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Schlagzeug

© Sinah Wietrychowski


Die Wand drückt sich kalt und hart an meinen steifen Rücken.
Etwas Verlangendes in mir sehnt sich nach der sanften Liebkosung meiner zwei Schritte entfernten Bettdecke, aber ich bin nicht bereit dafür aufzustehen.
Heute war kein guter Tag gewesen, zu viel Zuvorkommenheit und zu viel Entgegenkommen ohne einen Hauch von Taktgefühl. Schon den ganzen Tag über hängt ein klammer Dunst in der Luft, der das Atmen zu etwas Abscheulichem macht. Welch grauenhafte Monotonie, die unablässig an mein Fenster prasselt und die meine Zeit dahinplätschern lässt, wie das graubraune Abwasser, das sich seinen Weg über das wirre Kopfsteinpflaster der Stadt sucht.
Ist es möglich an nichts zu denken?
Morgen würde ich in eine Schule gehen. Sie soll mir beibringen, wie man mit dem Herzen sehen kann. So ein Schwachsinn! Ebenso könnte ich versuchen, das Wetter zu schmecken.
Jeden Schritt meines Lebens bereue ich auf dieselbe Weise, wie ich die Entscheidung verfluche, dem Ball hinterher gerannt zu sein.
"Lass den Ball rollen, lass ihn rollen!", hatten sie geschrien, aber ihre Panik war kein Grund für mich gewesen anzuhalten. Der Fußball war ein Geschenk gewesen, ich hatte mit ihm ein Torwettschießen gewonnen. Es kam mir nicht eine Sekunde in den Sinn, dass reger Feierabendverkehr auf den Straßen herrschte. Meine Sinne betäubt von kindlich naiver Begierde freudentrunken den kleinen Pfützen auf nassem Waldboden auszuweichen, um im nächsten Moment in einen Slalomlauf zwischen den alten Eichen zu verfallen, machte mir mein leichtherziger Übermut einen schmerzenden Strich durch die Rechnung.
Gedankenverlorene Schwere drückt mich fester und fester an die kalte Zimmerwand.
Jeden Abend sitz ich hier. Im Gedanken an mein Spiegelbild wird mir schlecht. Auf die Frage nach meiner Lieblingsfarbe, weiß ich keine Antwort mehr. Meine Welt ist dunkel, dunkel wie die Nacht.
Neulich hat mich ein kleiner Junge im Park gefragt, ob ich ihm seinen Ball wieder holen könnte, der sich in den Ästen der großen Linde verfangen hatte. Auf seine unbeschwerte Frage hin war ich zusammengezuckt. Ich wollte ihm sagen: "Entschuldige, aber das kann ich nicht. Ich bin seit einem Jahr blind, weißt du? Aber frag doch mal deine Freunde." Aber die Worte gefroren, sobald ich meinen Mund öffnete.
"Verschwinde!", schimpfte ich und spürte deutlich, wie sehr ich ihn gekränkt hatte, als sich zögernde Schritte wortlos von mir entfernten. Die Enttäuschung über meine eigene Nichtsnutzigkeit war so groß gewesen, dass ich seither nie wieder im Park gewesen war.
"Samuel, wir müssen dir leider etwas mitteilen." Diese Worte hatten mich aus dem Halbschlaf gerissen. Und obwohl mir der Anblick der kalkweißen Krankenhauswände erspart blieb, brannte die sterile, keimfreie Atmosphäre in meinen Augen. Ein Gefühl wie Alkohol, der auf offene Wunden tropft. Mama nahm meine Hand. Kalt war sie.
"Samuel, hörst du mich?"
Natürlich hörte ich sie. Warum fragte sie mich das?
"Du musst jetzt ganz tapfer sein!", dröhnte die raue Stimme des Arztes in meinem Ohr und bereits in dem Moment dämmerte mir, wie das Ende seines Satzes lauten würde. Zerreißende Stille umfing mich.
Die Verzweiflung, mit der ich darum gekämpft habe das Gesicht meiner Mutter vor mir zu sehen, wenigstens einen Lichtschwimmer wahrzunehmen und die unendliche Schwärze zu vertreiben, brachte die Hand, die noch immer in meiner lag, zum Zittern. Jeden Tag, jede verdammte Stunde umfängt mich dieselbe Eintönigkeit. Mir war nie bewusst, wie sehr ich Licht und Farben zum Leben brauche.
Schwermütig sinke ich noch etwas mehr in mir zusammen. Die Last meines Kopfes, den Millionen nutzloser Gedanken erschweren, ist kaum zu ertragen.
Ein leises Klopfen reißt mich aus dem Halbschlaf; könnte auch mein Herzschlag sein. Nicht einmal mehr die Tatsache, dass ich mein Herz noch höre lässt mich zufrieden sein. Weder Worte, noch Gesellschaft. Nicht einmal mehr ein Lebenszeichen. Beängstigend.
Manchmal öffne ich noch reflexartig die Augen. Am größten ist die Enttäuschung, wenn der Morgen mich weckt. Genau wie jetzt, obwohl ich weiß, dass sie mir kein aufmerksameres Gehör verleihen.
