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Dort wo Du bist ...

© Uwe Hartig


Sarah stand an der Klippe und lauschte dem Meer, das wütend gegen die Steilküste brandete. Dort unten, direkt am Meer, gab es viele schöne Steine mit Löchern, dass man sich niemals für einen entscheiden konnte. Ein paar kleine Steine durfte sie immer mit nach Hause nehmen, viele andere stopfte sie heimlich in ihre Taschen.
Sie wusste genau, warum sie jetzt hier stand und was gleich- wie schon unzählige Male zuvor- passieren würde. Und auch jetzt könnte sie es nicht verhindern. Das Auto näherte sich mit hoher Geschwindigkeit auf der einzigen Pflastersteinstraße, welche über die Klippe hinweg, direkt ins Meer führte. Sie stand einfach da, nicht fähig, auch nur den kleinen Finger zu bewegen. Jetzt müsste das Auto langsamer werden, doch nichts geschah. Mit unverminderter Geschwindigkeit raste es dem Abgrund entgegen.
Das Letzte was sie sah waren Mutter und Vater, die ihr lächelnd aus dem Auto zuwinkten.
Plötzlich spürte sie ein paar Hände, die sich schützend auf ihren Kopf legten und den bösen Traum vertrieben. Und im nächsten Augenblick schon, war er vergessen. "Sind wir bald da?" fragte sie Mutter, welche das Gesicht tief in ihr Haar gegraben hatte. "Natürlich mein Kleines, es ist nicht mehr weit." "Darf ich in unserer neuen Heimat mein Kind behalten ?" fragte Sarah und drückte die kleine Porzellanpuppe mit den schönen blauen Glasaugen fester an sich.
"Natürlich darfst du deine Puppe behalten, jedes Mädchen darf seine Puppe behalten." "Warum ist Papa nicht bei uns?" "Er musste bei Oma und Opa bleiben, die sind doch schon so alt, aber er sitzt im gleichen Zug, du wirst ihn bald sehen." Sind wir dann da, wenn ich Papa wiedersehen darf?" "Ja, das sind wir," lachte die Mutter und kniff sie leicht in die Seite. Mit einem glucksenden Lachen befreite sich Sarah, um ihrerseits wild drauf loszukitzeln.
"Hör auf, hör auf..." kicherte die Mutter atemlos und wehrte die suchenden Hände ab.
"Welche Farbe hat die Sonne in unserer neuen Heimat?"
"Na Gelb, was dachtest du denn? Gelb und warm, wie dein Schal." "Ich kann ihn nicht sehen Mama, es ist so dunkel." Neben ihnen flammte ein Streichholz auf und beleuchtete für einen kurzen Augenblick das stoppelbärtige zerfruchte Gesicht eines alten Mannes. "Hier, nimm diese kleine Sonne, dann kannst du deinen Schal sehen." Vorsichtig streckte der alte Mann seine Hand aus und Sarah sah ihren dicken gelben Schal. So weich und warm fühlten sich sonst nur Mamas Haare an. In der kleiner werdenden Flamme betrachtete sie das lächelnde Gesicht ihrer Mutter. "Wir riecht es in unserer neuen Heimat Mama?" "Das ist eine sehr schwere Frage" flüsterte die Mutter ihr zu "und ich glaube, die könnte dir keiner hier beantworten." "Wie ein weißer Fliederbusch..." ließ sich eine Frauenstimme aus der Dunkelheit vernehmen. "Eine Wiese, eine Wiese voller Blumen, so grün, so satt, so schön..." kam es aus einer anderen Ecke. "Wie ein frisch gedrucktes Buch, wenn du es zum ersten Mal aufschlägst." "Kernseife... lass dir nichts erzählen Kindchen, es riecht nach Kernseife, immer schön sauber, da kenne ich mich aus mit." Mehrstimmiges Lachen und flüchtige Kommentare machten die Runde.
