuläre gelbe Sandfeld hinein. Dort sprang er minutenlang wie angestochen herum, warf mit Sand um sich, gebärdete sich unglaublich und schrie: "Die spinnen wohl, die Römer! Dafür habe ich mich hergekämpft?! Hühnergräber? Hühnergräber??!! Warum haben die ihre Hühner denn begraben und nicht gebraten?! Sind die denn damals alle total bescheuert gewesen, oder was?!" Und zu den entgegenkommenden Touristen sagte er finster, während er missvergnügt durch den tiefen, gelben Sand an ihnen vorüberstapfte: "Da haben ein paar Bekloppte ihre Vesper verscharrt. Kein Wunder, dass sie alle ausgestorben sind... kein Wunder sage ich da nur!" Dass wir alle vier perplex voreinander stehen blieben und uns über ihn kaputt lachten, interessierte ihn keinen Deut. Er rief - wild mit dem Stativ gestikulierend und mit weitausholenden Schritten schon meterweit die nächste Düne hoch über seine schmale Schulter zurück: "Loslos, das ist ja wohl der letzte Schrei aus dem Eimer hier - wir gehen!!"
Lachend war ich hinter ihm hergestolpert, meine ebenfalls zusammengebundenen Turnschuhe trampelten mir dabei wild auf Rücken und Brust herum… dann verblaßt die Erinnerung, die Leinwand zeigt nur noch grobe Körnung und die Filmrolle schnalzt abgelaufen im Projektor herum…
Nach seiner neuerlichen Lungenentzündung hatte ich ihn damals für ein Wochen-ende auf seiner Kur besucht. Damals ging es ihm schon wieder besser und ich erinnere mich, dass ich es irgendwie überhaupt nicht in angemessener Weise merkwürdig fand, dass es ihm total wichtig war, dass ich nur kommen durfte, wenn es ihm schon wieder besser ginge. Ich wollte ihn ja besuchen, eben weil er krank war. Überhaupt erinnere ich mich mit einiger Irritation an viele Dinge, die ich damals nicht hinterfragt habe. So zum Beispiel, warum er mit 26 Jahren noch zu Hause lebte und warum im Flur ein Sauerstoffgerät stand. Und warum er im Krankenhaus Hamburg-Eppendorf damals in dem Pavillon für schwer lungenkranke Kleinkinder lag. Er hatte es sorglos damit weggewischt, dass der Doktor ihn von klein auf kenne, daher. Ich erinnere mich, dass ich auf diesem schrecklichen Gelände meinen Weg nicht zu ihm finden konnte und über eine Stunde - planlos trotz Plan - über das riesige Gelände irrte. Irgendwann saß ich dann weinend vor Enttäuschung und innerer Anspannung auf einem Bordstein und ein Zivi kam vorbei, der mir den Weg zu einem baufälligen kleinen Flachbau am Fuße eines riesigen Schornsteines ganz in meiner Nähe zeigte. Das war also die Lungenfachklinik II… Es war wie ein böses Omen, ich konnte ihn nicht erreichen… obwohl er schon so nahe gewesen war! Es war, als erwachte ich aus einem unendlichen Albtraum, als ich endlich zwischen lauter wirklich bemitleidenswert kranken Kindern in dem dunklen Pavillon stand, der nur aus vier Schlafsälen und einem Schwesternzimmer bestand. Er kam mir lachend entgegen und trotz seiner Krankheit erkannte ich ihn sofort wieder. Was er denn nun eigentlich habe - ausweichende Antwort, wie üblich. Lungenentzündung, Blut gehustet, von Kind an etwas schwach auf der Lunge, Mutter besorgt, besser ins Krankenhaus, brabbelbrabbel… Er sah angegriffen, ermattet und blaß aus, aber er wirkte auf mich so munter und gut gelaunt wie immer, also schien es wirklich nichts Ernstes zu sein, dachte ich mir damals. Wie weit Beobachtungsgabe und Instinkt von meinen Wünschen und Ängsten gelenkt wurden, bleibt hier mal wieder offen…
Wir hatten eine ganz besondere Beziehung, er und ich. Und als wir nach einer langen und unglaublich intensiven Zeit ganz sanft, aber unaufhaltsam auseinander glitten (anders kann man es wirklich nicht nennen) wussten wir beide intuitiv, dass wir unsere gemeinsame Zukunft jetzt schon hinter uns hatten...
Wir liebten uns zärtlich - auf eine ganz besondere Art. Ganz und gar platonisch… auch im Geiste, es war vollkommen unschuldig und rein zwischen uns. Auf eine magische Weise waren wir Eins, wenn wir zusammen waren. Ja, heute kann ich es klar sehen; wir liebten uns tief und innig... Und es war unser Geheimnis - vor unseren gemeinsamen Freunden sowieso und vor uns beiden gegenseitig auch. Es war da etwas um unsere Liebe, das in der Welt irgendwie nicht sein durfte. Ich konnte es nur erahnen, dieses dräuende, mahnende Gefühl - er aber wusste darum die ganze Zeit, denn es war letztendlich sein eigener Konstrukt gewesen. Die ganze tragische Wahrheit dahinter, sollte ich jedoch erst viel später erkennen.
