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Unendliche Geschichten - Der Klavierbauer

© Anoù Rosenholz


Der Klavierbauer - Der Buchumschlag
"Eine kleine Begebenheit beschreibt die Idiotie meines Lebens unvergleichlich gut: Ich bin gebürtiger Pariser und heiße André Stein. Meine Familie nennt sich, aus Gründen die hier nichts zur Sache tun, seit Generationen "Stein" - wie Stein. Hier aber erkennt jeder ein deutsches Wort und nennt mich daher "Herr Stähng", so wie man sich den Namen als Deutscher eben auf Französisch vorstellt …"
"Ich hatte Zeit meines Lebens nur einen einzigen Traum: ich wollte Klavierbauer sein! Mein Schicksal fand aber schließlich so viele Ausreden es nicht werden zu können, bis es dafür schließlich für immer zu spät war. Und ganz am Ende dieser Flucht vor meiner Bestimmung, traf ich endlich auf mich selber, als Boykotteur in eigener Sache …"
Dies ist die Geschichte vom Autisten André Stein, gedacht von ihm selber in Form eines erzählenden Filmes, den nur er alleine sehen kann. In beklemmendem Kontrast stehen dabei die Lebendigkeit und Intensität seines inneren Erlebens, zu der absolut undurchdringlichen Einsamkeit in seinem Außen …
... Ins Buch geblättert ....
... an einem sicheren Ort. Und ich stelle mir das jetzt alles vor, wie in einem Film. Ich drehe einen Film über mich für Sie. Während ich selber der Schauspieler bin, schaue ich mir gleichzeitig den Film mit an. Sie sehen mich. Die ganze Zeit nur mich. Eigentlich nur meinen Oberkörper, in der sackleinernen Anstaltskleidung, und meinen geschorenen Kopf. Ich in einer kleinen Zelle. Hinter mir eine alte, raue, dunkelrote Backsteinwand, die kein Licht reflektiert. Irgendwo in dieser Zelle - die können Sie ja nicht sehen, nur ahnen, gibt es wohl ein kleines Fenster. Ein grauer Lichtschimmer liegt auf der rechten Seite meines Gesichtes. Ich sitze auf einer alten Holzpritsche, die mit Ketten an in die Mauer eingelassenen Ringen hängt. Die sehen Sie nicht, ich erzähle ihnen nur davon. Oder nein - wir machen das so, als ginge die Kamera manchmal, am besten, wenn ich schweige, weiter weg und zeige mich ganz. Wie ich da zusammengesunken auf dieser schäbigen, groben Decke sitze. Den Blechtopf mit dem Holzdeckel für die Notdurft steht links unter der Pritsche, den sehen Sie dann auch. Immer wenn die Kamera weiter weg geht, sieht man, dass das Licht irgendwo von weit oben, von der Decke auf mein Gesicht fällt, die Zelle muss also ziemlich hoch sein, obwohl sie so klein ist. Sie sehen mich, wie ich mich selber umarme und mich sanft und unaufhörlich vor und zurück bewege. Unaufhörlich. Vor und zurück. Vor und zurück. Die ganze Zeit. Sie sehen meine graue Gesichtsfarbe. Sie sehen meine grauen Bartstoppeln. Sie sehen meinen faltigen, mageren Hals. Sie sehen meine eingefallenen Wangen und meine übergroß erscheinenden, brennenden, leeren Augen. Sie fragen sich, wie alt ich wohl sein möge. Im Zuge der Erzählungen bekommen Sie ein Gefühl dafür, dass ich in Wahrheit nicht einmal halb so alt sein kann, wie ich Ihnen jetzt erscheine. Die Pritsche knirscht ganz leise, während ich mich bewege, unaufhörlich vor und zurück bewege. Dabei hören Sie die ganze Zeit meine beunruhigend unbeteiligte, leise Stimme… Sie sehen mich ja nicht sprechen, sie hören mich die ganze Zeit denken. Das sollte Sie in seiner Eindringlichkeit beunruhigen. Ich sehe Sie nicht an, nehme Sie nicht einmal wahr. Sie werden gar nicht wissen, ob ich von Ihrer Existenz überhaupt weiß und wenn ja, ob es irgendeinen Eindruck auf mich macht. Ich sehe starr zum Fenster auf und manchmal, wenn die Kamera weiter weg ist, dann sehe ich vielleicht auf einen Punkt irgendwo rechts neben der Kamera. Ich weiß