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Blind Date

© Uwe Hartig


Ich lasse mir Zeit mit dem Aussteigen, schließlich ist es noch eine viertel Stunde bis zum Date. Mit einem Klick, Klick, Klick verschließt sich die Verriegelung der Autotüren. Ich schaue auf meine Armbanduhr und stelle fest, dass noch einmal eine Minute vergangen ist. Ob sie schon wartet? Mich vielleicht beobachtet? Ich unterdrücke den Wunsch mein Outfit noch einmal im Seitenspiegel zu überprüfen und erledige das im Vorbeigehen an einer Schaufensterscheibe. Alles schön! Noch zehn Minuten...
Wie hieß sie noch einmal?, ja richtig Philomena. Über diesen Namen war ich im Profil einer Internetpartnerbörse gestolpert. Er war mir ungewöhnlich genug ihr einfach zu schreiben, obwohl ich Profile ohne Bild eigentlich umgehe. Ich schrieb ein paar Zeilen, an die ich mich jetzt schon nicht mehr erinnern kann. Es vergingen drei Tage, mit einer Antwort hatte ich schon nicht mehr gerechnet. "Sie haben eine Nachricht von Philomena in ihrem Postfach." Klick, Klick und ich konnte die Antwort lesen. In ein paar Zeilen erklärte sie mir, dass Aussehen nicht das Entscheidende wäre.
Ja, ja.... natürlich nicht!
Aus irgendeinem Grund war meine Neugier geweckt und es ergab sich ein reger Gedankenaustausch. Da Frauen ungern ihre Telefonnummern ausgeben machte ich den Vorschlag dass sie mich anrufen könnte. Hop oder Top! Klingelingeling... und Philomena überraschte mich mit einer Stimme, welche mir die Schweißperlen auf die Innenflächen meiner Hände trieb. Um die Sache abzukürzen... sie hatte eine Hammerstimme, die mein Herz ein paar Takte schneller schlagen ließ. Wir plauderten über zwei Stunden und auch die weiteren Gespräche verliefen vielversprechend. Immer rief sie mich an. Es war eine Wellenlänge, wenn ihr versteht was ich meine. Meine Hoffnungen auf ein Bild von ihr erfüllten sich nicht, irgendwann war mir das auch egal, ich hatte an den inneren Werten dieser Frau keinen Zweifel mehr. Es war, als würden wir uns schon mindestens ein paar Jahre kennen. Ich erzählte ihr Dinge aus meinem Leben, die ich Euch niemals erzählen würde. Warum? Woher soll ich denn das wissen!
Wollen wir uns nicht einmal treffen? war ihr Vorschlag. Das Ja sprang von meinen Lippen wie ein tollwütiges Faultier, doch eigentlich meinte ich Nein.
Warum Nein? ......Also manchmal ...
Schnell hatten wir einen Treffpunkt vereinbart, der ungefähr in der Wegstreckenmitte lag. "Ich geh vom Nordpol, zum Südpol zu Fuß..." lauten die Zeilen eines Schlagers und ich hätte den Weg vermutlich auch auf meinen abgefrorenen Beinstümpfen zurückgelegt.
Unauffällig schaute ich auf meine Uhr, es sollte kein Vorwurf sein. Möglicherweise wurde ich schon beobachtet. Nicht ich, sie war es, die mich zuerst sah. Sie saß in einem Cafe, vielleicht 27 Meter von mir entfernt und winkte mir zu. "Hau den Lukas" dachte ich bei mir , als ich sie sah. Sollte ich wirklich das Glück haben, die passende Frau zu dieser engelsgleichen Stimme gefunden zu haben. Ich winkte vorsichtig zurück und beschleunigte meine Schritte. Halt, halt... das musste ja aussehen, als würde ich es besonders nötig haben. Doch meine Beine wollten mir nicht gehorchen. Kurz darauf erreichte ich den Tisch gemeinsam mit einem Kerl, der unmittelbar hinter mir gewesen sein musste. Zum Abdrehen war es zu spät. "Ist noch ein Platz frei?" stammelte eine Stimme, bei der ich noch heute abstreiten würde, dass es meine eigene war. Mit Riesenaugen sah mich die Schöne an, ihr Blick schweifte über die vielen leeren Nachbartische. Schützend schlang der Kerl seinen Arm um ihre Taille. Abrakadabra, doch leider konnte ich nicht zaubern und unter mir würde sich die Erde nicht auftun. Ich lachte laut und mit einem "Eine Verwechslung" bekam ich die Kurve. Mindestens genau so schnell wie ich an den Tisch gelangt war, suchte ich das Weite. Die Straße war zum Glück wie ausgestorben. An eine Hauswand gelehnt bezog ich Posten. Bequem konnte ich von hier aus die vorüberziehenden Passanten sehen. Eine Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite erregte meine Aufmerksamkeit. Suchend sah sie sich um und schien mich dann entdeckt zu haben. Freudig winkte sie mir zu, diesmal musste ich gemeint sein, denn hinter mir war nur noch die Hauswand.
