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Die Lieblingsbank

© Britta Dubber


Fassungslos starrte Janna auf den Fleck im Park, auf dem bis vor kurzem noch eine braune Holzbank Sturm, Regen und Graffitiattentate getrotzt hatte.
Nur die kahlen Stellen im Gras erinnerten nun an ihren Lieblingsplatz. Doch bald würde das Gras nachwachsen und dann würde sie den genauen Platz vermutlich nicht mehr wiederfinden.
Frustriert nahm sie ihren Rucksack vom Rücken und ließ sich auf den Rasen fallen. Zwei Frauen mit dicken Einkaufstüten eilten an ihr vorbei, Janna schnappte Wörter wie "Monotonie" und "Depression" auf. Wie passend, dachte sie.
Ein brauner Mischlingshund stürmte auf sie zu, schnupperte an ihrem Rucksack und wurde dann von seinem Besitzer zurück gerufen; ein dicker Mann mit krausem Haar in Freizeitkleidung.
Er warf Janna einen Blick zu, den sie nicht recht zu deuten wusste, dann war er auch schon um die Ecke gebogen. Der Hund schwanzwedelnd und kläffend hinter ihm.
Janna öffnete ihren Rucksack, wühlte sich durch ihre Hefte und Bücher und fischte schließlich ein vollgekritzeltes Blatt Papier heraus.
Lange starrte sie auf die Satzreihen und Zeichnungen, sich nicht entscheiden könnend, ob sie lachen oder weinen sollte.
Sie entschied sich fürs Lächeln. Ein zaghaftes Lächeln, das niemals zu viel verriet, wie ihre beste Freundin Sandy immer gesagt hatte.
Sie hielt sich das Blatt Papier ganz dicht vors Gesicht und meinte Sandys Parfum zu riechen.
Sie schnupperte, doch der Geruch nach Rosenblüten war verschwunden.
"Red Roses", so hieß es, erinnerte sich Janna nun wieder. Sie hatte es ihrer Freundin zum vierzehnten Geburtstag geschenkt. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, vorher daran zu riechen, sondern sich einfach auf die hübsche Verpackung und den klangvollen Namen verlassen. Sandy war zwar begeistert gewesen, aber im Nachhinein wünschte sich Janna, sie hätte sich mehr Mühe mit dem Geschenk gemacht.
Sie legte das Papier auf ihre Oberschenkel, hielt es aber am äußersten Rand fest, damit es nicht weg flog.
Zwei große Buchstaben stachen besonders hervor. Ein schwungvoll gemaltes S und ein geschwungenes M. M wie Mark, den Typen, in den Sandy verknallt war.
Sie waren sogar zwei Mal ausgegangen. Doch nach Sandys Verschwinden hatte er sich mit einer anderen getroffen. Tania, eine eingebildete Zicke aus der Oberstufe. Sie gingen nun fest zusammen.
Janna fragte sich, was Sandy dazu sagen würde, wenn sie wieder käme. Doch dann wurde ihr klar, dass das höchstwahrscheinlich nicht passieren würde.
Tränen tropften auf einmal auf das Papier und zwei Buchstaben verwischten. Schnell steckte Janna den Zettel zurück in ihre Tasche.
Sie hatten ihn vor ein paar Wochen zusammen auf der Bank angefertigt, während einer Freistunde.
Sandy hatte damit begonnen Smileys zu malen, danach wahllose Buchstaben draufgekritzelt.
Von Janna waren ein paar Figuren. Sie konnte nicht so gut Malen wie ihre Freundin, die später einmal Kunst studieren wollte.
Die später einmal Kunst studiert hätte, verbesserte sich Janna in Gedanken und wischte sich über das tränennasse Gesicht.
Sie drehte sich um und versuchte sich die Bank bildlich ins Gedächtnis zu rufen. Es fiel ihr nicht schwer, sehr oft war sie mit Sandy in Freistunden oder nach der Schule hergekommen und hatten dann geplaudert, über Probleme geredet oder einfach nur die Leute beobachtet.
Die Bank hatte zahlreiche Brandlöcher gehabt, vermutlich von Zigaretten. Mehrere Graffitis waren drauf gesprüht worden und eine Ecke war abgebrochen.
Vermutlich hatte die Stadt sie deswegen entfernen lassen. Sie passte wohl nicht mehr in das neue Konzept der Stadtverwaltung einer sauberen, gewaltfreien Stadt.
Der Artikel war am gleichen Tag erschienen, an dem über Sandys Verschwinden berichtet wurde. Und er war wesentlich größer ausgefallen. Aber da waren die Medien auch noch von einer Ausreißerin ausgegangen. Erst eine Woche danach hatte man ihr Fahrrad, blutbefleckt in einem Waldgebiet gefunden. Janna mochte sich gar nicht ausmalen, was das zu bedeuten hatte.
Ein lauter Knall riss sie aus ihren Gedanken. Die Bank löste sich vor ihren Augen auf und an deren Stelle lag nun eine zerbeulte Konservendose auf dem Rasen. Zwei kleine Jungs mit blonden Haaren und Sommersprossen kickten mit ihren Füßen danach wie nach einem Fußball.
Die Dose flog an Janna vorbei und streifte ihr Knie.
"Tschuldigung!", rief einer der Jungs.
Janna lächelte und zuckte mit den Schultern. Sie griff nach ihrem Rucksack und sah den Jungs zu, wie sie sich um die Dosen stritten.
Dann machte sie sich auf den Weg nach Hause. Sie wusste, sie würde eine andere Bank finden müssen.



Eingereicht am 07. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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