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Kurzgeschichte Alltag Kurzprosa Geschichte Erzählung short story

Weghmanns Wort-Gefecht

© Patricia Koelle


Fritjof Weghmann spürte ein wühlendes Kratzen und ein Gewicht im Magen, als hätte er seine Haarbürste verschluckt.
Weghmann hatte störrisches Haar, in dem silberne Strähnen spukten. Er benutzte eine unerbittlich drahtige Bürste, um es zu ordnen, doch kaum machte er sich auf den Weg in den Tag, sträubte es sich wieder, ebenso wie alles in ihm gegen sein Vorhaben.
Seine Finger zitterten, als wären sie belustigt über ihn, sein Herzschlag war auf einem Hürdenlauf unterwegs, in sein Hirn drehte sich ein höhnischer Wirbelsturm. Mit einem Ruck sprang er vom Schreibtisch auf, einem erschauernden alten Sekretär mit unzähligen Schubladen voll überraschender Spuren. Er könnte sie mal wieder aufräumen, am besten jetzt gleich, dachte er und verwarf den Gedanken sofort wieder. "Disziplin!" mahnte er sich.
Doch wie lange hatte er Tonio nicht mehr angerufen, seinen besten Freund. Schon seit Monaten hatten sie sich nicht gesprochen. Warum ihn sein diesbezügliches schlechtes Gewissen gerade an diesem Dienstagnachmittag um vierzehn Uhr dreißig so dringlich überkam, fragte er sich nicht. Er wusste es ja.
Tonio beantwortete den Anruf auch noch. "Natürlich geht's mir gut, alte Socke", schrie er fröhlich in den Hörer. Tonio schrie immer, es bekümmerte ihn einfach nie etwas, so dass er alle Energie auf seine Gegenüber richten konnte. "Aber entschuldige, habe Patienten. Melde mich demnächst!" Natürlich durfte er Tonio nicht wegen einer Belanglosigkeit von den Kranken fernhalten, dachte Weghmann. Aber er hätte im Moment einen Geburtshelfer gut gebrauchen können. Tonio war Allgemeinmediziner. Warum sollte er nicht der drängelnden unfertigen Form der jungen Geschichte in seinem Kopf den entscheidenden Stoß ins Leben geben können? Nun musste er es selbst tun, und es erschien ihm schier unmöglich.
Er setzte sich wieder, überlegte, ob er das Hintergrundbild auf seinem Monitor ändern sollte. Es war noch Sommer darauf, er könnte ein Herbstbild heraussuchen, es war schon September. Gegen die Furcht würde das nicht helfen.
Weghmann öffnete ein neues Dokument und tippte hastig einen Arbeitstitel auf die leere Seite. Das einschüchternde Weiß darauf wich davon nicht zurück. Er stellte den Hintergrund auf ein sanftes Gelb ein. Das machte ihn noch nervöser. Die stachlige Angst blieb und fröstelte in ihm herum. Er rief das Weiß zurück und speicherte, sprang erneut auf. Da war noch das Stück Schokoladenkuchen im Kühlschrank, von Onkel Dieters Besuch gestern übrig. Aber er nahm den Geschmack nicht wahr, denn er hatte Worte auf der Zunge.
Grau erschütterte ihn jedoch seine eigene Arroganz. Wie konnte er sich anmaßen, auch nur einen Winkel, einen winzigen Anteil dieser ungeheuren Welt, dieses wahnsinnigen wundersamen menschlichen Geschehens glaubhaft und der Wunder angemessen in lebendige Worte fassen zu wollen? Und das auch noch dermaßen, dass fremde Andere, die doch alle ein ebenso volles Leben führten, es lesen oder hören wollten?
Der Monitor wartete streng auf seine Rückkehr. Weghmann setzte sich, stopfte das Kissen in seinem Rücken zurecht, zog am Ärmel seines Hemdes. Eigentlich müsste er bügeln, er wollte am Freitag mit Anja ins Theater. Dann zog er das Hemd aus; er schwitzte fürchterlich, trotz des ersten Herbstwinds, der die Gardinen durchs angekippte Fenster blies. Wild sog er Luft ein und tippte zwei Sätze wie Geschosse, irgendwelche Worte, die ohne Sinn daherkamen, nur um endlich den Stau in seinen Fingern zu lösen und etwas ins Weiß fließen zu lassen. Weiß war in alten Zeiten die Farbe des Todes gewesen. Er wollte aber morgen nicht um diese Geschichte in ihm trauern müssen, die leuchtende, hungrige Farben versprach, wenn er nur den Mut fände, sie heute festzuhalten. Wenn er das jetzt versäumte, ginge etwas von ihm endgültig verloren. Nie würde er herausfinden, ob etwas darin war.
