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Leben ohne Wasser und Strom oder auch: Ein Morgen als Neandertaler

© Sue Hiegemann


Donnerstag, 7.00 Uhr
Endlich duschen! Gestern Abend war's mir zu spät geworden, aber jetzt. Juhuu! Die Kleine schläft noch. Ich stehe in der Duschkabine und drehe das Wasser an. Ganz auf heiß, damit es schnell die richtige Temperatur bekommt, um drunter zu springen.
Aber was ist das?
Nach dem ersten Schwall wird das Wasser weniger und weniger, noch bevor ich es benutzen kann!
Vorhin war noch alles da. Mann und Sohn konnten ungehindert ihre Morgentoilette durchführen, aber typisch: Vor mir macht die Zivilisation Halt!
Dabei fühle ich mich gerade heute sowieso wie aus dem Urwald.
Also wieder raus aus der Dusche und die Zeitungen der letzten Tage durchforsten.
Aha! In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch sollte zwischen 22 Uhr und 1 Uhr nachts Druckabfall oder ähnliches stattfinden. Aber nicht heute. Heute ist, wie gesagt Donnerstag.
Heute soll nur zwischen 8 Uhr und 9.30 Uhr der Strom weg sein. Na super! Dann haben wir gleich weder Strom noch Wasser. Aber erstmal abwarten und frühstücken.
Frühstücken? Ungewaschen mit ungeputzten Zähnen und mangels Wasser auch noch ohne Kaffee?! Oh nein!
Doch in letzter Hinsicht habe ich Glück. Im Wasserkocher ist noch genug Wasser für einen Pott Kaffee.
Also setze ich mich im Bademantel an den Frühstückstisch und lese meinen Teil der Zeitung.
Obwohl ich mir wirklich Zeit lasse, stellt sich das Wasser nicht wieder ein.
Wie gut, dass ich heute Morgen wenigstens nicht unter Leute muss!
Den vorgemerkten Hausputz kann ich allerdings erst einmal vertagen. Na, damit kann ich am besten leben.
Da, die Kleine brüllt. Es ist kurz vor acht. Immer noch kein Wasser.
Der dreckige Windelpopo muss mit Feuchttüchern behandelt werden. Das geht zur Not.
Aber Mama muss auch! Hoffentlich ist noch Wasser im Spülkasten...
Uff, das reichte gerade noch.
Ach, und wie bestellt: 8.00 Uhr, der Strom ist auch weg! Fabelhaft. Vielleicht sollte ich mich zum Duschen raus in den Regen stellen?
Gut, dass das Baby noch die Brust kriegt, denn Aufwärmen von Tee oder Nahrung wäre ohne Strom auch schlecht.
Natürlich kommt's wie es kommen muss: Ausgerechnet heute kotzt sie sich nach dem Frühstück von oben bis unten voll. Und mich gleich mit. Danke!
Schnell ziehe ich uns aus, nehme einen Stapel Feuchttücher gegen den Gestank auf unserer Haut, ziehe der Maus frische Sachen an, schlüpfe - immer noch ungeduscht!- in den Bademantel meines Mannes und bringe die bekotzten Sachen nach unten in die Waschmaschine, um sie sofort durchzuwaschen.
Waschen? Ich Esel! Kein Wasser und kein Strom = kein Waschmaschinenbetrieb!
Aber die Sachen können so nicht bleiben, also schnapp ich mir einen Putzeimer, flitze im Bademantel durch den Regen in den Hof und hole mir Regenwasser aus der Tonne. Dem Himmel sei Dank, davon gibt es ja hier genug!
Mittlerweile ist es halb neun und was sehe ich? Wir haben wieder Strom. Fragt sich nur, wie lange. Und Wasser? Gleich mal nachsehen...
Nö. Warum auch? Die vielen Male, in denen in den letzten Monaten kein Wasser da sein sollte, hatte ich mir jedes Mal reichlich abgefüllt und es nie gebraucht, weil die Absperrung nicht oder nur ultrakurz stattfand. Nur heute, wo ich auf nichts dergleichen eingestellt war und mich fühle wie ein Neandertaler, gibt es keinen Tropfen Wasser und ich weiß nicht mal, warum?!
Noch mal wühle ich in den alten Zeitungen und finde schließlich Folgendes:
"Werte Trinkwasserabnehmer!
Wegen dringender Reparaturarbeiten an der Hauptleitung kann es zur Eintrübung mit teilweisem Ausfall des Trinkwassers in der Stadt:
(Aufzählung von Orten, u.a. dem unsrigen) kommen....
Dies erfolgt in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag von 20.00 Uhr bis 6.00 Uhr."
Hahahahahaaa!
Warum hatten meine Männer dann Wasser und ich von 7.00 Uhr bis jetzt (mittlerweile 8.47 Uhr) nicht? Frust!
Ja, wenn ich wirklich ein Neandertaler wäre, würde mich das alles nicht weiter belasten. Ich würde mich ohnehin nicht so oft duschen (eigentlich nie, denn wo sollte schließlich eine Dusche herkommen), sondern mich zu jeder Jahreszeit im nächsten Bach waschen.
Davon abgesehen, dass ich keine große Lust habe, bei 9°C im Bademantel mit Handtuch, Seife und Haarshampoo bewaffnet zum Mühlgraben zu pilgern, könnte ich mir vorstellen, dass Nachbarn oder Passanten unverzüglich für meine Zwangseinweisung sorgen würden!
Das hätte allerdings vielleicht den Vorteil, dass es im Landeskrankenhaus wenigstens Strom und Wasser gäbe und ich zu meiner Dusche käme...
Um 9.00 Uhr will ich es dann doch genauer wissen und rufe die zentrale Störungsstelle des Zweckverbandes Wasserversorgung an. Natürlich gerate ich zunächst an einen Anrufbeantworter, der mich informiert, dass zurzeit alle Leitungen besetzt sind. Wen wundert's?!
Dann kommen sehr besänftigende Klänge als Warteschleifenmusik, bevor der resigniert klingende, diensthabende Herr in der Leitung ist, der mir als x-ter Anruferin erklärt, dass die Leute von der Baustelle ihm seit zwei Stunden erzählen, in der nächsten Stunde gäb's wieder Wasser.
Na, dann: Danke schön. Ich beschließe, positiv zu denken und weiterhin im Bademantel meiner ohne Strom und Wasser durchführbaren Hausarbeit nachzugehen, bis das Wasser wieder läuft und ich endlich duschen kann!



Eingereicht am 01. August 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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