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Schwarz ist die ideale Strandkleidung

© Bo Warfen


Es war Samstagmorgen 6.30 Uhr. Wie immer war es nicht der Wecker der uns aus unseren Träumen riss, sondern einer unserer drei Söhne, von denen zwei zur Kategorie Frühaufsteher und einer zur Kategorie Langschläfer gehören.
Der Morgen begann nicht etwa mit einem freundlichen "Guten Morgen", sondern gleich mit der Frage und anschließenden Feststellung: "Mama, ist heute schönes Wetter? Dann können wir doch an den Strand gehen."
Gut, die Frage unseres mittleren Kindes war eindeutig an meine liebe Ehefrau gerichtet, nur half mir das auch nicht weiter. Der Versuch den Frühaufsteher zu ignorieren um in Ruhe weiterschlafen zu können, scheiterte am weiteren frühmorgendlichen Mitteilungsbedürfnis des Siebenjährigen, welcher einfach nicht verstehen wollte, dass seine Eltern erst vor wenigen Stunden von einer Hochzeitsfeier zurückgekehrt und deshalb noch äußerst müde waren.
"Du Schatz", hörte ich meine Ehefrau sagen. Ein erster Hinweis darauf, dass gleich eine ihrer guten Ideen am frühen morgen folgen würde. Also jetzt war es besser sofort tief ins Kopfkissen einzusinken und so zu tun, als ob der Restalkohol einem die Möglichkeit verschaffen würde, trotz allem weiter zu schlummern. Doch das "Du Schatz" wiederholte sich. Gleich darauf sollte unweigerlich der Satz zu Ende gebracht werden. "Was hältst Du davon, wenn Du Dir heute mit den Kindern einen schönen Vormittag am Strand machst?" fragte mich meine Gattin weiter.
Angesichts eines Schlafdefizits von mehreren Stunden, ein Vorschlag der meinerseits verständlicherweise nicht sogleich zu tosendem Beifall führte. Doch was sollte es, der Schlaf war ohnehin vorbei.
Also schnell gefrühstückt, nachdem nun auch das zweite Kind, nämlich unser jüngstes fünfjähriges Kind, mittlerweile durch die zunehmende Lautstärke und die vermehrten Aktivitäten des ersterwachten Kindes ins elterliche Schlafzimmer kam und mal kurz mit einem Satz auf den Bauch des Papas landete, der darauf hin mit schmerzverzehrtem Gesicht endgültig beschloss aufzustehen.
Anziehen machte in diesem übermüdeten Zustand wenig Freude. Doch wurde die Stimmung schon besser, als aus der Küche heraus der Duft von frischem Kaffee strömte. Nach der Lektüre der Zeitung bei gleichzeitigem Genuss des Marmeladenbrotes und des Kaffees wurden sodann schon mit etwas mehr Elan die Zähne geputzt.
Vielleicht war meine auf einmal gestiegene gute Laune aber auch dem Umstand zu verdanken, dass ich die Todesanzeige unseres plötzlich und unerwartet an Herzstillstand verstorbenen alten Nachbarn gelesen hatte, der seit Ewigkeiten mit seinem Riesenköter bei uns Gassi ging und diesen ausgerechnet auf meinen Rasen sein Geschäft verrichten ließ, wenn ich es nicht sah und demzufolge nicht eingreifen konnte. Der sich infolge rotierender Schneidemesser beim Überfahren mit dem Rasenmäher zu kleinen übel riechenden Geschossen entwickelnde Kot, war einer meiner größten Ärgernisse. Doch von nun an würde mir beim Entleeren des Grasfangkorbs kein Hundekot mehr entgegen stinken. Die Tretminen auf den Rasen hätten ein Ende. Also gab es, wie ich nun durch die Todesanzeige erfuhr, ohne dass ich auch nur irgendwie mit mehr oder weniger legalen Mitteln nachgeholfen hätte ein Ärgernis weniger für mich.
Als Dann, dass noch schlafende Kind geweckt und angezogen war, ging es ins Auto um zum Strand zu fahren. Es war 8.00 Uhr als meine drei Söhne und ich ins Auto stiegen um an den Strand zu fahren. Ca. Eine Viertelstunde später legte sich meine Ehefrau, was zu ihrer tollen Idee mit dem Strand dazu gehörte, nochmals ins Bett um ein wenig Schlaf nachzuholen.
