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La poupée qui fait non

© Ulrich Rakoún


Tant elle était jolie
Je suis une mouche
Posée là sur sa bouche

Aus: La poupée qui fait non
Michel Polnareff
Es war ein ganz besonderer, außergewöhnlicher Sommer an den ich mich sicher bis an mein Lebensende zurückerinnern werde. Ich meine den Sommer im Jahre 1968 in Paris, der mit dir Marie so wunderbar begann und kurz darauf, nur wenige Wochen später, sein jähes Ende nahm. War es am Pont Neuf mit dem Reiterstandbild von Heinrich IV. oder an einer anderen Seine-Brücke, wo wir uns das letzte Mal gesehen haben, weil du nämlich dort mit irgendeinem Hippie oder Beatnik, der wegen seiner langen Haare eine so frappante Ähnlichkeit mit einem berühmten französischen Pop-Idol der sechziger Jahre aufwies, spurlos wie die Wasser der Seine verschwunden warst? Du, ein kleiner Tropfen in einem großen Fluss, den ich niemals mehr wieder finden konnte, weil es unheimlich lange dauern würde, unendlich viele gesunde und kranke Tropfen ( denn als solche empfinde ich unsere damalige, fast noch ungeborene Liebe ) unter dem Mikroskop nach dir und deiner, nein unserer großen, zeitlich sehr begrenzten Liebe zu untersuchen. Ein Tropenarzt wie Albert Schweitzer hätte sicherlich ein ganzes Leben oder länger dazu gebraucht - meines war zu kurz und zu jung, um es der Erforschung von Wassertropfen und darin enthaltenen, mehr oder weniger gefährlichen Bakterien zu widmen, aber ich schenke dir immerhin diese wenigen, unverbraucht frischen, neu- und wiedergeborenen Gedanken, die noch in meiner Erinnerung haften geblieben sind, denn du Marie existierst heute im Alter für mich nicht mehr. Es sind nur die manchmal von neuem gelebten, nonverbalen, wenig expliziten Augenblicke einer übergroßen Zärtlichkeit, die niemals mehr vergehen, unsterblich sind wie die im Mondlicht sanft und grünlich schimmernde Wasseroberfläche der Seine mit deinem beweglichen Spiegelbild darauf, die mich bis an mein Lebensende verfolgen werden, wobei sie immer noch sagen: "Ich liebe dich - Je t'aime." Aber du liebtest Antoine, so hieß der damals so berühmte Sänger, der wie ich glaube aus Madagaskar stammte. Zumindest warst du verliebt in eine schlechte Kopie von ihm und hattest dem jungen Mann mit dem offenen, blaugeblümten Hemd, das den Blick auf ein goldenes Halskettchen ( und vielleicht noch mehr ...wer weiß? ) mit einem kleinen Kreuz daran freigab, dein Herz und deine Liebe geschenkt. "Merci Marie, die Zeit mit dir war schön", flüstere ich leise, aber du kannst mich ja nicht mehr hören, dort wo du jetzt höchst wahrscheinlich bist. Hörst mich ja nun nicht mehr.
Am Abend vorher waren wir noch im Olympia gewesen und lauschten einem wirklich atemberaubenden, fast schon historischen Konzert mit Michel Polnareff. Seiner hingabevoll leidenschaftlichen, einfühlsamen Stimme, die uns von der Bühne bis in unsere Loge entgegenschwebte und in einen vorübergehenden Rauschzustand versetzte. Zumindest Dich, meine Liebe, mein kleines weibliches Wesen, wie ich schon bald mit leichter Bestürzung erkennen musste. Es war wie immer ein herrlicher Sommerabend gewesen, dem eine noch aufregendere Sommernacht folgte, die damit begann, dass wir nach dem Konzert in meinem offenen, geliehenen dunkelroten Jaguar vom Louvre, genauer von der Gegend um den Arc de Triomphe du Carrousel, die Avenue des Champs-Élysées bis zum Triumphbogen hinauffuhren. Auf einer herrlich beleuchteten Milchstrasse glitten wir in ein warmes, schillerndes imaginäres Meer, angemalt mit bunten Farben und bestrahlt vom gleißenden Neonlicht der Restaurants, Cafés, Theater und luxuriösen Geschäfte, das die Wellen der farbigen See zum Schäumen brachte. Ich musste dir die Gischt mit einem Taschentuch von deinen rot bemalten Lippen abwischen und du halfst mir mit einem zärtlichen Kuss dabei, die letzten Spritzer des Meeres aus meinem rechten Mundwinkel zu entfernen. Danke Marie.