"Lacht mal weiter so, ihr werdet schon sehen!" versprach die gleiche Stimme. In Sarahs Kopf sprang ein Stück Kernseife hin und her, das sich vorwärtsflutschend seinen Weg über glatte Fliesen bahnte und sie musste lachen.
"So riecht unsere neue Heimat" vernahm sie die Stimme der Mutter unmittelbar an ihrem Ohr und spürte gleichzeitig, wie ihr etwas wunderbar seidiges ins Gesicht gepresst wurde. Auf einmal roch es nach allem gleichzeitig, vor allem aber nach Vertrautheit und Wärme. Der seidige Stoff schmiegte sich an ihre Wangen und umspielte das kindliche Antlitz. "Du musst noch etwas schlafen, wir wollen ausgeruht sein, wenn wir ankommen." "Wie weit ist es noch Mama?" "Bald sind wir da mein Kind, es ist nicht mehr lange." erklärte die Mutter geduldig. Das schrille Pfeifen der Dampflokomotive trennte wie zur Bestätigung Stille und Dunkelheit. Was blieb, waren erste Strahlen des Tages die neugierig die Gesichter der Menschen erkundeten. "Mama?" "Ja, mein Kind?" "Erzählst du mir eine Geschichte über unsere neue Heimat, vielleicht kann ich dann besser einschlafen." "Der Zug wird dir seine Geschichte erzählen, er ist schon unzählige Male dort gewesen, du musst nur still sein." Sarah legte ihren Kopf in den Schoß der Mutter und lauschte angestrengt. Schon bald darauf wurde ihr Warten belohnt und der Zug begann seine Geschichte zu erzählen.
Rattamm.... Rattatamm... Rattamm... Rattatamm...
Er erzählte von einem Land, in dem Kinder auf endlos weiten Wiesen spielten und die Luft erfüllt war, vom Gesang der Jungen und Mädchen. Vater saß mit einem riesigen Buch in der Hand und las allen daraus vor. Sogar die Großeltern lauschten andächtig seinen Worten. Vom Himmel regnete es Millionen von kleinen Trompeten, die einen frischen Fliedergeruch verströmten. Mit der Zeit war die Angst von ihr gewichen, wie ein böser Geist.
In grelles Licht getaucht, ein unruhiges Murmeln der anderen Mitfahrer und das nervöse Bellen von Schäferhunden im Ohr, fand sich Sarah auf den harten kalten Holzplanken des Waggons wieder.
"Raus, raus, raus, raus... !" brüllte der blutjunge Unterscharführer und half mit ein paar Tritten nach. Sarah umschlang den Hals ihrer Mutter, als diese vom Waggon herab, in den grau verhangenen Tag sprang. Vor Sarahs Augen bildete sich blitzartig ein Gewirr von Beinen und Koffern. Als sie sich einmal umschaute, waren da nur noch Koffer, keine Menschen mehr.
"Mama, sind wir hier richtig?"
"Und ob!" wurde ihr die Frage von dem Mann beantwortet, welcher am Ende der Uniformgasse stand und dessen sauberer weißer Kittel sich über einer schwarzen Uniform spannte. Erschrocken blinzelte das Mädchen ins grelle Scheinwerferlicht. "Willkommen" lächelte der SS-Mann "Ihr seid in eurer neuen Heimat, freust du dich schon?" Die Worte des Fremden machten sie frierend und Sarah war glücklich, die warme Hand ihrer Mutter zu spüren.
"Ja, ich freue mich, ich habe davon geträumt." "Soso... " flüsterte der Mann. "...Und warum freust du dich?"
"Weil ich nicht von Dir geträumt habe!" erwiderte Sarah trotzig und zog die Mutter hinter den anderen her, die einem großen weißen LKW zuströmten, auf dessen Seiten mit unbeholfener Hand rote Kreuze aufgemalt waren.



Eingereicht am 26. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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