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Trennungsschmerz

© Franjo Franjkovic


Es fühlt sich eigenartig an. Einfach eigenartig. Ich kann nicht genau beschreiben was es ist, aber ich spüre, dass es sich anders anfühlt als es eigentlich sollte.
Jetzt wo es vorbei ist und sich diese unglaubliche Stille im Raum ausgebreitet hat, spüre ich diese Kälte in meiner Magengegend. Unangenehm. Sie sitzt einfach nur neben mir. Regungslos. Schweigend. Es ist alles gesagt.
Ich nehme vorsichtig ihre Hand und verschränke meine Finger in ihre, aber sie erwidert die Berührung nicht. Ich spüre die Kälte die von ihr ausgeht und langsam begreife ich, dass es wirklich vorbei ist. Ich ziehe schnell die Hand zurück und die Kluft zwischen uns ist riesengroß. Unüberwindbar.
Als ich sie das erste Mal berührt habe, war es anders. Warm. Wir kannten uns nicht und dann diese Berührung. Ich konnte ihre Wärme spüren. Es war nur ein flüchtiger Augenblick, aber plötzlich war da etwas. Etwas Besonderes. Ich weiß nicht, ob sie es ebenso empfunden hat, ich habe sie nicht danach gefragt und jetzt wird sie mir keine Antwort mehr darauf geben. Ob sie auch das Gefühl hatte, dass etwas geschehen ist. Das die Welt urplötzlich nicht mehr so ist, wie sie vorher war. Sie wird es mir nicht mehr sagen. Es gab so viele Gelegenheiten sie zu fragen, aber wahrscheinlich war ich zu feige. Wie so oft in meinem Leben.
Ich spüre das Brennen der Tränen in meinen Augen und ich sehe sie an, aber sie beachtet mich nicht einmal. Den Blick stur auf den Boden gerichtet. Abweisend. Stumm.
Die erste Träne rinnt mein Wange hinab. Sie fühlt sich warm an. Ich sehe sie an und versuche etwas in ihrem Gesicht zu erkennen. Trauer. Wut. Aber da ist nichts mehr. Sie hat ihre Tränen bereits verbraucht.
Es war von Beginn an nicht leicht gewesen mit ihr. Ich musste kämpfen. Ihr klar machen, dass sie die einzige ist. Die Eine. Aber sie war es nicht. Sie wollte es vielleicht auch nie sein. Vielleicht hatte sie auch einfach nur Angst. Vor dem was die Zukunft für Sie bereithalten würde.
Ich war noch nie ein großer Redner, aber wie gerne möchte ich ihr jetzt sagen was ich wirklich gefühlt habe und noch immer für sie empfinde. Aber es ist zu spät. Alles gesagt. Alles getan.
Als sie mich noch angeschrien hat, habe ich keinen Ton heraus gebracht. Ich habe es aber in ihren Augen gesehen. Trauer. Schmerz. Ich wusste nicht was ich darauf antworten sollte. Bis sie es schließlich aufgegeben hat. Ihre Augen wurden kalt. Leer. Keine Emotion.
In diesem Moment bin ich zusammengezuckt. Ich wusste, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Ich habe ihr in die Augen gesehen und mich selbst gehasst. Vielleicht habe ich in dem Moment auch sie gehasst. Diese kalten Augen gehasst.
Ich versuche aufzustehen, aber meine Glieder versagen beinahe ihren Dienst. Bleischwer. Der Boden klebt. Jeder Schritt ist eine Qual. Wie lange wird sie noch hier bei mir sitzen und schweigen? Ich weiß es nicht.
Ich gehe langsam ins Bad und lasse mir kaltes Wasser über die Hände und mein Gesicht laufen. Meine Träume fließen in zähen, rotbraunen Klumpen den Abfluss hinab. Von meinem Gesicht. Aus meinen Haaren. Ich kann den Geschmack meiner Träume auf der Zunge schmecken. Kalt. Fremd.
Ich lasse das kalte Wasser so lange über meine Hände laufen, bis ich kein Gefühl mehr in meinen Fingern habe, aber noch immer fließen die roten Klumpen über das weiße Porzellan.
Ich werde jetzt einfach nach oben gehen und warten.
Es wird nicht lange dauern.
Irgendjemand muss ihre Schreie gehört haben ...



Eingereicht am 30. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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