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Liebe geht durch den Magen

© Heidrun Gemähling


Seit langem war Petra bewusst, wie schnell doch die Zeit verrann. Ein Blick in den Spiegel erinnerte sie daran, dass ihre jugendliche Ausstrahlung immer mehr an Glanz verlor. Bedrückt drehte sie sich vom Spiegel weg, machte einige Schritte zum Fenster und wieder zurück in den Raum, der das rote Licht der untergehenden Sonne widerspiegelte. Ihr Blick fiel auf die alte Kommode in der Ecke, auf der die grün gepunktete Bowle aus mattem Glas stand, ein Andenken an eine große Liebe, die schmerzlich zerbrach. Wehmut überschattete ihre Gedanken und ließen Erinnerungen lebendig werden.
Wie oft hatten sie engumschlungen auf der von Wein umrankten Veranda gesessen, manch köstliches Getränk getrunken und übermütig gescherzt, das Summen der Bienen gehört, die singenden, zwitschernden Vögel auf dem Zweig sitzen sehen, der das Vordach berührte. Liebende Gefühle hatten die Seiten gewechselt und das Glück scheinbar vollkommen gemacht.
An das traurige Ende mochte sie nicht weiter zurückdenken, es schmerzte noch genauso wie damals in ihrem Herzen.
Verträumt machte sie einige Schritte nach rechts und begutachtete sich erneut in dem großen Spiegel. In diesem Augenblick stand Max plötzlich freudestrahlend hinter ihr, galant aber auch eitel zugleich, das hielt ihre Begeisterung in Grenzen. Seine mitgebrachten Überraschungen waren stets von ungewöhnlicher Art und diesmal von ganz besonderer. Hinter seinem Rücken hielt er einen blütenbedeckten Strohhut verborgen und zupfte mit einer Hand unbeholfen daran herum.
Petra schaute weiter in den Spiegel, fing dann aber herzhaft an laut zu lachen, denn sie konnte seine verzweifelten Anstrengungen im kleineren gegenüberliegenden Spiegel verfolgen. Ein verlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Ruckartig drehte sie sich um, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn zärtlich. Seine Verlegenheit steigerte sich von Sekunde zu Sekunde und ließ ihn erröten und verstummen.
"Max, was willst Du mir den heute zaubern?", fragte sie gespannt und zog neugierig seine rechte Hand samt Hut hinter seinem Rücken hervor.
Gleichzeitig schnellte seine Linke auch hervor und entnahm dem Hut eine rote Blume, hielt sie ihr zart lächelnd entgegen.
"Für Dich", sagte er leise, "denn die Liebe geht auch durch den Magen, pflegte meine Mutter zu sagen".
"Die ist ja aus Marzipan!", rief Petra erfreut und biss sofort ein Stückchen ab.
"Lass Dir Zeit!", erwiderte Max gelassen, "am Hut sind noch mehr Blumen, die Deinen Magen schmücken können!"
Strahlende Augen sahen sich an, und in diesem Moment stiegen altbekannte Gefühle in ihr auf.



Eingereicht am 28. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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