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Das letzte Gericht

© Thorsten Pehlmann


Mit einem Schrei auf den Lippen schreckt der alte Mann schweißgebadet in seinem Bett hoch. Sein Herz rast. Völlig außer Atem, am ganzen Körper zitternd, fährt er sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. Die verschwitzte Bettdecke liegt am Boden, dass Lacken total zerknittert. Als er sich etwas beruhigt hat, bemerkt er den abgestandenen Mief im Schlafzimmer. Man kann die Luft förmlich schneiden. Knoblauch, Bier und Nikotin. Eine brutale Mischung. Dazu noch eine gehörige Portion Schweißfüsse, die einen Geruch verbreiten, als hätte man zehn Harzer Roller unter den Fußsohlen kleben. Über seinen Körpergeruch selber erschrocken, steht er mit aufgeblähten Wangen langsam auf, ist noch etwas wackelig auf den Beinen. Zum Fenster gehend, nimmt er sich einen Cigarillo von der Nachtkonsole, steckt ihn sich an. Als er das Fenster geöffnet hat und die frische Luft in das Zimmer strömt, fühlt sich Fritz Schlüter befreit. Den ersten Zug tief einatmend, blickt er auf die Straße. Noch ist es ruhig. In drei Stunden beginnt der allmorgendliche Berufsverkehr, rauschen die PKWs unter seinem Fenster vorbei. Vor sechzig Jahren sah es hier noch ganz anders aus. Drüben, am Ende der Straße, wo heute ein Supermarkt steht, befand sich damals der Exerzierplatz. Bei dem Anblick kommen dem alten Herrn "glorreiche" Erinnerungen in den Sinn. Dort kam er zum ersten Mal mit der SS in Kontakt. Und dann ging alles ganz schnell. Eine Reihe von ärztlichen Untersuchungen und ab nach Berlin in die SS-Kadettenanstalt. Mit Stolz zeigte er zu Hause seine neue schwarze Uniform. Schneidig sähe er aus, wie seine Familie ihm versicherte.
Kopfschüttelnd beobachtet Fritz Schlüter, wie ein Obdachloser über die Straße schlurft, schnippt dabei seinen aufgerauchten Cigarillo in den Nachthimmel. So etwas hätte es früher nicht gegeben. Einen Spaten in die Hand und ab in den Reichsarbeitsdienst. Was ist nur aus der heutigen Gesellschaft geworden. Keine Moral, keinen Fleiß mehr.
Wieder den Kopf schüttelnd, schließt der der Rentner das Fenster, legt sich hin. Ob er noch eine Schlaftablette nehmen sollte. Unschlüssig überlegt er einen Moment. Doch dann dreht er sich einfach um. Die erste hat ja auch nicht geholfen.
Elf Uhr vormittags. In Walters Bierquelle, einer kleinen Trinkhalle mit integriertem Kiosk trudeln die ersten Stammgäste ein. Darunter auch Fritz Schlüter.
"Wie immer, Fritz?", ruft ihm Walter, der Kneipenbesitzer mit dem feisten Gesicht und einem überdimensionalen Bierbauch als Gruß über die Theke hinweg zu.
"Jo, wie immer. Bier und Korn, immer nur nach vorn, oder wie?", erwidert Fritz Schlüter mit einem rauchigen Lachen, dass in einen starken Husten übergeht. Nachdem sich der Rentner seine Trinknahrung abgeholt hat, begibt er sich an einen der fünf Standtische, blickt in die Runde. Harry Waldeck, sein Nachbar von der anderen Straßenseite, nickt ihm freundlich zu. "Den alten Hut mit der schmalen Krempe wird der wohl auch nie wegschmeißen", denkt sich Fritz Schlüter. "Schmäriger Speckdeckel ". Seine bebrillten Augen wandern weiter, entdecken die neuesten Pornos in einem der fünf Zeitschriftenständer links von der Theke. Sofort entschließt er sich, später einige Exemplare käuflich zu erwerben. Schließlich braucht " Mann" ja mal was fürs Gemüt unter der Gürtellinie. Oder?" In der Ecke der Trinkhalle stehen zwei dunkelhaarige Männer an ihrem Tisch. Sie scheinen noch recht jung zu sein, unterhalten sich laut auf Türkisch. Empört schaut Fritz Schlüter auffällig in ihre Richtung. Sofort bemerkt einer der beiden Türken den Blick.
"Eh, Faltenherberge, was guckst du. Probleme, oder was?" Aggressiv stiert er den alten Mann an.