Das tolle daran frühmorgens an den Strand zu fahren, ist die Parkplatzsituation. Es ist kein Problem dort parken zu können, wo man auch parken möchte. Doch plötzlich fiel mir ein, dass die Frage noch nicht beantwortet war, wo wir eigentlich parken wollten? Wir waren nun schon den ersten Kilometer gefahren ohne den Entschluss gefasst zu haben, wohin wir eigentlich fahren. Gut zwei Kilometer weiter musste die Entscheidung getroffen sein, da Dann zu klären war auf welcher Straße es in welcher Richtung weiter gehen sollte.
Also wurde unverzüglich eine Umfrage im Familienvan gestartet. Das Ergebnis war nicht eindeutig. Ein Kind wollte auf die Insel Norderney, dass andere an den Baggersee, das Dritte wollte nur schlafen und ihm war es eigentlich somit egal wohin wir fahren würden. Kurz vor der nächsten Kreuzung hielt ich an, weil sich zwischen den Kindern nun als Folge der Umfrage ein handfester Streit über den aufzusuchenden Ort entwickelt hatte.
Es folgt ein Donnerwetter des Vaters und dessen einsamer Entschluss weder an den Baggersee noch nach Norderney zu fahren. Ein kleiner weitestgehend unbekannter Ort an der ostfriesischen Nordseeküste, etwa 20 km vom Wohnort der Familie entfernt, sollte Ziel der Reise werden. Wir fuhren nach Hilgenriedersiel. Wir das waren jetzt ein übermüdeter Vater, ein noch halbschlafender Sohn und zwei zwischenzeitlich eingeschnappte Kinder, von denen keiner seinen Willen bekommen hatte, die sich aber jetzt insoweit solidarisch zeigten, als dass beide nun Papa doof fanden.
Nach Überquerung des Deichs in Hilgenriedersiel um genau 8.34 Uhr erblickten wir bis auf wenige Ausnahmen, nämlich dort wo zwei Wohnmobile standen, nur freie Parkplätze. Deshalb fuhr ich so weit nach vorne, wie es irgendwie möglich war.
Der Blick der Kinder verriet, dass sie noch vom letzten mal wussten dass es von hier noch einige Schritte zum Strand waren. "Hier muss man aber so weit laufen", mit diesen Worten erfolgten, wie bereits erwartet, nochmalige Unmutsäußerungen über die getroffene Ortswahl.
Die Autotüren geöffnet begrüßten einen die Sonnenstrahlen der bereits am frühen Morgen warmen Augustsonne. Die beiden Jüngsten verließen gerade den Wagen als der Neunjährige ankündigte noch im Auto bleiben zu wollen um noch ein wenig weiterschlafen zu können.
Doch die Bitte blieb unerhört. Er wurde einfach gezwungen mitzukommen. Vollgepackt mit den nötigen Strandutensilien begab ich mich gefolgt von drei nörgelnden Kindern auf den Weg zum Naturstrand. Der jüngste schleifte nach wenigen Metern unlustig seinen wenig zur Nordsee passenden aufgeblasenen weißen Hai auf dem Schotterweg zum Strand entlang und verkündete: "Ich kann nicht mehr!"
Schnell wurden also die Strandutensilien neu auf die einzelnen Familienangehörigen verteilt, der Fünfjährigen auf den Arm genommen und weiter ging's. Jetzt schleifte der Siebenjährige den Hai den Schotterweg entlang zum Strand, während der Vater wieder einmal merkte, dass Fünfjährige auf Dauer sehr schwer sein können.
Nur noch wenige Meter waren es zum grün bewachsenen Strand. Der Hai war zwischenzeitlich weitaus weniger weiß. Selbst wenn er der echte weiße Hai gewesen wäre, so hätte man mit ihm angesichts der erlittenen Tortur auf dem Schotterweg Mitleid gehabt. Jedenfalls sah er, nachdem er die mehrere hundert Meter lange Strecke zum Strand auf dem Boden entlang gestreift wurde, erbärmlich aus.
Platzprobleme gibt es am Strand in Hilgenriedersiel nicht, vor allem nicht um die Uhrzeit zu der wir dort erschienen. Lediglich ein Liebespaar um die Zwanzig hatte in einem Zelt die Nacht am Strand verbracht und erwartet uns als die ersten weiteren Besucher des Strandes ganz bestimmt noch nicht. Jedenfalls wurde es im Zelt urplötzlich ruhiger.