Da er so tief und überhastet eingeatmet hatte, verschluckte er sich, lief in die Küche, verwarf den Gedanken, Kaffee zu kochen und beschränkte sich auf ein Glas Wasser in der Hoffnung, dessen Klarheit würde sich auf seine Gedanken übertragen.
Dass auch nichts gegen diesen ewigen Schrecken half, der ihm so vertraut war wie die Löcher in seinen Socken! Dass die Beklemmung ihn jedes Mal wieder grimmig schütteln musste, obwohl doch sein Publikum unsichtbar war, jedenfalls vorerst. Oder war es gerade dieses Fehlen der Gesichter, das ihn beunruhigte? Er konnte nicht sehen, ob sie verächtlich blicken würden, gelangweilt oder amüsiert, er konnte nicht ahnen, ob es ihm glücken konnte, sie mit den leidenschaftlichen Sätzen zu berühren, die er behutsam nach ihnen ausstreckte. Und doch waren sie beängstigend nahe Schatten um ihn.
Die größte Angst hatte er vor sich selbst. Zuallererst war er seine eigene Prüfung. Wie würde sich das, was aus ihm den Weg fand, im Licht ausnehmen? In seinen Augen? Ein paar ungenaue, schlampige Ausdrücke an wichtigen Punkten und wie leicht konnte das, was ihm wundersam erschienen war, in Staub und Fratzen zerfallen, sich in entsetzendes Gegenteil verkehren oder, schlimmer noch, als trivial oder lächerlich zu erkennen geben.
Doch da war auch die Möglichkeit, sich bei dem Anblick höher wiederzufinden als noch eine Stunde zuvor. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei welchen sich selbst überraschte und eine helle Hoffnung, jemanden erreichen zu können, im Geschaffenen entdeckte, die alles zum Schwingen brachte.
Das Telefon zerriss den Nachmittag. Weghmann wollte erneut aufspringen, hielt dann inne, rührte sich nicht. In ihm stieg Wut. Alles wollte ihn daran hindern, zu schreiben. Warum ließ er sich das gefallen? Eine Stunde aus einem Kindheitssommer blitzte in ihm auf. Er hatte beim Topfschlagen wieder einmal den Topf ein halbes Leben lang nicht gefunden, war in würdeloser Haltung durch das Dickicht aus dem Gelächter der anderen Kinder blind über die Wiese geirrt. Doch er hatte nicht aufgegeben. Als er dann endlich schmerzhaft mit dem Knie dagegen stieß, hieb er in solcher Wut mit dem Kochlöffel darauf ein, dass der Löffel wie in einem blechernen Gewitter zersplitterte. Es war der lange Kochlöffel gewesen, mit dem ihn sein Vater nach Missetaten zu verprügeln pflegte.
Die Entschlossenheit von damals war plötzlich da, versprach die aufsteigende Flut der Worte durch den engen Kanal seiner Hand zu zwingen. Gleich. Bald.
Das Telefonklingeln bohrte noch eine Weile, verhallte dann. Weghmann pustete Staub aus der Tastatur. Die E-Taste war blank gewetzt und der Buchstabe darauf verschwunden, so oft hatte sein Finger die Taste berührt. Das bedeutete, dass er schon viele Texte geschrieben haben musste, ohne Schaden genommen zu haben. Es tröstete ihn ein wenig. Warum sollten seine Hände gerade heute scheuen wie vor einem Schlag. Er schloss ein stummes Räuspern lang die Augen, spürte der Form der Geschichte nach, die er warm in sich fühlen konnte, suchte nach dem eigenwilligen Zipfel des Anfangs, begann, ihn aufs Papier zu legen. Nach drei Sätzen durchpflügte er sie misstrauisch, änderte zwei davon gründlich. Er stocherte in den Worten wie als Fünfjähriger im Haferbrei und machte schließlich eine Sicherheitskopie.
"Du hast es viel besser, als Du ahnst", sagte seine Nachbarin Monika in wiederkehrenden Abständen, wenn sie ihm Mohnhörnchen zum Frühstück brachte. "Kannst Dir die Arbeit einteilen. Niemand mäkelt an Dir rum oder beschuldigt Dich, eine Akte verlegt zu haben. Wenn Du ´ne Pause brauchst, machste eine. Du weißt Deine Freiheit nicht zu schätzen."
