www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de

Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Das Casino zur Blutbuche

© Christine Kühnel


Dieser Tag sollte der größte Tag in Joe ‚Bambi' Balboas Leben werden. Drei Tage zuvor war ihm, mitten in der Woche, die Frau davongelaufen. Er fand den Zeitpunkt zwar höchst ungewöhnlich und daher vielleicht auch ein wenig bedeutungsschwanger, wagte jedoch erst am folgenden Freitag, nachdem er am frühen Abend von der Feldarbeit heimgekehrt war und das Haus immer noch leer vorgefunden hatte, daran zu glauben, dass sie tatsächlich vielleicht nie wieder käme. Das wiederum bedeutete seiner Logik nach, dass Glück und Schicksal ihm wohlgesonnen waren. So stand er an jenem Freitagabend nackt in der kleinen Waschkammer seines Hauses und wusch sich besonders gründlich, auch im Schritt, denn er hatte gehört, dass die edleren Damen von der Straße einen rigoros abwiesen, wenn die Reinlichkeit zu wünschen übrig ließ. Und er war sich sicher, dass er sich an jenem Freitagabend die Teuerste von ihnen würde leisten können. Achtlos ließ er die kleine Plastikwanne stehen, leerte sie nicht vom schmutzigen Wasser, säuberte sie nicht, verstaute sie nicht sorgsam in der abgenutzten Badewanne mit den vielen Sprüngen im Emaille. In wenigen Stunden würde er ein reicher Mann sein und schon morgen zwei Bedienstete haben, die sich statt seiner mit der dunklen Fettkruste, die sich bis dahin an der Wand der Wanne gebildet haben würde, abplagen würden. Weiterhin achtlos, mit nassen Füssen ging er hinaus auf den dunklen Flur, machte aber nach einigen Schritten kehrt und schaltete das Licht an. Bedeutende Männer, wie er bald einer sein würde, sparten nicht an Strom. Jedoch kaum, dass die nackte Glühbirne ihr monotones Summen von sich gab, sich mit dem von draußen eindringenden Zirpen der Grillen zu einem Konzert vermische, welches nur der verwöhnte Stadtmensch romantisch finden konnte, spürte er den ersten Stich auf seinem nackten Hintern, und während er sich ungewollt heftig auf die betroffene Backe schlug, umsurrten bereits drei weitere Mücken seinen Kopf. Er entschied sich, das Licht doch lieber wieder auszuschalten, denn zerstochen aufzutreten, das wollte sich nicht so ganz in die Vorstellung fügen, die er von dem heutigen Abend hatte. Den Weg in das Schlafzimmer fand er immerhin mit geschlossenen Augen, er musste einfach den Flur entlanggehen und, sobald der abgenutzte Teppich mit den Hirtenmotiven darauf endete, noch einen Schritt auf dem rauen Beton machen, dann nach links wenden und die Schlafzimmertür aufschieben. Die Tür hatte keine Klinke, nur einen Riegel, den man einmal von innen hatte vorschieben können und der inzwischen schon ein wenig lose herunter hing. Den hatte seine Mutter eigenhändig eingebaut und oft benutzt, um seinen Vater auszusperren, nun benutzte niemand mehr den Riegel, denn die Balboas waren beide zu interesselos aneinander, um sich ernsthaft zu schlagen.
Bambi, der eigentlich keine Ahnung hatte, warum die Leute ihn so nannten und nicht bei seinem richtigen Namen, kratzte gedankenverloren den Mückenstich und betastete die Schwellung, während er überlegte, welches seiner beiden besseren Paar Hosen er am heutigen Abend tragen sollte. Doch zunächst einmal hatte er Mühe, eine Unterhose zu finden, die nicht fleckig, vergilbt oder an einer Stelle bereits löchrig war. Zu seinem Glück hatte seine Frau eine der ihren vergessen, groß und ausladend, aber sauber und ordentlich und sowieso allemal besser, als ohne Unterwäsche in die Beinkleider zu steigen. Kurz machte er sich Gedanken darüber, wie er wohl dastünde, wenn ihm etwas zustoßen würde und man ihn im Spital in der Unterhose seiner Frau daliegen sähe. Er beschloss, dass ihm erst im Anschluss an seinen großen Gewinn ein Unglück widerfahren dürfe, danach würde es auch nichts mehr ausmachen, wenn er obendrein einen dazugehörigen Büstenhalter am Leibe trüge.