Nach der Liebe fragt heute eine etwas lückenhaft sich erinnernde Gegenwart die weit zurückliegende Vergangenheit, weil sie dich, kleine Marie ja nicht mehr fragen kann. Und eine Zukunft für die Liebe gab es für uns beide damals nicht, konnte es wohl nicht geben. Heute kommt wie - damals kam - in Sachen Liebe keine Antwort, nur das echte Licht des Mondes, der über uns schien ( und der vielleicht Gefühle der Liebe in uns erweckte ) und der zudem noch mit seiner einen Hälfte geizte, sowie der große und der kleine Wagen am Himmelszelt, für den wir an dem Abend jedoch keinerlei Verwendung fanden, denn Leonard Cohens Stimme aus dem Radio und unsere gelegentlichen kleinen Zärtlichkeiten raubten jedem von uns den Atem und nach einiger Zeit auch den schon etwas verkümmerten Verstand, wobei eben noch die Emotionen übrig blieben und die rauchzarte Stimme Cohens sanft unsere unausgesprochenen Worte, die wohl mehr gefühlt als gesungen waren, zu untermalen versuchte: "Like a bird on the wire ..." - es gab eigentlich keine Steigerung mehr, weißt du - "Salut Marie!"
Ich glaube es gibt keine Liebe ohne Absturz, gibt es sie? Kann es sie jemals geben? Bleiben Gefühle immer so, wie man sie gerade fühlt? Zuerst auf der Spitze eines hohen Berges, der die Zugspitze oder der Mont Blanc sein könnte! Und im nächsten Augenblick mit der Gondel oder mit dem Fallschirm wieder ganz unten auf dem Boden der mehr oder weniger bitteren Tatsachen! Weil der Vogel nämlich am nächsten Tag, nach einem vorauf gegangenen sehr späten Frühstück in einem Bistro, von der Stromleitung auf- und davongeflogen, sprich mit einem dieser Vagabunden, die sich manchmal eine ganze Woche nicht wuschen, durchgegangen bzw. weggeflogen war. Aber ich verwechsle das wohl aus meiner heutigen Sicht mit den Clochards, von denen es damals ja auch schon eine große Anzahl unter den Brücken der französischen Hauptstadt gab und die man sogar vereinzelt in der Mensa der altehrwürdigen Sorbonne antreffen konnte. Das schlimme ist nur liebe Marie, dass ich deiner Mutter damals versprach, auf dich ein Auge zu werfen, was so viel bedeuten soll, wie auf dich aufzupassen. Ein junges Mädchen, das in der südlichen Provinz, nicht weit entfernt von der Camargue geboren und dort aufgewachsen war, das noch nicht einmal ganze sechzehn Jahre zählte und sich zum ersten Male in Paris aufhielt. Ich habe niemals wieder im Leben etwas von dir gehört, und auch deine Mutter hat irgendwann die Nachforschungen nach ihrer kleinen Marie eingestellt, weil es keinerlei Lebenszeichen und Anhaltspunkte mehr von ihr gab, keinen Hinweis, der über ihren Verbleib hätte Aufschluss geben können. Nur dieser eine schwüle Sommertag ist mir noch deutlich in der Erinnerung geblieben und die Nacht davor, von der du mir die eine Hälfte schenktest, die mit dem Besuch des Olympia begann. Als der dunkelrote, schwere Vorhang sich hob und der Kristallleuchter an der Decke erlosch, sang Michel Polnareff endlich sein Liebeslied: "La poupée qui fait non", das mir damals wie ein leidenschaftliches Schluchzen erschien und mich nicht daran denken ließ, wie bezeichnend dieses Lied für dich und deine Zukunft und für unser ganzes, leider nicht gemeinsames Leben, sein würde.
Hättest du damals doch auch bloß mit "nein" reagiert und geantwortet Marie, als dich dieser junge, hübsche und so aufdringliche Kerl mit den blauen Blumen auf seinem offenen Hemd, das wohl eines der Markenzeichen seines berühmten Vorbildes Antoine war, ansprach und wärst nicht gleich mit ihm auf- und davongegangen. Wie ein kleiner, bunter Schmetterling in der ersten Sommersonne ( habe ich deine liebe Mutter nicht noch irgendetwas von einem Schmetterling rufen hören, als wir damals von zu Hause abfuhren ... ) bist du davongeflogen. Deiner Mutter und mir hast du das Herz gebrochen, denn du warst ihr einziges Kind und meine erste, nein genauer gesagt zweite Jugendliebe. Ich, Jacques Renoir, damals ein junger Mann von gerade erst vierundzwanzig und Student der Rechte im fünften Semester in Montpellier und du Marie Dutroux, ein Mädchen von beinahe sechzehn, das noch aufs Lyzeum in der Nähe ihrer Heimatstadt ging und in zwei oder drei Jahren dort ihr Baccalauréat machen wollte. Auch bei mir machtest du keine Anstalten, nein zu sagen, aber es war Gott sei Dank noch nicht sehr weit mit uns beiden gekommen. Nicht über ein paar Umarmungen und Küsse hinaus, meine ich. Und was war das schon für eine Stadt wie Paris und noch dazu mitten im Sommer? Eine Stadt für junge Verliebte, die zur Liebe einlud! Nichts oder nicht sehr viel, denke ich, als ich das Rauschen der Wellen des tiefen Ozeans - oder besser die Geräusche der fahrenden Autos in der Nähe wahrnehme und mir einbilde, dass sie mich zu dir bringen kleine Marie.