Ja, doch Monika kannte keine Angst, wenn sie morgens ihre Bürotür öffnete. Wie sollte er ihr seine Furcht vor den ersten Worten erklären, seine Scheu davor, den aus ihm geborenen Texten als gewordenen, halb fremden Wesen zu begegnen?
Wenn ein Gedanke ihn durchschoss mit der Gewissheit, eine Erzählung könnte daraus wachsen, dann war er Euphorie. Dann war er schäumende Freude, die ihn erfüllte und ihn unbesiegbar machte. Doch kaum setzte er zum Schreiben an, fühlte er sich nackt bis auf die Knochen, hielt räuberischer Zweifel seinen Hals im Griff. Würden die Worte auf dem Monitor bestehen? Und, vor allem, wenn er den Befehl gab, sie auf Papier zu werfen? Das war der bedrohlichste Moment: wenn sie ihn, nun von ihm getrennt, kalt ansahen wie ein Gegenüber.
Er hatte schon einmal versucht, sie mit versöhnlicher grüner Tinte zu drucken. Es half ebenso wenig wie zuvor das Hintergrundgelb. Gedruckt standen die Worte für sich, wie erwachsene Kinder, und sie waren ebenso trotzig, voller Widersprüche und undeutlicher Versprechen, unfertig und eigensinnig. Er konnte Tage und Nächte durch daran herumwerkeln bis kein einziges sauberes Hemd mehr im Schrank war, und musste sie am Ende doch schmerzlich und irgendwie unbekannt gehen lassen, oder aber sie wüst im Papierkorb ermorden und mit ihnen ein Stück seiner selbst.
Er riss die Arme hoch und lehnte sich im Stuhl gefährlich weit zurück, blickte durch das schräge Dachfenster über ihn Vorwurf in den wolkenfaltigen Himmel. Eine Elster saß auf dem Dach und pickte gegen die Scheibe. "Hast Du meinen Mut geklaut? Meine Buchstaben?" fragte er sie.
Es war das Beste und das Tiefste in ihm, das er mit den Worten aus sich riss und neu formte, dann losließ, verletzlich, ungeschützt. Es war das Größte, was er zu geben hatte. War es da ein Wunder, dass er sich fürchtete? Was, wenn es nicht genügte? Er entließ Splitter von sich in die Welt mit unbekanntem Ziel und bekam sie nie wieder. Fremde konnten damit machen was sie wollten. Zerpflücken, missachten, zerlachen; und er musste noch dankbar sein, dass überhaupt jemand seine Texte las und sich nicht alles unbemerkt verlor.
Oder aber sie konnten die Geschichten mitnehmen in ihre Welt wie er sie gemeint hatte: als ein verschwindend kleines, aber zärtliches Geschenk.
Schreiben war für ihn wie Schmetterlinge fangen für einen Wissenschaftler. Die Geschichten aus der Luft zu greifen war tiefe Berufung und hoher Schrecken zugleich. Wie leicht konnte er das schöne, flüchtige Gebilde, das er vorbeihuschen sah, beschädigen, zerstören, töten wenn er es falsch anfasste, wenn er nicht behutsam genug war oder in seiner Begeisterung den Respekt davor vergaß. Doch wie schnell konnte er es andererseits aus den Augen verlieren, wenn er bei der Jagd zu sehr trödelte, nicht entschlossen genug auftrat, sich von der Landschaft ablenken ließ, durch die er jagte.
Gelegentlich gelang es ihm, dass er am Ende etwas Schönes, Ganzes und Leuchtendes in der Hand hielt, das ihn in Glück und Trance und glasklare Wachheit versetzte. Für einen Moment nur, dann musste er sich entscheiden. Dann musste er die Geschichte in seine Schubladen sperren, wo sie keine Chance auf Leben hatte, oder aber loslassen, in die Welt und die Freiheit fliegen lassen ohne zu wissen, was dort mit ihr geschah. Es konnte jemand kommen und sie auf eine Nadel aufspießen wie die ordentlichen Reihen von Schmetterlingsmumien, die er im Museum gesehen hatte. Oder aber sie konnte im Vorbeifliegen jemanden berühren, ihn mit einem kleinen Luftzug, einem Flügelschlag streifen und einen hellen Augenblick bewirken.
