www.online-roman.de
www.ronald-henss-verlag.de

Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Schokoladenpudding

© Bettina Buske


"Pass auf" sagte Andrea und schob den Schwenkarm des Monitors zur Seite, "ich werde nach der Arbeit zu Dir kommen und über Nacht bleiben, wenn du willst, auch das ganze Wochenende. Dann können wir ganz in Ruhe bereden, wie es weitergehen soll."
Sie nahm den Schwall Dankesworte mit einem schiefen Grinsen entgegen und stieß beim Auflegen des Telefonhörers hörbar die Luft aus. Ganz leise formierte sich in der hintersten Ecke ihres Hirns die Frage, ob sie sich das wirklich antun wollte, aber sofort kam aus dem Stirnbereich die Antwort, dass dafür Freundinnen da sind.
Andrea schloss ihre Wohnungstür auf, eilte ins Schafzimmer packte ein paar Kleidungsstücke zusammen, kramte die große Luftmatratze aus dem Schrank und ging dann unter die Dusche. Beim Abfrottieren des Haares sah sie ihr Gesicht im Spiegel. Mein Gott, dachte sie, sehe ich verbissen aus. Sie versuchte, die Falte, die sich zwischen ihren Augenbraunen gebildet hatte, mit den Fingern weg zu streichen. Kaum, dass sie das Gefühl hatte, etwas erreicht zu haben, entdeckte sie einen Zug um ihren Mund, der ihr nicht gefiel.
"Bin wirklich urlaubsreif" sagte sie zu ihrem Spiegelbild und begann, das kurze rote Haar in geordnete Strubbelsträhnen zu legen. Nun gefiel ihr der Anblick des eigenen Gesichts schon besser und als sie mit dem Augen-Make-up fertig war, war sie mit sich und ihrem Aussehen zufrieden.
Schnell versorgte sie noch die Grünpflanzen in ihrer Wohnung und dann machte sie sich auf den Weg zu Susanne.
Susanne öffnete ihr mit verheultem Gesicht. Unübersehbar prangte ein großer, schon längst getrockneter Kaffeefleck auf ihrem Pullover.
"Och, komm mal her!", mit weit ausholender Gebärde umarmte Andrea ihre Freundin, den Augenblick nutzend, sich einen Eindruck vom Zustand der Wohnung zu verschaffen. Auf die Frage, ob Susanne schon Anzeige erstattet hätte, bekam sie zur Antwort, dass sie doch ihren Mann nicht anzeigen könne.
Der Rundgang durch die Wohnung wurde zur Bestandsaufnahme. Sämtliche Wohnzimmermöbel waren verschwunden und in den Ecken des Zimmers lagen Büchern, Fotoalben und Geschirrteile achtlos durcheinander, die Grünpflanzen waren zum Teil umgeworfen, Wasser und Blähton hatten sich auf dem Teppichboden verteilt. Ein ähnlicher Eindruck entstand im Schlafzimmer, auch hier waren alle Möbel fort. Zwei Kleiderberge, etwas Weißwäsche und Wolldecken stapelten sich an der Wand, wohl absichtlich auf dem dicken Staubstreifen abgelegt, der sich im Laufe der Jahre hinter dem großen Kleiderschrank gebildet hatte. Mitten im Zimmer stand der ungeöffnete Reisekoffer, mit dem Susanne auf Dienstreise war.
Das Arbeitszimmer machte auch einen chaotischen Eindruck, alle Türen der Einbaumöbel standen offen und Unterlagen waren auf dem Boden zerstreut. Andrea registrierte mit einer gewissen Befriedigung, dass Susannes Gemäldesammlung, mit der sie in eigenwilliger Hängung eine Wand des Arbeitszimmers von der Decke bis zum Boden gefüllt hatte, unberührt war und auch die kleine Rattansitzgruppe noch vorhanden war.
"Zum Glück ist Siegfried ein Kunstbanause und hält die Werke für eher hässliche Dekorationen. Das gemeinsame Konto hat er auch ziemlich geplündert, ich habe nur noch mein Betriebskonto." sagte Susanne.
