www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de

Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Die Verabredung

© Y.K. Shali


1
Eiseskälte und Zittern steigen in mir hoch, wenn ich mir ihr Gesicht und ihre Augen vorstelle. Seit langem denke ich stets an sie, in der Kälte des Wartens; an jenes unschuldige Gesicht, jenen verzweifelten Blick, an jene traurige Stimme, die besorgt und schwer aus ihrer Kehle kam:" ... Geh, versteck dich irgendwo!"
Mein Herz blieb vor Schreck stehen. Ich liebte sie und hatte Angst, sie nie wieder zu sehen. Bestürzt fragte ich:"Und was willst du machen? Wohin gehst du?"
Ein vages Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie wandte ihren verzweifelten Blick von mir weg. Während sie losging, bemüht, sich zu beherrschen, sagte sie leise: "Mach dir keine Sorgen um mich! Ich darf mich allerdings nicht mehr in dieser Gegend blicken lassen. Pass auf dich auf!"
Oh, mir ist sehr kalt. Hätte ich doch ihre Hand festgehalten und sie nicht gehen lassen! Wäre ich mit ihr in die Fremde geflohen! Verängstigt kam ich nach Hause zurück. Meine Mutter wartete, wie immer, vor dem Spiegel im Flur. In Panik sagte ich:" ... jedem, der nach mir fragt, sag, dass ich nicht zu Hause bin, Mama! Auch du, tu so, als ob ich tatsächlich nicht da wäre!"
Die Stecknadel, die sie zwischen ihren Lippen hielt, fiel auf den Boden. Besorgt fragte sie:"Was ist mit deinem Vater? Was soll ich ihm sagen, wenn er zurückkommt und nach dir fragt?"
Es ärgerte mich. Ich hätte eigentlich gerne geschrieen, dass ich müde davon wäre, auf meinen Vater zu warten, dass ich seinen Namen nicht mehr hören möchte, dass er nie wieder zurückkommen würde, dass ich selbst nun in Schwierigkeiten geraten war. Trotzdem schwieg ich und senkte meinen Kopf, um eine überzeugende und beruhigende Antwort zu finden. Mir fiel nichts ein. Ich hatte kaum Zeit. Ich sagte:"Sag ihm, ich käme bald, Mama, …wenn er zurückkommt!"
Sie wusste, dass ich log. Ich log immer, wenn ich meinen Kopf senkte. Sie wandte ihren Blick von mir und beschäftigte sich wieder mit ihren Haaren vor dem Spiegel. Ich warf einen Blick auf ihre Haare. Sie wirkten länger und grauer als je zuvor. Ein kindliches, vertrautes Gefühl sagte mir, dass nichts passiert war, dass ich beruhigt sein und weiterhin bei meiner Mutter bleiben sollte, da sie mich bis dahin stets in schwierigen Zeiten beschützt hatte. Auch dieses Mal wäre es ihr möglich, einen Ausweg zu finden, um mich zu retten. Ich sah mir ihr Gesicht im Spiegel an. Beschämt merkte ich, wie traurig sie aussah, als ob ihr bewusst geworden wäre, welch eine Katastrophe sich wieder in ihrem Leben ereignete, und als ob sie denken würde:"Was soll ich tun, wenn ich allein ...?" Sie sagte jedoch nichts. Es erschien nur ein vages Lächeln auf ihren Lippen, genau wie das Lächeln, was meine Freundin im letzten Moment auf den Lippen hatte. Unsere Blicke kreuzten sich im Spiegel. Sie versuchte, ihre Tränen zu verbergen.
Nach dem Anblick ihrer traurigen Augen, begann meine Einsamkeit.
2
Die Schulzeit war gerade vorbei. Ich musste zum Militär. Es war Sommer, und ich hatte noch ein paar Monate Zeit bis zur Berufung. Als meine Freunde und Verwandten mitbekamen, dass ich bald den Militärdienst abzuleisten hätte, luden sie mich ein und veranstalteten viele Abschiedspartys. So verbrachte ich die meisten Wochenenden mit ihnen am Strand der Nachbarstadt.
Einmal wurde eine junge Frau gebeten, Gitarre zu spielen. Zuerst weigerte sie sich. Als aber eine Gitarre auf ihren Schoß gelegt wurde, nahm sie sie in die Hand und stimmte sie eine Weile. Sie spielte anfangs ein paar kurze Stücke, dann längere, wobei die Anwesenden gemeinsam ihnen bekannte Lieder mitsangen. Als sie die Gitarre zur Seite stellte, wurde sie gebeten, weiter zu spielen. Eine andere junge Frau, die der Gitarristin sehr nah zu stehen schien, forderte sie laut auf, auch zu singen.
Sie nahm wieder die Gitarre in die Hand, spielte noch ein paar Stücke und begann irgendwann, dazu zu singen. Ich hatte ihr während des Gitarrespielens keine große Aufmerksamkeit geschenkt, doch als ich ihre Stimme hörte, raste mein Herz plötzlich und ich fühlte Schmetterlinge im Bauch. Ich merkte, dass sich etwas bei mir verändert hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich eine Frau, von der ich mir wünschte, dass sie mir ewig vor Augen bliebe, dass sie für mich ewig singen würde und ich sie ewig anschauen dürfte.
Als ich nach Hause zurückkam, sagte meine Mutter, froh und zufrieden:"…Schön! Endlich hast du dich verliebt!"
