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Fieber - mindestens 44 Grad! (Durchgedreht ...!)

© Gaby Schumacher


Ich war und bin nun mal kein Fußballfan.
Bereits vor einigen Monaten fing es an. In den Geschäften fielen mir so gewisse Artikel auf, die vorher da nicht zu sehen gewesen waren: Überall Fußbälle, auch in den Abteilungen, in denen ich sie wahrlich nicht vermutet hätte.
So zum Beispiel in der Lebensmittelabteilung: Schokolade in knisterndes Fußballkostüm gehüllt. Das ging ja noch an.
Aber ich kam an der Wursttheke vorbei und dort fielen mir dann fast die Augen aus dem Kopf. Dort lockte doch tatsächlich die Leberwurst einer Edelmarke mit total verändertem Body. Anstatt sich wie jede anständige Wurst als Schlauchpaketchen mit dezent farbener Haut zu präsentieren, kullerte sie bei der geringsten Berührung als kleiner fetter Ball durch die Gegend. Gewandet war diese Individualistin in eine wunderschöne Fußballdresspelle. Hilfe! Die Fantasie kennt wirklich keine Grenzen.
Ganz Dusseldorf hatte sich in einen einzigen Fußball verwandelt.
Nach drei Stunden Stadtbummel hatte ich kreisrunde Augen. Ich sagte mir:
"Für heute reicht`s!"
Kurz entschlossen fuhr ich zurück zum Bahnhof. Mein Zug kam erst in zehn Minuten. Also schlenderte ich noch ein wenig hin und her, bis ich dann plötzlich stutzte:
Da guckten mir auf dem Boden doch tatsächlich riesige Fußbälle aus Bodenplatten entgegen. Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen.
Aber es erwartete mich noch anderes: Auf dem Wege zu meinem Bahnsteig kam mir eine Gruppe von jungen Leuten entgegen. Na und??
Tja, die sahen eben etwas sehr ulkig aus.
Sie steckten in voluminösen Fußballkostümen. Ihre Arme baumelten wie winzige Stummelchen seitlich der Kugel. Aber wo waren die Beine geblieben? Erst nach angestrengtem Hingucken entdeckte ich endlich die Füße.
So schaukelte bzw. rollte diese Truppe schon leicht beschwipst bis weniger leicht angetrunken laut singend durch das Herz Düsseldorfs. Über Nichtbeachtung konnten sie sich wahrlich nicht beschweren. Alles staunte.
Zwei Minuten später dann riss mich krampfhaft am Riemen, um nicht laut loszuprusten.
Mir stolperte ein ebensolcher Fußball entgegen. Aber an dem stimmte irgendetwas nicht mehr so ganz, dem ging es weithin sichtbar relativ schlecht. Ihm fehlten mittlerweile die typischen Rundungen. Offensichtlich hatte das Kostüm irgendwo ein Loch, durch das der größte Teil der Luft bereits entflohen war.
So trug es deutliche Kummerfalten vor sich her.
Bei diesem Anblick lag mir eine spontane Bemerkung auf der Zunge, die ich mir aber vorsichtshalber verkniff:
"Habe ich da etwa `was verpasst?
Hat Deutschland vielleicht doch irgendein Spiel verloren?
Laufen Sie deshalb soo rum!??"



Eingereicht am 15. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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