Glücklicherweise fiel dem Großen gerade ein, dass er sich nicht sicher war, ob ihm seine Mutter auch das Harry-Potter-Buch mitgegeben hätte. Damit konnte die soeben von ihm ausgesprochene Frage, wieso die Leute in dem Zelt gerade noch so merkwürdige Geräusche von sich gegeben hatten unbeantwortet bleiben. Er hatte jetzt andere Sorgen.
Noch ein Paar Schritte und wir erreichten unseren endgültigen Liegeplatz. Während ich das Strandlaken ausbreitete und der Große den Rucksack nach dem Harry-Potter-Buch durchwühlte, zogen die Kleinen sich bereits aus und die Badehose an.
Nochmal Glück gehabt, der Große entdeckt das Harry-Potter-Buch im Rucksack. Also kein Gezeter wegen eines vergessenen Buches.
Langsam wurde das einige Meter weiter befindliche Zelt geöffnet. Das Liebespaar war trotz des offensichtlich von uns verschuldeten plötzlichen Endes ihrer sexuellen Aktivitäten scheinbar guter Laune. Jedenfalls stürmten beide wie zwei Raketen splitternackt aus dem Zelt laut kreischend in die Nordsee.
Während der Große mich darauf hinwies, dass beide doch vollkommen nackt wären, stellte ich gerade fest, dass ich das im Falle der jungen Dame alles andere als schlimm fand. Doch hatte ich mich anderen Dingen zu widmen, als hübschen, nackten, jungen Frauen.
Die Kleinen hatten zwischenzeitlich auf der Suche nach Strandspielzeug den gesamten Rucksack ausgeräumt. Nun musste ich im Durcheinander meine eigene Badehose suchen, während der Große bemerkte, dass er noch kein Frühstück gehabt hatte. Wie der Zufall so spielt lagen Badehose und Frühstück eng beieinander, so dass beide Probleme überraschend rasch behoben waren.
Das schöne an Hilgenriedersiel ist, dass das Wasser, wenn es denn angesichts von Ebbe und Flut mal da ist, recht flach ist. Kinder kann man dort deshalb relativ unbesorgt spielen lassen. An sich war deshalb ein Nickerchen denkbar. Doch blieb beim Schließen der Augen ein schlechtes Gewissen und ein schlechtes Gefühl zurück, also blieben die Augen auf und der Blick ging in Richtung Nordsee wo die drei Jungs gerade dabei waren, Muscheln und Krebse zu finden.
Merkwürdigerweise konnten sich die Kinder fast zwei Stunden damit beschäftigen. Dies obschon derartige Aktivitäten bei ihnen meistens innerhalb einer Viertelstunde durch irgendeinen Streit über Nichtigkeiten beendet sind. Gerade unsere Kinder können ausgiebig und engagiert darüber streiten wer nun die schönste Muschel gefunden hat. Eine Eigenschaft die ihnen, soweit sie später einmal keinen sinnvollen Beruf ergreifen wollen, eine Karriere in der Politik wahnsinnig erleichtern wird.
Langsam kamen mehr Menschen zum Strand. Das junge Liebespaar baute sein Zelt ab und ging Richtung Parkplatz. Entweder wollten sie nun an anderem Ort ihre Hormone ruhig stellen oder nur irgendwo etwas frühstücken. Angesichts der vorherigen Abkühlung in dem noch recht frischen Salzwasser der Nordsee war letzteres wahrscheinlicher.
Es war kurz nach 10.00 Uhr als sich unserem Liegeplatz eine Frau näherte, deren lange Beine im kurzen Minirock unwillkürlich zum Leidwesen zweier Ehefrauen die Blicke ihrer Männer nach sich zogen. Auch ich kann nicht sagen, dass ich gegen den Anblick vollkommen immun war. Nur hatte ich den Vorteil, dass meine Blicke keine eigene Ehefrau sah.
Doch ich hatte, wie es zunächst schien, mehr Glück wie meine Geschlechtsgenossen an denen die Schöne nur vorbei ging. Die Dame, die nicht nur über äußerst schöne Beine verfügte, breitete ihr Strandlaken nur wenige Meter entfernt von dem unsrigem aus. Offenbar hatten wir einen guten Platz gewählt.
Ich bemühte mich nicht zu sehr zu ihr rüber zu schauen, was angesichts eines sich entwickelnden Streites zwischen drei Jungens in der Nordsee über die Frage wer einen Krebs zuerst entdeckt hatte allmählich umso leichter wurde. Nur führte der Umstand dass die Dame, sich bis auf ein Bikinihöschen ihrer ganzen Kleidung, inklusive eines weißen BHs entledigt hatte und nunmehr oben-ohne in unmittelbarer Nachbarschaft zu mir lag unwillkürlich zu dem einen oder anderen verstohlenen Blick in ihre Richtung.