noch nicht genau, wie wir es machen, lassen Sie es uns zusammen ausprobieren. Ich erzähle ihnen jetzt von mir, ich beginne jetzt mit meinem Film. Nein, falsch, eigentlich sind wir ja schon mittendrin. Ich glaube, das wäre doch ein guter Anfang. Wie ich Ihnen das jetzt erzähle, während Sie mich schon sehen können. Es ist auch eine gute Einstimmung. Und während ich das mit den Kameraeinstellungen erzähle, geht die Kamera schon mit und wir probieren das sozusagen gleich aus. Ja, das ist gut… das ist sogar sehr gut. Ich wusste die ganze Zeit nicht, wie ich anfangen sollte. Dachte zuerst an ein Stück von Chopin, dass meine mageren Hände auf dem alten Holz der Pritsche spielen und dass Sie dabei hören können… von mir selber gespielt. Damals. Sie werden sich fragen, wieso es so virtuos aussieht und ob das wirklich ich bin, den Sie da jetzt hören. Dann sehen Sie mein Gesicht und Sie glauben zu wissen, dass ich es bin, den Sie hören. Sie fragen sich; wie kann das sein… wie kann aus einem solch begnadeten Klavierkünstler ein solcher - ein solches Wrack werden? Die Marodität, die in dieser Vorstellung liegt, in ihrer Unruhe die Sie bei Ihren Gedanken befällt, erregt mich. Tragisch, ja unfassbar tragisch! So jung, so begabt, so gefallen. GEFALLEN. Das gefällt mir (haha) - gefallen wie der Engel Luzifer. Gefallen wie ein sterbender Krieger. Wie ein glorreicher Held auf dem Schlachtfeld. Ja, das Pritschenklavier ist eine gute Idee. Das Pritschenklavier, soll ich meine Geschichte so nennen? Mein Gott, ein Namen, wir brauchen doch noch einen Namen! Wie soll ich meinen Film nennen? Das Pritschenklavier… hm, hm, hm - nein, ich hab's! Der Klavierbauer. Das bin ich. Besser; ich wäre es gerne gewesen. Es steht für alle zerbrochenen Träume meines verpfuschten Lebens gleichzeitig. Ja, es ist der Film "Der Klavierbauer". Und damit können wir diese Szene mit dem Pritschenklavier ja zum Schluss mit reinnehmen, denn es passt hervorragend zum Filmtitel und es gefällt mir ausgezeichnet in seiner Dramatik… Aber zum Ende. Ja, das ist besser, denn es hat keinen guten Übergang zum Beginn meiner Geschichte. Ja - wir drehen jetzt schon, so machen wir es. Es ist eindringlicher. Es ist intensiv, denn so will ich Ihnen in Erinnerung bleiben, wenn Sie mich später wieder verlassen müssen. Ich erzähle Ihnen jetzt, wie es geschah, dass Sie nun überhaupt meinen Film sehen können…
Ich spreche jetzt nicht mehr. Sie sagen, ich hätte mich wohl endgültig in den Wahnsinn geflüchtet. Schon möglich. Vielleicht habe ich auch einfach nur verlernt, wie man spricht. Vielleicht kommt bald wieder alles in Ordnung. Vielleicht. Vielleicht hat aber auch alles eine neue Ordnung gefunden und es bleibt alles wie es ist. Wenn Ordnungen sich durch eine bestimmte Art von Frieden zeigen, dann ist jetzt alles in Ordnung. Mehr sogar noch als vorher. Das können Sie sich wohl nicht vorstellen, wie? Überhaupt ist die Vorstellungskraft der Menschen sehr begrenzt, möchte ich meinen. Es gibt zwei Möglichkeiten mit Krisen umzugehen, sagen sie mir immer wieder: Man könne sich jeweils entscheiden daran zu wachsen, oder daran zu zerbrechen. Habe ich irgendetwas entschieden? Sie sind scheinbar dieser Annahme, ich aber kann mich an nichts dergleichen erinnern. Ich kann mich ja nicht einmal erinnern, wie ich an diesen seltsamen Ort gekommen bin. Ich weiß, ich ahne, es sieht alles ganz anders aus, als ich es jetzt sehe… aber ich habe es vergessen. Das Erleben ist in mir drin, verstehen Sie, auch das Ansehen von den Dingen ist in mir drin. Es sind gefühlte Bilder, keine gesehenen Bilder mehr. So sehe ich meine Zelle eben an… und mich selber. Es ist mein Film, den kann mir niemand kaputt machen, den nicht!
