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Mein erster Kuss

© Elke Link


Er hieß Erich und wohnte in der gleichen Straße wie ich.
Sein Steckbrief: 9 Jahre alt, ziemlich dünn, aber nicht schmächtig. Kaum größer als ich, Stiftenkopp, lustige Augen, immer etwas dreckige Hände, die er sich regelmäßig dann wusch, wenn wir zusammen spielen wollten. Ich hatte trotzdem Respekt vor ihm, weil ich glaubte, dass er ziemlich gescheit sei, obwohl ich in der Schule besser war, als er. Ich sollte ja auch aufs Lyceum gehen. Er nicht. Weil seine Eltern das nicht für nötig hielten.
Erich hatte immer das Sagen. Alle anderen Kinder in unserer Straße hörten auf ihn. Er diktierte irgendwie meine Kinderwelt. Wenn er pfiff, öffnete ich das Fenster, und wenn ich dann runter auf die Straße durfte, lief ich hin zu ihm.
Er wohnte mit seiner Familie auf einem Bauernhof, der seinem Onkel gehörte, direkt gegenüber. Hier verbrachten wir eine wunderbare Kindheit. Wir halfen bei der Ernte, wir fütterten das Vieh, wir krabbelten im Stroh herum, aßen das Schweinefutter, eine Pampe, die aus zerquetschten Kartoffeln, warmer Milch und irgend so einem mehligen Zeug, das man reinrührte, bestand. Es schmeckte herrlich. Das durften natürlich meine Eltern nicht wissen, das hätte Ärger gegeben, aber wir waren der Meinung, dass es uns wohl nicht schaden könnte.
So ging es schon so einige Sommer und Winter und Winter und Sommer bis Erich dann eines Tages eine ziemlich ernste Miene aufsetzte und mir mitteilte, dass er heute Wichtiges mit mir zu besprechen habe.
"Nun gut", dachte ich, "er wird mir wohl wieder seine Hitlerbilder zeigen wollen". Erich tat immer sehr geheimnisvoll, wenn er einen alten Koffer öffnete, der im Geräteschuppen hinter etlichen Kisten und Kartons versteckt war. Er zog vorher die Gardine vor, drehte den Schlüssel um, pichperte ganz leise, als hätte er Angst, entdeckt zu werden. In diesem Koffer waren irgendwelche Schwarz-Weiß-Bilder deponiert, die mich unendlich wenig interessierten, Bilder vom Krieg, von irgendwelchen Aufmärschen, von Menschen mit zum Gruß hochgerissenen Armen, mit ernst dreinblickenden, vor Ehrfurcht und Kampfeswillen erstarrten Gesichtern, sicherlich waren auch einige dabei, auf denen sein Vater abgebildet war.
Ich tat ihm den Gefallen und mimte Interesse. Mich interessierten viel mehr meine Puppen, mein neues Fahrrad, welches von meinem etwas größerem Bruder ständig um das ihm fehlende Ersatzteil entwürdigt wurde und das Handarbeitsgeschäft von Frau Liesel Mohr, zwei Häuser weiter, in der gleichen Straße.
Erichs Vater hatte damals im Krieg sein Bein verloren und lief seitdem mit einem Holzbein herum. "Schrecklich, so was", dachte ich mir, "und wie kann man dann von dieser Zeit so schwärmen?" Es war mir unbegreiflich und ich spürte, dass dieses Thema SEIN Thema war, das Thema seiner Familie.
Nun ja - und in Erwartung neuer Kriegs-Geheimnisse, die er mir wohl heute wieder offenbaren wollte, folgte ich ihm in den Geräteschuppen.
Es war ein kleiner Raum, so ca. 3 x 4 m groß, ein Fenster war darinnen und eine Tür.
Erich stand neben seinem Koffer und machte heute ein sehr ernstes Gesicht. Ich schloss hinter mir die Türe und schaute ihn erwartungsvoll an. Ich wollte es hinter mich bringen, dieses langweilige Bildergucken.
Er schaute weder verliebt drein, noch machte er irgendwelche Schnörkel, er kam direkt zur Sache: "Also, um es kurz zu machen, ich werde Dich heiraten, wir werden ein paar Kinder kriegen, aber vorher muss ich Dich küssen. Das muss so sein."
Da stand ich nun mit dieser Entscheidung, die irgendwie nicht in meinen Kopf passte.
"Wie komme ich nur hier weg", war mein erster Gedanke. Ich wollte flüchten.
Mir fiel ein, dass es Essenszeit war und ich gönnte mir die Notlüge, dass für den Kuss zu wenig Zeit sei, morgen - ja, morgen würden wir uns küssen.
Wir verließen beide den Geräteschuppen und er begleitete mich in Richtung unseres Hauses, das mir leider keinen Schutz mehr gewähren konnte, weil meine Mutter das Fenster öffnete und runter rief: "Elkchen, Du kannst noch eine halbe Stunde spielen, Abendbrot gibt es heute etwas später".
Ich weiß heute nicht mehr, was ich damals dachte, ich weiß nur noch, dass ich kurze Zeit später wieder im Geräteschuppen stand. Ich - an der Türe und Erich hinten am Fenster. Zwischenraum 4 Meter. Ich kam mir vor wie Schlachtvieh.
Ich schloss die Augen und hoffte auf ein schnelles Ende.
Erich sprang auf mich zu, presste mir einen ganz schnellen Kuss auf die Wange und hetzte wieder zurück. Das wars.
Das wars aber auch für unsere Freundschaft.
Ich konnte ihn nie wieder anschauen. Er war für mich gestorben. Ich bekam Bauchweh, wenn ich ihn sah. Ich hatte irgendwie das Gefühl, etwas Schlechtes, Verbotenes getan zu haben.
Bis heute haben wir nie wieder ein Wort miteinander gesprochen.



Eingereicht am 05. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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