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Das Flensburger Buch der Rekorde

© Michael Birken


Wer ins Guinnes Buch der Rekorde eingetragen werden will, müsste beispielsweise in fünf Minuten zehn Gummiwärmflaschen so aufblasen, dass sie allesamt nacheinander zerplatzen. Das schafft nur niemand, das wäre Schinderei.
Und jedem steht es frei, sich die Fingernägel einfach nicht zu schneiden, damit sie die längsten der Welt werden. Man kann es auch mit den Zehnägeln versuchen.
Aber das dauuuert doch so laaange ... Und wenn man endlich nach zwanzig Jahren rekordverdächtig wird, wenn die Presse bereits auftaucht, bricht so ein Fingernagel plötzlich ab? Was dann? Tja, dann hatte man sich eben zwanzig Jahre lang voll zum Heinz gemacht.
Mein Freund Heinz schaffte es innerhalb von zwei Wochen. Er vergriff sich nicht an Gummiwärmflaschen und hatte auch immer ordentlich geschnittene Fingernägel, aber er brauchte von Chemnitz nach Dresden mit seinem Motorrad keine zehn Minuten. Dreihunderter Schnitt, eine Wahnsinnsgeschwindigkeit, von einem Blitzgerät der Polizei nicht registrierbar. Das Motorrad war eine Hayabusa von Suzuki, eine der schnellsten Maschinen der Welt.
Heinz fuhr immer nachts, wenn die Autobahn fast frei war. Er wurde von der Polizei zwar gesehen, aber sie konnten anfangs nichts unternehmen. Hinterherfahren vielleicht? Die Verfolgung aufnehmen? Mit Blaulicht und Sirene? Sie versuchten es, aber mit den zweihundert Sachen, die ihre Fahrzeuge zustande brachten, hatten sie schlechte Karten. Wenn sie Dresden erreichten, befand sich Heinz schon längst wieder auf dem Rückweg.
Für die Polizei wurde Heinz zur Aufgabe. "SOKO Heinz" hieß es vielleicht nicht, was man da zu veranstalten begann, aber sicherlich so ähnlich. Vielleicht war es die "SOKO Geölter Blitz"?
Heinz brachte es ja auch fertig, am Gasgriff etwas mehr zu drehen, wenn er irgendetwas von Polizei sah. Denn seine Hayabusa war erst bei knapp dreihundertachtzig Stundenkilometern ausgereizt. Das Motorrad machte alles mit, weil es auch immer schnell wieder nach Hause wollte, um sich in der Garage verstecken zu können.
Die Polizei tappte im Dunkeln. Es wurde nicht herausgefunden, welche Autobahnauffahrten Heinz benutzte und wo er die Autobahn wieder verließ.
Es wurden alle Hayabusa-Besitzer in Sachsen vernommen, auch Heinz. Immerhin hatte die Polizei herausgefunden, dass es sich bei diesem Motorradtyp um eine Hayabusa handelte. Aber Heinz konnte es nicht gewesen sein, weil er zu dem und dem Zeitpunkt da und da war. Dafür hatte er immer Zeugen, auch mich. Und ich war ein ehrlicher Zeuge, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass Heinz während einer Grillparty um Mitternacht nur mal zur Toilette ging, aber tatsächlich mit dem Motorrad einhundertvierzig Kilometer gefahren war.
Fragte jemand nach Heinz, während dieser auf der Spritztour war, sagte man, dass er in der Toilette sitzt, vermutlich länger braucht, vielleicht auch kotzt, weil er besoffen ist.
Besoffen? Heinz trank keinen Alkohol; nur Cola. Fast alle waren vom Biere angeheitert und wussten nicht mehr so recht, wann Heinz verschwunden war. Wenn er wieder auftauchte, dann trank auch er ein Bier. Dabei sah er glücklich und erleichtert aus.