Andrea riet ihr, sich umzuziehen, gab sich selbst am Telefon als Susanne aus und rief die Polizei und anschließend den Pizzadienst an. Erstaunlicherweise kamen die Polizisten sogar noch vor dem Pizzadienst, nahmen die Anzeige auf, verzichtete aber auf Spurensicherung.
Danach begannen die Frauen, die Häufchen im Wohnzimmer zu sortieren. Eine Rolle mit großen Müllsäcken hatten sie in der Küche entdeckt und ein Großteil der Hinterlassenschaft wurde darin entsorgt. Andrea baute die Grünpflanzen wieder auf und saugte den Teppich mit einem Nasssauger. Aber sie schaffte es nicht, den Teppichboden den hellen Stellen, auf denen die Schränke standen, anzugleichen.
"Lass uns den rausnehmen" sagte Susanne, "es sind schöne abgezogene Dielen darunter. Im Schlafzimmer auch."
So begannen sie, den Teppichboden zu zerschneiden und in Müllsäcke zu stopfen, als die Bestellung, diverse Vorspeisen, eine große Pizza und zwei Flaschen Rotwein, geliefert wurde. Schnell beseitigten sie den restlichen Teppich. Susanne fegte die Dielen und Andrea verteilte in der Küche die Speisen auf Teller und öffnete die Weinflaschen. Gemeinsam trugen die Frauen die kleine Sitzgarnitur aus dem Arbeitszimmer ins Wohnzimmer und stellten sie so zu den Grünpflanzen, dass fast der heimelige Eindruck eines Wintergartens entstand.
Andrea goss die Gläser zu voll, sagte "Prosit", setzte vorsichtig an und trank ihr Glas halbleer.
"Puh, das tat gut" meinte sie.
Susanne machte ein weinerliches Gesicht.
"Heul nicht, trink und iss" sagte Andrea, "das hält Leib und Seele beieinander, danach reden wir."
Speisen und Wein füllte ihre Körper mit wohliger Wärme. Der Wein legte sich mit bleierner Schwere in Susannes Glieder, während er auf Andrea wie Treibstoff wirkte und ihr das Gefühl gab, von großer Leichtigkeit zu sein.
"Gut, Susi, reden wir nachher. Leg Dich erst einmal hin." Sie rollte ihre Luftmatratze aus, pumpte sie auf, holte Wolldecken und Bettwäsche aus dem leeren Schlafzimmer. Nachdem Susanne sich auf der Matratze in Embryostellung rollte, schloss Andrea die Tür und ließ, von Unterhaltungsmusik aus einem Kofferradio begleitet, auch den Teppichboden des Schlafzimmers in Müllsäcken verschwinden.
Als sie mit der Arbeit fertig war, griff sie zum Telefon und begann, der Reihe nach die Bekannten anzurufen, von denen nach ihrer Einschätzung Hilfe zu erwarten war und traf Verabredungen für den nächsten Tag, damit das Gerümpel entsorgt und neues Mobiliar herangeschafft wird. Auch sollten die Wände einen frischen Anstrich bekommen, um den tristen Eindruck der Wohnung möglichst schnell zu beseitigen.
Andrea fühlte sich müde, merkte aber, dass sie viel zu aufgekratzt zum Schlafen war, deshalb begann sie, mit dem quäkenden Kofferradio bewaffnet, das Arbeitszimmer aufzuräumen und entdeckte, dass in einem der beiden Schreibtische noch Siegfrieds Unterlagen waren.
In der Abstellkammer hatte sie eine größere Kiste entdeckt, in die räumte sie den Inhalt der Schubfächer. Sie stellte verwundert fest, dass Siegfried seit einem halben Jahr arbeitslos war, davon hatte Susanne ihr gar nichts erzählt.
Andrea schlich sich ins Wohnzimmer und stapelte die Fotoalben und Bücher in einen Wäschekorb, fand dabei auch die Verpackung eines Tarotspiels. Die Karten waren aus der Packung gerutscht und lagen nun zwischen Fotos und Büchern verteilt. Sie sammelte die Karten ein und zählte sie durch, alle achtundsiebzig Karten waren vorhanden.