So putzte sich Bambi heraus, entschied sich für die schwarze Hose, obwohl ihm die braune eigentlich besser gefiel und auch zu seinem Festtagshemd passte, aber die Naht war schon ganz dünn und abgenutzt, kein Wunder bei all den Taufen, Hochzeiten, Festtagen und Beerdigungen, auf denen man sich schließlich schick machen musste. Zudem trug er sie jede Freitagnacht, aber bisher hatte sie ihm noch kein Glück gebracht. Heute Abend durfte und wollte er nichts riskieren. Nachdem er sich ganz angekleidet, sein dichtes, graumeliertes Haar, das vom Waschen noch feucht war, gebändigt hatte, ging er zu guter Letzt in die Wohnstube, um aus der Vitrine das gute Cool-Water-Parfüm zu nehmen und sich damit einzusprühen. Zum Glück roch es immer noch so gut wie vor fünf Jahren, als er es geschenkt bekommen hatte.
Nun war er so weit, verließ sein Haus, ging über die Betonplatten in seinem Hof auf die Straße zu und genoss das Geräusch der Absätze seiner Schuhe. So hörte es sich an, wenn ein reicher Mann über eine Straße schritt. Zur Feier dieses besonderen Abends nahm er sich ein Taxi, welches ihm einen besseren Auftritt am Ort seines Glücks versprach und gab sein letztes Kleingeld dafür aus. Während der Fahrt war er still und als der Wagen hielt, stieg er nicht sofort aus, sondern blieb noch ein Weilchen sitzen und betrachtete durch die Scheibe hindurch das alte, aber gepflegte Gebäude mit den schillernden Lichtern über dem Eingang.
Casino zur Blutbuche.
Seine Freunde warteten unter den gebogenen Lettern mit dem Emblem des Baumes darüber und als er die Wagentür öffnete und den Fahrer bezahlte, konnte er auch die Wolke herben Zigarettengeruchs wahrnehmen, die sie umhüllte und ihre wilde Pantomime wurde zu einem lautstarken Gestikulieren. Bambi verspürte für einen kurzen Moment ein flaues Gefühl in seiner Bauchgegend, doch das verschwand, als seine Freunde ihn wahrnahmen und ihm dann ehrfürchtig zunickten. Es wurde ernst, er hatte also nicht gekniffen, das hatte auch kaum einer angenommen, aber nun gab es nicht einmal mehr den allerkleinsten Zweifel.
Joe ‚Bambi' Balboa war also tatsächlich einer, der sein Glück beim Schopfe zu packen wusste. Ein harter Bursche, der sich durch nichts beirren ließ. Als sie das Casino betraten, bildeten sie ein seltsames Gefolge, einen Haufen Bauern in ihrem Sonntagsstaat, und Bambi schritt ihnen voran, als sei er ihr König. Wie ein solcher wurde er an diesem Abend allerdings auch begrüßt. Die Bauern der Umgebung verspielten jede Freitagnacht einen Großteil ihres Lohnes hier, in den noblen Hallen des Casinos. Dass dieser recht bescheiden war, tat der Freude des Direktors keinen Abbruch, dessen Leitspruch - gerade in dieser ländlichen Gegend - ‚Das kleine Vieh macht auch Mist' war. Die Zustellung eines Briefes, selbst wenn er aus dem Inland kam, dauerte manchmal wochenlang, aber dass heute ein besonderer Abend war, weil ‚Bambi' Balboas Tante Petuna gestorben war, hatte sich in Windeseile herumgesprochen. Der Direktor des Casinos selbst ließ sich für den heutigen Abend entschuldigen. Es war eine seltsame Marotte von ihm, dem Casino meist in den Nächten fern zu bleiben, in denen mit großen Gewinnen gerechnet wurde - etwa aufgrund von Todesfällen wohlhabender Verwandtschaft seiner Klienten. Sein Stellvertreter war von ihm jedoch aufs Gründlichste instruiert worden und so begrüßte er den Hofstaat mit den schwieligen Händen und den ledrigen Gesichtern freudig und überschwänglich, ganz genau so, wie es ihm aufgetragen worden war. Bambi nahm die besondere Behandlung gerne an, glaubte er doch, dass dies nur der Auftakt war. Wie abgefallen war dieses flaue Gefühl von ihm, welches ihn sich fragen ließ, ob es nicht besser sei, mit dem kleinen Erbe Petunas sparsam und vernünftig zu haushalten, neues Arbeitsgerät anzuschaffen und überfällige Reparaturen vorzunehmen.
Aber hier, das war die Welt, die bunten Lichter, der Duft der Zigarren und seines eigenen, guten Parfüms. Würde er jetzt nicht hineingehen und sein Glück beim Schopfe packen, dann hätte er es vergeblich angebrochen, nach fünf langen Jahren, die es ihn nur durch die Scheiben der Vitrine angeschimmert hatte.