Kaum je würde er etwas darüber erfahren.
Jetzt aber, als hätte die auffliegende Elster ihn erlöst, traf er plötzlich ein Wort, das ihn beglückte. Er hatte darauf gewartet, genau auf dieses, erkannte wie durch ein aufgefahrenes Fenster in ihm das wendige Gesuchte, das vor seiner Angst flüchtig gewesen war. Ein Schwall von Sätzen begann zu fließen, die Worte neugierig ineinander Einklang zu finden. Von draußen kam stetiges Grillenzirpen weich in seine Ohren und trieb versöhnlich den Strom aus ihm an, der das drehende Kratzen und die Schwere im Magen auflöste und fortspülte und ihn lautlos und völlig zum Klingen brachte. Ein schimmerndes Glück trug ihn aus seinem Körper in eine Freiheit, die keine Monika ermessen konnte.
Er schrieb zwei Tage lang, ohne die trockenen Pumpernickelscheiben zu bemerken, die er gelegentlich kaute. Wenn er schrieb, wäre er niemals auf den Gedanken verfallen, kostbare Minuten und seine Konzentration durch Kochen zu morden.
Den dritten Tag verbrachte er damit, seine Sätze Wort für Wort zu polieren, wie seine Mutter damals die roten Äpfel, bevor sie sie an den Weihnachtsbaum hing. Er machte sich ein Geschenk daraus. Er tastete jede Silbe ab, prüfte den Rhythmus, schmeckte dem Klang nach.
Das sausende Brummen des Druckers war Musik in seinen Ohren, war Erwachen. Er war voll Gewissheit. Er wusste nicht mehr, wovor er sich so groß gefürchtet hatte. Er hatte sein Bestes gegeben. Genügte das nicht, konnte er es nicht ändern. Liebevoll fuhr er mit den Händen über den säuberlichen Papierstapel, tütete ihn in das braune Alltagskuvert, dem kein Bote ansehen würde, dass es eine ganze Welt enthielt, ein Leben bisher nur von ihm gehört, jetzt übersetzt für alle, die es kennen wollten.
Weghmann stieg über den Wald aus leeren Wasserflaschen, der um seinen Stuhl entstanden war, stülpte sich Tante Annas grobgestrickten taubenblauen Pullover über und machte sich auf den Weg in die überschwänglichen Herbstfarben. Das Kuvert landete mit einem satten Plumps im Briefkasten, der sich anhörte, als würde es sich dort für einen Winterschlaf niederlassen. Weghmann war es egal. In ihm war etwas rund und leicht. Mit einem kindlichen Hüpfer machte er sich auf den Rückweg, ging dabei Umwege, döste eine Weile auf einer Bank, aß Cannelloni im Laguna in einem sonnenwarmen Hinterhof, verfolgte dann goldgelbe Blätter, die um Häuserecken kreiselten, auf ihrer eigenen freien Reise. Er fühlte sich ihnen verwandt. Ihn trug ein ähnlicher Wind, aus Worten, die heiter durch seine Gedanken trieben, immer schneller.
Doch plötzlich erschrak er. Die Worte formten sich wie zu einer Gestalt, noch im Nebel, doch fordernd. Sie riefen ihn an. Sie drängten ihn nach Hause. Er fand sich am Schreibtisch wieder, wo er hilflos auf das blankgewetzte E starrte. Was, wenn die Taste bei der nächsten Berührung zu Staub zerfiel. Was, wenn die Worte in ihm es dem E gleichtaten, sich auflösten, ehe sie aus ihm kamen, oder vom häufigen Gebrauch so glatt und blank und ausdruckslos wurden, dass sie ihm entglitten? Was, wenn er nie wieder schreiben konnte?
Im Fenster zog sich der Himmel zusammen, als wolle er Weghmann aushusten. Sein Atem kämpfte mit zäher Luft. In seinen Ohren brauste ein Schwindel, drohte das Zimmer umzukehren. Auf seine Zunge breitete sich ein Geschmack von faulem Blumenkohl, und sein Magen fühlte sich an, als hätte er seine Haarbürste verschluckt. Gleichzeitig durchfuhr ihn eine zitternde, glückliche Erwartung.
Er machte sich ans Werk.

Tipp:
Die Kurzgeschichte "Der Engel am Ende des Himmels"
von Patricia Koelle in dem Buch
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 3-9809336-9-5
124 Seiten
9,90 Euro (D)



Eingereicht am 01. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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