Erstaunt und beschämt fragte ich: "Wer? Ich?!"
"Ja, du, mein Sohn. Gratuliere!"
"Was sagst du, Mama? Spinnst du?"
"Ich spinne nicht, mein Sohn. Dein Vater sah auch so aus, als er sich in mich verliebte. Nun, wenn ich mich vertan habe, schau mir in die Augen und sag, dass es nicht wahr ist!"
Ich konnte nicht in ihre Augen gucken, daher senkte ich den Kopf, während ich zu meinem Zimmer ging und unsicher sagte:"Nein, Mama, ich bin noch nicht verliebt!"
Die ganze Nacht hindurch schlief ich nicht. Bis morgens dachte ich an sie und wälzte mich unruhig im Bett.
Bei den nächsten Begegnungen versuchte ich einen Blickkontakt mit der jungen Frau zu vermeiden. Ich fürchtete, sie so offensichtlich und verzaubert anzustarren, dass alle Anwesenden mitkriegen würden, was in mir vor sich ging. Deswegen distanzierte ich mich meistens von ihr und den anderen, mit der Ausrede, ich würde gerne am Strand spazieren gehen.
Irgendwann, als ich die Leute verließ, bat sie mich, mich auf dem Spaziergang begleiten zu dürfen. Mein Herz begann, heftig zu pochen. Einerseits freute ich mich über ihre Begleitung, andererseits nicht. Ich freute mich, denn ich hatte keinen größeren Wunsch, als mit ihr allein zu sein. Auf der anderen Seite hatte ich Angst davor, sowohl sie, als auch das außergewöhnlich schöne Gefühl, welches neu in mir entstanden war, zu verlieren.
"Ist es wahr, dass du zum "Zwangsdienst" gehst?"fragte sie mich.
""Zwangsdienst"? Wo hast du dieses Wort her?! Meinst du etwa den Militärdienst? "
"Ja, …ist es wahr?"
"Richtig. Ich gehe zum Militär."
Sie sprach nicht mehr weiter. Um dem zwischen uns herrschenden Schweigen zu entrinnen, nahm ich ein breites Steinchen, warf es auf die Wellen ins Meer und sagte:"Was für ein schönes und ruhiges Meer!"
"Ruhig?!"
"Ja. Ruhig und schön. Sag mal, bist du hier in dieser Stadt geboren?"
"Ja. Darf ich dich auch etwas fragen?"
"Ja, bitte."
"Warum meidest du mich? Ich meine, warum wendest du deinen Blick von mir, wenn du mich siehst? Habe ich dich irgendwie gekränkt?"
Ich war überrascht. So eine Frage hatte ich von ihr nicht erwartet. Stotternd antwortete ich:"Von dir gekränkt?! Das ist nicht dein Ernst! Ich …ich …ich …"
"Was ist mit dir? Sag ruhig, was du hast!"
Ich blieb stehen und schaute ihr in die Augen. Sie guckte mich neugierig und ernsthaft an. Obwohl ihr Blick sympathisch war und mich anzog, war keine Spur von Freude zu erkennen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, als kenne ich ihre Augen seit vielen Jahren. Ein kindliches Vertrauen überkam mich. Während ich auf das endlose Meer schaute, sprach ich lächelnd:"Ehrlich gesagt, gefällt mir deine Stimme sehr! Ich wünschte mir, sie immer zu hören, dich immer anschauen und immer bei dir sein zu können!"
"Wie schön du redest! He …schau mich doch an!"
Schüchtern schaute ich sie an. Sie lächelte fröhlich. Auf einmal fing sie an, zu laufen und rief verspielt:"Lass uns rennen! Mal sehen, ob du mich fangen kannst!"
Sie lief los, ich hinter ihr her. Sie blieb stehen. Ich fing sie. Es war Abenddämmerung. Die Wellen umarmten sich heftig.
3
Ich stellte sie meiner Mutter vor. Zuerst war meine Mutter sehr erfreut und glücklich. Nachdem sie aber von der Herkunft und der Familie meiner Freundin Näheres erfahren hatte, sagte sie überraschend, sie habe etwas Wichtiges in der Stadt zu erledigen. So ließ sie uns allein. Ich verstand ihr Verhalten nicht. Als sie nach Hause zurückkam, war meine Freundin schon gegangen. Ich fragte nun meine Mutter nach ihrem verwirrenden Verhalten. Sie gab mir keine Antwort. Ich bohrte nach. Seufzend fragte sie schließlich:"Hast du schon ihre Mutter kennen gelernt?"
"Nein. Wieso?"
Während sie ihre Tränen abwischte, fuhr sie fort:"Ihre Mutter ist diejenige, die nur die Kleidung ihres verhafteten Sohnes bekam, als sie ihn besuchen wollte. Er war Student. Weißt du, wer der Gefängniswächter ihres ermordeten Sohnes gewesen ist?"
Verdutzt sagte ich:"Nein. Wer war es?!"
Meine Mutter wandte ihr Gesicht von mir weg. Offensichtlich hatte sie einen Kloß im Hals. Sie ging zu ihrem Zimmer und sagte, weinend und stotternd:"Ihr Ehemann war es …, verflucht, Mörder des eigenen Sohnes! …"
In diesem Augenblick nahm ich zum ersten Mal wahr, dass die Haare meiner Mutter unwahrscheinlich lang und grau geworden waren.
