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Schuld

© Sarah Anglberger


Gerade sind die letzten Autos auf den Parkplatz gefahren. Langsam steigen sie nun aus, Frauen, Männer, sogar Kinder, alle in Schwarz. Die wenigsten sind imstande, ihre Tränen zurückzuhalten und sich zu fassen, manche allerdings machen sich nicht einmal die Mühe, auch nur halbwegs traurig zu wirken. Nur die Kinder verstehen nicht, worum es hier geht, einige machen schnell noch Wettrennen durch die Gräberreihen, bevor sie von ihren Eltern zurückgehalten werden können.
Die Neuankömmlinge reihen sich ein, stellen sich hinten hin. Vier Leute tragen den Sarg herbei, sie wirken unbeteiligt, als gehe sie das alles nichts an, und das, obwohl sie ausnahmslos engere Verwandte von Christian waren.
Monoton und leise beginnt der Pfarrer seine Predigt. Stefan steht schräg hinter ihm, sodass er die Gesichter der Trauernden nicht sehen muss. Und doch, er weiß, dass sie ihn anstarren, kann ihre vorwurfsvollen Blicke förmlich spüren. Er weiß, fast alle hier sind der Meinung, er sei schuld, insgeheim denkt dass wahrscheinlich sogar der Pfarrer. Doch was heißt Schuld? Es war keine Absicht, trotzdem glaubt sogar Stefan selbst daran, was alle sagen: Hättest du nur besser aufgepasst, Christian wäre noch am Leben, unter uns.
Die Beterei hat nun ein Ende, die Beileidsbekundungen beginnen. Als bester Freund des Verstorbenen steht Stefan gleich neben der in Tränen aufgelösten Familie. Er selbst weint nicht. Er würde gerne, aber er kann nicht.
Kurz sieht er auf, unterbricht seinen etwas wirren Gedankenstrom, die Reihe ist noch lang. Zu lang. Er bemerkt die Gesichter der scheinbar Trauernden und ist sich sicher, dass sich viele hinterher auf kosten von Christians Familie betrinken werden.
Überhaupt, wäre er jetzt hier und irgendein anderer würde begraben, wäre vieles leichter. Diese schrecklichen Schuldgefühle blieben ihm erspart, die Vorwürfe würden jemand anderem gelten.
Später bleibt Stefan nicht lange, er will nach Hause fahren, solange es noch hell ist. Seit Christians Tod muss er sich zu jeder Autofahrt überwinden, es macht ihm angst. Es ist Abend, der Himmel ist wolkenlos und tiefblau. Stefan fährt durch eine lange Allee, die letzten Sonnenstrahlen fallen durch das dichte Blätterdach. Das schöne Wetter passt nicht, wie kann es nur so sein nach den Ereignissen der letzten Wochen und den mit dieser Ahornallee verbundenen Erinnerungen?
Er weiß es noch genau, die gute Laune nach der Party, Christian saß am Beifahrersitz, Stefan fuhr, obwohl er mehr getrunken hatte. Die beiden rauchten, hatten Spaß, achteten nicht wirklich auf die Straße. Sie fuhren schnell, allerdings noch nicht schnell genug für den BMW-Fahrer, der sie überholte. Als Stefan zum erneuten überhohlen ansetzte, fiel ihm die Zigarette hinunter Sie bückten sich gleichzeitig, Stefans Hand rutschte vom Lenkrad, sein Fuß drückte fester auf `s Gaspedal. Die beiden spürten den Ruck, sahen auf und versuchten noch ihre Gesichter zu schützen, doch es war zu spät, sie knallten mit 120 gegen einen riesigen Ahorn.
An diesem Baum fährt Stefan gerade vorbei, die Bilder drängen sich ihm wieder auf, das Gefühl, schuld zu sein, überwältigt ihn. Plötzlich wird er wütend und gibt Gas, diesmal mit voller Absicht.
Er wird zwei Reihen neben Christian beerdigt, der dann schon ein Steinkreuz haben wird.



Eingereicht am 07. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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