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Den Himmel essen

© Thom Delißen


Die Geschehnisse nahmen ihren Lauf an jenem schwülwarmen Juniabend 1986 im Garten des Hauses der Familie Solante in dem Dorf San José. Das kleine Mädchen Rosalia, im zarten Alter von fünf Jahren, saß neben einer blühenden Orchidee. Links neben ihr eine aufgemauerte Feuerstelle, die man bei den vielen Festivitäten zum Braten der Unmengen an Fleisch benötigte. Ihr Vater Julian Solante war Bürgermeister der kleinen, guatemaltekischen Gemeinde und hatte viele Verpflichtungen.
Solange Rosalia denken konnte, aßen die Menschen in diesem Garten das Fleisch der Rinder, standen mit ihren Anzügen und Cocktailkleidern, Gläser in der Hand, herum, und redeten miteinander. Es war das, in die Hirnrinde geätzte, Bild ihrer bisherigen Kindheit. Wunderschöne Menschen, die aßen, tranken und sich unterhielten.
Sie selbst sah sich dabei als unbeteiligte Beobachterin, war in ihrer eigenen Welt gefangen, in der nur Dinge zählten, die sie selbst für erachtenswert hielt.
Der dicke Tropfen Bratensaft im Bart des Senor Cevantes, - würde er schließlich der Schwerkraft folgen und herunterfallen? Wenn ja, wohin? Auf die Weste oder das Hemd? Würde sich Donna Luisa, wie auf der Feier letzte Woche, wieder hinter den Büschen übergeben?
Auch der heutige Abend hatte viele Besucher hierher geführt. Rosalia saß neben der Blüte, wie ein von Botticelli gemaltes Meisterwerk. Sie trug ein weißes, rüschenbedecktes Kleidchen, ihre blonden, dünnen Haare waren mit einem Streifen desselben Stoffes sorgsam nach oben gebunden. Man hätte meinen können, sie käme von einer Erstkommunionsfeier. Keiner der Gäste kam umhin, sie zu bewundern und Bürgermeister Solante nahm die Komplimente zu seiner Tochter entgegen, wie ein zufriedener Viehzüchter, dem zum ersten Preis gratuliert wird.
Es sollte dieser Abend jedoch zu etwas Besonderem werden. Das aber ahnte noch niemand, der beschwingt und heiter, sich im Small Talk ergehenden Gesellschaft.
Ganz anders Rosalia. Schon seit einer guten Stunde saß sie dort auf einer Decke, gemustert mit kleinen Maulwürfen. Keiner konnte später mit auch nur geringer Gewissheit behaupten, dieses Muster hätte etwas mit den Ereignissen der Zukunft zu tun, denn niemand schenkte dieser Tatsache Beachtung. Doch ist es nicht ausgeschlossen, dass sie ein wichtiger Bestandteil ist. Wenigstens, solange man sich auf das rein irdische Wesen der Dinge beschränkt.
Zu den Ereignissen, die sich in den nächsten Minuten zu überschlagen begannen, sei folgendes vorausgeschickt:
Solantes, der mit einer Schar von gleichgesinnten Großgrundbesitzern über das Gemeindewesen herrschte, hatte nicht wenige Feinde in der Bevölkerung, in einem verworrenen System von Widerstandsgruppen und paramilitärischen Militäreinheiten, die sich gegenseitig bekämpften. Mit Namen wie Ríos Montt und Mejía Victores gingen diese Jahre später als "Zeit der verbrannten Erde" in die Geschichte Guatemalas ein.
An jenem Abend nun, da Rosalie, mit Vorahnungen belastetet, seltsam melancholisch, neben der Orchidee meditierte, hatte sich die Guerillaorganisationen "Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca" (URNG, Revolutionäre Nationale Einheit Guatemalas) zusammen mit etlichen der unzufriedenen Peone, die illustre Gesellschaft der Oberschicht im Hause Solantes zum Ziel gemacht.