Konzentriert lausche ich. Noch einmal klopft es. Klopfzeichen? Soll ich auch? Geräuschlos schmiege ich mein Ohr an die Wand und klopfe zurück. Gerade als ich mir einbilde, ärgsten Halluzinationen verfallen zu sein, antwortet es.
Zweimal kurz. Hörte sich an wie "Hallo".
"Wer bist du?", frage ich und versuche mich auch in einer Reihenfolge aus Klopfzeichen auszudrücken. Aber ich bekomme keine Antwort.
In dieser Nacht schlafe ich unruhig. Aber die Unruhe ist ungewohnt, ungewohnt neu und aufregend.
Schließlich zwinge ich mich zu schlafen und erwache mit hämmernden Kopfschmerzen.
Müde und zerknirscht kämpfe ich mich bis ins Badezimmer vor und fahre mir lustlos mit der Zahnbürste durch den Mund.
"Viel zu hart, die Borsten!", denke ich. Zu Hundertprozent hat mir der Verkäufer-Typ im Supermarkt die Teuerste Marke in die Hand gedrückt, als ich ihn hilflos mit meinem Stock in der Hand gebeten hatte, mir zu helfen.
"Was soll's, die neue Oral-B ist sowieso besser für die Zähne dank des bewährten biegsamen Kopfes, der das Zahnfleisch schont", nuschle ich ironisch und bewältige das lästige Ankleiden in Höchstgeschwindigkeit. 30 Minuten, weil ich meine Hose falsch herum angezogen habe. Trotzdem Rekord.
Die Schule ist ein großer Saal, aus allen Ecken dröhnt der Schall. Ich hasse große Säle, denn das bedeutet viele Menschen.
Ob ich mürrisch und teilnahmslos wirke ist mir egal, darum setze ich mich an einen der langen Tische, die herumstehen und mache gute Miene zum bösen Spiel, fahre mit den Händen über die Arbeitsfläche, kratze mich am Ohr und gucke blöd in der Gegend rum.
Wie immer eigentlich.
Erst nach einigen Minuten bemerke ich jemanden neben mir sitzen.
Sie duftet nach Rosen und Meer, eine seltsame Mischung, aber es fällt mir schwer, mich festzulegen. Ihre Hände trommeln einen unbeschwert rhythmischen Takt, der mir seltsam bekannt vorkommt. Ich besuche eine Blindenschule, dennoch traue ich mich nicht sie anzusehen, sondern höre nur aufmerksam zu. Und sogleich spüre ich wieder das Hüpfen meines Herzens, im Takt ihrer Hände.
Auf einmal weiß ich woher sie mir bekannt vorkommen muss, aber das Netz für einen gelungenen Aufschlag einer Unterhaltung erscheint mir viel zu hoch. Sie ist das unbekannte Klopfen auf der gegenüberliegenden Zimmerwandseite, letzte Nacht.
Jungenhafte, in gewisser Weise naive Nervosität verklebt meine Lippen zu einer undurchdringlichen Membran.
Wie Schlagzeug klingen die weichen Schläge ihrer Hände auf der Tischplatte, doch nur sie und ich scheinen sie wahrzunehmen im Stimmentumult der Menschenmenge.
Wie beruhigend es wirkt.
Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss wohl oder übel meinen verschweißten Lippen einen Streich spielen und steige kurzerhand, zuerst kaum hörbar und schließlich lauter in ihren Trommelrhythmus ein. Es dauert nicht lange, da schweigt sie und gespannte, fast neugierige Stille entsteht.
Doch plötzlich: Zweimal kurz.
"Hallo", sage ich, nachdem ich kurz zögere.
Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich es schaffe, jemanden lächeln zu hören, obwohl ich nie daran geglaubt habe. Ihre Stimme, fast wie Rosen und Meer.
Noch am selben Tag verabreden wir uns.
Auf dem Heimweg überkommt mich die ungewohnte Lust, am Fußballplatz entlang zu gehen und trotzend jeglicher Realität weiß ich, spüre ich, dass die Sonne letzte rot-orange Strahlen über den Horizontrand wirft.
"Hey du!", ruft eine Jungenstimme. "Kannst du mir den Ball wieder zu schießen?"
"Klar!", antworte ich, nehme den Ball in die Hand und schieße ihn kräftig zurück.
"Bin da!"
Ich schmunzle, versuche der Einöde meines Zuhauses einen Hauch Lebensfreude zu verleihen.
Als es dunkel wird und die Vögel leiser werden, setze ich mich an die Wand, drücke mein Ohr so fest es geht dagegen und warte. Wird sie da sein?
Sie hatte es versprochen. "Ja", war ihre Antwort gewesen. "Ich werde da sein. Und dann spielen wir Schlagzeug. Ich bring es dir bei. Ist ganz leicht." Danach hatte ich dem Jungen seinen Ball zugeschossen, meine Wohnung mit einem herzlichen "Bin da!" begrüßt und sitze nun hier. Aber ich sitze nicht mehr im Dunkeln, nicht mehr allein, denn in mir tanzt ein Funken. Und endlich, als ihr Trommeln durch die Mauer dringt, tanzt er im Rhythmus ihres Liedes.



Eingereicht am 15. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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