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Samstagabend

© Gabi Mast


Drei Merkmale unterscheiden den Samstagabend bei Hilde und Paul von den Abenden unter der Woche: Eine Flasche Weine steht auf dem Tisch, im Fernsehen läuft die Show und Hilde und Paul unterhalten sich während des Programms.
Das hat sich in den 27 Jahren ihrer Ehe so ergeben, und die beiden freuen sich auf ihren Samstagabend. Seit die Kinder aus dem Haus sind, sind die Themen allerdings rarer geworden. Es wird geklatscht. So auch an diesem Samstag.
"Na", eröffnete Hilde das Gespräch, "was gibt's Neues?"
Paul überlegte. "Das mit dem Maier, das weißt du ja schon, nicht wahr?"
"Nö, was ist denn mit dem?"
"Sag bloß, du hast es noch nicht gehört? Stell' dir vor, der hat ein Verhältnis mit der Frau vom Archtiekten Schulze."
"So." Hildes Kommentar klang keineswegs interessiert. Sie schien sich darüber nicht sonderlich zu wundern.
"Dabei ist die gut zehn Jahre älter als der Maier, und eine besondere Schönheit ist sie auch nicht", erzählte Paul dennoch weiter.
"Sie hat wohl andere Qualitäten", erwiderte Hilde gelangweilt Paul wunderte sich; es passte einfach nicht zu Hilde. Moral und eheliche Treue hatten bei ihr einen enorm hohen Stellenwert. Sie konnte doch nicht einfach so tun, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass der Maier ein Verhältnis hat.
"Also, hör' mal", bohrte er deshalb weiter, "du musst doch zugeben, dass der spinnt. Hat so eine hübsche, junge Frau zuhause und zwei kleine Kinder. Was meinst du, was passiert, wenn Sie dahinterkommt? Ich möchte bloß wissen, was der sich dabei denkt."
"Was hast du dir denn dabei gedacht?" Langsam schien Hilde Gefallen an der Unterhaltung zu finden.
"Ich sag' ja, ich hab' gedacht, der ist vollkommen übergeschnappt, als ich das gehört habe", antwortete Paul ahnungslos.
"Nein, nein, ich meine damals, vor zwanzig Jahren. Die Kinder waren noch klein, und du hattest auch eine junge Frau."
Paul wurde plötzlich kreidebleich. Beinahe wäre er erstickt an dem Schluck Wein, den er grade genommen hatte.
"Du...", stammelte er nach einer Weile, den Blick krampfhaft auf den Fußboden gerichtet, "Du hast es gewusst?"
"Natürlich habe ich es gewusst."
"Wer hat es dir gesagt?"
"Das brauchte mir niemand zu sagen. Ich hab's gemerkt."
"Woran?"
"An vielem. Daran, dass du jeden Tag eine halbe Stunde im Bad gebraucht hast, und daran, dass du mich immer gefragt hast, ob die Krawatte auch zum Hemd passt, oder daran, dass du keine gestopften Socken mehr angezogen hast und an noch so ein paar Kleinigkeiten."
Paul dachte eine Weile nach.
"Und ... du hast nichts gesagt? Warum hast du mich nicht zur Rede gestellt, mir keine Szene gemacht?"
Hilde zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht. Ich glaube, es hätte nichts genutzt. Du warst so verändert. Wir hätten nicht miteinander reden können."
"Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass du etwas gemerkt hast."
Paul trank einen Schluck Wein. Nach einer längeren Verlegenheitspause fuhr er fort: "Hast du ... ich meine, hat es sehr weh getan?" Zum erstenmal schaute er dabei wieder in Hildes Gesicht.
Jetzt wandte sie den Blick ab. "Natürlich hat es wehgetan. Es ..., es ist nicht nur das Betrogenwerden, was schmerzt. Noch schlimmer ist das Mitleid der anderen. Wenn du merkst, dass sie hinter deinem Rücken tuscheln. Wenn das Gespräch verstummt, sobald du in Hörweite bist. Wenn plötzlich alle so scheißfreundlich zu dir sind. Und du möchtest ihnen ins Gesicht schreien, dass du genauso viel weißt wie sie, - aber du kannst es nicht. Einmal...", Hilde lachte bitter. "einmal hat mich die Frau Krause sogar im Supermarkt an der Kasse vorgelassen. Weißt du, was es für ein Gefühl ist, wenn man sich für etwas schämt, was man gar nicht getan hat?"
Paul war auf seinem Sessel zusammengesunken wie ein Häufchen Elend.
"Oh, mein Gott...", war jetzt das einzige, was er noch zu sagen imstande war.
Dann brach die Unterhaltung der beiden ab. Jeder verfolgte stumm den Rest der Fernsehshow und trank dabei seinen Wein aus. Es war eine seltsame Stimmung. Obwohl Hilde und Paul nicht mehr miteinander sprachen, schienen sie sich in Gedanken so nahe zu sein wie nie zuvor in den letzten zwanzig Jahren.
Zum ersten Mal, seit sie verheiratet waren, stand Paul auf und trug die schmutzigen Gläser in die Küche.



Eingereicht am 22. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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