Einen Tag, bevor ich mit dem Militärdienst beginnen musste, ging ich zu meiner Freundin, um von ihr Abschied zu nehmen. Sie war völlig deprimiert.
"Was ist los? Warum bist du so betrübt?"
Ohne etwas zu sagen, umarmte sie mich und drückte mich fest an sich. Einen Augenblick später merkte ich, dass aus ihren Augen bitterlich Tränen flossen.
"Was ist denn?! Warum weinst du?"
"Ich mache mir sehr viele Sorgen um dich. Ich fürchte, dir wird etwas passieren."
"Na, komm. Die Militärdienstzeit wird schnell vergehen. Danach habe ich eine Chance, zur Uni zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, damit ich eine anständige Arbeit bekomme. Dann kann ich ein ruhiges Leben führen. Wartest du auf mich, bis ich zurückkomme?"
"Auf dich warten?!"fragte sie mich bestürzt und schaute mich traurig an.
"Ja. Wartest du auf mich?"
"Möchtest du wirklich, dass auch ich wie deine Mutter beim Warten graue Haare bekomme?"
Ich fror. Die Kälte ihrer Antwort ließ mich frieren. Mit jeder anderen Antwort hatte ich gerechnet, außer mit dieser.
"Was weißt du vom Warten meiner Mutter?"
"Jede Frau, die einmal deine Mutter gesehen hat, ahnt aus weiblichem Instinkt heraus, was mit deiner Mutter los ist. Ich kann es nicht fassen, warum gerade du freiwillig zum Zwangsdienst gehst, während dein Vater …?!"
"Ich gehe nicht freiwillig. Das Gesetz fordert von jedem Mann, für ein paar Monate seines Lebens dem Land zu dienen. Sonst bleiben einem alle Türen verschlossen."
"Willst du deinem Land dienen oder dem Staat?"
"Das spielt keine Rolle."
"Doch, doch. Das Land wird vom Staat regiert. Der Staat ist eine riesige Organisation, die zurzeit von den Mafiosi hinter den Kulissen geführt wird. Diese Leute geben dir Waffen in die Hand und sagen: >Verteidige unser System!< Stell dir vor, als Soldat bist du gezwungen, gegen jeden, den diese Mafiosi getötet haben wollen, deine Waffe zu ziehen!"
Ich vertiefte mich in meine Gedanken. Nichts von dem Land gehörte mir. Ich war mir sogar nicht sicher, ob ich nach meinem Militärdienst eine Arbeit bekommen würde. Was hatte ich denn, das ich verteidigen müsste? Warum gingen nicht diejenigen, die alles besaßen, zum Militärdienst? …Ich weiß nicht, wie lange ich mich mit diesen Gedanken quälte, als sie meine Hand fasste:"Es reicht schon. Denk nicht zuviel nach! Komm, ich möchte dich mit jemanden bekannt machen!"
Obwohl ich immer noch mit meinen Gedanken beschäftigt war, legte ich meine Hand auf ihre Schulter und ging mit ihr.
Niemand war bei ihr zu Hause. Sie sagte, sie lebe mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen. Ich bemerkte ein eingerahmtes Foto. Eine Frau, die meiner Freundin sehr ähnlich sah, hatte ein Kind im Arm.
"Bist du das Kind?"
"Nein. Das ist mein Bruder."
Ich starrte das Bild ihres Bruders an. Es kam mir seltsam bekannt vor. Genau so ein Foto hatte meine Mutter in ihrem Fotoalbum.
Sie führte mich zu ihrem Zimmer. Außer ihrem Bett war alles im Zimmer unaufgeräumt. Selbst am Rand des Bildschirms, der auf dem überfüllten Schreibtisch stand, klebten mehrere Zettel. Sie ließ mich einen Augenblick in diesem chaotischen Zimmer allein. Dann kam sie zurück und sagte unschlüssig: "Hör zu! Ich kann dir nicht versprechen, dass ich auf dich warten werde, bis du zurückkommst. Aber ich habe dich sehr lieb. Daher möchte ich dir das, was du dir später von mir wünschen würdest, jetzt geben. Das Problem ist nur, dass meine Blutung noch nicht richtig aufgehört hat …"
Als wir im Flur voneinander Abschied nahmen, und ich im Begriff war, ihre Wohnung zu verlassen, ertönte eine angenehme Musik aus einem Zimmer. Daraufhin sagte sie, erfreut und euphorisch:"Wie schön! Ich glaube, mein Bruder ist da. Komm, du musst ihn kennen lernen!"
Sie klopfte an die Tür und öffnete sie. Die Musik wurde leiser, es antwortete jedoch niemand. Ohne zu zögern, zog sie mich mit ins Zimmer ihres Bruders und erklärte hastig: "Mein Bruder ist bestimmt im Badezimmer. Er kommt gleich. Vielleicht hat er auch gesehen, dass Mama nicht zu Hause ist, hat sich Sorgen um sie gemacht und ist gegangen, um sie abzuholen. Er ist immer so, er lässt seine Stereoanlage einfach an und geht raus. Setz dich ein bisschen hin. Du hast doch noch Zeit, oder?"
"Ja. Ich habe genug Zeit."
