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Was ist schon Leben?

© Marina Klose


Ein leichter Wind kommt auf und die blassgrüne Wasseroberfläche kräuselt sich sanft im Luftzug. Zugleich hebt das leise Rauschen des dichten Blätterdachs an, das mich gänzlich umgibt. Das mich abschirmt vom Rest der Welt und mich die Illusion aufrecht erhalten lässt, dies hier sei mein eigenes kleines Universum. Das normale Leben zählt nicht mehr, der Alltag existiert nicht mehr und mit ihm verschwinden all die Dinge, die mich heute an diesen Ort trieben. Keine Sorgen mehr, keine Ängste und Zweifel. Nichts von alledem. Nur der schmale Streifen Gras, auf dem ich sitze, am Ufer des kleinen Sees. Die Libellen, die über dem Wasser tanzen. Der Frosch, der zwischen den Seerosen quakt. Der kräftige Blütenduft, der die Luft erfüllt, schwer und süß meine Sinne benebelt. Und die Bäume, deren Kronen mich umgeben wie ein Schutzmantel aus lebendigem Grün, die mir leise ihre raschelnden Worte ins Ohr flüstern und in ihren Zweigen die Gesänge der Vögel.
Ein Schutzmantel.
Was ist schon Schutz, frage ich mich? Das Gefühl, in Sicherheit zu sein? Die Gewissheit? Die Garantie? Nichts ist gewiss in dieser Welt, nichts ist sicher. Schließlich war ich mir auch sicher, bei dir in Sicherheit zu sein. Warum also fühle ich mich hier beschützt?
Vielleicht, weil ich darauf vertraue, dass die Einflüsse der Außenwelt mich an diesem Ort nicht erreichen können?
Vertrauen. Was ist schon Vertrauen? Setzt Vertrauen nicht Sicherheit voraus? Ist Vertrauen nicht lediglich eine persönlichere Form der Sicherheit? Doch Vertrauen kann gebrochen werden. Vertrauen wird gebrochen, früher oder später, so wie du es getan hast. Eine trügerische Sicherheit.
Ich lehne mich zurück, stütze die Unterarme ins Gras. Die zarten Halme kitzeln an meiner Haut, ebenso an den nackten Fußsohlen.
Gibt es eine Steigerung von Vertrauen?
`Liebe´, schleudern meine Gedanken mir entgegen, ohne dass ich sie darum gebeten habe. Unwillkürlich schüttele ich leicht den Kopf.
Was ist schon Liebe?
Ich lege den Kopf in den Nacken und schließe die Augen. Helle Sonnenstrahlen treffen nun mein Gesicht, erwärmen merklich die Haut. Eine Biene oder Wespe fliegt dicht an mir vorüber, ich kann die Vibration ihres Flügelschlags an meiner Ohrmuschel spüren.
Was ist schon Liebe? Die ganze Menschheit sehnt sich nach ihr. Und doch bedeutet sie nichts als Leid. Entweder kommt sie von der falschen Person oder sie wird nicht erwidert. Sie ist vergänglich. Sie macht uns blind. Sie ruft Eifersucht hervor. Sie treibt uns in Sehnsucht, Depression, bis hin zum Mord an uns selbst und anderen.
Du sagtest, du liebst mich. Hast du gelogen? War eine Lüge der Beginn meines Unglücks oder war es tatsächlich doch die Liebe selbst?
Unglück. Das Gegenstück zum Glück.
Was ist schon Glück? Eine vorgegaukelte Empfindung unseres Körpers, ausgelöst durch Hormone und Botenstoffe? Alles Fassade, alles Illusion?
Ich strecke die Beine aus und tauche meine Zehen ins kühle Wasser. Lasse meinen Kopf ins Gras sinken und atme tief ein, spüre, wie die frische Luft durch meine Lungen zieht.
Ich war glücklich, solange du mir sagtest, dass du mich liebst und vertraute darauf, dass du mich beschützen würdest. Und ich wollte, dass es immer so bleibt. Doch nichts ist gewiss, Vertrauen wird gebrochen, Liebe vergeht und Glück bedeutet lediglich einen Rausch der Endorphine.
Wofür lohnt es sich also, zu leben?
Ich grabe meine Zehen in den schlammigen Grund des Sees und lächle über mich selbst.
Leben. Was ist schon Leben?



Eingereicht am 26. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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