Fritz Schlüter stockt der Atem. Sein Mut hat ihn plötzlich verlassen. Und jetzt? Plötzlich liegt Spannung in der Luft, denn der Sprecher macht Anstalten, auf Fritz Schlüter zuzugehen.
Schnell blickt der zur Seite. Nur keinen Streit verursachen. Man hat ja eh keine Chance mehr im Alter. Aber früher. Mann, da hätte es solche Vögel überhaupt nicht in Deutschland gegeben. Was ist nur aus unserem Land geworden.
"Hey Murrat, gib Ruhe. Bleib geschmeidig. OK?"
Walters Stimme ist energisch. Wütend guckt der Angesprochene zum Wirt rüber, will etwas sagen, überlegt es sich aber anders. Noch einmal wirft er Fritz einen bösen Blick zu, bevor er sich wieder seinem Freund zuwendet. Der sagt etwas auf türkisch zu ihm, und beide fangen an zu lachen. Der alte Mann wird rot, blickt beschämt zur Seite. Schnell kippt er Bier und Korn in sich hinein, zahlt bei Walter seine Zeche. Der Durst ist ihm vergangen. " Mach dir nichts draus. Sind noch jung. Und außerdem kommen die nicht jeden Tag." Walters tröstender Klapps auf die Schulter ärgert Fritz Schlüter innerlich. Er fühlt sich gedemütigt und schwach, lässt er sich aber nichts anmerken. Mit einem kurzen "Tschö" zieht er von dannen. Die Pornos, welche er mitnehmen wollte, sind ganz vergessen.
In seiner Wohnung angekommen, geht Fritz schnurstracks zum Wohnzimmerschrank, holt die noch volle Flasche Korn heraus. Der Schraubverschluss ist schnell vom Flaschenhals entfernt. "Pinnchen? Ach, brauch ich nicht!", denkt er und schon setzt er die Flasche an. Aah, tut das gut. Der erste Schluck ist immer der beste. Der Zweite brennt ein bisschen. Und der dritte geht runter wie Öl. Schnell ist die Flasche halb leer. Schon fühlt sich der geschundene Geist erleichtert, die Schmach sticht nicht mehr so stark im Herzen des echten arischen Herrenmenschen vom reinen Geblüt. Noch einen Schluck klaren, hochprozentigen Wassers und Fritz Stimmung ist auf dem Höhepunkt.
Da schlägt er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. " Die Pornos. Total vergessen." Zurück zur Trinkhalle und... , "die Kanaken", scheiße. Doch der Alkohol tut seine Wirkung, macht ihn stark. "Nein, du gehst da jetzt wieder hin, holst dir deine "Mädels", und dann zeigst du es den verdammten Graubacken mal so richtig", sagt Fritz Schlüter laut mit leicht lallender Zunge zu sich selbst. Hm, aber die sind jung und zu Zweit. Was nun? Da kommt ihm die zündende Idee. Ja, Fritz Schlüter hat sich wieder selbst übertroffen. Er eilt ins Schlafzimmer, um einen alten, verstaubten Koffer vom Schrank herunterzuziehen. Er liegt ziemlich weit hinten. Der Stuhl, auf dem sich der alte Mann dabei stellen muss, um an den Koffer zu gelangen, wackelt stark, aber der "Herrenmensch" besteht diese Aufgabe mit heldenhafter Bravour. Noch ein feierlicher Schluck aus der Flasche, dann wird die Schatztruhe der Nostalgie geöffnet.
Zwei dicke, in braunem Packpapier eingewickelte Bündel nimmt Fritz heraus, legt sie aufs Bett. Den Rest der Flasche leert er in einem Zug. Laut rülpsend wirft er sie in die Ecke. Schnell reißt er die Bündel auf und dann, ja dann liegt sie vor ihm. Seine Ehre, sein ganzer Stolz. Liebevoll streicht er über den Stoff der schwarzen Uniform. Das Koppelschloß liegt darunter, blinkt ihm entgegen. Fritz muss seine Brille zurechtrücken, um den Schriftzug darauf genau lesen zu können, doch eigentlich hat er das nicht nötig. " Unsere Ehre heißt Treue", zitiert er laut das darauf stehende Motto der SS. Langsam, fast andächtig, zieht er sich um. Als er sich dann im Spiegel betrachtet, kommen ihm fast die Tränen vor lauter Glück. Das waren noch Zeiten. Der Totenkopf auf der Mütze begrüsst ihn als alten Freund, grinst ihn an. Gut, am Bauch spannt die Uniform ein bischen, aber das macht nichts. Moment. Da fehlt doch noch was. Ja, die Binde. Schwarz- weiß-rot. Schnell ist sie umgebunden. An der linken Seite seine geliebte 08. Er zieht sie aus dem Holster überprüft das Magazin. Geladen. Das ist es. Die verdammten Ölaugen werden schon Respekt lernen.
