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Das verlorene Paradies
Novelle in Form eines Theaterspiels in vier kurzen Bildern

© Ulrich Rakoún


Prolog
Als nun Gott der Herr den Menschen genommen und ihn in den Garten Eden versetzt hatte,
damit er ihn bestelle und behüte,
gab Gott der Herr dem Menschen die Weisung: "Von allen Bäumen des Gartens darfst du nach Belieben essen;
aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen - von dem darfst du nicht essen;
denn sobald du von diesem isst, musst du des Todes sterben."
1.Mose 2,15-17
Vor-Bild
Wir befinden uns in einem fast dunklen Raum auf einer Bühne eines Theaters. Nur der sichelförmige, mit seiner einen Hälfte geizende Mond, der am schwarzen Firmament ruht, spendet dem Betrachter und den auf der Bühne Agierenden (die aber bisher nicht zu erkennen sind) noch etwas Licht. Die Atmosphäre, die sich dem Auge bietet, ist kalt und unbehaglich. Im Großen und Ganzen unfreundlich und unpersönlich. Plötzlich taucht im hellen Scheinwerferlicht aus dem Hintergrund eine mysteriöse Gestalt auf. Es handelt sich dabei um den vorher angekündigten, männlichen Hauptdarsteller Blanco-Nero, dessen vordere Seite weiß und dessen hintere Seite schwarz ist und der sich anscheinend in einem Monolog an den Zuschauer wenden will, so dass das unausgesprochene Wunschbild eines Dialoges entsteht, der natürlich nicht zustande kommt, weil der Zuschauer nur ein stiller Betrachter bleibt, ein passiver Beobachter, der zwar angesprochen wird, aber nicht in die Handlung eingreifen kann. Nicht mit einbezogen wird. Ebenso schnell wie es entstanden ist, verschwindet das Bild von der Statur des Schauspielers, der eben erst im Scheinwerferlicht auf der Bühne aufgetaucht war, und die Scheinwerfer werden dafür auf die linke und rechte Seite der Bühne gerichtet.
An jeder Seite der Theaterbühne befindet sich auf einem Sockel sitzend, wie eine Statue aus Marmor oder Stein, eine leblos wirkende Gestalt, wobei es sich bei der Gestalt auf der rechten Seite um das "Ewige Leben" und bei der auf der linken Seite um den "Ewigen Tod" handelt. Der Scheinwerfer ist zunächst stärker auf das Gesicht von der Gestalt fixiert, die den "Ewigen Tod" darstellen soll, und das stark weiß geschminkte Gesicht des Schauspielers beginnt lebendig zu werden, was sich an einer ausgeprägten Mimik mit einem lebhaften Minenspiel zeigt.
So spricht Nero (die Gestalt auf der linken Seite) erstmals zu seiner zweiten, besseren Hälfte Blanco (der Gestalt auf der rechten Seite), die ihm vorher noch gar nicht richtig bewusst war.
Nero: "Du musst Dir das, was Du vom Leben haben willst, selbst nehmen. Die Menschen werden nicht nachsichtig mit Dir sein und Dir nichts nachwerfen. Das Leben wird nicht gnädig zu Dir sein."
Blanco, die gute Seite des Menschen, der seine dunkle Seite bis jetzt auch noch wenig gekannt und erkundet hat, erwidert darauf: "Aber der Mensch muss doch im Einklang mit seinen Mitmenschen leben. Muss Rücksicht auf die Bedürfnisse und Interessen der anderen nehmen. Muss anständig und sozial sein und teilen können. Sonst ist er wie ein reißendes Tier, ein brüllender Löwe, der nur darauf aus ist, die anderen Menschen zu verschlingen oder ihnen Leid zuzufügen."