Dieses Zimmer war im Vergleich zu ihrem eigenen Zimmer sehr aufgeräumt. Eine Menge CDs steckten in einem langen CD-Ständer. Die Vorhänge waren halb zugezogen. Passend zu den Vorhängen, bedeckte das Bett eine schöne Decke. Auf dem ordentlich aussehenden Schreibtisch waren ein paar Bücher, Hefte und ein Behälter voller Kugelschreiber. In der Ecke stand eine Geige mit Bogen schräg in ihrem Koffer. Die Wände waren mit Postern von Che Guevara und anderen geschmückt. Während ich mir das Zimmer weiter anschaute, sagte ich: "Dein Bruder ist sehr ordentlich! Ich sollte mir ein Beispiel an ihm nehmen."
Sie sagte nichts. Ich wandte meinen Kopf zu ihr. Sie schwieg auf eine seltsame Art. Als wir das Zimmer betraten, war sie munter und sehr gesprächig, nun sah ihr Gesicht so betrübt aus, als ob sie von seelenfressendem Leid befallen wäre. Mir fiel die Äußerung meiner Mutter über ihren Bruder ein. Ich hatte mir bewusst vorgenommen, sie nicht darauf anzusprechen, damit ihre Wunden nicht aufgewühlt würden. Außerdem nahm ich an, sie hätte noch einen anderen Bruder. War dieses Zimmer nicht doch das ihres ermordeten Bruders?! Die Situation bedrückte mich, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich nahm sie in den Arm und sagte streichelnd: "Sei nicht traurig, mein Schatz! Sei nicht traurig!"
Sie stützte ihren Kopf auf meine Schulter und begann, heftig zu weinen. Ich sollte nichts fragen, so lange sie nicht selbst über ihren Bruder sprach. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, mit einer Frau völlig verbunden zu sein, mit einer Frau, die sich mir ganz hingab, während sie noch blutete.
4
Nach dem Ende der Militärausbildung gab man mir und meinen Kameraden ein paar Tage Urlaub, damit wir zu unseren Familien gehen konnten. Das Gerücht verbreitete sich, dass wir nach dem Urlaub in ein Gebiet geschickt würden, in dem die Zivilbevölkerung bei Tag und Nacht dem Militär Widerstand leistete. Ich hatte mich endgültig entschlossen, nicht mehr zur Kaserne zurück zu gehen. Wie es das Gesetz wollte, war ich zum Militär gekommen, um meinem Land zu dienen. Wenn der Staat mit meinen Landsleuten einen Konflikt hatte, war das nicht meine Angelegenheit, sondern seine eigene. Diejenigen, die das Land regierten, sollten so klug und umsichtig sein, dass sie auf die Bevölkerung eingehen könnten statt Meinesgleichen mit Waffen auf sie los zu hetzten.
Als ich wieder zu Hause war, erzählte mir meine Mutter, dass meine Freundin sie ein paar Mal besucht und sogar bei ihr übernachtet hätte. Ihr gefiel meine Freundin sehr. Merkwürdig fand sie allerdings, dass sie seltsam nachdenklich sei. Rede man über ihren Bruder, reagiere sie ganz komisch und behaupte, er sei nicht ermordet worden, sondern studiere an der Universität.
Ich sagte: "Mama, warum hast du über ihren Bruder gesprochen und sie damit gequält? Vielleicht hat sie einen anderen Bruder, der nun tatsächlich studiert."
"Hat sie wirklich noch einen Bruder?! Auf jeden Fall erzählt sie andauernd unglaubliche Dinge. Zum Beispiel behauptet sie, ich sei nicht sechsundvierzig Jahre alt, sondern mehrere Jahrhunderte. Ich würde ihrer Mutter ähneln, ihre Mutter würde meiner Großmutter ähneln, und wenn sie selbst eine Tochter bekäme, würde diese mir ähneln. Was meinst du? Sind ihre Vorstellungen nicht seltsam? Ich kann sie nicht verstehen. Obwohl ich zugeben muss, dass auch dein Papa manchmal, wenn er etwas getrunken hatte, so etwas behauptete. Ich weiß nicht, vielleicht steckt etwas Wahres in ihren Äußerungen. Sie ist auf jeden Fall eine ausgesprochen nette Frau."
Ich sah meine Mutter an. Sie war noch nicht sehr alt. Dennoch sah sie alt aus. Wie bei meiner Freundin war etwas Weibliches deutlich in ihrem Gesicht und ihren Augen zu sehen. Etwas, was nicht unbedingt mütterlich war und kaum mit ihrem Alter zu tun hatte.
Lächelnd sagte ich: "Nimm sie nicht beim Wort, Mama! Die jungen Menschen meiner Generation fühlen sich manchmal gezwungen, den Mystikern und Philosophen nachzuahmen, weil sie mit ihrem Leben nicht zurecht kommen und für die chaotische Situation der Welt keine konkrete Lösung finden. Daher verwenden sie manchmal schöne, mehrdeutige, vage und diskussionsbedürftige Ausdrücke."
5
Um sie wieder zu sehen, fuhr ich zu ihrer Stadt. Als ich an der Tür schellte, erschien eine junge Frau mit einem Kind im Arm an der Haustür. Ich grüßte sie und erkundigte mich nach meiner Freundin. Die junge Frau erzählte mir, dass sie erst vor kurzem dorthin gezogen sei und von ihrer Vormieterin nichts wisse.
Bestürzt sprach ich mit meiner Mutter darüber und fragte sie, ob meine Freundin je mit ihr über ihren bevorstehenden Umzug gesprochen hätte.
