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Vom schwarzen Käfer und dem roten Kanapee

© Klaus Herrgen


Schon seit einer ganzen Weile folgte der schwarze Käfer der grauen Spur, die sich durch die reizvolle Landschaft schlängelte und die auf der einen Seite von einer steilen Böschung und auf der anderen durch eine hoch aufragende Felswand begrenzt wurde. Er hielt sich vorwiegend rechts, doch wechselte er immer wieder kurz entschlossen nach links. Die Sonne, die es an diesem Tag mit allen Ausflüglern besonders gut meinte, heizte ihm ordentlich ein.
"Günter, bleib bloß dahinter!" Zu spät. Ohne Rücksicht auf uns oder seinen Käfer setzte unser Fahrer zum Überholen an und quittierte unsere Einmischung mit einem lauten "Ich fahre! Ihr könnt ja aussteigen." Das meinte er sicherlich rein rhetorisch. Wie sollte das bitte schön gehen, im Zweitürer, bei diesem Tempo? Zum Glück drehte er sich bei dieser scharfen Ermahnung nicht zu den hinteren Rängen um, sondern schimpfte in Richtung Windschutzscheibe. Die Verkehrssituation erforderte mal wieder die volle Aufmerksamkeit.
Auf den hinteren Plätzen rückten die Angsthasen enger zusammen und rissen dabei erschreckt die Augen auf, als blickten sie schon in die Grube. Mir war auf dem Beifahrersitz auch nicht wohl, handelte es sich doch bekanntermaßen um den gefährlichsten Platz im Auto. Ich durfte vorn sitzen, weil ich als einziger einen Führerschein besaß, abgesehen von Günter - selbstverständlich. Unsere Kühnheit hatte, wie gesagt, Grenzen. Ich durfte aber nur vorn sitzen; das Steuer gab er nie aus der Hand, dafür war er ein viel zu leidenschaftlicher Autofahrer. Er war unser Fahrer, der schwarze Käfer das erste Auto in unserem Freundeskreis. Günter hatte es so weit gebracht, weil er der Schule vorzeitig den Rücken gekehrt hatte. Ihm ging nichts schnell genug. Er konnte es nie abwarten. So war er auch der erste von uns, der rauchte. Auch hier zeigte er seine Ungeduld und Entschlossenheit.
Spuckte der Automat weder die Stäbchen noch das vergeblich eingeworfene Taschengeld aus, brachte er den Kasten mit einem energischen Tritt auf Trab.
Wenn dann prompt die Schublade aufsprang und die gewünschten Zigaretten darbot, war Günters Triumph perfekt. "Seht ihr, geht doch!" Gegenüber den Passanten war uns das peinlich, schließlich gingen wir aufs Gymnasium und hätten uns vielleicht schriftlich an den Automatenaufsteller wenden können.
Käfer waren zu jener Zeit schon eine aussterbende Spezies, und auch in den Tagen, als sie noch sehr zahlreich auftraten, waren schwarze Käfer selten.
Anfangs sahen wir in ihm unser Taxi, denn Günter fuhr nicht gern allein, doch wenn er uns das Fürchten lehrte und wir uns im schwarzen Kleinwagen mehr gruselten als im dunklen Kinosaal, dann fühlten wir uns nicht mehr wie in einer Taxe, sondern mussten daran denken, dass es noch ganz andere schwarz glänzende Autos gab. Würden wir erst in gemessenem Tempo in einem solchen Wagen gefahren, könnte uns nichts mehr erschrecken. Diese Sorge war unser Wegbegleiter.
Günter wurde von solchen Reflexionen nicht angefochten. Er war ein Mann der Tat und hatte schon wieder einen Entschluss gefasst. Irgendwo hier, in dieser schönen Feriengegend, musste doch eine alte Großtante von ihm wohnen, die er in Kindertagen gelegentlich besucht hatte. Es dauerte nicht lange und wir waren am Ziel. Der schwarze Käfer hielt vor einem alten Fachwerkhaus mit dunkel gestrichenen Balken und konnte für eine Weile verschnaufen. Im Vorgarten saßen auf einer Bank zwei hochbetagte Damen und genossen den sonnigen Nachmittag inmitten ihrer Dahlien, Gladiolen und Rosenbüsche. Das junge Gemüse mochte sich hinter dem Haus verbergen, der Vorgarten diente allein der Zier und Muße. Die alten Damen hatten offensichtlich Sinn für das Schöne. Damen ist vielleicht nicht das rechte Wort. Frauchen? Nein, das schon gar nicht. Wenn das eine Feministin liest! Außerdem gab es auch keinen Hund, der sie zu Frauchen hätte machen können. Die zwei Alten waren weibliche Wesen aus einer anderen Zeit, die nun ganz überraschend von der männlichen Jugend heimgesucht wurden. Die beiden waren der Situation aber völlig gewachsen und baten uns in die gute Stube, die so wie sie war jedem Museum zur Ehre gereicht hätte. All die großen alten Möbel und all der Zierrat waren in allerbestem Zustand, und auch die alten Frauen waren gut beieinander. Die große Kanne, in der sie für uns Kaffee aufgebrüht hatten, konnten sie allerdings nicht heben, diese Aufgabe überließen sie mit einem charmanten Lächeln Günter, der sich sehr mühte, beim Einschenken nicht zu zittern. Die Kanne schien für eine Großfamilie bemessen zu sein. Auf dem Tisch stand ein Korb mit Brezeln, die wir mit guter, frischer Landbutter bestrichen. Die Gastgeberinnen saßen nebeneinander auf ihrem großen, roten Kanapee und schauten uns freundlich zu, wie wir unserem jugendlichen Heißhunger nachgaben. Schließlich schienen sie auch Appetit zu bekommen und ließen sich von Günter Brezeln reichen. Sie kamen mir so sicher und geborgen vor in ihrem schmucken, altertümlichen Heim. Sie müssen klug und vorsichtig gewesen sein, sonst wären sie und die vielen schönen Dinge, die sie umgaben, wohl nicht so alt geworden. Ihr rotes Kanapee war ein beneidenswert sicherer Platz. Wer ist schon beim Brezelessen vom Sofa gefallen?
Auf der Rückfahrt zeigte der Kaffee seine anregende Wirkung. Günter wuchs über sich hinaus und wurde zu einem Paganini am Lenkrad.
Das Ganze fällt mir jetzt wieder ein, da die Tageszeitung von einem älteren Herrn berichtet - durchaus kein Großväterchen, die Zeiten haben sich geändert -, der für 50 Jahre unfallfreies Fahren geehrt wurde. Das kann Günter nicht mehr erleben. Er hat seine Unschuld früh verloren. Bald nach unserem Ausflug zog er seinen Käfer forsch in eine scharfe Linkskurve und zugleich für immer aus dem Verkehr. Zum Glück kein Beinbruch - das heißt, es war schon ein Bruch und auch ein Bein, aber das Schlüsselbein. So etwas konnte den alten Damen auf ihrem roten Kanapee nicht passieren. Auf einem Kanapee kann man sicher alt werden.



Eingereicht am 24. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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