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Freizeichen

© Barbara de Mo


Freizeichen. Ihr Herz klopfte. Eine Freundin hatte sie eingeladen, den Urlaub in ihrer Hundeschule zu verbringen, auf Kosten des Hauses. Ob sie nicht mit ihrer Mutter und dem Hund kommen wolle? Mit ihrer Mutter. Pérenne schauderte. Sie starrte den Hörer des schnurlosen Telefons in ihrer Hand an. Frei-Zeichen. Was für ein Wort. Hörte sich so die Freiheit an? Nein! Ihr Blick fiel auf den grünen Knopf, der vor ihren Augen verschwamm. Es ging nicht. Warm rannen die Tränen über ihre Wangen, unaufhaltsam.
Wieder kam die Erinnerung in ihr hoch. Die Türklingel hat geschellt und neugierig folgt sie ihrer Mutter in die Diele. Ihr kleiner Bruder, er trägt eine bunte Kinderbrille und eine Strähne seines weißblonden Haars ragt ihm vorwitzig ins Gesicht, steht vor der Tür und hält freudestrahlend ein kleines Tütchen mit etwas Neongelbem darin hoch. "Seht mal, was ich gefunden habe!", ruft er aus, "das ist ein Gimmick von Üps, da ist ein Faden dran und wenn man dran zieht, bewegt es sich wie ein echter Wurm." Es ist noch originalverpackt. Wo findet man so etwas Schönes? "Gefunden?", fragt sie ihn und sieht ihre Mutter ungläubig an. "Wo hast Du das her?", poltert diese los und kleinlaut lügt er mit zerknirschtem Gesicht "Auf der Straße gefunden...", dann bricht er ab. Er duckt sich mit angstvoll aufgerissenen Augen und hebt den Arm schützend über den Kopf, doch es hilft nichts. Seine Schwester sieht das wutrote Gesicht der Mutter und wie gelähmt muss sie hilflos mit ansehen, wie die Frau auf ihr eigen Fleisch und Blut einprügelt. "Das hast du nicht gefunden, das hast du gestohlen!", brüllt sie, "Du Nichtsnutz, was habe ich nur für Kinder?", beschimpft, erniedrigt sie ihn.
"Nein, du machst ihn ja tot!", gellte der verzweifelte Schrei des kleinen Mädchens durch den Raum, "Aufhören, Mama!". Dieses Mädchen war sie gewesen, Pérenne. Sie sah es wie einen Film vor ihrem inneren Auge ablaufen. Durch ihr Rufen hatte die Mutter innegehalten und, als werde ihr gerade bewusst, was sie soeben getan hatte, auf ihre Hand gestarrt und erschöpft gesagt: "Niemand wird hier totgemacht. Ich bin enttäuscht von euch."
Immer noch das Freizeichen. Sie drückte den roten Knopf. Mit zitternden Fingern griff sie zur nächsten Zigarette. Tief durchatmen, inhalieren. Das Gift strömte in ihre Lungen, floss mit dem Blut und entfaltete seine beruhigende Wirkung, benebelte die Neurotransmitter in ihrem Hirn.
Als ob die Schläge nicht Strafe genug gewesen wären, hatte ihr Bruder das entwendete Spielzeug im Krämerladen wieder abgeben und sich entschuldigen müssen. Um ihm diese Demütigung zu erleichtern, hatte sie ihn begleitet und seine Hand gehalten.
Jetzt waren ihre Tränen fast getrocknet, ein kühler Luftzug strich darüber. Damals war sie mutig gewesen, warum nicht auch heute?
Nur zu gern würde sie fahren, raus aus dem Muff hier und die frische Luft auf dem Land genießen. Spaziergänge im Grünen und Training mit dem Hund auf dem Platz, das würde ihnen beiden gut tun. Andererseits würde sie die Nähe zu ihrer Mutter nicht ertragen können. Deren Jähzorn war einfach unberechenbar. Vielleicht hatte sie Glück und konnte alleine mit Samson, ihrem eigensinnigen Bobtail fahren. Ja, dachte Pérenne, die hat bestimmt keine Zeit dafür. Und anrufen musste sie so oder so. Entschlossen gab sie die Nummer ein.



Eingereicht am 08. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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