Es war ein geheimer Zauber um uns und der ist mir bis auf den heutigen Tag geblieben. Was wäre wohl gewesen, wenn... Es ist sein Wunsch gewesen, dass diese Frage nun niemals mehr eine Antwort finden wird. Was wäre gewesen, wenn…
Es war ein grauer Sonntag im November, jener Scheidepunkt, den unsere Beziehung genommen hatte. Wir hatten uns unvermittelt gegenseitig tief in die Augen gesehen und wussten beide sofort; hier geht es nicht weiter für uns - als Freunde. Aber wir wollten auch kein Paar sein. Ich nicht, um ihn als Freund nicht zu verlieren und weil ich damals so wild war. Ich ahnte, dass es mir an Behutsamkeit fehlen würde, um mit ihm - dem Ätherischen - angemessen umzugehen. Und er wollte es nicht - das aber war sein Geheimnis für lange Zeit - weil er schon damals sterbenskrank war.
Wir haben uns ungefähr noch ein halbes Jahr lang getroffen - haben viel über DAS gesprochen, haben uns an den Händen gehalten und miteinander philosophiert und geschwiegen. Aber es hatte sich jetzt etwas im Energiegefüge verändert und dieses Etwas zog uns unausweichlich voneinander fort... Er nannte dieses Neue zwischen uns "Unsere Mumie Grobi - wir haben jetzt gemeinsam eine Leiche im Keller...!" Wir wussten darum und es hing wie ein Damoklesschwert über uns, dennoch konnten wir eine lange Zeit nicht anders, als uns entscheidungslos in diesem merkwürdig oszillierenden Zwischenland aufzuhalten. Unsere Herzen gehörten zusammen, unser Verstand aber weigerte sich standhaft diese neue Allianz anzunehmen. Wir drückten uns um die Entscheidung herum, wie Kinder, die am Weihnachtsabend noch nicht ins Bett wollen, obwohl sie schon todmüde waren. "Mumie Grobi" begleitete uns eine lange Zeit. Er allerdings schien dieses Problem zu lieben und er schüttete sich vor Lachen immer wieder darüber aus. Vielleicht weil es seinem Denken eine Zukunft zu geben schien…
Irgendwann drifteten wir - auch instinktiver Sicherheitsabstand wegen "Mumie Grobi" - unaufhaltsam auseinander und als wir uns nach fast zwei Jahren wieder trafen, erwartete er mich mit einem gigantischen gelben Frühlingsblumenstrauß. Er wollte mit mir sprechen, plötzlich, nach all der wortlos vergangenen Zeit. Und dann kam er im Laufe des scheinbar ewigen Abends Stück für Stück mit seiner ganzen traurigen Geschichte heraus: seit der Geburt hatte er die tödliche Diagnose ‚Mukoviszidose'. Ich war sprachlos. Ich kannte nicht einmal den Namen dieser fürchterlichen Krankheit und nun sollte er sie haben, er mein bester Freund…?! Das also war die Erklärung für die immer wiederkehrenden "Lungenentzündungen", für das mysteriöse Sauerstoffgerät, seine wiederholte Unterbringung in dieser seltsamen Lungenfachklinik II, seine wochenlangen Aufenthalte in den berühmten Luftkurorten und nicht zuletzt seine Abkehr von mir - von uns … !
Er sagte mit einem tiefen Blick in meine Augen, der mir schließlich Jahre später noch alles erklärte, was seine Worte zuerst nicht in mir auszurichten vermochten: "Ich will nicht, dass Du mich sterben siehst. Es wird ganz furchtbar werden, Siechtum, Verfall... ich mache mir nichts vor. Und ich habe es dutzendfach seit meiner Kindheit miterleben müssen. Tod durch Ersticken, das ist es was mir droht. Und die Anzeichen, dass es langsam, aber kontinuierlich mit mir bergab geht sind untrüglich. Ich will, dass Du mich so in Dir bewahrst, wie ich für Dich war. Ich will Dich nicht an meinem Krankenbett sehen, wenn es soweit ist! Und ich will Dich ganz bestimmt nicht an meinem Sterbebett sehen, wenn es soweit ist! Und es kommt soweit - glaub mir... ich will nicht, dass Du mich zu Grabe trägst. Jeder meiner Freunde, aber nicht Du. Bitte respektiere das. Bitte…"
Er hatte einen lebenslangen Vorsprung mit dieser schrecklichen Wahrheit und ich sollte viele Jahre brauchen, um zu verstehen, was dieser Abend wirklich bedeutete. Und auch wenn ich damals nicht verstand, dass er mir sein Vermächtnis diktiert hatte, dass dies sein letzter Wille an mich gewesen war … was blieb mir anderes übrig, als dem zu folgen? Er war sehr zart von Statur, ganz typisch für den Lungenkranken, aber in ihm steckte eine ganz unglaubliche Zähigkeit und ein sehr starker Wille. Es gab keinen Widerspruch. Ich konnte nur demütig alles annehmen, was er mir gab. Alles was er mir noch geben wollte, war seine Wahrheit. Von mir wollte er nichts mehr haben, außer seiner Erinnerung an mich und so starb auch ich an jenem Frühlingsabend in Hamburg, so hatte er es beschlossen. Ich fügte mich seinen Wünschen. Wir nahmen an diesem Abend ganz undramatisch Abschied voneinander, eigentlich war es wie immer... Wir sollten uns nie mehr wieder sehen.
Somit bin ich seit über 10 Jahren dazu verdammt auf die Nachricht von der Unausweichlichkeit seines frühen Todes zu warten. Er hatte mich dazu bestimmt ihn für immer in diesen Momenten unseres Glückes einzufrieren. Wie oft habe ich mit mir gehadert das Versprechen zu brechen, mich einfach darüber hinweg zu setzen bis zum Erhalt dieser Notiz so im Leben zu erhalten, wie er es zum Zeitpunkt unseres Scheidens gewesen war…



Eingereicht am 23. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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