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Immer hübsch normal bleiben oder die Faszination des Wahnsinns

© Michaela Jacksch



Bemerkt man eigentlich selbst, wenn man den Verstand verliert?
Und gibt es so etwas, wie teilweise den Verstand zu verlieren?
Hat man das Stadium erreicht, wenn man denkt, eigentlich würde man aus mindestens zwei Personen bestehen oder teilt sich das Bewusstsein bei jedem so?
Ist unvorstellbar seelischer Schmerz immer ein Teil dessen?
Bereiten jedem Menschen bestimmte Gedanken Schmerzen, die kaum zu ertragen sind und bei denen man am liebsten laut schreiend den Kopf gegen die Wand schlagen würde?

Es gibt drei Alternativen zu meinem jetzigen Zustand, die ich mir wünschen würde.
Ich wäre gerne völlig irre und würde gerne harmlos grinsend durch die Gegend laufend, völlig unbeteiligt von dem, was um mich herum geschieht, weil ich es gar nicht in mich aufnehmen würde, denn in meinem Kopf gibt es nur meine eigene Wirklichkeit.
Oder ich wäre gerne hochgradig dumm und zufrieden, weil für mich weder Intelligenz, noch Aussehen, noch Status eine Rolle spielen und Glück das Spüren der warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht oder das Lied eines Vogels ausmacht.
Oder aber tot zu sein. Ein Gedanke, den man nicht laut aussprechen darf, weil für andere sofort "Einweisung in eine geschlossene Anstalt zum Selbstschutz" Programm wäre. Als ob das was ändern würde.
Psychopharmaka - ja prima, das deckt vielleicht erst einmal alles zu,
für eine Zeitlang. Antidepressiva - super, als ob sie die Umwelt und die Situationen ändern würden. Würden Sie mich ändern? Bestimmt, weil bestimmte Teile meines Denkens und Seins chemisch "unter Kontrolle" gebracht würden. Aber ist das eine Lösung?

Es ist doch schon fast pathologisch, dass jedermann normal sein möchte, aber doch bitte nicht so normal, dass man in der Masse untergeht.
Ist eine Prise Verrücktheit gestattet? In der Welt der Glitzers und Glamours bestimmt, aber auch hier ist es eine Gradwanderung und nur in beschränktem Rahmen alltagstauglich. In gewissen Kreisen tatsächlich aber durchaus gesellschaftsfähig, weil es ja eine gewisse Art der Unterhaltsamkeit und Faszination in sich birgt.

Aber noch einmal die Frage: Merke ich, wenn ich verrückt werde?
Ist ein Teil- Wahnsinn gestattet, solange er einigermaßen unter Kontrolle ist?
Gibt es eigentlich Qualitäten des Wahnsinns? Ist es zum Beispiel besser schizophren als manisch- depressiv oder aber schlechter als hochgradig psychotisch zu sein? Gibt es über so ein Thema eigentlich eine Studie? Höchst interessant und auch schon wieder fast verrückt, der Gedanke sich vorzustellen, dass Personen mit verschiedenen psychischen Erkrankungen an einem Tisch sitzen und darüber diskutieren, wer die hochwertigere psychische Erkrankung hat.

Dabei hat Wahnsinn tatsächlich seine "Qualitäten", denn bei durchaus nicht nur einzelnen Künstlern ist der Genius durchwoben davon oder die Kunst Ausdrucksform dessen, was in ihnen vorgeht.
Wer kann bei Edvard Munchs "Schrei" denken, dass der Künstler eine heitere Frohnatur sein Eigen nannte oder wer würde bestreiten, dass Klaus Kinski in seinen Rollen "wahnsinnig" überzeugend war? Oder wie ist es mit den Erfindern all dieser Splatter- und Monsterfilme. Kaum vorstellbar, sich so etwas ausdenken zu können, ohne auch nur einen Hauch verrückt zu sein.

Auf jeden Fall scheint es für mich so, dass Verrücktsein oder Wahnsinn unbedingt mit hauptsächlich mit Gefühlen und Phantasie zu tun hat. Und könnte es sein, dass zu viel Phantasie zu besitzen oder gar zu viel Gefühl zwangsläufig früher oder später einen pathologischen Ausbruch nach sich zieht?

Ich weiß nicht genau, von wem der Satz ist, aber ich habe viel darüber nachgedacht:
"Jeder Mensch ist normal gestört, d.h. jeder hat einen Sprung in der Schüssel. Es kommt nur auf das Größenverhältnis von Sprung und Schüssel an."