Nero: "Der Mensch ist ein reißendes Tier. Es gibt keine zahmen und frommen Tiere in den Käfigen der lebenden Wesen auf Erden. Die Devise heißt einzig und allein: "Überleben - jeder gegen jeden." Das Paradies existiert in Wirklichkeit nicht, gibt es nur in deiner Phantasie. Der Garten Eden ist eine eingebildete Vision des Menschen. Eine erträumte Vorstellung von etwas, das in der Realität nicht möglich ist. Das es vielleicht niemals gegeben hat. Ein Traum, der Trost spendet und Hoffnung macht auf das Paradies. So wie der Glaube an einen Gott und an das Gute. Es gibt aber kein Gutes und keinen Gott. Es gibt nur das Böse und den Teufel, denn der Mensch hat das Gute in sich selbst zerstört. Er hat vom Baum der Erkenntnis gegessen und ist deshalb aus dem Garten Eden vertrieben worden. Dem Garten seiner Kindheit und Phantasie. Seiner Poesie. Seiner Unschuld. Sein eingebildeter Gott hat ihn für schuldig befunden, und nun ist er für immer in Dunkelheit verloren. Er kann niemals mehr zurück in den Himmelsgarten, weil er sich einen Turm gebaut und sich selbst zu Gott gemacht hat. Jetzt braucht er seinen Gott nicht mehr, weil er nämlich selber Gott ist und das Gute und Böse erkennt und es voneinander unterscheiden kann. Deshalb hat sich der Gott im Himmel vom Menschen entfernt und das Werk seiner Menschenkinder für immer zerstört."
Blanco: "Aber der Mensch besinnt sich. Er hat sich auf den Weg gemacht, um das Leben neu zu entdecken. Auf den Weg nach dem irdischen und dem himmlischen Paradies, wenn es denn so etwas wie ein irdisches Paradies ohne Gott überhaupt geben kann."
Nero: "Der Mensch hat aber keine Chance gegen das Böse in sich selbst. Er kann es zwar bekämpfen. Aber es wird nach einer gewissen Zeit immer die Oberhand behalten und wieder einnehmen. Er kann den Kampf gegen das Böse in der Welt und in sich selbst niemals gewinnen. Gegen seine bösen Absichten und auch gegen seine Lust und Begierden nicht. Er ist immer der Verlierer. Sieh es doch endlich ein. Gib auf, an das Gute zu glauben. Sei nicht länger ein Phantast. Das Gute hat keine Chance in deinem Leben und auf dieser Welt!"
Blanco: "Nur das Gute zählt. Es behält immer das letzte Wort und die Oberhand. Ohne das Gute könnte die Welt nicht mehr atmen. Die Sonne nicht mehr scheinen. Alles Leben würde sterben. Kein Vogel könnte mehr singen. Schau doch Nero, wie die Tore der Gärten des Paradieses sich öffnen!"
Blanco zeigt mit dem ausgestreckten Arm in Richtung des sich langsam öffnenden Torgatters, das sich vor den himmlischen Gärten befindet.
"Hör nur den Gesang der Vögel. Wie schön und lieblich sie singen. Von der Herrlichkeit des Garten Eden. Wo die Sonne den ganzen Tag über scheint und es niemals wirklich Nacht wird (durch das geöffnete Tor hindurch dringt ein strahlendes, künstliches Sonnenlicht, man hört Vogelgezwitscher von einem Tonband). Komm mit mir in die Gärten des Paradieses. Dort werden wir ewig leben und glücklich sein."
Und indem er sich von seinem Sockel erhebt und auf die linke Seite geht, nimmt er Nero bei der Hand und die beiden Gestalten Blanco und Nero vereinigen sich zu einem einzigen Menschen (der nach dem Verschwinden der beiden Gestalten in der Dunkelheit, aus dem Hintergrund der Bühne in das helle Scheinwerferlicht zurückkehrt), so dass ein junger und stattlicher Mann durch das geöffnete Tor in ein Meer voller Sonnenlicht und berauschender Farben eintritt. Die Luft ist getränkt von dem betäubenden Duft von tausenden von Blüten - einer Symphonie von Klangfarben, zu der Blumen und Insekten gleichsam ihre Instrumente anstimmen. Es ist gerade wieder Frühling oder bereits Sommer. Alles erblüht ringsherum in den Gärten, in denen es keinen Herbst und keinen Winter mehr gibt. Kein welkes Blatt den Boden je berührt hat. Weder Altern noch Tod existieren, in der Natur bei den Pflanzen und bei den Menschen und Tieren auch nicht. Und der Gesang der Vögel hoch oben in den Bäumen der Himmelsalleen kein Ende mehr nimmt.
