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Ein Rockstar

© Birgit Sch.


"Kannst du auch nicht schlafen?", fragte sie mich, während sie sich im Bett aufrichtete, sich kurz zu mir ans Fußende beugte und mich ganz sanft streichelte. Meine Antwort wartete sie gar nicht erst ab. Ganz leise, um niemanden im Hause wach zu machen, erhob sie sich, um sich die Hose überzuziehen, die sie am Abend zuvor nachlässig auf den Boden neben das Bett geworfen hatte. Dann tasten ihre Zehen nach den Latschen. Während sie schon in Richtung der Tür verschwand, musste ich daran denken, wie ich sie kennen gelernt hatte. Fuck ´em, dachte ich, ist es wirklich schon fast dreißig Jahre her? Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wo ich ihr das erste Mal begegnet war. Das war in München. Die erste Begegnung war in einem Lokal, das ich irgendwann zu einem festen Anlaufpunkt in München machen sollte. Wenn ich in dieser Stadt ausging, war ich mit Sicherheit in dem Lokal zu finden.
Bevor ich weiter über unsere erste Begegnung nachdachte, streckte ich mich erst einmal wohlig. Der Geruch ihrer Haut lag noch im Raum; ich musste noch einmal tief Luft holen. Wie ist das mit unserer ersten Begegnung noch gewesen?
"Hallo, wo willst du denn hin?", habe ich sie gefragt, als sie an mir vorbei ins Lokal eintreten wollte. Sie hat mich daraufhin irritiert angesehen. Wow, was hatte sie bloß für Augen. Ihre Augen haben mich in einem Wahnsinnsblau angestrahlt. Unbedarft, enthusiastisch, voller Neugier, haben ihre Augen mein Gesicht abgetastet, um dann mit einem kurzen Blick über den Rest meines Körpers zu streichen. Das, was sie sah, hatte ihr wohl gefallen. Denn sie zeigte mir mit einem strahlenden Lächeln auch noch eine Reihe ebenmäßiger Zähne. Ihre Himmelfahrtsnase, die kaum einen Nasenrücken hatte, schien dabei noch einen kleinen Tick breiter zu werden. Ihre aschblonden, gestuften Haare gingen einen Hauch ins Rot. Sie benutzte kaum Make-up. Ich konnte nur wenig Mascara und Lippenstift feststellen. Mehr hatte sie auch nicht nötig. Ihre zarte Haut war tief gebräunt. Shit, habe ich spontan gedacht, was sollst du ihr sagen? Womit kannst du sie fesseln? Auf keinen Fall wollte ich zeigen, dass sie mich beeindruckt hatte.
Ich war schließlich damals ein Mann, der Erfolg gewohnt war. Auch wenn ich auf den ersten Blick keine große Schönheit war, war mir dennoch bewusst, wie die Meisten auf mich reagierten. Immerhin war ich wer! Ein Rockstar! Dem noch Tausende von Menschen in den darauf folgenden Jahren zujubeln sollten.
Eigentlich war an jenem Abend, als ich sie kennen lernte, das Lokal für meine Person, für eine Vielzahl meiner Freunde und die üblichen "friends" von der Presse reserviert. Meine Plattenfirma hatte das Lokal extra für diesen besonderen Anlass gemietet - zur Verleihung der ersten Goldenen Schallplatte.
Trotz meiner knappen Zeit habe ich den Arm um die Schulter des Mädchens gelegt und sie gefragt, ob sie etwas trinken wolle. Sie bejahte. Während sie in winzigen Schlucken von dem kalten Sekt nippte, schwärmte sie mir von Italien vor. Von dort sei sie erst vor wenigen Tagen wieder gekommen. Und außerdem sei sie auch noch verlobt mit einem italienischen Sänger. Das hat mich im ersten Moment tief getroffen. Aber was soll´s, habe ich gedacht, dieses Mädchen werde ich mit Sicherheit ein zweites Mal sehen. Und habe gelacht. Um allem einen Touch von Harmlosigkeit zu verleihen, habe ich beschwingt zur Musik getanzt, die aus dem Lautsprecher kam.
Dann habe ich sie locker in den Arm genommen und mit an den langen Tisch gezogen, an dem meine Freunde saßen. "Das ist Bridget!", habe ich sie vorgestellt, bevor ich ihr Wesen doch erst einmal für mich einnehmen wollte. Und habe sie schnell vom Tisch wieder fortgezogen. Dann küsste ich sie mit viel Gefühl. Dieses Gefühl konnte ich nie vergessen.