"Etwas stimmt mit deiner Freundin nicht. Sie sah ganz mager aus, als sie mich zuletzt besuchte …", sagte meine Mutter.
Drei meiner Urlaubstage waren schon verstrichen, als sie endlich zu mir kam. Sie begrüßte und umarmte meine Mutter sehr freundlich und herzhaft. Mir gegenüber verhielt sie sich jedoch ganz anders als früher. Mir fiel auf, dass ihr Gesicht und ihre Augen kaum etwas von ihrer ursprünglichen Schönheit und Anziehung ausstrahlten. Ich erzählte ihr von meinem Vorhaben, nicht zum Militär zurück zu gehen. Plötzlich strahlten ihre sorgenvollen Augen. Sie küsste mich wieder ganz innig.
"Ich bin bei eurer alten Wohnung gewesen. Eine neue Mieterin ist eingezogen. Sie erzählte, dass ihr umgezogen seid. Wo wohnst du denn jetzt?", fragte ich, worauf sie ihre Stirnfalten zusammenzog, als ob ich sie an etwas Schreckliches erinnert hätte. Ungern erwiderte sie: "Zurzeit wohne ich bei meinen Freundinnen."
"Warum bei deinen Freundinnen? Warum seid ihr aus eurer alten Wohnung ausgezogen?"
Angespannt stand sie auf, hing ihre Tasche über die Schulter und sagte: "Ich muss mich jetzt beeilen. Später werde ich dir alles erzählen. Wir sehen uns morgen Abend um achtzehn Uhr vor dem Kino …"
Es war schon viertel nach sechs. Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, dass sie käme, daher war ich im Begriff, nach Hause zu gehen. Plötzlich tauchte sie aufgeregt auf. Sie atmete hastig und schaute sich beängstigt um.
"Du hast dich verspätet. Der Film läuft schon. Ich besorge schnell die Eintrittskarten!"
"Nein. Ich bin in Eile. Ich kann nicht lange bleiben."
"Was hast du denn? Ist etwas geschehen?"
"Ich werde verfolgt. Hör zu, es gibt einige Dinge, von denen du lieber nichts wissen solltest. Ich bin eigentlich heute gekommen, um dir zu sagen, dass sie von unserer Beziehung wissen. Du bist in unsere Sache nicht verwickelt. Falls sie dich verhören, sag ihnen alles über mich, was du weißt, damit sie dich in Ruhe lassen. Du weißt eigentlich nichts, was mich oder jemand anderen im Falle einer Aussage in Schwierigkeiten bringen könnte …"
"Sprich nicht so schnell! Wen geht es etwas an, dass wir zusammen sind? …"
"Es wäre besser für dich, wenn du zum Militär zurückgingest …"
"Ich habe schon die Entscheidung getroffen. Ich werde nicht zum Zwangsdienst zurück gehen!"
"Du musst es selbst wissen. Dann …dann …"
"Was dann? …"
"Geh, versteck dich irgendwo!"
"Und was willst du machen? Wohin gehst du?"
"Mach dir keine Sorgen um mich. Ich darf mich allerdings nicht mehr in dieser Gegend blicken lassen. Pass auf dich auf!"
6
Von meinem Vater war im Keller ein Zimmer eingerichtet worden, das eine Geheimtür hatte. Das heißt, ein Teil der Wand funktionierte durch eine besondere Technik wie eine Tür. Nach der Erzählung meiner Mutter hatte sich mein Vater vor seinem Verschwinden lange Zeit dort versteckt. Selbst als die Beamten unsere Wohnung stürmten, konnte niemand von ihnen dieses Versteck entdecken. Nun versteckte ich mich auch dort, ohne zu wissen, wie es enden würde.
Um Mitternacht kam meine Mutter in den Keller und teilte mir mit, dass meine Freundin mich am Telfon erwarte und mich dringend sprechen möchte.
"Bist du dir sicher, dass sie es ist, Mama?"
"Wieso?! Meinst du, ich könnte sie nicht an ihrer Stimme erkennen? Ich habe ihr mehrmals gesagt, dass du nicht zu Hause wärst. Sie hat gesagt, sie weiß, dass du da bist und will dir etwas Wichtiges sagen. Beeil dich! Sie sagte, dass sie nur wenig Zeit hätte."
In der Hoffnung, dass die Äußerung meiner Freundin vor dem Kino nicht so ernst gewesen wäre, verließ ich mein Versteck und lief gespannt zum Telefon. Ein paar Mal rief ich "Hallo, Hallo …", aber niemand meldete sich. Enttäuscht legte ich den Hörer auf und sagte zu meiner Mutter: "Niemand meldet sich!"
"Ich habe selbst mit ihr gesprochen. Vielleicht hat sie geglaubt, du wärst tatsächlich nicht zu Hause, da du nicht schnell genug ans Telefon gekommen bist."
"Du hast ihr doch gesagt, du würdest mich holen, oder?"
"Doch, das habe ich."
Verzweifelt begab ich mich auf den Weg zu meinem Versteck. Ich war noch auf der Treppe, als das Telefon schellte. Wie vom Blitz getroffen, lief ich zurück und hob den Hörer auf. Sie war nicht dran. Eine männliche Stimme nannte mich bei Namen und begrüßte mich freundlich. Ich grüßte ihn ungern zurück und fragte nach seinem Namen. Er behauptete, der Bruder meiner Freundin zu sein. Verdutzt blieb ich einen Augenblick still und fragte dann: "Welcher Bruder?"