Nachdem Blanco (der mit Nero zu der am Beginn des Spiels auf der Bühne erschienenen Person verschmolzen ist und dessen vordere Seite weiß und Rückseite schwarz ist) durch das offene Tor in den Garten Eden eingetreten ist, schließt sich das Torgatter langsam wieder hinter ihm. Man kann ihn schon bald nicht mehr erkennen. Den einstmals jungen Knaben, der äußerlich immer mehr zu einem erwachsenen Mann heranreift. Der jedoch trotzdem in den Gärten des Himmels (zumindest in seinem Herzen) stets jung oder ein Jüngling bleiben wird.
Auch das Singen der Vögel wird immer leiser und verstummt jetzt ganz und gar. Als das Tor geschlossen ist, wird es davor wieder dunkler auf der Bühne (der Welt), die das irdische Leben der Menschen darstellt.
Gut und Böse haben sich vereinigt und sind schließlich gemeinsam in den himmlischen Gärten verschwunden. Draußen bleiben nur dunkle, zerzauste Gestalten, die sich nicht entscheiden konnten, in die Gärten, die man auch als das Paradies bezeichnen kann, einzutreten. Weil das Paradies, wie wohl alle wissen, nicht jedermanns Sache ist.
Auf einem Plakat stehen nun in großer Schrift deutlich die Worte geschrieben, die von zwei Engeln im Hintergrund laut ausgesprochen werden: "Jesus sagt: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan."
Es ist inzwischen wieder ganz still geworden. Auf der Bühne wie im wirklichen Leben. Fast absolute Regungslosigkeit herrscht ringsherum und überall. Beginnende Atemlosigkeit, die zu Sauerstoffmangel im Blutkreislauf führt. Und über allem liegt eine tödliche Ruhe oder Stille, in der sich jedoch noch kein Frieden befindet. Keine wirkliche Entspannung und Harmonie wie in den himmlischen Gärten, die wieder darauf warten, sich von neuem zu öffnen, wenn Gut und Böse erneut zu einer Einheit verschmelzen und das Böse als ein selbständiges nicht mehr existiert und vorherrscht, weil es im Garten der Ewigkeit gefangen und unterdrückt wird. Man es auf seine kleinstmögliche Norm reduziert. Dann erst werden sich die Pforten von neuem öffnen, wenn neue Menschen bereit sein werden, durch sie einzutreten, um ein weiteres Experiment zu wagen. Gott sein Werk dazutut. Und die Sonne ihr helles und warmes Licht auf die Akteure und den Betrachter des Bildes wirft. Es gibt kein Gutes ohne das Böse. Aber das Böse kann im Angesicht des Guten nicht überleben, weil es im Beisein seiner Existenz für sich selber kein Licht und keine Nahrung mehr findet.
Erstes Bild
Erster Tag im Paradies
Ein heller Sommertag erfüllt den Raum und das Herz der Menschen, die auf den Wegen zwischen den Blumenbeeten spazieren gehen. Ein unbeschreiblicher Duft von blühendem Rhododendron liegt in der Luft. Kinder spielen auf den frisch gemähten Rasenflächen mit einem roten Ball. Man hört ihr Lachen, das Kinderlachen, das sich mit dem Gesang der Vögel zu einer wunderschönen Symphonie von Klängen vereinigt. Auch Blanco-Nero, der sich momentan nur noch Blanco nennt, befindet sich an diesem schönen Vormittag unter den Spaziergängern. Das Gute hat in ihm schließlich gesiegt. Noch einmal die Oberhand behalten und gesiegt. Vielleicht nur vorübergehend, aber dennoch gesiegt. Was die Erde draußen nicht zu tun vermochte, hat der Garten letztlich noch vollbracht. Nämlich dem Guten zum Sieg über das Böse verholfen. Der Veredelungsprozess des Menschen hat sich von allein in Bewegung gesetzt. Die Entwicklung in diese Richtung befindet sich aber noch ganz am Anfang. Die Streicher nehmen ihre Instrumente zur Hand und beginnen leise mit der Ouvertüre. Sanft werden Empfindungen und Emotionen dadurch stimuliert. Im Innern der lebenden Wesen hervorgerufen.