Erst hat sie mich irritiert angelächelt, dann hat sie meinen Kuss erwidert. Es war fantastisch. Ich hätte Bäume ausreißen können und fing erneut zu tanzen an. Waau, das Leben war schön. Wenn, ja wenn, nicht noch der Termin gewesen wäre. Den konnte ich einfach nicht absagen. Ich war nun einmal der Star des Abends. Als sie mich nach Karten zum Konzert fragte, zu dem ich an diesem Abend noch gehen musste, erwiderte ich kurz: "Leider AUSVERKAUFT!!" Obwohl es mir in der Seele weh getan hat. Bis jetzt hatte sie mich noch nicht einmal erkannt. Das war gut so und sollte vorerst auch so bleiben. Denn viele, die ich um mich hatte, waren bei mir, weil ich ein Rockstar war, das war mir von Anfang an klar. Auch wenn die Kleine nach Hause gehen wollte, um mit ihrem Verlobten in Italien zu telefonieren. Irgendwann, da bin ich mir von Anfang an sicher gewesen, würde ich sie wiedersehen. Ein letzter Kuss, dann ließ ich sie gehen...
Ich muss in Erinnerung an diese Begegnung lächeln und strecke mich ein weiteres Mal wohlig. Ein kurzer Blick aus dem Fenster hinaus ins Dunkel. Es war kein einziger Stern am Himmel. Jetzt hörte ich es sogar leicht regnen. Auch dieses Wetter würde vorüberziehen.
Ich hätte nie gedacht, dass es fast achtundzwanzig Jahre dauern würde. Denn ihretwegen hatte ich für längere Zeit sogar meinen Lebensmittelpunkt von London nach München verlegt. Wie oft bin ich in dieses Lokal gegangen, immer in der Hoffnung, sie dort wieder zu treffen. War es acht, vielleicht sogar zehn Jahre später? Irgendwann hatte ich meine Hoffnung aufgegeben und bin zurück nach London gezogen. Ein paar Jahre später bin ich sehr krank geworden. Ein furchtbarer Virus, wie man mir sagte. "The show must go on...!", habe ich mir gedacht und während dieser Zeit meine schönsten Lieder gesungen. Gott sei Dank hatte ich meine vielen Fans und Freunde. Die haben mir in der schwersten Zeit beigestanden. Nur das Mädchen konnten sie für mich nicht ausfindig machen.
Anfang der Neunziger. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal diesem Virus erliegen würde. Aber nun war nichts mehr daran zu ändern. Ich habe die ganze Aufregung um mich herum kaum noch wahr genommen. Denn zuletzt bin ich ins Koma gefallen. Irgendwann habe ich nicht mehr gegen an kämpfen können. Ich war nur noch müde...
Als der letzte Funke von mir wich, habe ich gedacht: "Shit, jetzt wirst du sie doch nicht mehr sehen!" Dann bin ich friedlich eingeschlafen.
"Maaaarziiipan!" Mit einem Schreck wurde ich wach. Hatte ich das alles nur geträumt? Und war Marzipan nicht diese leckere Mandelmasse aus Lubeck in Good Old Germany? Aber warum guckte die Frau, während sie mich ein zweites Mal beim Namen "Marzipan" rief, bloß so intensiv an? Marzipan? Was hatte ich mit Marzipan zu tun? Ich verdrehte die Augen. Was war denn bloß los? Vorsichtig kniff ich die Augen zu und öffnete sie erneut. Dann schüttelte ich mich kräftig. Aber ich konnte trotzdem nur feststellen - aus meinen Armen waren vier stramme, muskulöse Beine mit Pfoten geworden, überzogen mit weißem Fell. Und mein Bauch sah aus wie der eines rosa Marzipanschweins. "Ist das ein Wunder?", dachte ich, "Oder was ist das mit mir?" Aus einem stattlichen Mann mit "Mörder" - Stimme war ein Jack-Russell-Terrier geworden. Und das auch noch als Hündin!! Wenigstens war mir so etwas wie ein Bart geblieben und der Spaß an Musik. Ich habe vor ein paar Wochen auch meine beste Freundin von damals auf dem Gutshof getroffen, auf dem ich jetzt lebe. Sie hat jetzt viel weniger Oberweite und einen bayerischen Namen: Zenzi. Eine Mini-Dackel-Hündin, die auch heute noch an meinen Fressnapf und in mein Körbchen gehen darf.
