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Das Negerdorf am Rande der Stadt

© Enrico Andreas Brodbeck


"Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann!"
"Niemand!"
"Und wenn er kommt?"
"Dann laufen wir!"
Nein, Angst hatten sie nicht vorm schwarzen Mann jene Kinder aus dem "Negerdorf", das am Rande der Stadt lag. Nicht der Udo, der Gerd, die Martina, nicht der Michael und wie sie sonst noch alle hießen. Sie spielten wie alle anderen Kinder ihre Spiele und traten ebenso laut und ungestüm in Erscheinung.
Die Leute aus der Stadt erzählten, dass die Bewohner eigenartig wären, die dort in der Siedlung wohnten die am Boden einer Erhebung lag und vor der sich Felder, Wiesen, Büsche und kleine Auen ausdehnten. Ein ideales Terrain um eine sorglose Jugend zu verbringen. Die Kinder aus der Siedlung fühlten sich gesund, stark und ungebunden und fürchteten nichts, außer vielleicht "Die" aus der Stadt. Sie waren eine Klicke für sich, in der sie sich stritten und wieder vertrugen, so oder so. Und wenn sie wieder einmal ausrückten, um mit den Rindern, Pferden und Ponys ein paar Abenteuer zu erleben, oder um auf Bäume zu klettern und durch Bäche zu warten, Kinderspiele auszuleben oder einfach von den Früchten der Felder und Gärten zu naschen, fühlten sie sich pudelwohl. Manchmal folgten sie der eingleisigen Bahnstrecke die zu der nächsten großen Stadt führte, um dem "Erzengel", einem Kohlezug entgegen zu laufen. Dann, wenn es die Zeit erlaubte und der Zug besonders langsam fuhr, durften sie gelegentlich auf der Dampflok mitfahren bis zum nächsten Hauptssignal. Dort musste der Zug regelmäßig anhalten, um "Freie Fahrt" auf die Hauptstrecke zu erhalten.. Stolz gingen sie dann nach Hause und erzählten sich haarsträubende Geschichten und andere Sachen über die sie herzhaft lachen mussten.
"Die aus der Stadt sind eben ganz anders als wir", hatte der Gerd einmal im Vertrauen zum Udo gesagt.
Nichts Gutes konnte man von denen aus der Stadt erwarten. Das hatten sie einmal von den Erwachsenen gehört. Sie waren der Meinung, dass die Leute aus der Stadt alle negativen Erscheinungsformen aufweisen, vor denen man sich fürchten musste.
Hohe Stirn, weit auseinanderstehende Stielaugen, vorstehende Zähne, Hasenscharten, dicke Bäuche und O-Beine. Das waren nur einige Merkmale die sie denen aus der Stadt andichteten. "Klein sind die Kinder aus der Stadt und zänkisch obendrein", soll der Udo einmal prahlerisch zur Martina gesagt haben und ihr versichert, dass er jeden aus der Stadt verhauen würde der es wagte hier in die Siedlung zu kommen.
Andreas war ein Stadtkind und lag seit einigen Wochen mit einer Gastritis in einer Kinderklinik. In der letzten Woche seines Aufenthaltes erklärten ihm seine Eltern, dass sie demnächst in der Siedlung am Rande der Stadt wohnen würden, die ausschließlich für die Bediensteten der Bundesbahn vorbehalten war. Die Krise im Bergbau machte es von Nöten, das der Vater sich nach einer neuen Arbeit umsah und den Arbeitsplatz wechselte. Von der Siedlung aus hatte es der Vater von Andreas nicht weit bis zu seiner Arbeitsstätte. Sie lag unweit am Bahnhof der Stadt und wenige hundert Meter von der Siedlung entfernt. Dort in einem Lokschuppen standen die schweren schwarzen Dampfloks auf denen er seine Arbeit verrichten würde. Es war eine körperlich anstrengende und anstößige Arbeit. Nach Arbeitsende hatte er die Möglichkeit sich in vorgesehenen Waschräumen zu reinigen. Aber vielleicht würde er, wie seine Kollegen auch, bei unplanmäßiger Arbeitszeit am Ende der Schicht seinen Arbeitsplatz in Höhe der Siedlung verlassen. Dann würde er bei Langsamfahrt des Zuges vom Gleisbett aus über die Straße nach Hause gehen. Man erzählte sich, das es mitunter vorkam das Kinder die noch nie einen Heizer oder Lokführer in schwarzer Montur gesehen hatten, sich verängstigt an die Mutter klammerten und anfingen zu weinen.
An einem Samstagmorgen im Sommer wurde Andreas aus der Klinik entlassen und am Nachmittag stand er vor seinem neuen Zuhause in der Siedlung.
Aus sicherer Entfernung beobachteten der Gerd und der Udo den Neuankömmling, der etwas verloren im ausgedehnten Innenhof der Eisenbahnersiedlung stand. Zänkisch sah er nach ihrer Meinung nicht aus, dieser da, der aus der Stadt kam, aber das hielt sie nicht von ihrer Haltung ihm gegenüber ab. Verhauen würden sie ihn, bis er von Sinnen ihre Siedlung verlassen würde und nie wieder kam. Und Andreas? Ihm fiel auf, dass die zwei Jungen ganz normal und gesund aussahen, in ihren kurzen Lederhosen und mit den neuen vorstehenden Schneidezähnen. Er hielt sich wacker, als sie ihn nacheinander in die Mangel nahmen, der Udo und der Gerd.
Es war am späten Nachmittag, als ein Mann sich sanft aus der Staubwolke des Geschehens erhob. Mit schwarzer Montur, einer schwarzen Kappe auf dem Kopf und von Kohlestaub geschwärztem Gesicht stand der Vater von Andreas vor ihnen. Er war Heizer auf einer großen Dampflok die im Lokschuppen nahe des Bahnhofes zur Ruhe gekommen war und kam von der Schicht, so wie die anderen Väter auch. Und sie, die am Boden lagen und sich rauften, sie waren Kinder aus dem "Negerdorf" am Rande der Stadt, das seinen Namen von den Leuten aus der Stadt erhalten hatte, wegen der schwarzen Männer die auf den großen Dampfloks ihre schwere und anrüchige Arbeit verrichteten, so wie der Vater von Andreas.
Angst vorm schwarzen Mann?
Nein, Angst hatten diese Kinder nicht vorm schwarzen Mann. Nicht der Gerd, nicht der Udo, nicht die Martina, nicht der Michael, und auch nicht der Andreas.



Eingereicht am 16. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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