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Das weiße Taschentuch

© Matthias Raschke


Sie liegt da, rührt sich kaum. Er zeigt ihr seinen Stachel, spitz und schwarz. Das fleischige Monster sticht zu. Sein Blick ist nach draußen gerichtet. Es ist eine große Tanne an der sein gespenstischer Blick kleben bleibt. Er scheint hypnotisiert, nur ist dieser Moment die vollkommene Realität. Seine schwere Last zerdrückt jeden einzelnen ihrer Knochen, in ihrem schmächtigen Körper. Ihr Zittern ertrinkt in seinen groben Stößen. Eine Flucht ist ausgeschlossen, er versperrt den Ein- und Ausgang. Ein zaghaftes Ruckeln ihrerseits an seinen mit Blut durchlaufenden muskulösen Armen. Es ist wie das Schütteln an einem Baum, mit der Hoffnung das Früchte herunter fallen. Sie schüttelt und es fallen Früchte, verdorrte, von Würmern befallende und verschimmelte - vollkommen nutzlos.
Auf dem Nachttisch liegt ein weißes Taschentuch. Das Fenster ist leicht geöffnet und bringt einen kräftigen Windstoß in das Zimmer. Das weiße Taschentuch schwebt vom Nachttisch, mit leichten Schritten auf sie zu. Ihr Körper ist betäubt, aber ihre Hände versuchen das vorbeischwebende Taschentuch zu ergreifen. Sie ist verletzt und das Blut steigt auf. Das farblose Blut schwellt aus ihren Augen. Es rinnt über ihre Wangen, steuert den Hals an. Doch plötzlich ändert sich das Geschehen. Des Monsters Klauen umfassen ihren Hals, ersticken die Träne. Das weiße Taschentuch ist vorbeigeschwebt, liegt nun auf dem Holzboden. Der Drache spuckt Feuer. Schreiende Worte, verletzend und demütigend. Sie treffen ihren Kopf wie ein Baseballschläger. Die Krallen vergreifen sich immer fester in ihren Hals, Luft strömt weder raus noch rein. Seine schwarzen Lederschuhe stehen auf dem weißen Taschentuch und drücken es gegen den Holzboden.
Dann lockert der Drache seine Krallen, stampft mit dumpfen Schritten davon.
Es tritt ein leichter, schützender, fast wärmender Windhauch durch das, noch immer offene Fenster. Das weiße Taschentuch, von dem Dreck der Schuhe schwarz gefärbt wird behutsam von dem Windhauch in die Lüfte getragen. Ein kleines zerrissenes Taschentuch wird in diesem Moment zu einem fliegenden Teppich.
Erst Stille und dann ein kräftiger Windstoß, das Fenster öffnet sich ganz, das beladene Taschentuch fliegt, wie eine weiße Taube, in den blauen Himmel.



Eingereicht am 31. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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