Erinnerungen an ein langes Wochenende in Köln, wo Susanne und sie gemeinsam einen Tarotkurs gebucht hatten, ließen sie schmunzeln.
Andrea legte das Kartendeck beiseite, schleppte den Korb ins Arbeitszimmer und füllte den leeren Teil der Einbauschränke mit den Büchern.
Sie beschloss, genug getan zu haben und ging ins Bad. Der Blick in den Spiegel erheiterte sie, der Maskara war verwischt und gab ihrem Gesicht etwas Morbides. Geduscht und im Schlafanzug goss sie den Rest der zweiten Weinflasche in ein Glas, gab Wasser dazu und setzte sich an Siegfrieds Schreibtisch, um die Fotoalben zu betrachten, in denen Susanne akribisch jedes Familienfest, jeden Ausflug, aber auch Alltagsschnappschüsse dokumentiert hatte.
Anfangs sah sie mit wehmütigem Lächeln auf die Bilder, sie waren seit früher Kindheit befreundet und teilten somit viele Erinnerungen. Wie verliebt die Beiden waren, schöne Hochzeitsfotos, stolz auf ihre Zwillinge, die Einschulung, Ferien an den verschiedensten Orten mit den Kindern, hin und wieder Kurzurlaub ohne Kinder, glückliche Augenblicke im Leben festgehalten zur späteren Erinnerung. Aber schon auf den Fotos von der Abiturfeier der Zwillinge bemerkte sie in den Bildern eine Veränderung. Andrea überlegte: Komisch, dass ich das jetzt sehe, war mir gar nicht so aufgefallen. Wurde ja auch immer ein netter Abend unter Freunden. War alles Fassade?
In einem Umschlag fand sie Bilder von der Beerdigung ihrer eigenen Großmutter. "Ach ja" sagte sie sich, "da hatte Susanne ja fotografiert."
Sie sah interessiert die Fotos an, da war sie und ihr Vater, Beileidsbekundungen entgegen nehmend, ihr Mann Martin in Uniform, die Freundinnen der Großmutter, von denen lebt wohl auch keine mehr.
Dann dachte sie an die Woche des Sterbens der Großmutter, wie sie mit ihrem Vater abwechselnd versuchte, ihr beizustehen und dass der letzte Wunsch, den ihre Oma an sie hatte, Schokoladenpudding war. Den hatte sie gekocht, Eischnee geschlagen, es wurde der beste Pudding, den sie je gemacht hatte, ihr war damals, als müsste sein Genuss die Lebenskräfte der Großmutter erhalten können. Aber Oma konnte ihn nicht mehr essen, Oma war nachts gestorben.
Seitdem griff sie beim Einkauf an den Päckchen mit Schokoladenpudding vorbei. Alle Varianten Pudding gab es in ihrer Küche, nur Schokoladenpudding nicht mehr.
Plötzlich kam wieder eine Angst in ihr hoch, die sie seit einiger Zeit überfällt, die sie sich aber nicht eingestehen wollte. Was wird, wenn Martin abmustert, nicht mehr zur See fährt? Eigentlich kennen wir nur unsere Feriengesichter, werden wir den Alltag miteinander leben können? Für Martin werden das gleich zwei gravierende Veränderungen im Leben sein, beruflich und privat. Unsere Fernbeziehung fordert andere Eigenschaften um zu bestehen, als es eine dauernde Lebensgemeinschaft erfordert. Ich werde mit ihm über meine Sorgen reden, sagte sie sich, gewiss macht er sich auch Gedanken.
Sie schlich sich in den Raum, der mal das Wohnzimmer war und legte sich auf das schmale Stück Matratze, das die zusammengerollte Susanne ihr ließ.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, saß Susanne am Tisch, legte Tarotkarten aus und trank Kaffee dabei. "Möchtest du auch eine Tasse Kaffee?" Andrea hielt sich den Kopf und antwortete "Unbedingt! Ich hab es gestern mit dem Rotwein übertrieben."
Als sie einen großen Kaffeetopf in der Hand hielt, sah sie sich die ausgelegten Karten an. "Was machst du?" fragte sie.