Bambi betrat das Casino und verspielte in nicht ganz zwei Stunden das Erbe, das seine Tante bis zum Ende ihrer siebenundneunzig gelebten Jahre angespart hatte.
Als der letzte Würfel gefallen war, schien um ihn herum eine seltsame Stille einzutreten, als sei für einen Augenblick die Zeit angehalten worden und er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Wie in Zeitlupe sah er seine Freunde betreten zu Boden schauen, doch der Film seines Lebens nahm wieder normale Geschwindigkeit an, als sie schließlich begannen sich im Saal zu verteilen, Worte des Bedauerns, aber auch der Erleichterung murmelnd.
Bambi saß mit zu Fäusten geballten Händen da, bis man ihn bat, den Platz für eine Dame mit platinblondem Haar frei zu machen, die mit funkelnden Brillanten behangen war und ihn anstarrte, als wäre er ein Affe aus dem Zoo. Bambi fragte sie, ob sie surrende Glühbirnen mit zirpenden Grillen vermischt hören mochte, wartete aber ihre Antwort nicht ab, sondern steuerte über den dicken, feinen Teppich, der das Geräusch seiner Absätze schluckte, auf den Ausgang zu. Als er in die kühle Nachtluft hinaus trat und zum Himmel blickte, stand sein Entschluss fest und er dankte Gott dafür, dass ihn seine Frau verlassen hatte, außerdem für den Umstand, dass er keine Kinder mit ihr gezeugt hatte, denn so konnte er ohne schlechtes Gewissen den angrenzenden Park anzusteuern, um sich an der Blutbuche, die dem Casino seinen Namen gegeben hatte, aufzuhängen.
Bambi war kein furchtsamer Mann, aber ein wenig einfältig und von einem gesunden Aberglauben, der ihn dazu veranlasste, sich erschrocken zu bekreuzigen, als er sich der Blutbuche genähert hatte und feststellte, dass ein Unglückseliger ihm zuvorgekommen war und, gleich einem großen, welken Blatt an einem feinen Stiel, von einem der Äste herab hing.
Im Vergleich zu dem Anblick des Erhängten, der sich, vom morbid anmutenden Knarren des Seiles begleitet, mal hierhin, mal dorthin drehend im Wind wiegen ließ, erschien ihm die Rückkehr in sein verschuldetes Heim erlebenswert. Wie um jeden Rest von Unschlüssigkeit aus ihm zu vertreiben, gab der Körper ein langgezogenes, dunkles Röcheln von sich und als Joe ‚Bambi' Balboa daraufhin sofort seine Beine in die Hand nahm, um ohne Rast die drei Kilometer bis zu sich nach Hause zu laufen, dachte er bei sich, dass das der Rest der armen Seele gewesen sein musste, der ihren erhängten Körper verließ, mit einem Geräusch, als zöge er eine ungeölte Tür hinter sich ins Schloss, für die nicht einmal Gott selbst noch einen Schlüssel hatte. Bambi rannte sich die eigene Seele fast aus dem Leib und hätte sich auch nicht mehr Zeit gelassen, selbst wenn er gewusst hätte, dass zu allem Unglück auch noch seine Frau zu ihm zurück gekehrt war und zu Hause auf ihn wartete.
Im Park selbst war wieder Ruhe eingekehrt, und obwohl der Wind nicht stärker wurde, begann die Leiche hin und her zu schaukeln, bis sie sich am Stamm der Blutbuche festhalten und sich Halt auf den feinen Eisenstiegen verschaffen konnte, die fast unsichtbar an der Rinde angebracht worden waren. Dort richtete der vermeintliche Leichnam sich auf und entfernte aus der Vorrichtung auf seinem Rücken das Seil. Vorsichtig stieg er am Stamm hinunter und trat zwar etwas steif, jedoch absolut lebendig ins Licht der schwachen Laterne, um sich als der Herr Direktor des Casinos herauszustellen.
Sein Nacken schmerzte fürchterlich und er fand sich langsam zu alt, um auf die Blutbuche zu steigen und sich knarrend im Wind zu drehen, damit sich Menschen wie Bambi hier nicht in der ersten Verzweiflung das Leben nahmen. Er rollte das Seil auf und hoffte, dass bald auch zu ihnen aufs Land die Kredithaie kämen, damit er die Stiegen endlich entfernen lassen konnte und als er langsam auf den Ausgang des Parks zuging, dachte er an Bambis Tante Petuna, die in ihrem Leben niemals ein Casino von innen gesehen hatte.



Eingereicht am 31. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.