Leider!!! , denn gern wäre ich Eins geworden, mit der Hauswand. So hatte ich sie mir oder es nicht vorgestellt. Schlank, modern gekleidet, sportlich, um nur einige der Worte zu erwähnen, mit denen sie sich in unseren Telefongesprächen beschrieben hatte. Kurz. Sie hatte gelogen.
"Bist du Matthias?"
"Wer?"
"Na der Matthias aus dem Internet?"
"Ich habe gar kein Internet!"
"Aber du siehst genauso aus wie auf dem Bild ..."
Die Worte "Eine Verwechslung, nur eine Verwechslung" kamen mir bedeutend leichter als ein paar Minuten zuvor über die Lippen.
Über ihrer Nasenwurzel bildete sich eine tiefe Furche und ihre Hände versanken irgendwo in der Hüftgegend.
"Bist du sicher?"
"Ganz sicher!" antwortete ich.
"Oh Mann, das glaube ich nicht! Wieso gerade ich? Mit der blöden U-Bahn bin ich eine Station zu früh ausgestiegen und dann musste ich noch..."
"Ja, so ist das manchmal." unterbrach ich sie. "Meine Freundin ist auch nicht gekommen. Umständlich warf ich einen Blick auf meine Uhr und zuckte bedauernd mit den Schultern. "Na dann, ich muss jetzt wohl... Tschüß und viel Spass noch. Ich weiß was ihr jetzt denkt... Dieser eklige Mistvogel! O.K. Nicht ganz fair, nicht ganz fein, doch was sollte ich tun? Auch sie hatte gelogen, das war nur gerecht.
Ich wollte mich gerade an ihr vorbeischummeln als die Schöne, zusammen mit dem Kerl vom Cafetisch zu uns stieß. "Und ist er es?"
"Nein, der Typ hat keine Ahnung" murmelte ihr Gegenüber ärgerlich und zeigte mit ihren mördermäßig langen Fingernägeln auf mich. "Der wartet auf seine Freundin, die ihn versetzt hat. Das nächste Mal setzt du deine Brille auf und triffst den Typen selbst, ich habe keine Lust mehr auf solche Spielchen. Ich bin gerannt wie eine Verrückte, um dir diesen Gefallen zu tun. Und dabei hätte ich schwören können..."
Noch einmal musterte sie mich eingehend, ich hielt den Atem an.
Ich muss ausgesehen haben, als wäre mir irgendjemand eine Erklärung schuldig. Der Kerl kicherte und gab sie mir grinsend. "Meine Schwester hier" und dabei zeigte er auf die Schöne, wollte irgend so einen Typen treffen, den sie aus dem Netz kennt, hab ihr gleich gesagt, dass das Schwachsinn ist. Jetzt hat sie ihre Freundin eingespannt..." An dieser Stelle wies er auf die andere Frau. "...die sollte den Typen erst einmal checken, du kannst dir nicht vorstellen, wie viel Idioten es gibt."
Idioten... Idioten... Idiot! hallte es in meinem Hirn wider und ich stieß die verbrauchte Luft endlich aus.
Ich hatte glatt das Atmen vergessen.
"Das ist eine Verwechslung... ich wollte doch nur" versuchte ich lächelnd eine Erklärung.
"So, das reicht jetzt, du kannst auch gleich in die Fresse kriegen..." erklärte mir der Kerl und der Anflug von Freundlichkeit verschwand aus seinem Gesicht.
Vielleicht hätte ich das noch klären können, aber der Kerl wirkte auf seine Weise sehr überzeugend. Am Telefon oder im Netz, so oder so würde sich sowieso alles aufklären.
Was bleibt mir zu sagen... Philomena hatte ihr Profil im Internet gelöscht. Am nächsten Tag bemerkte ich das helle Blinken des Anrufbeantworters. Das Adrenalin schoss durch den Körper. Klick, Klick und ich vernahm die wunderschöne Stimme Philomenas. "Ich bin sehr enttäuscht. Das hätte ich nicht von dir gedacht, dass du mich einfach so versetzt. Leb wohl. " Piiiiiiiiip... Aufgelegt. Der Dauerton fraß sich in meine Ohrmuschel. Wieder und wieder hörte ich die Nachricht ab, es blieb dabei.
Doch noch immer bin ich mit Philomena auf einer Wellenlänge. Auch ich habe mein Profil im Internet gelöscht und das Cafe wo wir uns treffen wollten, ist zu meinem Lieblingscafe geworden. Ich habe ein paar Leute kennen gelernt, mit denen man sich sogar richtig gut unterhalten kann.
Wer anderen eine Grube gräbt ist ein … Grubengräber!



Eingereicht am 01. August 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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