"Was heißt denn welcher Bruder?! Ich bin doch der einzige Bruder!"
"Ich weiß nicht. Ich habe gedacht …ich habe gedacht …"
"Ach, was! Denk nicht zu viel. Hör mal, ich würde dich gerne gleich treffen! Hast du Zeit?"
"Jetzt, um Mitternacht?!"
"Ja, was ist denn schlimm daran? Bist du etwa zu beschäftigt?"
"Nein. Okay, nennen Sie bitte Ihre Adresse!"
"Du brauchst meine Adresse nicht zu notieren. Ich schicke gleich ein Taxi zu dir. In einer Viertelstunde ist das Taxi bei dir vor der Tür. Der Taxifahrer weiß schon Bescheid."
"Okay."
Das Taxi stand schon vor der Tür. Ich grüßte den Taxifahrer und stieg ein.
"Hoffentlich habe ich Sie nicht lange warten lassen!"
"Nein, Kumpel, ich bin gerade eben angekommen."
"Schön. Sie wissen wohl die Adresse, oder?"
"Sei zuversichtlich, Kumpel. Ich kenne sie. Dein Freund ist ein anständiger und großzügiger Mensch. Er hat mir sogar die Fahrt mit einem guten Trinkgeld bezahlt. Ich liebe anständige Menschen. Seit sechs Jahren bin ich Nachtfahrer. Ich habe alle Arten von Menschen erlebt, gute, schlechte …"
Etwas geschwätzig, aber nett war der Taxifahrer. Ich war total müde und hatte keine Lust, ihm zuzuhören. Gähnend sah ich mir die Straßen an. Vom starken Autoverkehr des Tages war nun nichts zu sehen. Nach einer Weile unterbrach ich den Taxifahrer und fragte:"Haben wir noch einen langen Weg vor uns?"
"Sei zuversichtlich, Kumpel. Vielleicht noch eine halbe Stunde, hahaha …, keine Angst, wir gehen nicht verloren. Ich kenne die Stadt wie meine Westentasche. Du bist aber ganz schön müde, nicht wahr? Du kannst ruhig schlafen. Wenn wir da sind, wecke ich dich auf! …Willst du nicht eine Zigarette rauchen? Nimm dir eine! Bitte nimm …"
Auf sein beharrliches Angebot hin nahm ich eine Zigarette. Er zündete sie mir mit einem elektrischen Autozünder an und fuhr fort, zu reden. Ich erfuhr, dass er zwei Kinder hätte, aber nicht mit seiner Frau zusammen leben würde. Er hatte eines Nachts unerwartet seine Schicht früher beendet und zu Hause einen fremden Mann in seinem Bett gefunden. …Ich konnte nicht mehr verstehen, was er erzählte. Ich nahm nur noch wahr, dass seine Lippen auf und zu gingen. Ich fand es witzig und begann, zu lachen. Dabei sagte ich: "Wa wa waaa re re re reee …"
Ich gab mir große Mühe, einen kurzen Satz oder ein ganzes, vollständiges Wort auf die Zunge zu bringen, was mir jedoch nicht gelang. Ich hatte das Gefühl, dass es sehr lange dauerte, bis ich einen einzigen Buchstaben ausdrücken konnte. Plötzlich nahm ich sechs Autos nebeneinander, frei in der Luft stehend, wahr. Hinter dem letzten Auto reihten sich mehrere verschwommen sichtbare kleine Autos. Ich sah meine Umgebung, überfüllt mit Bilderrahmen. Nicht nur die Straßen, Autos und Lampen waren umrahmt, sondern auch ich erschien in einem Bilderrahmen und schaute mich selbst erstaunt an. Mich überkam eine eigenartige Angst. Grundlos fürchtete ich, etwas zu verraten, etwas, wovon ich nicht wusste, was es überhaupt war. Ich wandte mich dem Taxifahrer zu, um mich zu vergewissern, dass auch er das Gleiche sähe. Verdutzt fand ich auch ihn in einem Bilderrahmen, wobei er von einem Teller Würmer statt Nudeln aß. Zwei andere Leute standen neben ihm in ihren eigenen Rahmen, wobei sie in einer Tour beim Essen miteinander redeten und mir gastfreundlich Würmer und Blut anboten. Ich weiß nicht, ob ich etwas davon nahm oder nicht, doch ich weiß noch genau, dass ich etwas fragte, das heißt, ich hatte vor, etwas zu fragen, als die Bilderrahmen sich in Luft auflösten. Dafür tauchten Treppen vor meinen Augen auf.
Nicht nur ein paar, sondern zahllose Stufen erschienen unter meinen Füßen. Ich rieb mir mit der Hand die Augen, weil ich dachte, ich würde träumen. Aber nein, die Treppen hatten kein Ende. Bei diesem endlosen Hinuntersteigen fiel mir auf, dass die Treppen von unzähligen kleinen Kammern umgeben waren, die wie enge Betten nebeneinander gereiht waren. Da die Höhe dieser Kammern sehr niedrig war, musste ich mich bücken, um das Innere sehen zu können. Ich bemerkte, dass in den Kammern etwas wie Schädel oder Skelette lagen. Kalter Schweiß lief mir über den Rücken. Ich seufzte: "Oh mein Gott, wo auf der Welt bin ich hier?!"