Lohengriens Vorspiel sollte zuerst nur schleichend beginnen und war noch lange nicht zu einem vollständigen Klangbild bereit, weshalb die Streicher ihre Instrumente erst einmal weglegen und auf das Zeichen des Dirigenten warten. Zeit und Leben würden später die richtigen Noten und Akkorde schon finden und einsetzen. Immer wieder würden Disharmonien in der Form von bösen Ausrutschern auftreten können, und das Böse würde mit all seiner Kraft zurückkehren, um die Vormacht einzunehmen. Nero konnte jederzeit versuchen, Blanco zu entmachten, um sein frisch begonnenes Lebenswerk zu zerstören. Das Gute musste deshalb ständig vor dem Bösen in sich selbst auf der Hut sein. Würde es das Böse aber jemals ganz besiegen können?
Als Blanco am Morgen mit seinem Tagwerk beginnt, scheint seine Welt noch ganz in Ordnung zu sein. Aber es bleibt vorerst noch alles offen und ungewiss. Gegenwart und Zukunft können sich in jedem Augenblick verändern, je nachdem welche Richtung ein junger und hoffnungsvoller Mann einschlagen wird. Von welchen Mächten er sich leiten oder verleiten lässt.
So denkt Blanco, der bis vor kurzem noch ein Erdenbürger gewesen war und der am Morgen oft gar nicht mehr aufstehen wollte. Er hatte den läutenden Wecker einfach abgestellt und sich die Decke über den Kopf gezogen, weil ihm das schleppende Wandern des großen Zeigers über das Ziffernblatt bedrohlich vorkam und ihn in panische Angstzustände versetzte. Angst vor der kommenden Stunde und dem nächsten Tag, vor der Arbeit und was das Leben ihm bringen würde - Erfolg oder Misserfolg, Gesundheit oder Krankheit. Er steckte dann meistens seinen Kopf tief unter die Bettdecke und ließ Gott und der Welt ihren Lauf, der Welt und Gott ihre eigene Richtung. Ja, es hatte eine Welt dort draußen gegeben, die ihm Angst beriet. Die nicht die aus seinen Träumen gewesen war, weshalb er in die eigene, innere Welt flüchtete. Die Welt, von der die Menschen um ihn herum nichts wussten. Auch die in den Gärten des Himmels nicht, obwohl es hier so etwas wie Feindschaft und Angst nicht mehr gab. Aber auch Träume gab es im Himmel nicht mehr, weil das Leben im Paradies sowieso wie ein niemals endender schöner Traum war.
Aber auch die Welt des Mystischen und Unbekannten, die aus den irdischen Träumen, war ihm manchmal unheimlich und voller Rätsel vorgekommen, wie die (k-) alte Heimat Erde selbst, in der er sich ängstigte. Die erträumte andere und geheimnisvolle Welt, die doch immer nur ein Teil der Welt war. Wie sie auch ein Teil der eigenen Welt blieb, in die man sich zurückziehen konnte, um sich beschützt und geborgen zu fühlen, um nicht ganz hilflos den bösen Mächten und den bösen Menschen auf der Erde ausgesetzt zu sein. Die Seele suchte nach Schutz, den sie draußen in der (k-) alten Heimat bei den Menschen nicht hatte finden können, wo sie hilflos und ungeborgen vor Kälte fror und sie versuchte, sich mit der Wärme des eigenen Körpers und Herzens zu bedecken und zu wärmen. Eines Herzens, das jedoch von Sekunde zu Sekunde kälter wurde, weil es letztendlich niemanden finden konnte, der es erwärmte. Bis es schließlich im Winter zu einem einzigen, großen Eiszapfen einfror, der auch im Sommer nicht mehr auftauen wollte.
