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Das letzte Gespräch

© Sabine Baumeister


Hinter ihrer Kaffeetasse beginnt Feindesland. Sie hält sich am Kaffee fest. Der Krieg ist längst vorbei. Kurz bevor er aufsteht und geht, versucht er, etwas Wichtiges zu sagen. Der letzte wichtige Satz zwischen ihnen. Oder der erste, je nachdem. Er zögert, bleibt im Graben hocken. Kein Stück Land wäre hier noch zu gewinnen. Der Blick über den Tisch bringt Leichenfetzen zum Vorschein. Sie dreht sich zum Fenster.
Das große helle Fenster ihres Sommercafes. Draußen. Die grobkörnige Hauswand, ein abgestelltes Fahrrad, ein Holztisch auf einem Balkon. Hinterhofstille. Hier hatten sie oft gesessen, in Frühstückslaune gelacht, sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht gestrichen, geküsst mit noch dem Geruch der Nacht zwischen den Beinen. Später sind sie wieder in seine Wohnung zurückgekrochen, haben sich treiben lassen, sich aus ihren Büchern vorgelesen, Musik gehört. Sie sieht ihn kurz vor sich, hinter dem Glas des Fensters, ein Geisterwanderer, wie er nicht aufhören kann, zu reden und begeistert ist von irgendetwas, was geteilt werden sollte. Wie ein Kind. Da muss sie lächeln. Wie ein Kind.
Ihm fällt doch etwas Wichtiges ein. "Dein Pullover ist noch bei mir." Sie wendet sich ihm wieder zu, zieht überrascht die Augenbraue hoch. "Oh," sagt sie, "welcher denn?" "Der Rote." "Ah," wieder ein Blick über den Tisch, plötzlich Wärme. An der Wärme festhalten, sich blind stellen. " Den habe ich ganz vergessen. Der muss ja schon ewig bei dir liegen." Sie lächeln beide, nicken kurz, sie zündet sich eine Zigarette an. Sich treiben lassen, aus Büchern vorlesen, Musik hören. "Dann hole ich ihn doch am besten gleich bei dir ab." Er schlägt ein wenig nervös seinen Kaffeelöffel gegen den Tisch. Sich treiben lassen, sich Haarsträhnen aus dem Gesicht streichen, sich küssen. Sie fängt an, zu spekulieren. War das zu forsch? Er soll nicht den Eindruck haben, sie wolle die ganze Sache in die Länge ziehen. Kühl wirken, überlegen wirken, kampferprobt sein. Das alles macht ihr gar nichts aus. "Oder ist Karin da?" Ein Name als letzte Waffe. Karin, die andere Frau. Karin, das Schlachtfeld auf ihrem Körper. "Nein, nein." er winkt schnell ab. "Du kannst ihn ja wirklich gleich holen, ich war gerade, nun ja," er lässt seinen Löffel sinken. "Du warst was?" "Ich bin überrascht, dass du jetzt gleich, ich meine, nach all dem, also, sofort, zu mir ihn abholen kommst." Sie lächelt großspurig an ihm vorbei. "Nein, was soll`s. Alles hat ja schließlich mal ein Ende. Und, na ja, war doch eine schöne Zeit mit uns." Sie hebt ihm ihre Kaffeetasse entgegen. "Auf die schönen Zeiten." Er greift unbehäbig nach der seinen und stößt zweifelnd mit ihr an.
Er hatte gerade ihr Herz gebrochen, so schien es ihm, aber keine einzige Träne floss. Fast ist er ein bisschen unzufrieden. Vielleicht hat er sich doch in ihr getäuscht, vielleicht ist sie doch anders. Sie winkt der Kellnerin zum Zahlen. "Ich glaube," sagt sie, während sie ihre Zigaretten in die Tasche gleiten lässt, "der Kaffee geht auf dich." Er nickt, zahlt und sie verlassen ihr Sommercafe.