Ich starrte beängstigt die Skelette an, als ich einen starken Schlag auf meinem Rücken spürte. Unwillkürlich wendete ich mich vor lauter Schmerzen um. Ein, im Gesicht voller Kriegsbemalung, bewaffneter, brutal aussehender Soldat brüllte drohend: "Geh runter, Hurensohn!"
Vor Angst, einen weiteren Schlag zu bekommen, nahm ich zwei Stufen auf einmal, während ich herunter lief. Die Treppen waren noch nicht zu Ende, als ein anderer Soldat, kriegerisch bemalt wie der erste, vor mir erschien. Mit seinem Gewehrkolben auf mein Knie schlagend, stieß er mich in einen Korridor und schrie: "Arschloch, lauf nicht so schnell!?"
Ich wollte seinem schmerzhaften Schlag entfliehen, als mich drei weitere Soldaten, die zwar nicht bewaffnet waren, aber genauso brutal wie die anderen aussahen, mit ihren Fäusten und Fußtritten empfingen. Ein paar Mal wollte ich nach dem Grund ihres Verhaltens fragen, aber bevor ich meine Gedanken in Worte fassen konnte, überwältigten mich die Schmerzen. Nur "Oh, liebe Mutter!", kam mir aus der Kehle.
Irgendwann kam ich in einer Zelle zu Bewusstsein. Mir tat es überall weh. Meine Hände waren am Rücken gefesselt. Der starke Blasendruck zwang mich, zur Zellentür zu kriechen und mit dem Kopf darauf zu schlagen. Kurze Zeit später öffnete ein alter Mann die Tür. Einfühlsam und freundlich sagte er: "Oh je, oh je! Schau, in welchem Zustand du bist, mein Junge! Was ist? Hast du Durst? Warte, ich hole dir sofort Wasser."
"Toilette! Bitte, Toilette!"
Er entfesselte meine Hände, griff mir unter den Arm und schleppte mich von einem Korridor zum anderen. Irgendwann brachte er mich zum Klo.
Es ging nicht, ich konnte überhaupt kein Wasser lassen, obwohl ich schmerzhaften Blasendruck hatte. Nach ein paar qualvollen Minuten spürte ich etwas Brennendes in meinem Penis. Blut floss fontänenartig ins Toilettenbecken. Es kam soviel Blut statt Urin, dass ich das Gefühl bekam, bald sterben zu müssen. Irgendwann hörte ich die gelangweilte Stimme des alten Wächters: "Was treibst du denn da so lange? Komm endlich raus!?"
Ich konnte nicht aufhören, Blut zu pinkeln. Es ging einfach nicht. Der alte Mann brüllte nun: "Anscheinend verstehst du meinen freundlichen Ton nicht! Komm raus!"
Ich fürchtete mich davor, dass auch er mich, wie die brutalen Soldaten es getan hatten, verprügeln würde. Trotz des Blutstroms aus meinem Penis, zog ich meine Hose hoch und kam aus dem Toilettenraum heraus.
7
Ich hatte kein Zeitgefühl mehr, als die Zellentür aufgemacht wurde, und zwei grobe Soldaten auf mich zu kamen. Durch den Blutverlust und die starken Schmerzen war ich so geschwächt, dass ich nicht auf den Füßen stehen konnte. Jeder Soldat griff einen Fuß von mir. So schleiften sie mich über den Boden von einem Korridor zum anderen, bis sie ein ziemlich großes, schrecklich übel riechendes Zimmer erreichten. Der Gestank von etwas Verfaultem war so stark, dass ich unwillkürlich erbrechen musste.
Ein Soldat, über mir stehend, nahm mich zwischen seine Beine und hielt mich so fest an den Haaren, dass ich vor einem, Schutzmaske tragenden, Mann, der hinter einem Tisch saß, knien musste. Der Mann sagte: "Junger Mann, willkommen, wie gefällt es dir hier?"
Vor lauter körperlichen Schmerzen konnte ich ihn nicht weiter ansehen, meine Augen schlossen sich.
"Arschloch, warum grüßt du ihn nicht?", brüllte der Soldat, der mich zwischen seinen Beinen hielt und zog fester an meinen Haaren. Ein, für mich kaum hörbares, "Hallo" kam aus meiner Kehle. Der Mann mit der Schutzmaske deutete rechts neben sich an die Wand und fragte mich: "Kennst du ihn?"
Ich schaute an die Wand. Eine verwesende Leiche hing mit beiden Händen an einem Haken, so dass die Füße den Boden berührten. Würmer wühlten in der ganzen Leiche herum. Ich schloss meine Augen und erbrach wieder. Ein harter Fußtritt erwischte meinen Brustkorb. Jemand brüllte: "Antworte, Hurensohn!"
Ein Soldat, der bis jetzt neben seinem Kollegen gestanden hatte, trat vor mich. Auch er trug eine Schutzmaske. Er war dabei, mir weitere Fußtritte zu verpassen, als der, hinter dem Tisch sitzende Mann, zu ihm sagte: "Das reicht ihm. Er wird gleich reden. Guck mal, Junge, dieser Leichnam ist von demjenigen, mit dem du dich verabredet hattest. Wenn du vernünftig bist, tun wir dir nichts. Nur ein paar Fragen und Antworten. Dann bist du frei. Wenn du aber nicht vernünftig sein willst, verreckst du genau wie der Kerl hier. Nun sag mir, wo sich diese Nutte, die Studentin versteckt!"