Wenig später näherten sich unsere Söhne mit ihrer Beute unserem Strandlaken um mir den Fang zu präsentieren. Hierbei mußte der Kleinste von ihnen nun unbedingt laut und deutlich die Feststellung treffen, dass unsere nicht ganz unattraktive Nachbarin oben-ohne war. "Ja und sie hat größere Brüste, als unsere Mama!" pflichtete ihm der Mittlere urplötzlich und leider, wenn auch zutreffend, nicht leiser und nicht weniger deutlich bei.
Wahrscheinlich waren wir eben zu selten an Stränden an denen man auch als Frau oben nichts anhatte, weshalb meine Söhne sich dazu genötigt fühlten, oben-ohne zum Gegenstand einer Unterhaltung zu machen. Eine Frau oben-ohne am Strand zu sehen, war für sie daher ungewöhnlich. Mir war das Ganze sehr peinlich. Das mein Gesicht rot wurde, bemerkte ich urplötzlich. Sogleich verbot ich meinen Söhnen jegliche weitere Konversation über das Thema.
Noch einmal gingen meine Söhne Richtung Nordsee zurück. Zwischenzeitlich war das Wasser zurückgegangen. Es sollte nicht lange dauern, dann war es auf Grund beginnender Ebbe ganz verschwunden. Wieder hatte ich ein wenig Zeit über das eine oder andere wichtige Thema nachzudenken.
Während ich gerade in Gedanken bei der Frage war, ob ich trotz des Köters meiner Nachbarin eine Beileidskarte schicken sollte, wandte sich die unbekannte Schöne an mich mit der Bemerkung, dass es sicherlich für mich auch nicht leicht sei als geschiedener Mann so reizende Kinder nur am Wochenende zu sehen.
Erstaunt rief ich aus:"Geschieden?" Dann fiel mir natürlich ein, dass es schon verdammt nach Scheidungsopfer aussieht, wenn ein Vater mit seinen drei Söhnen allein am Strand ist. Allerdings lag es mir fern die Mitleidstour zu fahren in dem ich so tat, als ob ich wirklich geschiedener Vater von drei Söhnen wäre und klärte die eigentlich von Blick zu Blick besser aussehende Frau Mitte Dreißig neben mir darüber auf, dass ich nur mal den Vormittag mit meinen Söhnen am Strand allein genießen wolle, damit meine Gattin in Ruhe shoppen gehen könne. Zumindest dass, war ja angesichts meines Bedürfnisses nach mehr Schlaf, schon Lüge genug. Von wollen konnte bei mir keine Rede sein. Nur wollte ich mir Ausführungen darüber, wozu es führt, wenn ich die Wörter "Du Schatz" nicht als unmittelbare Aufforderung zu einem bestimmten Tun oder Unterlassen verstehe und hiernach handele, ersparen.
Zwischenzeitlich hatte sich das wundervoll aussehende Wesen aus der liegenden Position in die sitzende Position begeben. Sie saß mir oben-ohne gegenüber und es entwickelte sich zwischen uns ein lebhaftes und nettes Gespräch.
Der Große hatte sich nun auch zu uns gesetzt und las in seinem Harry-Potter-Buch nachdem er verkündet hatte, dass ihm Spielchen wie Wattwurmbuddeln und an anderer Stelle wieder vergraben doch zu ekelig wären. Der Blick ging immer mal wieder zu den Kleinen, die friedlich und für ihre Verhältnisse relativ still im Watt spielten.
Offenbar fand Susanne, so hieß die Langbeinige neben uns, was ich zwischenzeitlich herausgefunden hatte, zunächst Gefallen an meinen Söhnen. Sie wäre leider allein und hätte doch auch gern so nette Kinder, fuhr sie fort zu berichten und begann mir mehr oder weniger detailreich ihre Lebensgeschichte zu erzählen, bei der sie nicht ausließ, dass sie sieben ihrer besten Jahre einem verheirateten Mann geschenkt hatte.
