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Lächeln

© Kristin Backs


Man konnte sie schon riechen, sobald sie den Flur betrat. Ihr gefälschtes MEXX-Parfüm stieg allen in die Nase. Wundeschön, trotz des zunehmenden Alters und der schwachen Ausstrahlung, die immer mehr abnahm, je länger sie hier arbeitete. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als sie zum ersten Mal dieses Büro betrat, jung und bildhübsch wie ein funkelnder Rohdiamant. Jeden zog sie in ihren Bann mit ihrer unglaublichen Ausstrahlung. Selbstbewusst schritt sie den Gang entlang. Nichts vermochte ihre gute Laune zu trüben. Mit einem Lächeln startete sie ihren Arbeitstag und mit einem Lächeln verließ sie ihren Schreibtisch wieder. Doch im Laufe der Jahre färbte dieser Beruf ihre Seele schwarz. Durchfressen von den Dingen, die hier geschehen, ist ihr Herz erkaltet. Das Lächeln, mit dem sie mir jeden Morgen den Tag versüßte, verschwand langsam, bis letztendlich gar nichts mehr davon übrig war. Vor einiger Zeit fragte ich sie, was ich tun müsse, um ein letztes mal erleben zu dürfen, dass sich ihre Gesichtsmuskeln entspannen und ihren Mund zu einem Lächeln formen. Sie antwortete mir: "Nichts. Es gibt nichts, dass mich ein lachen lässt, wie ich es früher tat." Ich hörte diesen Satz immer in meinem Kopf, wenn sie mein Blickfeld kreuzte. Dabei wuchs in mir immer mehr der Wunsch, es doch noch einmal zu sehen, ihr Lachen. Mit ihm verbunden kommt der Gedanke der Schuld. Hätte ich sie vor so einem Leben bewahren können? War ich so fasziniert von ihr, dass ich nicht gemerkt habe, wie sehr ihr dieser Raum schadet? Doch auch für solche Vorwürfe war es nun zu spät. Meine Sachen waren gepackt, der Schreibtisch leer. Es war Zeit für mich, zu gehen, diesen Job hinter mich zu lassen. Die Flugtickets lagen bei mir zu Hause auf dem Tisch.
"Warum machen sie denn so ein Gesicht? Sie sollten sich freuen! Ab morgen werden sie doch mit ihrer Frau ihren Ruhestand in der Sonne des Mittelmeeres feiern" wurde ich aus meinen Gedanken gerissen von der Stimme der Frau, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Die Frau, die ich so liebte, so liebe, wie man nur einmal liebt. Und das seit dem ersten Tag als sie sah. Ihr Lächeln hat mich verzaubert. Ich entgegnete ihr: "So wie ihr Lächeln im Laufe der Jahre verschwand, ist auch meines schon seit dem Tage verloren, seit ich ihres vermisse. Heute ist ein bedeutungsvoller Tag. Es ist der Tag, an dem ich zum letzten Mal die Chance erhalte, es doch noch wiederzufinden in all diesen Gängen, zwischen Akten und Schreibtischen. Aber die Hoffnung, dass dieser... Dieser Traum von mir noch in Erfüllung geht, ist klein. So klein wie ihre bezaubernden Mandelaugen." Und mit jedem Schritt weiter zur Tür schwand ein weiteres Bisschen davon. Draußen angekommen atmete ich die regendurchzogene Luft tief ein. War das also der Geruch Freiheit? Mit dem bitteren Geschmack von Trübsal? Bevor das Taxi außer Sichtweite, war blickte ich noch einmal zurück. Sie stand am Fenster. Die Stelle, an der ihre Hand die Scheibe berührte, war schon beschlagen. Sie lächelte.



Eingereicht am 04. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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