Ja, so war es bis vor wenigen Tagen und Stunden noch gewesen. Eigentlich genau bis zu dem Moment, als sich das große Tor zu den Gärten des ewigen Sonnenlichtes öffnete und ein junger und hoffnungsvoller Mann durch sie eintreten durfte. Und als sich schließlich das Tor langsam hinter ihm schloss, hatte Blanco das Gefühl, als sei er aus der eisigen Kälte eines strengen Wintertages in einen herrlich warmen Sommer hinübergewechselt. Auch Nero empfand einmal ähnlich, obwohl es für ihn noch andere Quellen der Wärme, als das Licht der Sonne gab, nämlich die Feuer der Hölle. Aber Blanco wurde bestimmt von dem Gedanken, als sei er für immer allem Bösen, nämlich dem Verderben von Sodom und Gomorra entkommen. So sehr hatte seine zu Eis gefrorene Seele einst im Feuer der irdischen Hölle gebrannt.
Jetzt setzte sich der junge Mann auf eine Gartenbank unter einen schattigen Lindenbaum und schaute ein paar kleinen Kindern beim Spielen zu, die anscheinend erst vor kurzem in den Gärten angekommen waren, denn er hatte sie noch niemals vorher gesehen. Auch die Eltern der Kinder (die aber auch deren Pflegeeltern sein konnten) waren in der Nähe zu erkennen, wie sie sich über ihre spielenden Kleinen freuten und ihnen scherzhaft irgendwelche Worte zuriefen, die aber auch die Namen der Kinder sein konnten.
Es war so warm an diesem Vormittag in den Gärten der Sonne, die von deren Licht durchflutet und erwärmt wurden. Ganz anders als draußen auf dem (k-) alten Planeten Erde, wo es nur das kalte Licht des Mondes und der Sterne während der Nacht gab und fast immer nur die Dunkelheit regierte. Ein Licht wie an einem kalten Winterabend herrschte dort, das niemals auch nur die Wärme eines einzigen Sonnenstrahls durchkommen ließ. Hier in den Gärten des Paradieses jedoch, war es den ganzen Tag und auch in der Nacht, wenn Menschen und Tiere ruhten, noch hell und warm, wie in einer Mittsommernacht auf Erden, weshalb niemand wirklich und mit aufrichtigem Herzen seinen Garten Eden mehr verlassen wollte.
Hierauf sagte Gott der Herr: "Es ist nicht gut für den Menschen, dass er allein ist; ich will ihm eine Hilfe schaffen, die zu ihm passt."   1.Mose 2,18
Zweites Bild
Zweiter Tag im Paradies
Als Blanco am frühen Morgen des zweiten Tages im Paradies aufgewacht war, lag ein unbekanntes Wesen mit ihm zugekehrten Rücken auf seinem Bett. Es hatte lange Haare, die hinten schwarz waren, und auch die Rückseite der fremden, unbekannten Kreatur war von dunkler oder schwarzer Beschaffenheit. Als sich das Wesen umdrehte, erkannte Blanco eine wunderschöne, junge Frau deren Haare vorne blond und deren ganze Vorderseite hell im Morgenlicht glänzte. Nicht anders, als bei mir selber, dachte Blanco. Und er gab dem unbekannten Wesen den Namen, der ihm gerade in den Sinn kam und nannte sie von da an "Blanca" - die Frau, die Gott mir als Gefährtin gesandt hat und die von nun an bei mir bleiben wird. So lebte Blanco vom frühen Morgen bis zum Abend (der gleich wie ein heller Morgen war) glücklich mit seiner neuen Gefährtin unter einem Dach, das der blaue Himmel über sie ausspannte. Sie liebten sich und waren glücklich, bis Blanca auf den Gedanken kam, einen Spaziergang in den himmlischen Gärten zu unternehmen. Sie liefen beide über die grünen Wiesen auf denen bunte Sommerblumen blühten und legten sich danach müde unter einen schattigen Baum, der mit leuchtenden, roten Äpfeln behangen war. Als sie gerade dabei waren einzuschlafen, näherte sich ihnen im dichten Gras eine Schlange, um Blanca ins Ohr zu flüstern: "Hat Gott euch etwa gesagt, dass ihr von allen Bäumen im Paradies essen dürft, nicht aber von dem Baum der Erkenntnis des Schlechten und Guten?" Die Frau erwiderte: "Er sagte, dass wir die Früchte des Baumes, der in der Mitte steht, weder essen noch sie berühren dürfen, damit wir nicht sterben." Da sagte die Schlange zu Blanca der Frau: "Ihr werdet nicht sterben, sondern eure Augen werden geöffnet werden und ihr werdet wie Gott sein und das Gute und Schlechte erkennen."