Nein, ich bin wirklich kein Moralist, möchte wie Gide nicht an überkommenen Konventionen festhalten, aber das mit dem Fremden, diesem fremden Jungen oder jungen Mann mit den langen schwarzen Haaren, die ihm bis auf die Schultern reichten und der wie ich glaube ein Ausländer war, hättest du nicht tun dürfen. Jetzt ist es zu spät, und du bist zu einem Stück einer weit zurückliegenden Vergangenheit geworden. Vielleicht bist du aber auch zu einer Träne geworden, einer von so vielen, die deine liebe Mutter in all den kommenden Jahren bis zu ihrem Tode in einem kleinen Ort bei Arles um dich geweint hat? Die vielen eingebildeten Tränen, die dann die Seine hinunterflossen und zu einem großen Meer voller Tränen wurden. Die niemals jemand zählen wird, auch der nicht, der sie einst geweint hat, selbst wenn er noch leben würde. Und auch die Seine wird ihr Geheimnis keinem Unbefugten anvertrauen, denn sie wird wie eh und je, bei Tag und Nacht für Verliebte weiter fließen und die vielen Liebes-Geschichten, die sich an ihrem Rand und auf ihrer Wasseroberfläche abgespielt haben, mit in "ihr Grab" nehmen, das vielleicht irgendwo in einem Meer an dem einen oder anderen Ende von Frankreich liegt.
Hm, vielleicht kennt die gute alte Seine doch eine Antwort auf unsere Fragen, nämlich wohin all die vielen Menschen, die einmal unsere Lebensbahn gekreuzt und uns dann irgendwann wieder verlassen haben, hingegangen sind! Die Menschen, die einmal das Bett für eine Nacht oder länger mit uns teilten und deren Leben und Liebe wir für immer verloren haben. Die Leidenschaft, die die vertrauten Fremden unserer Jugend einmal für kurze Zeit in uns entfachten und von der nur noch die Erinnerung geblieben ist, die wie ein befremdender, für wenige Momente vertrauter Geruch an unserer Haut haften blieb. Das Parfüm der Liebe, das danach für immer verschwand, wie die Liebe selbst. Kein Feuer mehr das brennt, weil die Flammen der Leidenschaft nicht mehr lodern und das Blut auch nicht mehr so schnell fließen kann und will wie in jungen Jahren, auch nicht, wenn wir uns noch so sehr anstrengen, uns an jede einzelne Kleinigkeit unserer früheren, großen Liebe zurückzuerinnern. Wir können die alten Erinnerungen doch niemals mehr einholen, sie zurückholen und zu neuem Leben erwecken.
Ja, die Seine weiß sicher, wohin alle unsere Liebe fließt, denn sie lebt ja davon. Und auch wohin die schon vor vielen Jahren und Jahrzehnten zerronnene Liebe geflossen ist. Vielleicht kennt sie auch den Zeitpunkt, wenn wir alt geworden sind und uns nicht mehr neu verlieben können. Keine Fliegen in der warmen Sommerluft unter irgendeiner Brücke mehr von einem Mund zum andern fliegen. Die Seine kennt so viele Lebensschicksale und hat sich im Laufe von Jahrhunderten so viele ehrliche und unehrliche Geschichten und vielleicht auch Märchen anhören müssen, dass es reichen müsste, alle Märchenbücher in Frankreich, wo ja die Liebe erfunden wurde ( ich spreche hier als Franzose, liebe Leser ) und auch alle Bücher in der Welt damit zu füllen - für jetzt und alle Ewigkeit. Ich danke dem alten, ewig jungen und liebenswerten Fluss, und will mich gleich an die Arbeit machen und mit dem Lesen beginnen.