Mit den Erinnerungen, ist das überhaupt so eine merkwürdige Sache… sie scheinen sich an keine Zeitschiene mehr halten zu wollen und strömen wild und ungebündelt herein. Ich erinnere mich an meinen letzten Geburtstag. Ich erinnere mich, dass es ein sonniger, warmer Donnerstag im Frühling war. Ich erinnere mich, dass ich vor der Musikanlage saß und aus Mozarts Requiem immer wieder das "Lacrimosa" hörte. Jenes achte Stück seines eigenen Requiems, bei dem Mozart unter dem Diktat an seinen Erzfeind Salieri, schließlich verstorben war. Noch immer streiten die Experten, an welcher Stelle sein Schüler nun angesetzt hätte, um das Werk zu beenden und welche Fehler er dabei an der Lehre seines Meisters begangen habe. Mich interessiert nur der Gedanke, dass Mozart genau das in sich hörte, als seine gepeinigte Seele endlich den todgeweihten Körper verließ. Ich erinnere mich, dass ich eine große Sehnsucht in mir spürte, es ihm gleich zu tun. Da war alles schon in vollem Schwange, das kann ich heute sehen. Damals aber lauschte ich, ahnungslos über die unheilvollen Ereignisse, die sich schon über mir zusammenzubrauen begannen, versunken der Musik…
Bilder und Gefühle und Bilder von Gefühlen zogen durch meine Seele und ich fühlte wieder einmal, wie unglücklich ich hier in Deutschland doch war. Ich konnte mich nur noch sehr mangelhaft daran erinnern, was die wirklichen Gründe gewesen waren, meine Heimat Paris zu verlassen und ausgerechnet in dieses kalte, graue Land zu kommen. Nach über vier Jahren war es mir nicht gelungen, diese verfluchte Sprache richtig zu beherrschen und ich dachte und fühlte noch immer auf Französisch. Ich las noch immer französische Bücher, besuchte französische Filme und genoss französische Musik. Ich aß französische Dinge und verwendete eine Menge Zeit darauf, sie hier in München ausfindig zu machen. Vieles von dem, was auch am Arbeitsplatz um mich herum geschah, blieb mir in groben Zügen schleierhaft, von den Nuancen einmal ganz zu schweigen. Man hielt mich für einen ruhigen Menschen, weil ich mich bewusst zurückhielt, um das Ausmaß meines Unverständnisses nicht preisgeben zu müssen. Denn dann hätte ich etwas daran ändern müssen und es war meine uneingestandene Wahrheit, dass ich das gar nicht wollte. Ein Leben auf dem Sprungbrett, ja, nur wohin wollte ich denn eigentlich springen…?
In Paris hatte ich eine sehr intensive Beziehung zu meinem Klavierlehrer, der mich seit über 15 Jahren unterrichtete und dem ich wie einem Vater zugetan war. Ich bewunderte ihn über die Maßen, ihn als Menschen, sein Spiel, seine Ansichten und alles wofür er stand. Ich begann mich in meinem Klavierspiel natürlich ihm anzugleichen. Das ist erst einmal der normale Weg zwischen Lehrer und Schüler, doch im Gegensatz zu anderen Schülern, wollte ich meinen Lehrer nicht verlassen und ihn nicht übertrumpfen. Als Monsieur Bacon das bemerkte, schickte er mich fort. Ich benutzte die Zeit, die schreckliche Zeit ohne seine Führung dazu, mir das Rauchen anzugewöhnen (Gouloires Bleue, ohne Filter) und die Zigarette, so wie er das tat solange ich ihn kannte, im rechten Mundwinkel weiterzurauchen, während er spielte, oder das Klavier stimmte. Ich war gezwungen mir einen kleinen Handstaubsauer zu kaufen, um die Asche wieder zwischen den Tasten entfernen zu können. Den anderen Teil der Zeit benutzte ich dazu, um mir einen eigenen Stil des Klavierspieles anzugewöhnen. Als ich ihn einigermaßen beherrschte, kehrte ich zu Monsieur Bacon zurück. Als Nichtraucher natürlich und als André am Klavier. Er bemerkte nichts davon, auch wenn er von meiner persönlichen Art der künstlerischen Interpretation nicht besonders begeistert war. "Junge, Deinem Spiel fehlt die Seele " sagte er jetzt oft bekümmert, ahnte aber nicht, was er da eigentlich wirklich beobachtete. Manchmal dauerte es mich, dass in unsere ehemals so reine und unschuldige Beziehung nun dieses berechnende Element hinzugetreten war, aber das schien der Preis zu sein, den ich zahlen musste, um weiterhin von ihm lernen zu dürfen.
Monsieur Bacon war nicht nur Komponist und leidlich bekannter Konzertpianist, Klavierlehrer und Klavierstimmer, er war auch gleichzeitig noch Klavierbauer. Einer der letzten dieser Zunft in Paris. Er hatte den Dachboden des schmalbrüstigen, stets mit dem Verfall kämpfenden Hauses im 22. Arrondissement, zu einem Atelier umgedichtet, das in jeder Hinsicht unbeschreiblich war. Es war alles aus Holz, er hatte einen perfekten Resonanzkörper geschaffen, der in seinen räumlichen Proportionen dem Inneren eines Flügels glich und dessen Vorhandensein sich durch nichts im Außen verriet. Über eine kleine hölzerne Wendeltreppe gelangte man in sein geheiligtes Refugium und ward sofort gefangen. Die vielfältigen Gerüche nach Hölzern, Harzen, Leimen und Lasuren und das scheinbar von überall her eindringende Tageslicht. In der Mitte des Raumes befand sich jeweils ein einziges Stück, dessen Geburt und Wachstum ich schon vielfach hatte erleben und in späteren Jahren auch selber hatte begleiten dürfen. Es war untersagt irgendetwas ohne Anweisung anzufassen, weil....



Eingereicht am 27. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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