Nun wo endet das harmlose "ver-rückt " sein und wo beginnt der Wahnsinn?

Einige Beispiele:
Da gibt es Menschen, deren Sammelleidenschaft für bestimmte Dinge, seien es nun Schweinchen in den unterschiedlichsten Ausführungen, Bierseidel oder Kaffeekannen, überaus kuriose Formen annimmt. Wer sich mit solcherlei Dingen nicht nur die Regale, sondern auch die kleinste Nische seines Zuhauses voll stellt, erntet irgendwann nur noch Kopfschütteln, aber sicher keinen Applaus.
Wer aber über das nötige Kleingeld verfügt und sich auch noch die fünfte Garage mit Oldtimern füllt oder jede Wand der 20- Zimmer- Villa mit Original- Gemälden bekannter Künstler schmückt, findet nebst Neidern auch eine Vielzahl Bewunderer.
Hier schafft eindeutig das zur Verfügung stehende Kapital den Qualitätsunterschied und aus der Verrücktheit wird Kunstverstand und unverkennbarer Kennersinn für die schönen Dinge des Lebens. Dabei ist anzuzweifeln, ob es im Herzen der unterschiedlichen Personen in ihrer Beziehung zu den Objekten der Begierde so große Unterschiede gibt und Verena B. aus W. ihre allererste Plüschente gegen einen Monet eintauschen würde. Im entgegen gesetzten Fall erübrigt sich wohl auf jeden Fall diese Frage.
Nun, wie dem auch sei, hier handelt es sich garantiert nur um eine Ver- rücktheit (der normalen Umstände), aber nicht um Wahnsinn der Betreffenden.

Wie sieht es mit dem Arbeitseifer aus?
Als Grundeinstellung ist dagegen erst einmal nichts einzuwenden. Fleißig zu sein ist nur positiv zu bewerten und den Wunsch erfolgreich zu sein, kann zumindest fast jeder nachvollziehen. Was aber, wenn die Arbeitstage immer länger werden, die Familie und Freunde auf der Strecke bleiben? Solange der Erfolg nicht ausbleibt, lassen wir es mal hingestellt, ob es sich um Ansehen und/ oder Geld handelt,
ist es durchaus akzeptabel. Mann/ Frau ist talentiert, hat Power, Geschäftssinn, ist bereit Opfer zu bringen usw. Wenn aber der Körper durch einen Schlaganfall Alarm schlägt oder aber durch "Burnout" ein verheerender Fehler passiert, dann ist es mit der Akzeptanz vorbei und das Urteil fällt hart aus. Schnell hört man "das war ja Wahnsinn!". Wobei ein Herzinfarkt eher zu empfehlen ist, als vor totaler Überarbeitung einen fatalen Fehler zu machen. Letzterer wird selten verziehen und mit dem Ansehen ist es auf jeden Fall vorbei, egal, wie beflissen man vorher in seinen Aufgaben war.

Eine Nebenbemerkung dazu sei, dass der durchschnittliche Mensch immer eher bereit ist, das Negative über jemanden zu glauben, als das Gute. Vielleicht weil es einen selbst automatisch besser macht? Jedenfalls oberflächlich und subjektiv gesehen.

