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Der Vorfall

© Arndt Brilliant


Er liegt auf seinem Bett. Döst vor sich hin. Seine Lider werden schwer, fallen zu. Des Weckers Zeiger tickt ruhig und behutsam, gleich kurz vor 12. Er darf sich den Schlaf gönnen. Sein gestriger Tag begann schon um fünf Uhr morgens. Es ist fehlender Schlaf, den er jetzt nachholt. Er liegt gekrümmt, die Decke zwischen den Beinen und die Hände schützend vor das Gesicht.
Früh morgens begann die Sonne zu scheinen, doch jetzt gegen Mittag scheint sie schlapp zu machen. Keine Kraft mehr zum Strahlen, müde vom Genuss der warmen Strahlen. Dunkle Wolken drängen sich neben die Sonne. Erst eine, dann zwei und dann sind es schon drei. Zusammen bilden sie eine große düstere Wolke, die sich den Spaß macht, die Sonne mit einem schwarzen Kostüm zu umhüllen.
In diesem Moment betritt sie das Zimmer. Die Tür reißt auf. Ein kräftiger zügiger Windstoß holt ihn aus seinen Träumen. Sie stellt sich vor das Bett, der Holzboden knickst und knackst und droht jeden Moment zu brechen. Er weiß warum sie kommt und warum ihre Augen rötlich befleckt glitzern. Eine kleine Träne findet den Weg aus ihrem rechten Auge. Angetrieben von der Enttäuschung und den Verlustängsten, die sie plagen. Besonders jetzt, wo sie sein Handy in den Händen hält. Am liebsten möchte sie es ihm gegen die Wand schmeißen, oder besser noch ihm an den Kopf, doch das ist nicht ihre Art.
Ein leises und verzweifeltes "Warum" verlässt ihre hängenden Lippen. Endlos wiederholt sie das Wort. Dann Stille. Ihr Blick wird fragend, fixiert seine Lippen. Er sieht ganz hilflos aus, so wie er da in seinem Bett liegt. Das Bett wird zur Anklagebank und die Pflanzen um ihn herum werden zu den Geschworenen. Er sieht sie an, bemerkt ihren zittrigen Körper. Er weiß genau, warum sie nun so dasteht, er weiß es. Es ist deine Schuld, warum machst du das, hört er sie schon sagen. Doch in dieser Sekunde der großen Traurigkeit, weiß sie nicht, dass er nichts getan hat, wofür er sich schuldig bekennen müsste. Mangelnde Beweißlage, der Schuldige muss frei gesprochen werden. Wird er aber nicht, nicht in dieser Situation. Sein Anwalt fehlt, er muss sich selbst verteidigen, denn die Wucht der Beschuldigungen prasseln wie Hagelkörner auf ihn ein. Ein Krieg zwischen Liebenden. Seine Verteidigung beginnt, stellt sie aber nicht zufrieden. Weitere Beschuldigungen ihrerseits folgen. Schleudergang setzt ein, kreisende Bewegungen, ein hin- und her - ein Stillstand.
Doch was sie in diesem Moment, in dem sie hilflos dasteht, nicht weiß ist, dass er keine seiner Handlungen rein waschen muss, keine einzige.
Das Handy, sein Handy, dass sie in ihren aufgeregten Fingern hält wirft ein Schatten auf sein Gesicht, so sieht es zumindest im ersten Moment aus. Es ist jedoch nicht das Handy, das den Schatten wirft, sondern es ist ihr Gesicht, das sich nun mit farbloser Traurigkeit füllt. Wie ein Fass, das durch einen kleinen Tropfen, eigentlich nicht der Rede wert, zum Überlaufen gebracht wurde.
Seine Müdigkeit ist vollständig verschwunden. Hellwach und verständnisvoll schaut er sie an. Er liebt sie, mehr als alles andere auf dieser Welt. Sie ist sein Anker. Ein Anker an dessen Ende ein Schiff liegt. Ein Schiff, das schon viele Kreuzfahrten in Richtung Sonne unternommen hat, aber auch einige Katastrophenfahrten überstehen musste. Alle überstanden. Sie haben alle zusammen überstanden. Auch wenn dieser Augenblick, Distanz zwischen beiden zu schaffen droht, so ist er sich sicher, dass dieser Sturm wieder abziehen wird und das die Sonne, glücklich blickend, aus den Wolken lächeln wird.
Auch wenn das gemeinsame Foto der beiden, das auf seinem Nachttisch steht Staub angesetzt hat, wird dieser Staub vergehen. Es sind die Ängste, besonders die Verlustängste die den Staub aufwerfen und das Handy in ihren Händen zum glühen bringen. Eine Nachricht, mehrere Nachrichten, fremde Nummer und fremde Frau. Ihre Seele fängt an zu bluten. Kein Pflaster in Sicht, das auf diese Wunde passt. Auch seine Worte haben nicht die richtige Form. Dennoch liegt die Wahrheit in seinen Worten, noch verschlüsselt, nicht einsehbar. Erst wenn der traurige Nebel über ihrem Auge gewichen ist, erst dann, ist auch ihre Wunde getrocknet.
Es wird alles gut werden und er wird bald wieder in ihre strahlenden blauen Augen schauen dürfen. Ein großes blaues Meer, auf dem ihr Schiff in Richtung Sonne segelt…



Eingereicht am 03. August 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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