Nun ja, es sind jetzt schon fast vierzig Jahre her seit dem schönen Sommer damals in Paris. Ich steige wieder am Louvre in einen großen, nun nicht mehr geliehenen Sportwagen ein und fahre noch einmal in einer herrlich warmen Sommernacht die Avenue des Champs-Élysées hinauf. Irgendwie kommt mir dieses neue - alte Paris heute kälter vor, als vor vierzig Jahren, aber vielleicht nur, weil du Marie in dieser Nacht nicht bei mir bist. An beiden Seiten der Prachtstrasse glitzern wie immer tausend falsche rot-grüne und blau-gelbe Lichter ( ein himmlisch-höllisches Inferno aus komplementären Farben, denke ich, aber heute ohne nachfolgende ekstatische Gefühle ), und oben in der weiten Ferne leuchtet der Arc de Triomphe. Er erscheint mir in dieser Nacht wie ein großes, offenes, fast schon brennendes Himmelstor, durch das ich hindurch fahren möchte, um all die vielen vermissten Seelen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte wieder zu finden. Vor allem dich, Marie, die du ja vielleicht schon nicht mehr auf diesem Planeten weilst und durch das Tor des Lichts gegangen bist. Irgendwohin, wo ich dich nicht mehr erreichen kann, weil ich ( noch ) keinen passenden Schlüssel für das Tor und das sich vielleicht oder gewiss dahinter befindliche neue, noch ungeborene Jerusalem besitze, das ich aber schon verklärt in weiter Ferne sehe und das viel schöner als Paris sein soll. Wollen sehen ...
Der offene Wagen gleitet leise mit mir die sommerlich warme Himmelstrasse hinauf und plötzlich spüre ich eine zärtliche, kleine Hand auf meinem rechten Arm. Ich bilde es mir wenigstens ein und höre danach noch eine sanfte Stimme, die mir etwas ins Ohr flüstern will. Es ist deine Stimme, Marie, die mir immer wieder, wie damals vor vierzig Jahren, dieselben Worte zuflüstert: "Je t'aime, Jacques. Je t'aime, mon chou." Und ich erwidere genau wie damals ebenso zärtlich: "Je t'aime ma chère Marie, ma chère petite, je t'aime moi non plus." Dann drehe ich mich kurz zur Seite, um meiner kleinen Marie wie früher einen Kuss auf den mir hingehaltenen rot bemalten Mund zu geben und gebe den Kuss an den Wind, der mich ganz sanft und liebevoll streichelt, um mich langsam und rücksichtsvoll meiner Illusion einer großen Liebe zu berauben, die schon vor langer Zeit gestorben ist und die niemals mehr eine Wiedergeburt oder Renaissance erfahren wird, denn Marie ist und bleibt für immer in mir tot. Nur die Erinnerung bleibt bestehen.
Als ich endlich den Kreisverkehr um die ehemalige Place d l' Étoile, an der sich das Leben sternförmig in zwölf Richtungen ( wo ist die deine und die meine und vielleicht eine gemeinsame? ) verliert erreiche, schwebe ich geradewegs durch das Himmelstor, Tor des Himmels hindurch, das mir jetzt aber gar nicht mehr wie ein solches erscheint, sondern eher wie der Eingang zu einem neuen oder der Ausgang aus einem alten Leben. Das Paradies habe ich dabei aber nicht entdecken können ( obwohl sich der richtige Schlüssel vielleicht noch in der Innentasche meines leichten Wildlederblousons anfinden wird, ich meine den zu unserem gemeinsamen überirdischen Paradies ), denn wenige Augenblicke später befinde ich mich in der Avenue Charles de Gaulle, die sich unendlich lang vor mir auszubreiten scheint und sicher irgendwo am anderen Ende der Französischen Republik oder in deiner Heimat Marie, im Südosten von Frankreich, zu Ende sein wird. Plötzlich merke ich, dass ich seit ein paar Minuten irgendetwas sich seltsam Anfühlendes in meiner rechten Hand festhalte, das mir jemand dort hineingelegt haben muss. Es ist eine winzige, braune Muschel. Deine Muschel Marie, die du immer mit dir herumgetragen hast und die dich an dein zu Hause im südlichen Frankreich erinnern sollte. Dort wo du in Gedanken mit deinem kleinen Herzen warst und wo Dein kleines Herz einmal begraben sein wollte. Du last sie in den letzten langen Sommerferien, die du mit deiner Mutter am Meer verbrachtest, am Strand auf und behieltest sie als Souvenir, bevor du sie mir schenktest. Ich halte die Muschel noch einmal wie damals an mein rechtes Ohr und bilde mir wieder ein, deine sanfte, flüsternde Stimme aus ihrem kleinen Eingang zu vernehmen: "Je t'aime ..." Dann warst du also vorhin doch da, und ich habe mir nicht nur alles eingebildet, denkt ein hoffnungsvoll gestimmter, fast schon uralter Mittsechziger in einer sternklaren Sommernacht. "Jetzt ist aber Schluss mit all dem Unsinn", höre ich jemanden, der sich nach mir selbst anhört, laut und verärgert rufen. Der wieder nüchtern und pragmatisch denken will, ganz ohne Gefühle, wenigstens für einen vorübergehenden Moment lang. Und dann werfe ich die winzige Muschel, die ich seit Jahrzehnten immer im Auto bei mir habe, aus dem fahrenden Wagen zurück auf den Strand neben der Straße, von wo sie vielleicht bei der nächsten Ebbe wieder ins weite und tiefe Meer hinausgetragen wird, wo sie mit vielen kleinen Wassertropfen zusammentrifft, von denen du auch einer bist. Und bei der kommenden Flut könnte die Muschel wieder zurück an den Strand gespült werden, damit eine neue, junge und hübsche Marie sie findet, so dass das Spiel des Lebens seinen gewohnten Lauf nimmt und weitergehen kann. Wie schon immer und zu allen Zeiten.