Der Gedanke daran, zur göttlichen Einsicht zu gelangen, reizte die junge und schöne Frau so sehr, dass sie sich schnell von dem verbotenen Baum einen bunten Apfel pflückte und ihn aß. Dann gab sie auch ihrem Mann von der Frucht zu essen, und beide erkannten, dass sie nackt waren, und sie hefteten sich Feigenblätter zusammen, um ihre Blöße damit zu bedecken.
Als Gott sah, was seine Schöpfung getan hatte, wurde er sehr böse und rief Blanco zu sich und fragte ihn: "Wer sagte dir, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich verboten hatte zu essen?" Und der Mann erwiderte: "Die Frau gab mir davon zu essen." Und Gott fragte die Frau, was sie getan habe, woraufhin sie erwiderte, dass die Schlange sie zum essen der Frucht des Baumes verführt habe.
Und Gott verbot seiner Kreatur den weiteren Aufenthalt im Garten Eden, und die beiden mussten noch in derselben Nacht, die aber so hell war wie ein Tag, das Paradies und seine himmlischen Gärten verlassen. Die großen Tore öffneten sich, und zwei verfemte und mit Schuld beladene, die jetzt wieder Erdenkinder waren, schritten langsam zurück aus dem warmen Sonnenlicht in das kalte Licht des Mondes und der Sterne. Vielleicht (oder bestimmt) würde ihnen ihr Gott noch einmal vergeben, aber für heute und in der nahen Zukunft sollten ihnen die Gärten des Himmels verschlossen bleiben.
Epilog
Die Menschen Blanco und Blanca haben im Paradies, wie ihre Vorfahren Adam und Eva, vom Baum der Erkenntnis des Schlechten und des Guten gegessen und mussten deshalb den Garten Eden verlassen. Den Garten ihrer Kindheit, ihrer Kinderzeit. Auch den ihrer Unschuld. Gott aber weiß, dass der Mensch nicht immer Kind bleiben kann und dass der Wunsch in ihm wächst, irgendwann den Garten der Kindheit zu verlassen. Dass er nach Erkenntnis sucht und schließlich die ihm verbotenen Früchte kostet und deshalb die Gebote seines Herrn missachtet. Er weiß, dass der Mensch nackt und ungeborgen ist und Angst vor den Gefahren hat, die draußen in der Welt auf ihn lauern. Dass er ratlos und hilflos und auf Fürsorge angewiesen ist.
Deshalb lässt Gott die Menschen auch nicht allein, sondern hilft ihnen und steht ihnen bei, auch wenn er sie vorerst aus seinem Paradies verstoßen hat. Er gibt ihnen schützende, warme Felle, die sie sich anstatt ihrer Lendenschurze überhängen können. Schließlich holt er sie wieder zurück ins Paradies, in seinen Garten Eden, denn er ist auch ein Gott der Gnade und nicht nur der Rache. Ein Gott der Liebe und der Vergebung, und die Menschen können sich unter seinem Schutz sicher und geborgen fühlen. Weil Gott alle Menschen liebt und den aufrichtig suchenden unter ihnen ihre Schuld und ihre Sünden vergibt.



Eingereicht am 30. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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