Nun zu einem Hauptthema im Leben eines jeden Menschen - die Liebe. Wer hört nicht schon gerne: "Ich bin verrückt nach dir" oder "Ich liebe dich wahnsinnig"? Eine absolute Voraussetzung dafür allerdings ist, dass diese Gefühle auf beiden Seiten vorhanden sind. Ansonsten entsteht anstelle des Glücksgefühls leicht Unbehagen. Wenn diese Gefühle dann in Taten Ausdruck finden, stellt sich beim Empfänger unter Umständen auch Panik ein.
Am verheerensten können die Situationen eskalieren, wenn der oder die Liebende am Anfang positive Resonanz fand, vielleicht weil das Gegenüber sich geschmeichelt fühlte, ein Spielchen spielen wollte, auf einen harmlosen Flirt aus war oder von der Persönlichkeitsstruktur einfach besonders ist. Hat der Liebeswahn einmal ein Ventil gefunden, wird leicht eine bedrohliche Druckwelle daraus. Jedes Wort, jede Handlung wird so interpretiert, dass es in das Liebeskonzept passt, denn der geliebte Mensch füllt das ganze Denken und Fühlen aus. Und er steht so hoch im Ansehen des Liebenden, dass auch über fehlende Zuneigungsbekundungen hinweg gesehen wird. Es wird um der Liebe willen ertragen. Und die Erinnerung an positive Erlebnisse lässt die Hoffnung immer wieder aufleben. Extrem kann die Situation werden, wenn in Folge von ständiger Ablehnung und eventueller psychischer Verletzungen die Stimmung umschlägt. Der Übergang ist oft das "Opferstadium". Der liebende Mensch provoziert selbst negative Aktionen, denn auch negative Zuwendung ist eben Zuwendung. Das Allerschlimmste ist Ignoranz und Schweigen des Gegenübers. Aus dieser Situation heraus kann die Liebe aus tiefster Verzweiflung in Hass umschlagen, der ebenso sein Ziel sucht wie die Liebe. Es sind schon viele Tragödien hieraus entstanden und nicht selten bleiben gerade beim Liebenden Wunden zurück, die nie vollständig verheilen.
In den seltensten Fällen kann ein unbeschwertes Verhältnis zwischen den Beteiligten entstehen. Wenn Unausgesprochenes im Raum stehen bleibt oder Verletzungen, im schlimmsten Fall mit Ansicht, zugefügt wurden, für die sich nie entschuldigt wurde, ist dieses unmöglich. Aber das ist ein Thema für sich.
Nichtsdestotrotz ist es zu überlegen, ob Liebeswahn ein Argument dafür ist, dass man durchaus teilweise den Verstand verlieren kann.

Eine andere Frage, die sich mir stellt, ob es bestimmte Menschen sind, d.h. vielleicht besonders intelligente oder besonders schweigsame, die prädestiniert sind, verrückt zu werden. Oder ist es so wie in der Sucht "Drogen und Alkohol haben keine Vorurteile"?

Meine persönliche Meinung ist, dass es auf beiden Gebieten viel mit Sehnsucht, mit einem schmerzhaften Defizit zu tun hat. Und ist Sehnsucht nicht jedem Menschen bekannt? Die Sehnsucht geliebt zu werden? Anerkannt zu werden? Jemand besonders zu sein? Oder vielleicht einfach nur wahrgenommen zu werden? Nicht ohne Grund sind Amokläufer vorher lange oft völlig unauffällig. Wann aber hat der Gedanke an die wahnsinnige Tat, der Wahnsinn selbst angefangen? Wer weiß schon, was sich in der Gedankenwelt seines Nachbarn abspielt?

Kennen wir nicht alle das tiefe Gefühl, dass uns Unrecht getan wurde, ja, dass das ganze Leben ungerecht ist?
Wieso kommen einige mit blendendem Aussehen oder in einem reichen Elternhaus zur Welt und haben es von vorne herein schon leichter? Wieso gibt es Menschen, denen alles zu gelingen scheint, was sie auch anpacken? Wieso gibt es immer jemanden, der die Lösung eines Problems 30 Sekunden früher hat als ich? Wieso können manche am Tag 3 Tonnen Schokolade verdrücken ohne ein Gramm zu zunehmen? Okay, dieses Beispiel ist den Hauch einer Spur übertrieben, trifft aber den Kern der Sache.

Vielleicht kommt es darauf an, ob ich bei dem Wieso stehen bleibe oder weiter schaue?
Vielleicht liegt es daran, dass es wenige Freunde gibt, mit denen man auch über seine tiefsten Abgründe sprechen kann und die danach immer noch Freunde sind? Solche, die weder schreiend davonlaufen, noch beim nächsten mal die Straßenseite wechseln, wenn sie mich sehen und auch nicht gleich nach dem Telefon greifen und unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles dem nächsten "Freund" anvertrauen, natürlich nur aus reiner Besorgtheit.

Es ist nun einmal so, niemandem hier wurde versprochen, dass das Leben ein sonniger Spaziergang sein würde.
Und nicht glücklich zu sein ist nicht das gleiche wie unglücklich zu sein. (Letzteres ist ein Zitat aus dem Film "Fame".)
Wir bekommen auch nicht auf alle Fragen Antworten in unserem Leben und vielleicht, aber wirklich nur vielleicht, birgt jeder die Gefahr des Wahnsinns in sich.
Zu guter Letzt stelle ich mir die Fragen:
Bin ich verrückt? Ganz sicher auf manche Art - eben normal gestört.
Bin ich wahnsinnig? Ich denke, (noch) nicht.
Bin ich normal? Hoffentlich nicht!



Eingereicht am 27. August 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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