Niemand von uns wusste etwas von den nächtlichen Motorradfahrten, mit denen Heinz die Polizei foppte. Manchmal fragte jemand im Scherz, ob er von Dresden zurück sei, weil es sich herumgesprochen hatte, dass da fast jede Nacht einer mit einer Hayabusa die Autobahn unsicher machte. Es war klar, dass das Heinz nicht gewesen sein konnte, weil das zeitmäßig gar nicht möglich war. Aber weil Heinz nun einmal eine Hayabusa hatte, wurde er von uns ständig zum Spaß aufgezogen. Er spielte auch mit. Aber dass sein Spiel Ernst war, daran glaubte niemand. Durch seinen Ernst beseitigte er sämtliche spitz gemeinten Vermutungen seiner Freunde. Naja, sie hielten das ja sowieso für unmöglich.
Wir kannten Heinz als einen gemütlichen Motorradfahrer. Jeder von uns hatte ein Motorrad, und wenn wir sonntags bei sonnigem Wetter Ausflüge machten, fuhren wir nur so schnell wie es die Polizei erlaubte. Aber jeder wusste von jedem, dass er auch gelegentlich durchgedreht war. Ich hatte es einmal mit meiner MZ 1000 SF auf zweihundert Sachen gebracht, da war sie noch längst nicht ausgefahren. Ich hatte diese Geschwindigkeit nur wenige Kilometer durchgehalten, weil der Fahrtwind einen derartigen Druck auf dem Helm ausübte, dass es schmerzte. Aber gegenüber dem Geisterfahrer mit seiner Hayabusa war ich eigentlich nur eine Schnecke gewesen.
Nun kamen wir doch auf den Einfall, uns dieses Schauspiel live anzusehen. Wir fuhren abends mit unseren Motorrädern zur Autobahn und dann in Richtung Dresden, hielten nach zwanzig Kilometern an einem Parkplatz, um zu warten, was passiert. Wir waren vollständig versammelt, nur Heinz fehlte. Er hatte wohl gemeint, dass er nachkommen und uns schon sehen würde. Bis dahin hatte sich keiner von uns etwas dabei gedacht, bis einer sagte: "Es wird Heinz sein, der dann hier angeschweißt kommt."
"Du spinnst! Der ist doch noch nie schneller als hundertdreißig gefahren!"
Zu unseren abgestellten Motorrädern gesellte sich ein Polizeiwagen. Zwei Polizisten stiegen aus, begutachteten zunächst die Motorräder, dann kam einer zu uns.
"Nabend, Wachtmeister Fröhlich", stellte er sich vor.
"Namd."
"Sind das Ihre Maschinen?"
"Ja, klar."
Wir hatten einen schwerwiegenden Fehler gemacht, denn es stellte sich heraus, dass sich die Polizei genau über unsere Motorradgang auskannte. Es fehlte ganz einfach die Hayabusa.
"Heute schnappen wir ihn", sagte der Polizist. "Alle Abfahrten sind abgesperrt. Wenn er die Autobahn verlassen will, haben wir ihn." Er sah auf seine Armbanduhr und meinte feixend: "Jetzt müsste er eigentlich bald kommen. Er war sonst immer pünktlich."
Wie er das so bemerkte, hörten wir den Motor der Hayabusa in der Ferne. Es war tatsächlich Heinz, der an uns vorbeischoss. Ein herrlicher Anblick. Aber warum tat er das eigentlich.
Heinz wurde nicht erwischt, weil er die Autobahn nicht verließ, sondern auf dem Mittelstreifen wendete. Er war eher zu Hause als wir.
So, wie ein Krug so lange zum Brunnen geht, bis er bricht, verhielt sich das damals auch mit Heinz und seiner Hayabusa. Aber das geschah nicht schlagartig; zuvor hatte die Polizei einen Hubschrauber eingesetzt, der aber nicht so schnell fliegen wie Heinz mit seiner Hayabusa fahren konnte.
Er wurde zwei Tage oder Nächte später erwischt, weil er sich von uns seine Spritztouren nicht ausreden lassen wollte.
Fazit: Führerschein für immer weg. Kosten? Utopisch. Er hätte sich zehn Hayabusas dafür kaufen können, aber er brauchte ja keine mehr. Punkte in Flensburg? Nur symbolisch, aber absoluter Rekordhalter.



Eingereicht am 20. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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