"Ach, ich lege heute schon ein Weilchen, wusste gar nicht mehr, dass ich die habe. Keltisches Kreuz, Beziehungsspiel, alles blöde Karten."
"Hast du was anderes erwartet? Ist doch Quatsch, die Karten zu prügeln. Wenn Du nicht einmal die Fragen formulieren kannst, wie willst Du Antworten lesen? Komm, ich will dir was zeigen." sagte Andrea und holte die Fotoalben hervor.
"Sieh dir mal eure Gesichter auf den Bildern an, hier seid ihr noch ein Paar, wie man sieht, aber was war seit dem Zeitpunkt hier los mit euch? Alle Fotos, auf denen ihr nebeneinander seid, zeigen euch mit verbissenen Gesichtern, schlimmer als Lady Di und ihr Prinz. Und warum hast du mir nicht erzählt, dass Siegfried arbeitslos wurde?"
Susanne sah erstaunt auf "Siegfried arbeitslos, wieso?" Nachdem Andrea ihr die Bescheinigung des Arbeitsamtes aus der Kiste kramte, war Susanne erschüttert.
"Dass er mir das nicht erzählen konnte, furchtbar.Wenn ich abends nach 16 Stunden Arbeit nach Hause kam, war ich ausgelaugt und maulig. Aber jetzt wird mir auch einiges klar. Ich habe durch Zufall auf seinem PC entdeckt, dass er mit einer Seitensprungagentur Kontakt hatte. Als ich mit meinem Computer ein Programm herunter geladen hatte, wollte ich die Zeit nutzen und meine e- mails lesen, da habe ich seinen PC angeschaltet und in seinen Postfach neue Partnervorschläge gefunden. Ich habe ein furchtbares Fass aufgemacht deswegen. Mein Auftrag in Rothenburg war angesagt und ich bin wutschnaubend abgedampft. Irgendwie wollte ich mir nicht vorstellen, dass er wirklich ständig wechselnde Sexkontakte hat. Bei uns ging da gar nichts mehr, aber er wollte auch nicht mit einem Arzt reden. Wenn ich ehrlich bin, hat mir auch nicht viel gefehlt, es war so" sie suchte nach Worten "...so beliebig geworden. Nur warum musste er so heimlich und heimtückisch gehen?"
"Vielleicht solltest du jetzt erst einmal die Situation hinnehmen, wie sie ist. Ihr hattet gute Zeiten miteinander, die nun vorbei sind. Ihr habt irgendwann das Gefühl füreinander verloren, dann eher gegeneinander als miteinander gelebt und er hat das beendet. Entweder konnte er nicht mit dir reden oder hatte das Gefühl, dass es ihm nichts bringt. Versteh mich nicht falsch, ich finde gemein, was hier passiert ist. Ich hatte ein anderes Bild von ihm. Weiß der Teufel, in welchen Nöten Siegfried steckte und warum er, statt zu reden eine Fassade aufbaute. Jedenfalls sind zwei tolle Kinder durch eure Beziehung entstanden, du hast die Erinnerung an eine Reihe von guten Jahren. Vielleicht war dein Engagement in der Arbeit auch eine unbewusste Flucht vor eurem Ehealltag als es nicht mehr so gut stand mit euch. Jede Situation hat zwei Seiten, such nach der guten Seite."
"Ich fühle mich aber so furchtbar beleidigt, ich könnte ihm in den Arsch treten. Ich möchte ihn anschreien, was für ein Idiot er ist, was für ein Heimtücker." Susanne heulte. "Sag mal, bin ich so ein Unmensch, dass er mir was vormachen musste wegen seiner Arbeit?" schniefte sie.
Andrea sah sie über den Rand ihrer Kaffeetasse an und schüttelte den Kopf.
Nach einer kurzen Pause fragte Susanne plötzlich: "Du, ich habe kein Brot mehr gehabt, da hab ich uns Schokoladenpudding gekocht, geht doch, oder?"
"Geht gut" antwortete Andrea, "hab ich ewig nicht mehr gegessen."



Eingereicht am 02. August 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.