Natürlich möchte ich noch schnell die anderen Personen vorstellen, die auf dem Gutshof leben. Da wäre noch mein Herrchen, der auf seine Art noch einmal wieder zum Star werden will. Er doktort zur Zeit an einem Wundermittel herum, mit dem man viel Diesel sparen kann. Nein, nein, er hat es nicht selbst erfunden. Er soll es nur weltweit vertreiben. Was ihm äußerst schwer fällt, weil er an so etwas wie Wunder gar nicht glauben kann. Aber sonst ist er ein dufter Typ, der jetzt so ungefähr in meinem Alter wäre. Was ich am meisten an ihm schätze, er liebt gute Musik. Bei Super-Mucke dreht er die Anlage ganz schön laut auf. Wenn er im Garten werkelt und dabei klassische Musik hört, dann denke ich oft: "Werners workeln with Wagner..." and "Basteln by Beethoven..." Oh yeah, den Ludwig habe ich überhaupt auch wieder auf dem Gutshof getroffen. Für Ludwig von Beethoven eine super passende Umgebung. Immer wenn seine Ode an die Freude ertönt, wackelt Thula, sorry, I mean Beethoven, dazu mit dem Schwanz. Und das sogar im Takt. Waauuu!
Nun haben wir sie wieder - die Fußball-Weltmeisterschaft. Diesmal im Jahr 2006. Ich freue mich unbändig darauf, wenn ich neben Herrchen auf dem Sofa liegen und die Fußball-Spiele genießen kann. Obwohl ich am liebsten einem Polo-Ball hinterher laufe. Das hält fit und meinen Körper stramm. Und noch eine winzige Eigenschaft ist mir geblieben. Der Trieb zum Lieben, obwohl ich genau weiß: "Love kills - Liebe bringt den stärksten Mann um!" Wenn ich ganz ehrlich etwas bekennen soll, ich weiß immer noch nicht genau "on which side" ich überhaupt gehöre. Männer oder Frauen? Aber das ist mir auch egal: "Ich will alles und das bitte sofort!"
Zurück zu meinem Frauchen. Nachdem sie mich noch einmal leise beim Namen gerufen hatte, habe ich sie mir genauer angeschaut. Stopp, war sie das nicht? Wenn ich ihr nicht so tief in die Augen geblickt hätte, hätte ich es denn bemerkt? Sie hat ein wenig zugenommen. Ja, it´s right. Aber sie hat bis heute nicht das Feuer und diese Neugier aus den Augen verloren. Treuherzig blicke ich sie aus meinen braunen Augen an. Wenn ich so gucke, bilden sich bei mir schmale weiße Halbmonde am unteren Rand der Augen. Das kommt besonders gut an und Herrchen und Frauchen können mir einfach nicht widerstehen. Und auch die andere Eigenart können sie mir mit leichtem Herzens verzeihen: mein "Andoggen"! Sie wollen wissen, was ich damit meine? It´s very easy. Ich hebe mein rechtes Hinterbein in die Höhe, lasse mein Hinterteil auf den Fuß von Frauchen sinken und fange an zu "poppen". Und das so lange, bis ich hechelnd außer Atem komme. Das war früher wesentlich bequemer, das darf ich schon mal sagen.
Hätte ich mir wirklich gewünscht, diese Frau unbedingt wiederzusehen. Who knows? Auf jeden Fall: "Wer will schon ewig leben?" So ist es gekommen, wie es kommen musste. Ich bin auf den blauen Planeten zurück gekommen. Diesmal als Hund. Und ich bin etwas, was ich nie werden wollte: "Ein unsichtbarer Mann!" Manchmal könnte ich vor Wut so richtig laut jaulen. Die unbändige Sehnsucht hatte mich klasse Songs schreiben lassen. Und wie ich jetzt mitbekommen habe, war ich dadurch sogar unsterblich geworden. Bald wird wieder einer meiner Lieblingssongs auf der ganzen Welt ertönen: "We are the champions..."
Mit einem Mal wurde auch Herrchen wach. Ich schaute ihm ärgerlich hinterher: "Jetzt steht der auch noch auf. Hier kommt man ja gar nicht mehr zum Schlafen!" Aus Frauchens Büro drangen Wortfetzen: "Du mit deinen blöden Geschichten...!" und "Eine unmögliche Idee - Freddie Mercury als Hund... ...wegen so einem Mist stehst du nachts auf?" Was war da los? Plötzlich war nichts mehr zu hören und Frauchen kam zurück ins Bett. Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.
"Marzipan??? Danke!!!", flüsterte sie, kniff ein Auge zu und streichelte mich, während sie in hohem Bogen ihre Hose zurück auf den Parkett-Fußboden warf. Dann folgen die Latschen - die sie mit einem Ruck von ihren Zehen schleuderte. "Wir haben es geschafft, Marzipan!! Oder muss ich jetzt etwa Freddie zu dir sagen? Herrchen ist deinetwegen so eifersüchtig geworden, dass er mir doch tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht hat!"
Das hatte ich doch wieder gut hinbekommen. Zufrieden rollte ich mich zusammen.



Eingereicht am 22. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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