Nun höre ich aber endgültig auf zu phantasieren, ermahne ich mich selber und lege eine Kassette in den Recorder meines Autoradios, die mir sogleich die mir sonor erscheinende, alte und liebgewordene Emotionen in mein wach geschütteltes Bewusstsein rufende Stimme von Leonard Cohen zurückgibt, welche mich hoffentlich niemals oder wenigstens für den Rest meiner Fahrt durch ein nächtliches Paris, sowie durch vierzig Jahre gelebtes ( manchmal geliebtes ) Leben in Vergangenheit und noch ungeborener Zukunft mehr verlässt:
"Like a bird on the wire, like a drunk in a midnight choir, I have tried in my way to be free, like a worm on a hook, like a knight from some old-fashioned book, I have saved all my ribbons for thee...”
Ich glaube ich als alter, eingefleischter Provinzler habe in dieser angebrochenen, hochschwangeren, warmen und liebeshungrigen Sommernacht in der ewig verliebten Weltmetropole Paris etwas ( wieder- ) gefunden, das mir verloren gegangen war und das mehr ist als alle menschliche Liebe zusammengenommen sein kann. Das man als die Geburt von Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung bezeichnen könnte, mit ein paar Körnchen Glauben an die Wahrheit der Liebe darin, die ja so viele verschiedene Gesichter - wie auch deins Marie - haben kann.
Danke Marie - ob du mich wohl noch durch das hell erleuchtete, nun schon lange hinter mir liegende Himmels-Tor, Tor des Himmels hören kannst?
Dann hört ein schöner, viel zu kurzer, viel zu langer Traum, der fast ein ganzes Leben gedauert hat auf, und ich befinde mich in Gedanken wieder dort, wo alles seinen Anfang nahm. In den sechziger Jahren irgendwo vor einem großen alten, aus Bruchsteinen erbauten Haus mit einem kleinen Garten davor, in einem Ort in der Nähe von Arles. Vor dem Hauseingang steht eine Mutter, deren Mann vor ein paar Jahren an einer schweren Krankheit gestorben ist und die nun ihrem einzigen Kind und einem jungen Mann zuwinkt, die an einem schönen Sommermorgen in einem offenen, geliehenen Sportwagen nach Paris aufbrechen wollen, um dort einige unbeschwerte Ferientage zu verbringen. Die Mutter bittet den jungen Mann zum Abschied noch, ein Auge auf ihre Tochter zu werfen und sie ihr sicher, gesund und wohlbehalten wieder zurückzubringen. Als sich der Wagen langsam von dem großen Haus in der Siedlung entfernt, ruft die Frau noch einmal leise ( wobei nur ihr Herz und ihre Gedanken ganz laut schreien ) ihrer Tochter nach: "Leb wohl mein kleiner Schmetterling." Aber die Tochter hört es schon nicht mehr, weil sie sich mit ihren Gefühlen bereits sehr weit fort an einem anderen Ort und vielleicht schon bei Antoine befindet - dort wo ihr niemand, auch ihre Mutter nicht mehr folgen kann ...
Nur einer hat ihre letzten Worte wohl noch verstanden ...
Insofern sie schön ist
bin ich eine Fliege,
die sich auf ihren Mund setzt

Aus: La poupée qui fait non
Michel Polnareff



Eingereicht am 15. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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