Das äußerte sich zuerst im Zersplittern der riesigen Terrassentür, verursacht durch die ungeheure Wucht, mit der Kommandante Figuearas, der Oberbefehlshaber der Regierungskräfte im Ort, durch sie hindurch geschleudert wurde.,
Rosalia hatte den Blick schon etwa eine Minute, bevor das Unglaubliche passierte, auf die Hausfront gerichtet, wo sich auch das reichhaltige Buffet befand. Nun sah sie, wie der blutverschmierte, kahle Schädel des Soldaten, auf dessen Knien sie schon des Öfteren "Hoppe-hoppe-Reiter" geritten war, erst in die große Schale mit dem Fleischsalat eintauchte, - weiß spritzend verteilte sich die Majonäse auf den Keramikfliesen - dann das Keramikgeschirr zersplitterte, und schließlich dieser haarlose Kopf, mit dem Rest des Körpers, vor den Füßen des Direktors der Bank der örtlichen Genossenschaft landete. Ein distinguierter Herr, der schon die Wirren der letzten Revolutionen mit langen Seufzern über sich ergehen hatte lassen, dabei doch immer auf der Gewinnerseite geblieben war. Der besudelte Kopf ließ noch einen letzten harschen Laut hören, wie ein zerplatzender Pfirsich vielleicht, dann lag er still. Der Bankdirektor Hernandez Fulimero starrte den Körper eine Sekunde lang fassungslos an, dann wurde er in seiner Betrachtung durch eine Kugel gestört, die sich den Weg in sein Kleinhirn suchte.
Rosalia sah Blut aus einem Loch in der Stirn des Mannes quellen, es erinnerte sie in seltsamer Weise an die Rosenstöcke, die ihre Mama im Vorgarten zur staubigen Straße hinaus gepflanzt hatte.
Sie musste lächeln, bei dem Gedanken an den dicken gewölbten Hintern im roten Rock, als ihre Mutter sich bückte, die Erde festzudrücken, im Hintergrund die Sonne, die in einem orangefarbenen Feuerball unterging.
Versonnen blickte die kleine Rosalia in die andere Richtung weiter rechts. Eine tennisballgroße Kugel war durch die zerschmetterte Glasfront des Hauses geflogen und kullerte nun neben den Stuhl, auf dem sich der Kübel mit dem Eis befand, in dem ein Fässchen Bier kühlte.
Rosalia hatte begonnen, die Grashalme vor sich, einen nach dem anderen auszureißen, während sie fasziniert dem Tumult zusah. Ein streichholzschachtelgroßes Stück brauner, krümeliger Erde hatte sie schon freigelegt.
Neben dem Stuhl, in der Nähe der Getränke, stand auch ihr Vater. Diese eiförmige Kugel, die jemand aus dem Haus in den Garten geworfen hatte, war neben seinen schwarz polierten Schuhen zur Ruhe gekommen.
Rosalia sah gebannt, wie der Leib ihres Vaters zu göttlichen Dimensionen anschwoll Bruchteile von Sekunden nur, dann der unerhörte Klang der Explosion, schließlich ein Farbinferno in Zeitlupe. Gebannt, die kleinste Winzigkeit, jeden Pixel des grausigen Bildes in sich aufnehmend, , hatte sie eine Hand voll Erde aufgenommen, steckte sie in den Mund, wie ein Heranwachsender sich während eines spannenden Fernsehfilmes Kartoffelchips in den Mund steckt. Sie schmeckte diesen einzigartigen Geschmack des Lebens, wie einen Wald, eine Wüste, einen Acker. Sie schmeckte das Gebirge und das Meer.
Die Bilder um sie herum, all die Sinneseindrücke verschmolzen miteinander, dieser Geschmack zur Essenz des Seins.
Immer weiter ergötzte sie sich, kaute von dem wunderbaren Stoff, riss mit beiden Händen den Rasen auf, schaufelte in sich hinein, schmatzte, fraß, rülpste.
Um sie herum starben die Menschen im Kugelhagel der Rebellen, die in braungrünen Uniformen das Gelände stürmten, - sie aß die Essenz der Welt und war glücklich.
Als das Massaker ein Ende gefunden hatte, fand man Rosalia, über und über mit Blut bespritzt, das Gesicht voll Erde, noch immer auf der Decke sitzend, die die Mutter ihr bereitet hatte. Sie lächelte. Niemand wunderte sich, als das Mädchen sich fortan weigerte, zu sprechen oder zu essen. Der hinzu gerufene Psychiater sprach von einem postneurotischen Trauma, ausgelöst durch die Intensität des erlebten Todes. Eine sehr schlüssige Analyse.
