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Verheiratet, na und?

© Ingrid Linnenberger


Ja, das Internet. Ich hatte mir geschworen, nie mehr einen Kontakt über das Internet zu suchen. Zu schmerzlich war meine letzte Erfahrung. Dann entdeckte ich dieses sympathische Profil. Es hatte direkt mein Interesse geweckt. Ich schwankte, überlegte, war verunsichert. Drei Tage dachte ich an nichts anderes mehr.
Okay, so ganz unverbindlich ...
Ich schrieb ihm ein paar nette Worte. Voller Erwartung wartete ich auf eine Antwort. Oft saß ich am PC, um immer wieder nach meinen Posteingängen zu schauen.
Er suchte eine Frau, die mit ihm seine Interessen teilen sollte. Nur eine Freundschaft, sonst nichts. Musik, Theater, Kabarett zählten zu seinen Hobbys. Das wollte ich immer schon mal. Meine Freizeit sinnvoll gestalten, womöglich mit einem netten Mann, mit dem man auch Pferde stehlen konnte. Ich kam mit Männern sowieso besser klar als mit Frauen.
Lasse ich mich darauf ein? Es sprach eigentlich nichts dagegen. Dann kam die heiß ersehnte Antwort. Nur kurze, knappe Sätze, ohne Punkt und Komma. Das ist nun überhaupt nicht mein Stil. Großzügig sah ich darüber hinweg, Aus einer Laune heraus, schlug ich ihm ein Treffen vor. Keine Ahnung was ich mir davon versprach. Mir fiel sofort sein strahlendes Lachen auf. Dass er wesentlich kleiner war als ich, störte mich überhaupt nicht. Aus dem Alter war ich heraus. Was sind schon Äußerlichkeiten?
Wir trafen uns öfter. Eines Tages, nach einem sehr schönen gemeinsamen Nachmittag, gab er mir beim Abschied einen Kuss auf den Mund. Nein, ich war nicht entrüstet, gab ihm auch keine Ohrfeige. Im Gegenteil, es prickelte und es tat unendlich gut. Auf was ließ ich mich da wieder ein?
Ich sehnte mich jedes Mal nach unseren Treffen. Bei unseren stundenlangen Gesprächen fragte ich ihn unverblümt, was wohl passieren würde, wenn ich mich in ihn verliebte?
Mir wurde klar, wenn das so weiter ging, bestand die Gefahr, dass ich mich komplett in ihn verliebte. Ohne Umschweife gestand er mir, dass er verheiratet war. Die Ehe sei zerrüttet und er gab zu, nur aus Bequemlichkeit bei ihr zu bleiben. Sie kochte, wusch seine Wäsche
Was konnte mir besseres passieren? Ich hatte das Sahnehäubchen, meine Unabhängigkeit, meinen Freiraum. Alles das wollte ich nicht aufgeben. Keiner, der meinen Wäscheberg vergrößerte, keiner der ständig vor der Glotze hing, keiner der mich nervte, wenn ich in Ruhe ein Buch lesen wollte und keiner der fragte, wo gehst du hin, wann kommst du wieder.
Bei dieser Konstellation hatte jeder was er wollte. Seine Bequemlichkeit brauchte er nicht aufzugeben und ich hatte meine Unabhängigkeit.
Er teilte fast alles mit mir. Seine Freude über irgendetwas, seine Sorgen und Probleme mit der Arbeit, den Kindern und natürlich mit seiner Frau. Ich kannte vom Erzählen viele seiner Freunde und Bekannten. Nur gehörte ich nicht dazu. Jeder lebte in seiner Welt und war hatten uns unsere eigene Welt geschaffen.
Ich genoss seine Zärtlichkeiten. Nicht nur Sex bestimmte unser Zusammensein, es war mehr, so eine Art Seelenverwandtschaft. Er verstand es mit mir Spaß zu haben und zu lachen. Er. zeigte mir, wie sehr er mich begehrte. Er suchte das Gespräch mit mir. Er sprach offen über seine Fantasien. Er fuhr mit mir an Wochenenden weg, um unsere Zweisamkeit zu genießen. Er zeigte mir, ich war Frau und das war toll!
Seelische Qualen erlitt ich immer dann, wenn wir unsere vier Wände verließen und z. B. ein Konzert besuchten. Schließlich war er ein Fremdgänger und niemand durfte uns zusammen sehen. Getrennt gingen wir hinein und getrennt verließen wir das Konzert wieder. An seinem Wagen trafen wir uns dann. In solchen Situationen wurde mir klar, dass es keine Spontaneität geben wird. Ich durfte nicht zeigen, wie nahe wir uns standen. Es gab keinen Kuss, keine Umarmung.
Ein Jahr lang lebte ich in einem Wechselbad der Gefühle. Mal war ich himmelhoch jauchzend, dann wieder am Boden zerstört. Bis ich mir die Frage stellte, warum tust du dir das an? .Da waren z. B. die Wochenenden und die Feiertage und unzählige andere Tage, die ich in der Regel alleine verbringen musste Es war eine Zeit der Tiefs, der Sehnsucht, des Wartens.
Wie schön wäre es einen Mann zu haben, der keine Familie hat. Mit einem Mann Hand in Hand zu laufen, ihn zu küssen, ihn in aller Öffentlichkeit spontan in die Arme zu nehmen. Allen zu zeigen, er gehört zu mir.
Emotional war es eine Fahrt auf der Achterbahn. Intensive Sehnsuchtsgefühle auf der einen Seite, Empfindung von Ohnmacht auf der anderen. Dazu die ständige Kontrolle und Geheimhaltung. Dazu kam, er wollte mich nicht "teilen". Ich sollte möglichst nur für ihn da sein. Bekam er mit, dass jemand an mir Interesse zeigte, wurden auch noch Besitzansprüche gestellt.
Tagelang kämpfte ich mit mir. Mein Umfeld war der Meinung, dass wird eh nichts mit uns beiden. Wir werden nie eine Zukunft haben. Es tat mir sehr weh, als ich unser Verhältnis beendete. Ich dachte, dass es für mich keine andere Lösung gab, um wieder ein geordnetes Leben zu führen.
Er war sehr enttäuscht und wütend. Mir ging es sehr schlecht und ich litt unter der Trennung. Tag und Nacht dachte ich an ihn. Zwei Monate dauerten die Höllenqualen. Was war los mit mir? Obwohl ich wusste, dass ich wieder in die gleiche Tretmühle kam, tastete ich mich langsam wieder an ihn heran und schrieb ihm E-Mails. Er antwortete. Nach mehreren schriftlichen Kontakten, trafen wir uns wieder. Die Schmetterlinge in meinen Bauch schlugen Kapriolen.
Ich liebte ihn, das war mir nun klar. Unsere Beziehung wurde immer intensiver. Wir sahen uns ein bis zweimal in der Woche. Ich war so weit, dass ich unsere wenigen Stunden, die wir hatten, genießen konnte. Es war ein steiniger und langer Weg, aber ich kann heute sagen, dass es mir zum größten Teil gut ging. Ich hatte natürlich auch meine Tiefs, aber sie wurden immer weniger. Er war verheiratet. Na und?



Eingereicht am 04. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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