Plötzlich nimmt er Haltung an, reckt den rechten Arm zum Deutschen Gruß und grölt ein ohrenbetäubendes " Sieg Heil" hinaus. Er beginnt zu lachen. Das Lachen steigert sich, wird immer lauter, immer wilder und... - endet abrupt-, mit einem lauten Rülpser.
Er blickt an sich hinunter. Oh, die Stiefel. Schnell zieht er die immer noch blankpolierten, hohen Stiefel an, verliert dabei fast das Gleichgewicht. In letzter Sekunde kann er sich noch fangen, lässt sich aufs Bett plumpsen.
Da durchfährt ihn eine Eiseskälte. Einige Meter von sich entfernt sieht er ein kleines Mädchen, das er sofort wiedererkennt. Ein leises Stöhnen entweicht aus Fritz Schlüters Kehle. Nein, nicht schon wieder. Verzweifelt reibt er sich die Augen. "Ich muss aufwachen." Aber keine Chance. Er bleibt gefangen in der Situation vor sechzig Jahren. Er ist Anfang zwanzig, gekleidet in seiner schwarzen Uniform, die ihn als Fachkraft in Sachen Töten, nein Abschlachten aus Berufung und Leidenschaft ausweist. In seiner Rechten die 08, hält er die Waffe einem dunkelhaarigen Mädchen an den Kopf. Sein gequälter Geist stöhnt wieder auf, als sich dieser Alptraum abspielt, welcher ihn seit Jahrzehnten fast jede Nacht verfolgt.
Das Mädchen muss im selben Alter wie seine Tochter sein. Ihre grossen, schwarzen, ausdrucksstarken Augen blicken ihn ganz offen an. Sogar ein kleines Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, so, als würde sie diese lebensgefährliche Situation überhaupt nicht erfassen, als wäre das alles nur ein harmloser Streich. Über die Maßen irritiert und dennoch beeindruckt, steht der SS - Mann Fritz Schlüter immer noch vor ihr. Seine Hand mit der Waffe zittert ganz leicht. Er kann den Blick von ihren Augen nicht abwenden. Diese Augen. Dieses Lächeln. Die zierliche Figur. Alles, ja einfach alles an dem Mädchen erinnert ihn an seine Tochter, welche er so sehr liebt. Für ihn unvorstellbar, ihr ebenfalls eine Waffe an den Kopf zu halten geschweige denn, sie zu töten.
Schritte. Es kommt jemand in den Raum, nähert sich den beiden von hinten. Fritz dreht sich nicht um. In furchtvoller Erwartung spannt sich sein ganzer Körper an, weiß er doch, was jetzt kommt, kommen muss. Das unvermeidliche Dilemma.
" Was ist los mit ihnen, Schlüter?", fragt ihn die Stimme drängelnd, ungeduldig.
" So kenn ich sie ja überhaupt nicht." Schweigen.
" Nun machen sie schon. Denken sie an ihre Beförderung. Denken sie an ihre Familie. Sie wäre stolz auf sie." Schweigen.
Fritz Schlüter empfindet Unwillen, Empörung, vor allen Dingen aber unendliche Trauer.
Die Hand seines Vorgesetzten legt sich gönnerhaft auf seine Schulter. Zentnerschwere Last des Grauens.
"Das da," über seine Schulter zeigt ein Arm auf das vor ihm stehende Mädchen, " das da ist Dreck. Judendreck. Und den müssen wir vernichten. Vernichten, bevor er uns vernichtet. Nur die Starken haben ein Recht auf Leben, denn sonst wird das Starke sterben. Wollen sie sterben?"
Doch Fritz Schlüter bekommt noch immer kein Wort heraus.
Sein Mund ist ganz trocken und ihm ist übel. Der Griff seiner Hand um die Waffe wird so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten.
Er hört scharfes Einatmen. " Sie haben ganze zwei Minuten, um das Theater hier zu beenden. Wenn nicht..."-
Der drohende Unterton lässt keine Zweifel über die Folgen bei einem Versagen aufkommen. Die Schritte entfernen sich und er ist wieder allein. Allein mit diesem Mädchen und seinem schrecklichen Befehl.
Das Mädchen sagt etwas zu ihm. Er versteht nicht. Doch selbst der helle, melodische Klang ihrer Stimme erinnert ihn an seine Tochter.