Tatsache blieb, wie man bald mit Erschrecken feststellte, dass das Kind Erde aß. Bevorzugt schwarze, krümelige Muttererde, von der sie nicht genug bekommen konnte. Für den interessierten Leser: Ihr Stuhlgang war zwar selten, aber normal.
Ein konsultierter Facharzt bescheinigte dann auch den Nährstoffgehalt Rosalias Menükarte, die sie ab und an noch durch etwas Kalk, den sie von Wänden kratzte, ergänzte.
Das, was die anderen bald als "Rosalias Leiden" bezeichneten, zog sich knapp ein Jahr hin.
Nichts, gar nichts, konnte das Mädchen dazu bewegen, ihre verschrobene Einstellung zur Nahrung zu ändern, geschweige denn einen Ton über ihren Lippen kommen zu lassen. Man sperrte sie in ihr Zimmer, sie hebelte die Bretter des Fußbodens hoch, um nicht zu verhungern, man fesselte sie an das Bett, sie schaffte es, die Farbe von den Wänden zu schaben und sich daran zu ergötzen. Natürlich verlor sie an Gewicht, ihre Beinchen waren dürr wie Schwefelhölzer, ihr Bauch unnatürlich geschwollen, die großen, dunklen Augen lagen tief in ihrem abgehärmten, gelblich-grau gefärbten Gesicht. Doch immer wieder gelang es ihr, mit erstaunlicher, fast unmenschlich anmutender Energie, bis in den Garten vor ihrem Zimmer zu gelangen, wo sie reichlich an leckerem Boden fand.
Zuletzt, als sie selbst dazu zu schwach schien, brachte ihre Mutter, Senora Christina, ein wenig von dem Brodem der Erde in einer Holzschüssel an die Liegestatt.
Am Abend des Todestages ihres Mannes und der vielen anderen Bekannten aus der Oberschicht der Region, veranstaltete Christina Solantes ein üppiges Gedenkessen.
Riesige Mengen an Rindfleisch warteten neben dem Grill, geeiste Getränke wurden serviert. Der verstorbene Bürgermeister Julian Solantes hätte seine Freude daran gehabt.
Rosalia hatte das Haus verlassen und war, quer durch das Dorf, zu dem kleinen Friedhof gewandert, auf dem man ihren Vater zur letzten Ruhe gebettet hatte.
An der Grabstätte angekommen, setzte sie sich auf die über dem Sarg angehäufte Erde, immer noch ein kleiner Hügel. Hier feierte sie nun ihr eigenes Festmahl.
Die Erde schmeckte bittersüß, nach Blumen. Sie schmeckte aber auch wie ein Spaziergang im Wald am frühen Morgen, nach Tau auf Grashalmen in der Morgensonne, nach Moos, das auf dem Wurzelgeflecht von uralten Bäumen wächst. Sie ließ sich Zeit, genoss jeden Mund voll, kaute bedächtig wie ein Feinschmecker, es verlangte sie, jedes Geschmackspartikelchen einzeln heraus zu kosten. Handvoll für Handvoll aß sie den Mutterkuchen Erde, kaute, schluckte, leckte sich die Handflächen. Es war ein ungeheueres Gefühl der Erfüllung, des Einswerdens mit allem, dem Gegenständlichen ebenso wie dem Unbegreiflichen, dem scheinbar Sinnlosen, dem Leben und dem Tod, den Dimensionen, die man sehen und fühlen konnte, und solchen, die außerhalb unserer herkömmlichen Sinne liegen. Eine Materialisierung des Glaubens an die Unvergänglichkeit.
Sie ergötzte sich an der Graberde, bis es ihr nicht mehr möglich schien, mehr zu sich nehmen und aß dann weiter.
Man fand sie am Morgen, nachdem das halbe Dorf sie gesucht hatte, tot auf dem Grab liegen. Sie lag, die dünnen Arme wie Jesus am Kreuz ausgestreckt, auf dem Rücken, ihr Bauch aufgebläht wie ein übergroßer Weinballon.
"Sie hat den Himmel gegessen." sagten die alten Frauen am Brunnen später.



Eingereicht am 19. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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