Doch plötzlich und unerwartet wurde unsere weitere Unterhaltung abrupt beendet. Vor mir stand mein siebenjähriger Sohn und hielt mir stolz mit ausgestreckter Hand eine Muschel hin. "Schau mal ist die nicht schön. Ich habe eine viel schöner Muschel gefunden, als..." weiter kam er nicht. Unter lautem, wütendem Protest merkte unser Jüngster an: "Stimmt gar nicht! Du Ar..." Das letzte Wort sprach der Kleine nicht mehr aus. Seine Stimme verstummte, entweder weil er wusste, dass ich dieses Wort nicht liebe oder aber weil er, und dies ist viel wahrscheinlicher, jetzt zu sehr damit beschäftigt war an seinen Bruder durch aktives Tun Rache für dessen ungeheuerliche Behauptung über seine Muscheln zu nehmen. Während der Kleine die rechte Hand tief nach hinten ausholte, um sie dann mit Schwung nach vorne zu führen, bückte sich der Mittlere bereits um zu verhindern nun von dem getroffen zu werden, was sich in der Hand seines ansonsten heiß und innig geliebten Bruders befand.
Doch es machte dennoch platsch. Eine handvoll bester ostfriesischer Matsch aus dem Wattenmeer hatte zwar sein ursprüngliches Ziel verfehlt, landete jedoch an anderer Stelle. Genau zwischen den Brüsten der rothaarigen Schönheit neben mir, befand sich nun ein Stück Wattenmeer.
Der Große blickte durch seine kreisrunde Brille schauend über sein Buch hinweg auf die Frau, die unsere Jungs noch vor wenigen Augenblicken so süß fand, und murmelte trocken und zum Glück selbst für mich kaum hörbar vor sich hin: "Jetzt hat sie ihren Busen doch noch bedeckt."
Verständlicherweise waren die lieben Kleinen für Susanne nun plötzlich nicht mehr lieb und klein. Ihr plötzlicher Sinneswandel war aus ihrer Sicht sicherlich angesichts der besonderen Situation in der sie sich befand nachvollziehbar. Nur als Monster und Kleinkriminelle hätte sie die Kinder nicht gleich bezeichnen müssen. Dies selbst wenn man bedenkt, dass es an einem Strand an dem sanitäre Anlagen vollkommen fehlen nicht unbedingt leicht ist bei Ebbe einen schmutzigen Busen zu reinigen, was aber gerade dann, wenn man einen weißen BH trägt angebracht ist, wenn sich auf den Brüsten massive Anhaftungen von Schlick befinden.
Wie dem auch sei, verließ uns unsere Strandnachbarin urplötzlich nicht gerade hoch erfreut über den Verlauf des Tages. Auch mehrfache Entschuldigungen meinerseits für das Malheur blieben schlicht unerhört. Vermutlich hat Susanne nie wieder ihre Füße auf Hilgenriesersieler Boden gesetzt und wird dies auch nie wieder tun. Jedenfalls habe ich sie dort nie wiedergesehen. Ich habe sie auch anderswo nie wiedergesehen, was mir eigentlich aber auch nur recht ist.
Ansonsten verlief der weitere Tag dann bis ca. 13.00 Uhr recht harmonisch. Dies war die Zeit als ich aufbrechen und zum Essen nach Hause fahren wollte und somit die Zeit zu der ich unserem Jüngsten beibringen musste, dass sämtliche eingesammelten Krebse sich in unserem Garten auf Dauer nicht wohl fühlen und sie deshalb leider im Wattenmeer verbleiben müssten. Die biologischen Zusammenhänge die zum Zurückbleiben der Krebse im Wattenmeer führten, erschlossen sich dem Kind natürlich nicht ohne weiteres, was es zum Anlass nahm etliche Meter hinter uns immer wieder laut nörgelnd zum Parkplatz zu laufen.
Eine besondere Lehre aus der Geschichte zog noch unser Mittler. Wenige Tage nach dem Besuch in Hilgenriedersiel wollte meine geliebte Ehefrau an einem Ferientag nochmals mit den Kindern zum Strand. Unser zweiältester Sohn empfahl ihr hierbei dunkle Kleidung und unbedingt einen schwarzen BH zu tragen, da man dort möglicherweise auch schmutzig werden könnte und sich dann darüber umso mehr aufregen würde, wenn man helle Kleidung und vor allem einen weißen BH trägt. An schwarzer Kleidung und vor allem an einem schwarzen BH würde man hingegen den Dreck nicht sofort sehen. Schwarz ist demnach, wie mein Sohn es ausdrückte, die ideale Strandkleidung.



Eingereicht am 09. August 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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