Es ist anders. Alles ist anders. Es ist falsch, grundsätzlich falsch. Das Wetter nieselt vor sich hin, sie lachen nicht, es gibt kein Wort mehr zwischen ihnen, er berührt sie nicht. Auf dem Weg zu ihm gehen sie langsam. Sie prägt sich alles ein, der Geruch des kühlen Nachmittags mit dem Geruch seiner Haare, seines Körpers, der Rest Erinnerung, eine Schablone für jetzt. Sie bemüht sich noch nicht einmal, etwas zu sagen. Sie möchte sich einbilden, dass sie wie jedes Mal aus dem Cafe gehen, sich wieder auf sein Bett legen, wieder lachen, wieder sprechen, wieder küssen, sich wieder lieben, Karin die Kehle durchschneiden. Sie möchte sich nicht vorstellen, dass es das letzte Mal ist, dass sie diesen Weg zusammen gehen. Am Kiosk links vorbei, über den Parkplatz, das ist eine Abkürzung, durch den Innenhof, da ist seine Tür. Jetzt ist seine Wohnung.
Alles ist noch an seinem Platz, sie setzt sich an den Küchentisch und fischt ihre Zigaretten heraus. Sie entdeckt einzelne Spuren. Zwei abgespülte Teller, eine Kakaodose neben dem Herd. Er mag keinen Kakao, ihm wird schlecht auf Kakao, er ekelt sich vor der Milchhaut, die sich auf heiße Mich legt. Karin, die Kakaotrinkerin. Er folgt ihrem Blick. Das Schweigen wird unangenehm. "Äh, möchtest du vielleicht was trinken?" Sie nickt. "Warum eigentlich nicht. Hast du ein Glas Rotwein?" Er stellt ihr ein Weinglas hin und öffnet die Flasche. Sie sieht ihm zu. Wir sind die Weintrinker, will sie sagen, wir gehören zusammen. Während sie ruhig an ihrem Rotwein nippt und raucht, verschwindet er im Schlafzimmer. "Ich habe den Pullover schon rausgelegt, warte einen Moment." Er kommt wieder mit seinem letzten Beutestück und legt ihn auf den Tisch. "Ach, dann nehme ich doch auch noch einen Schluck Wein." Sie lächeln wieder, der Pullover zwischen ihnen auf dem Tisch und prosten sich zu.
Sie steht auf und geht durch die Wohnung, bleibt im Wohnzimmer kurz stehen. Die Spuren sind zaghaft, aber sie sind da, in ihrem Wohnzimmer, auf ihrem Sofa. Das Inselsofa, der Ort, um sich treiben zu lassen. Auf dem Tisch liegt ein Haargummi. Sie setzt sich aufs Sofa, er folgt ihr, fängt an, zu reden, sie hört ihm nicht zu. Er nimmt ihr das Rotweinglas aus der Hand und stellt es auf den Tisch. Fast ängstlich scheu streicht er an ihrer Wange entlang. Sie zieht ihren Kopf instinktiv zurück. "Tut mir leid," hört sie ihn sagen. "Tut mir leid, die Situation ist auch nicht einfach für mich, ich weiß auch nicht, was das alles soll, jetzt, wo du hier bist, kommt mir Karin so unnatürlich vor, sie verschwimmt, es tut mir leid, ich sollte so etwas jetzt nicht sagen, aber." Sie schließt die Augen, er kommt näher, er flüstert fast. Wehrlos lässt sie sich küssen. Letztendlich küssen sie sich doch. Ihr klebt der Kuss schal und leer auf den Lippen, aber sie erwidert ihn, berauscht sich an seinem Versuch, er kann doch nicht von ihr lassen.
Sie küssen sich heftiger und länger. Er zieht ihren Körper zu sich, öffnet mit der Sicherheit eines alten Liebhabers ihre Kleidung. Sie öffnet die seinen. Die Worte im Kaffee liegen wie ein Spuk hundert Jahre hinter ihr. Ein schlechter Traum, eine Zeitverzerrung, das hier ist real. Durch sein Haar zu fahren, seinen Atem auf der Haut, seine Lippen an ihrem Körper entlang zu spüren. Leidenschaft ist nicht durch Worte zu vertreiben. Leidenschaft ist das letzte Wort, das sie hört. Sich treiben lassen. Unbesiegbar sein. Ein Zucken fährt durch seinen Körper und es ist vorbei.
Er lässt sie, nimmt Abstand, zieht sich unmittelbar wieder an. Noch kurz lächelt er ihr zu, dreht sich seufzend zum Tisch und nimmt einen Schluck Rotwein aus ihrem Glas. Das Schweigen gibt ihr Zeit, ihre Sachen an sich zu nehmen. Sie lächelt noch, als er sich zu ihr beugt, sie auf die Wange küsst und sagt: "Schön, dich noch einmal gefickt zu haben."



Eingereicht am 01. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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