"Ist sie eine Studentin?"
Der Verhörer bewegte sich ein bisschen mit seinem Stuhl vom Tisch zurück, schaute mich eine Weile zögernd an und fragte, ruhig wie vorher: "Du wusstest es nicht?!"
"Nein, das wusste ich nicht, Herr. Ich bin ein Soldat und habe eine Woche Urlaub …"
"Wann hast du sie zuletzt gesehen?"
"Gestern, ich weiß nicht genau, vorgestern. Oh, am Abend, als man mich hierher brachte."
"Wo hast du sie getroffen?"
"Vor dem Kino."
"Warum dort?"
"Einen Tag zuvor kam sie zu uns nach Hause. Wir haben uns dann verabredet, ins Kino zu gehen. Sie hatte es anscheinend sehr eilig. Trotz meines Beharrens kam sie doch nicht ins Kino hinein. Sie sagte, sie sei in großen Schwierigkeiten und wolle nicht, dass ich darin verwickelt würde …"
8
Der alte Wächter öffnete meine Zellentür, brachte mir verschiedene Lebensmittel und sagte freundlich und lobend: "Bravo, mein Junge! Das war sehr gut, dass du alles ausgepackt hast. Die Verhörer sind mit dir zufrieden. Nun iss mal tüchtig. Danach ruf mich. Ich muss dich zum Duschen bringen. Deine Wunden müssen behandelt werden."
Er legte mir die Handschellen wieder an und brachte mich zum Badezimmer. Dort zog er sich ganz aus, selbst die Unterhose. Ich fragte ihn: "Duschen Sie auch hier im Gefängnis?"
Ein freundliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Er antwortete: "Es ist kein Unterschied zwischen hier und zuhause. Ich dusche mal hier, mal da. Ich habe den Auftrag, deine Wunden zu desinfizieren. Diese Seife hier ist extra dafür geeignet."
Zuerst ließ ich nicht zu, dass er meine Verletzungen berührte. Darauf beharrend, sagte er: "Ich habe Erfahrung damit, wie man Wunden behandelt. Sie müssen unbedingt mit dieser Seife desinfiziert werden, sonst wirst du verrecken, mein Sohn!"
Er führte mich, an den Händen gefesselt, unter die Dusche und ging mit der Seife über meinen Kopf und mein Gesicht. Meine Verletzungen brannten höllisch. Allmählich gewöhnte sich mein Körper an die Seife, und es brannte weniger. Durch den angenehmen Geruch der Seife verschwanden für einen Augenblick alle meine Schmerzen. Nachdem der Wächter mit der Desinfizierung meines Oberkörpers fertig war, zog er meine Unterhose herunter. Verschämt öffnete ich meine von Seifenschaum bedeckten Augen und wich zurück, um ihn zu hindern. Er lachte laut und sagte: "Hahaha …! Schäm dich nicht, mein Junge! Halte mich für deinen Vater! Wir beide sind Männer. Ich muss leider deinen ganzen Körper desinfizieren."
Der Seifenschaum brannte unentwegt in meinen Augen. Ich ließ den Wächter meine Unterhose ausziehen. Kurz danach wich ich wieder aus, denn er ging mit seiner Seife über meinen Hintern. Der alte Wächter lachte nun belustigt und laut. Das Echo seines Lachens wiederholte sich mehrmals im Badezimmer, wodurch ich das Gefühl bekam, es wären noch andere Leute im Raum. Ich machte meine Augen wieder auf. Ich fürchtete, es wären Soldaten anwesend, die vorhätten, mich zu vergewaltigen! Zum Glück war niemand außer ihm und mir da. Ich nahm mir vor, mit meinen Knien und Füßen den Wächter zu erledigen, falls er mich vergewaltigen würde.
"Hab keine Angst, mein Sohn! Ich, der alte Mann, kann doch gar nichts mehr! Verschwende keine Zeit! Ich muss deinen ganzen Körper desinfizieren!"
Meinen Hintern berührte er nun nicht mehr. Diesmal ging er mit seiner Seife von meinen Fußzehen bis zu meinen Oberschenkeln. Unwillkürlich bekam ich eine Erektion. Ich schämte mich. Der Wächter nahm meinen Penis in seine Seifenhand, ohne etwas zu sagen. Nun war ich total erregt. Allmählich verstand ich nichts mehr. Nur noch die amüsierende Stimme des alten Wächters war zu hören: "Fester! Fester! … So einen großen und starken Penis habe ich noch nie erlebt …"
9
Aus einem anderen Flur als dem, mit den vielen Treppen und kleinen Kammern, wurde ich hinaus geführt. Vor der Tür wartete ein Militärauto auf mich. Einer von zwei Soldaten, die mich begleiteten, schob mich ins Auto und saß anschließend neben mir. Der Fahrer startete sein Auto und fuhr los. Seit langer Zeit drückte mich ein Kloß im Hals, mit einem Gefühl von Scham, Schande, Verrat, Nutzlosigkeit und Hass. Ich hatte den Drang, laut zu schreien, dass ich meine Freundin verraten und den alten Wächter gefickt hätte. Aus meinen Augen flossen Tränen. Mir war kalt, eiskalt. Meine Schultern begannen, heftig zu zittern …



Eingereicht am 22. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.