Sein Kind, seine Familie. Was mag mit ihnen geschehen, wenn er hier versagt.
Versagen.
Nur die Schwachen versagen.
Und Fritz Schlüter, mit seinen Anfang zwanzig schon Unterscharführer der SS, ist nicht schwach. Er ist stark. Stark und loyal. Befehle sind kein Problem für ihn. Oh ja, er ist überzeugt von der Ideologie des Nationalsozialismus.
Das Mädchen lächelt wieder. Sagt noch etwas zu ihm.
Das Zittern in seiner Hand nimmt zu. Sein Gesicht ist zu einer hässlichen Fratze verzerrt. Hat sie denn gar keine Angst?
Stark sein!
Sie lächelt.
Stark!
Ihre Augen sprühen nur so voller Energie und Leben.
Leben!
Stark!
Versagen!
Stark!
Er drückt ab.
Lautes Rumpeln weckt Fritz Schlüter. Er liegt am Boden, muss wohl für einen Moment auf dem Bett eingeschlafen sein. Was macht er denn hier unten? Langsam rappelt er sich hoch, kommt auf die Beine.
Mit einem Male kommen die Erinnerungen zurück, treffen ihn wie einen Fausthieb. Der Traum. Fritz wischt sich mit dem Ärmel seiner Uniform über das verschwitzte Gesicht, atmet hörbar ein. Sein Mund ist trocken. Schwankend geht er in die Küche zum Kühlschrank. Der Kräuterschnaps wartet schon. Mit der Flasche in der Hand kehrt er ins Schlafzimmer zurück. Jetzt erst mal einen tiefen Schluck. Wäre doch gelacht, wenn er das nicht wieder in den Griff bekommen würde. Verdammter Traum. Kaum hat er die Flasche angesetzt, wird ihm schlecht. Trotzdem zwingt er sich, zu trinken. Im Magen angekommen, katapultiert selbiger den Kräuteschnaps postum an die Luft zurück. Mit einem klagenden Laut übergibt sich der Rentner, lässt sich das Frühstück noch einmal durch den Kopf gehen. Speisebrei verteilt sich auf sein Bett, gibt der Tagesdecke ein neues Muster. Ein säuerlicher Geruch macht sich im Zimmer breit, will sich in der Nase festsetzen. Noch zweimal übergibt sich der alte Mann. Aber die Flasche hält er krampfhaft fest.
Er ist ja stark!?
Das Mädchen kommt ihm wieder in den Sinn. Er kann ihre großen, dunklen Augen und ihre Stimme einfach nicht vergessen. Sie war wie seine Tochter.
Seine Tochter.
Sie ist tot.
Wie lange schon?
Seit zwanzig Jahren.
Tragischer Autounfall.
Ihren Tod hat er nie verwunden.
Als er daran denken muss, ist Ihm ist, als würde sich sein Inneres verkrampfen.
Die Trauer ist überwältigend, nimmt ihn gefangen, schaltet sein Bewusstsein aus. Er fühlt sich wie ein Ertrinkender auf hoher See, über den die hohen Wellen gnadenlos zusammenschlagen und niemand eilt ihm zur Hilfe.
Fritz Schlüter beginnt hemmungslos zu weinen. Die Flasche entfällt seinen Händen, zerplatzt auf dem Laminat.
Stark?
" Ich kann nicht mehr", brüllt er voller Verzweiflung, den Kopf in den Nacken geworfen.
Doch! Du kannst!
Hör auf zu weinen. Nimm dich zusammen!
"Ein Deutscher Junge weint nicht", hat sein Vater immer zu ihm gesagt.
Er ist stark. Nur die Schwachen sterben. Die Starken überleben.
Und Fritz Schlüter weiß auch schon, wie er seine Stärke unter Beweis stellen kann. Langsam tritt er wieder vor den Spiegel, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, rückt seine Uniform gerade.
Ein Glück, dass er die nicht auch noch vollgekotzt hat.
Ah, die Mütze noch schnell aufgesetzt. Sein Freund, der Totenkopf grinst ihn wieder an.
Eine Hand gleitet zum Pistolenholster, öffnet die Klappe, zieht bedächtig die Waffe heraus.
Stark!
Er lächelt sein Spiegelbild an.
Kein Versagen!
Fast selbstständig schiebt seine Hand den Lauf in den geöffneten Mund.
Stark!
Tief durchatmen!
Kein Versagen!
Stark!
Er drückt ab.



Eingereicht am 23. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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